Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Friedrich Wilken an die Philosophische Fakultät (Berlin, 24. November 1817)

 

 

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Die anliegende Petition des Herrn Fichte nebst Probeschrift 1 habe
ich die Ehre den Herrn Collegen mitzutheilen, und bitte Herrn Collegen
Solger 2 über die Probeschrift zuerst ein Gutachen gefälligst abzugeben.

Herr Fichte hat seine Bitte, daß er nach Maßgabe der vorgelegten
Probeschrift über seine Zulassung zur mündlichen Prüfung entschieden werden
möge, mündlich bey mir wiederhohlt, weil er sehr wünsche, das Examen
baldmöglichst zu bestehen, um dann ungestörter an seiner lateinischen Abhandlung 3
arbeiten zu können.

d. 24 November 1817.
Wilken, d. Z. Dec.

Es kann nach den vorgelegten Proben kein Zweifel sein, daß der
Candidat zur Prüfung zuzulassen sei.

Solger.

Ich habe gar nichts dagegen. Rühs

 

Hirt.
Böckh
Lichtenstein

Ich kan̄ der Fakultät meine ganz entschiedene in̄ere Ueberzeugung nicht verbergen,
daß die eingereichte Abhandlung des jungen Fichte – ein hinterlaßenes Manuscript
seines Vaters ist! frevelhaft fürwahr, wen̄ dem so ist, die Frechheit des jungen Menschen! –
Es müßten aber alle in̄ere Ken̄zeichen einer Sache täuschen, oder es ist dem so! –

Fürs erste beweist die Schrift ohne Widerrede eine wahre Meisterschaft in der meta-
physischen Speculation! Diese Schärfe in den Begriffen und Urtheilen, diese Lebendigkeit und
Eingewohntheit in der Region der größesten Abstractionen, diese wohlberechnete
Strenge im Zusam̄engreifen aller einzelnen Sätze, ist die Arbeit eines geübten, gewand-
ten, scharfsin̄igen und in sich gereiften Denkers, aber nicht die Erstlingsarbeit im philoso
phischen Felde von einem jungen Man̄, der so kaum mündlichen Unterricht in der Philo-
sophie genoßen hat, von seinem Vater namentlich nicht, in deßen Fußstapfen er, so lange
dieser lebte, nichts weniger als zu treten schien, der überhaupt, so viel ich von ihm weiß,
das Naturell seines Vaters keineswegs geerbt hat, und mir ein mittelmäßiger Kopf
zu seyn scheint.

Kommentare

1 Die Probeschrift war Bestandteil des Promotionsverfahrens. Sie sollte eine Probe der wissenschaftlichen Kenntnisse des Promotionskandidaten sein und aus der Wissenschaft stammen, der sich der Kandidat hauptsächlich gewidmet hatte. Im Fall von Immanuel Hermann Fichte war das die Philosophie. Der Titel seiner Probeschrift lautet „Über den Begriff der Philosophie pp.“.

2 Karl Wilhelm Ferdinand Solger wurde deswegen zum Gutachter der Probeschrift bestimmt, da die Promotion von Immanuel Hermann Fichte im Fach Philosophie erfolgte und er der einzige Philosoph unter den Ordinarien war.

3 Mit der lateinischen Abhandlung ist Immanuel Hermann Fichtes Dissertation gemeint, die entsprechend den damaligen Anforderungen in lateinischer Sprache verfasst und erst nach dem Examen eingereicht wurde.

Aber die Schrift erscheint jetzt auch um ohngefehr 20 Jahr zu spät in diesem G[...]
Fichte, der Vater, kon̄te wohl schreiben, wie S. 3. Ich glaubte, ein festes leitendes Pr[...]
der Aufgabe der Philosophie festzustellen, nur darin finden zu kön̄en, wen̄ ich das [...]-
liche Geistesvermögen, mit dem philosophirt wird, das Erken̄en untersuchte, und gl[...]
selbst handeln ließe, u.s.f.
Den̄ damit trat er, Kants Schüler, ein als Selbstd[...]
in die Reihe der Metaphysiker. Aber diese Worte seines Erfindungsgeistes [...]
nehmen sie sich, nachdem der Vater es geleistet hat und mit aller Anstrengung zum
Werke seines Lebens zu machen sich bestrebt hat, als etwas zu leistendes und s[...]-
jetzt zu begin̄endes, im Munde des Sohnes aus?

Fichte, der Vater, kon̄te wohl von Kant, und sich ihm gegenüber, so sprechen, [...]
S. 16. 17. geschehen. Aber Fichte, der Sohn?

Der Vater kon̄te wohl von Jacobi und seiner Arbeit über Spinoza so sprechen, wie [...]
daß ihm das Zeitalter "die erneuerte Aufmerksamkeit auf den verru[...]
und halb verschollenen
Weisen verdanke, und daß der neue Aufschwung
den die Philosophie dem Studium dieses Philosophen verdanke
eigentlich Jacob[...]
Werk sey.
Aber Wer sieht darin nicht das ganze Gepräge der früheren Ficht[...]
Zeit? – Aber jetzt, nachdem an 20 Jahre lang wieder von Spinoza so gar sehr [...]
Rede gewesen ist, nim̄t sich dergleichen, in dem Munde eines kaum 21jährigen Jün[...]-
lings
, der in den 3 letzten Jahren auf seine Hand ein Philosoph geworden ist, 4 wu[...]
genug aus.

Und wo würde man nicht, bei einiger Belesenheit in den Fichtischen [...]
die Citate zu so vielem, was in diesem, später von ihm anders genützten, Ma[...]
enthalten ist, mit leichter Mühe nachweisen kön̄en!

Freilich bei Fichte, dem Vater, befremdet es nicht, der ganzen meta[...]
Literatur bis auf Kant und Jacobi, und weiter nicht, gedacht zu finden.
Aber daß in Fichte, dem Sohne, auf [m ]bei einem Gegenstand, der ganz und
ausschließlich seines Vaters war, dieses seines Vaters auch nicht mit ein[...]
zarten Andeutung, (viel weniger irgend eines neueren Schriftstellers) gedacht zu finden, – ist das nicht allein schon der un[...]-
weichlichste Beweis, daß er seines Vaters gestohlnes Gut für das seine ausgiebt, u[...]
die Facultät damit hintergehen zu wollen die Stirn hat?

Kommentare

4 Immanuel Hermann Fichte hatte sich im Selbststudium mit den philosophischen Klassikern vertraut gemacht, was wegen der großen Freiheiten, die den Studenten mit der Bildungsreform 1810 eingeräumt worden waren, möglich war.

88.
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Aber ich glaube ferner: das eingelegte Stück S. 25. bis 64.5 ist des seligen
Fichte eigne Handschrift
, aus einer früheren Zeit zwar (als insbesondere, da sein
einer Arm gelähmt wurde)6, aber unverken̄bar genug! Das Mährchen des Sohnes vom
[Abschreiber] s. das zu S. 27. von ihm eingelegte Blatt) scheint mir sehr albern
erfunden; beßer, er hätte das eingelegte Originalblatt seines Vaters zur Berich-
tigung der Stelle beigelegt, die er überhaupt nicht würde nöthig gehabt haben zu berichtigen,
wen̄ der Vater nicht schon das Worte im Text durchstrichen hätte. [Der ]Sohn hat nur die
letzte [...] Zeile der S. [28.] durchstrichen, selbst durchstrichen, und [...]
Auf allen Fall hätte er keinen Abschreiber finden kön̄en, der die Handschrift
seines Vaters so gutbeßer nachahmte; und es lohnte der Mühe, daß er ihn uns nen̄te! –

Daß schon der Vater auch die Bogen bis S. 24. so einumgearbeitet und eingerichtet
hat, daß sie sich an das folgende Bruchstück anschließen, ist mir eben so deutlich. Und
überhaupt: wer kön̄te wohl die sehr originelle, gedrängte, nervige Schrei und ge-
dankenvolle Schreibart unsers sel. Fichte in dem allen verken̄en?

Ich vermuthe fast, daß der sel. Fichte den Aufsatz zu einem völlig gleichen
Zwecke in der Form abgefaßt hat, alswie er hier vorliegt, als zu welchem der Sohn
sich deßelben bedient. Den̄ auch die Vorerin̄erung trägt das Gepräge des Vaters,
und viel mehr vorhergegangener Arbeit, als dem Sohne zugestanden werden kan̄.
Vielleicht, daß der Sohn die Papiere des Vaters selbst mit dem Anhaltungsschreiben an die
Fakultät, bei welcher er den Doctorgrad nachsuchte, beisam̄en fand, und sie bis auf
dieses sogar nutzte! – In Vermuthungen, was hernach ihm noch darin bleibt, will ich
mich nicht erschöpfen.

Ursprünglich mochte das Mscpt wohl zugleich zum Heft für Vorlesungen ent-
worfen seyn; daher öfter solche kurze Noten darin, wie S. 4.: gezeigt an einem Beispiele
aus der Geometrie
. S. 7.: Einige Folgerungen daraus. u.s.w. welche in eine Abhand-
lung gar nicht gehören. Desgl. S. 8.: (Es wird an einem Beispiele gezeigt.)

Ich überlaße es nun der Fak. zu entscheiden, welche Ueberzeugungskraft die ange-
gebenen Argumente an und für sich haben; ich überlaße es denjenigen unsrer Herrn Col-
legen, welche den jungen Fichte näher ken̄en, vorzugsweise, zur Aufklärung der Sache
mehr beizutragen. Den̄ nur in dem Maaß, als die Fakultät schon eine Ueberzeugung
bei sich befestiget hat, kan̄ doch erst von den ferner zu ergreifenden Maaßregeln
die Rede seyn.

Weiss. Verte.

Kommentare

5 Die Blätter S. 25 bis 64 sind eingelegt; das Papierformat dieser Seiten ist kleiner, die Schrift gedrungener und der Federstrich feiner als auf den übrigen Seiten. In der Promotionsschrift S. 27 erwähnt Immanuel Hermann Fichte, dass diese Seiten nicht von seiner Hand, sondern von der eines Abschreibers stammen.

6 Johann Gottlieb Fichte erkrankte im Jahr 1808 an der Gicht und hatte infolge dessen Lähmungserscheinungen auf der linken Seite. Sein linker Arm blieb auch nach der Genesung gelähmt.

Nachdem H. Coll. Weiss mich aufmerksam gemacht, habe ich die Abhandlung
erst ganz und mit mehr Aufmerksamkeit durchgelesen u ich muß gestehn,
daß mir jetzt ebenfalls die Sache sehr verdächtig geworden sind ist.
Doch bleibt sie mir so zweifelhaft, daß ich es für unentbehrlich halte,
daß wir in einer Facultätssitzung Gründe u Gegengründe gehörig
abwägen, um auch nur den Verdacht, einer solchen That erst zu begründen
oder aufzulösen. Sollten wir ihn für begründet annehmen, so wird
sich auch so am besten besprechen lassen, was zur ferneren Aufklärung
der Sache zu thun sei.

Solger
29.

Die Anklage des Hrn. Collegen Weiß ist so schwer, daß ich es für meine Pflicht halte, meine entgegengesetzte Überzeugu[...]
der Facultät darzulegen, nachdem ich nun etliche Worte über das Verfahren vorausgeschickt habe, welches meines Erachten[...]
der Facultät in dieser Sache einzig würdig ist. Die Facultät deliberirt nehmlich gegenwärtig darüber, ob Hr Fichte auf die
eingereichte Abhandlung zum Examen7 [...]zuzulassen sei oder nicht. Es vertritt daher diese Abhandlung die Stelle der Dissertat[...]
welche nach bisheriger Sitte vor dem Examen eingereicht wurde;8 bei dieser aber ist nach Vorschrift der Statuten Abschn. IX. § [...]
eine schriftliche Versicherung nöthig, daß der Doctorand der alleinige Verfasser derselben sei:9 inwiefern das Facultä[...]-
reglement keine Ausnahme davon gestattet, wovon wol bei uns gar nicht die Rede sein kan̄. Ich schlage daher vor, mit
Verweisung auf den angegebenen Paragraphen Hrn Fichte diese Versicherung abzufordern, ohne den mindesten Zweifel gegen
seine Redlichkeit durchblicken zu lassen, welcher, so lange nichts erwiesen ist, höchst beleidigend und kränkend sein würde:
giebt Hr Fichte diese Versicherung, so muß sich die Facultät dabei gänzlich beruhigen, und ihn zum Examen zulassen,
kan̄ ihn aber [nachher], wen̄ sein Examen der Abhandlung nicht entspricht, auf dem Grund des letzteren abweisen.

Was nun die von unserem Hrn Collegen geäußerten Verdachtsgründe betrifft, so scheinen sie mir nichts weniger als hinläng-
lich. Das Urtheil über Hrn Fichte’s Naturell kan̄ ich wol ganz übergehen: da Hr W. denselben gewiß so genau nicht ken̄t, um
hierüber etwas Sicheres aufzustellen; mir ist Hr Fichte durch mehre Jahre theils als Zuhörer theils als Mitglied des philolo-
gischen Seminars
als ein allerdings talentvoller, fleissiger, thätiger, vielversprechender iunger Mann bekan̄t worden.
Seit er nicht mehr Vorlesungen hört, werden es etwas drei Jahre sein, während welcher Zeit er ausschließlich Philosophie
studirt hat: wie weit er es in dieser Zeit an Schärfe des Urtheils und in der Tiefe der Speculation bringen konnte,
läßt sich nicht so allgemein bestim̄en, sondern muß aus Thatsachen gefolgert werden; die erste dieser Thatsachen ist gegen-
wärtige Abhandlung, gegen welche also schon anderwärts Verdacht sein müßte, wen̄ man sie nicht für sein Werk halten
wollte. Solchen Verdacht könnte also erstlich der Charakter des iungen Man̄es erregen; allein diesen habe ich iederzeit als
ernstlich u brav ken̄en gelernt. Zweitens müßten in̄ere Ken̄zeichen vorhanden sein, welche den̄ auch nachgewiesen [werden].
Ich will also von diesem einzeln reden. Zuerst fällt mir hier die ungeheure Beschuldigung auf, das Manuscript von S. 25 [...]
64. sei von dem seel. Fichte geschrieben. Man müßte einen so hohen Grad von Unverschämtheit u Dumheit voraussetzen,
wen̄ man dies glauben sollte, daß die Sache schon hierdurch unwahrscheinlich [...] [gemacht] da Hr Fichte wohl wissen müßte
daß wir des Vaters Handschrift ken̄en.10 Um diesen Verdacht durch Vergleichung der Handschrift des seel. Fichte zu prüfen
habe ich, iedoch vergeblich, nach dieser in meinen Papieren gesucht; aber Hr W. giebt selbst zu, daß die spätere Hand-
schrift des seel. Fichte nicht ganz dazu passe. Nun soll aber das Manuscript aus früherer Zeit sein. Dagegen spricht
schon die noch unverloschene Dinte, woran auch gar nichts gebleicht ist, u das Papier, welches noch nichts von gelbem Rand
u andre Spuren des Alters zeigt. Es bleiben also nur noch die aus dem Inhalt der Abhandlung sich ergebenden Zweifel
übrig. Hier ist es nun allerdings gegründet, daß Fichte der Sohn von seinem Vater u der neuern Philosophie über-
haupt keine Notiz nim̄t; dies ist aber ohne Zweifel in anderen Ursachen gegründet als in dem Plagium, dessen er an-
geschuldigt wird. Es ist sehr natürlich, daß der Sohn den Schein vermeiden will, Fortsetzer der väterlichen Philosophie zu
sein; denn Jederman̄ findet im̄er etwas Lächerliches darin, wen̄ der Sohn im̄er auf den Vater u dessen Lehren zurück-
kom̄t, wie J. H. Voß der Sohn in der Philologie u Dichtkunst11, oder Walther der Sohn in der Anatomie12. Daher geht Hr Ficht[...]
aus iugendlichem Mangel an Beurtheilung solcher Verhältnisse u um sich das Ansehen der Selbst[...]ändigkeit, entfernt von
aller Nachbeterei, zu geben, auf der andern Seite zu weit. Das Ignorieren der übrigen neuern Philosophen ist
dagegen ganz aus dem Geist der Fichteschen Schule hervorgegangen: beides zusam̄en erklärt mir vollkom̄en, was Hr W.
nur aus dem Plagium erklären kan̄. Es nim̄t sich freilich wunderlich aus, wen̄ Hr Fichte der Sohn den Spinoza be-
spricht, wie der Vater sprechen konnte; aber natürlich ist es, weil der Sohn nun einmahl das Neue ignorirt. Dessen-
ungeachtet mag er seines Vaters Schriften genutzt haben, u daraus erklärt sich den̄, wen̄ Hr W. meint, es
müßte sich allerlei in Fichte's Schriften nachweisen lassen. Wen̄ endlich behauptet wird, man sehe dem Manuscript an
daß es zu Vorlesungen bestim̄t gewesen; man könne vermuthen, daß der iunge Man̄ gar auch des Vaters An-
haltungschreiben um die Doctorwürde abgeschrieben habe; daß der gedrungene Stil des Vaters unverken̄bar
sei; so muß ich gestehen, daß ich beinahe etwas zürnen möchte über unsern Hrn Collegen, wen̄ er doch so gar übel
von dem Sohne unseres verewigten Collegen u Freundes denkt. Hr Fichte will selbst Vorlesungen halten, u mag
also seine Schrift eben deshalb so eingerichtet haben; es würde auch hier wieder eine unbegreifliche Dum̄heit voraus-
gesetzt werden müßen, wen̄ man glauben wollte, der Sohn hätte nicht einmahl gemerkt, daß sein Vater die
Erläuterung durch Beispiele in den Vorlesungen habe geben wollen. Fürs andre: wie kan̄ man den̄ einem
iungen kenntnißreichen Manne diese platte Abschmiererei zutrauen, daß er selbst seines Vaters Petition
um die Doctorwürde copiren sollte? Halte ich vollends damit die lateinische Petition zusam̄en, so würde es
bis zum höchsten Grade der Niederträchtigkeit gesteigert. Fürs Dritte: Wer hat nicht Gelegenheit gehabt zu bemer-
ken, daß die Fichteschen Schüler ihres Meisters Ton, Schreibart u Geberden sogar, selbst seine Art die Dose
zu halten, u die Finger zur Prise zu spitzen, sorgfältig abgesehen u nachgemacht haben? Dies muß dem Sohne
vorzüglich gelingen, welcher überhaupt frühzeitig einen festen Stil hatte, wie ich an seinen lateinischen Aus-
arbeitungen ehemals zu bemerken Gelegenheit fand.13 Auch habe ich ihn, da ehemals sein Zim̄er neben dem
meinigen war, wo ich wider Willen hören mußte, was im Nebenzim̄er gesprochen wurde, öfter über philosophische Gegen-
stände mit dem bekan̄ten Fichtianer Helmholz disputiren hören,14 [über philosophische Gegenstände, ]u erstaunte
über die pedantische Nachahmung der väterlichen Manier im Ton u Zuschnitt der Rede.

Doch genug hiervon. Zum Schluß glaube ich aber Hrn W. Verdacht aufs bündigste mit einem einzigen Ar-

Kommentare

7 Das Examen bestand aus einer mündlichen Prüfung, in welcher der Promotionskandidat von zwei Professoren geprüft wurde, in deren Wissenschaft der Inhalt der eingereichten Probeschrift fiel oder mit der sie verwandt war.

8 Nach den vorläufigen Statuten von 1810 wurde die Dissertation vor dem Examen eingereicht. Immanuel Hermann Fichte hingegen wurde nach den Statuten von 1817 geprüft, in denen festgelegt war, dass die mündliche Prüfung vor Abgabe der lateinischen Dissertation erfolgte.

9 Gemeint ist die Universitätsstatute Abschnitt IX § 5. Der entsprechende Passus lautet: Nach dem Examen (…) hat der Aspirant (…) eine vorher von der Fakultät zu approbierende in lateinischer Sprache verfaßte Dissertation drucken zu lassen, bei deren Einreichung er zugleich die schriftliche Versicherung geben muß, daß er allein der Verfasser derselben sei, insofern das Fakultäts-Reglement davon nicht eine Ausnahme verstattet.

10 Johann Gottlieb Fichte gehörte von 1810 bis zu seinem unerwarteten Tod 1814 zum Collegium der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität.

11 Johann Heinrich Voß war der Sohn des Philologen und Dichters Johann Heinrich Voß. Der Vater trat vor allen Dingen durch die Übersetzung zahlreicher römischer und griechischer Klassiker, namentlich der Ilias und Odyssee Homers, wissenschaftlich-philologische Arbeiten und selbst verfasste Gedichte in Erscheinung. Heinrich Voß wandte sich ebenfalls der Philologie zu, fuhr selbst aber keine literarischen Erfolge ein. Sein Vater galt ihm als großes Vorbild, in dessen Dienst er sich gerne stellte. So half er ihm bei seinen Studien, schrieb Kritiken, in denen er dem Vater nach dem Mund redete, und kommentierte einige seiner Übersetzungen.

12 Friedrich August Walter war der Sohn des Anatomen und Präparators Johann Gottlieb Walter. Der ältere Walter war von 1774 an Professor der Anatomie in Berlin. Er baute ein anatomisches Museum auf, das der jüngere, ebenfalls Professor der Anatomie, ab 1790 zusammen mit seinem Vater verwaltete.

13 Immanuel Hermann Fichte war vom Wintersemester 1811/12 an drei Jahre lang Mitglied in August Boeckhs philologischem Seminar, zuerst als außerordentliches, dann als ordentliches Mitglied.

14 Immanuel Hermann Fichte und den ein paar Jahre älteren August Ferdinand Julius Helmholtz verband eine enge, lebenslange Freundschaft. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit. Helmholtz war der Vater des berühmten Physiologen und Physikers Hermann Helmholtz. August Ferdinand Julius Helmholtz studierte zur selben Zeit wie Fichte an der Berliner Universität, und zwar die Fächer Philosophie und Religion. Beide waren im Wintersemester 1812/13 ordentliche Mitglieder des philologischen Seminars unter der Leitung von August Boeckh. Außerdem besuchte Helmholtz Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes, dessen Lehre er begeistert aufnahm und wohl gegen Verehrer Kants und Hegels verteidigte. Helmholtz wurde späterhin Professor der Philosophie am Potsdamer Gymnasium.

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gument [...]widerlegen zu können. Ich verweise auf das angeblich väterliche Manuscript
S. 26. x) Hier wird Platons Timäus citirt, den Fichte der Vater, da es keine halb erträgliche Übersetzung dessen
giebt, gewiß nie gelesen hat; u zwar wird er citirt mit deutlicher Hinsicht auf die neuesten Ansichten dessen,
die Schelling in der Schrift Philos. u Relig. u nachher zum Theil in der Abh. über die Freiheit aufgestellt
hat. Hr Fichte der Sohn hat auch, da ich ebenfalls über diese Stelle geschrieben habe, mit mir früher darüber
gesprochen, u die Note bezieht sich zum Theil auch auf mich.15 Ferner verweise ich auf S. 31. 32. x) des an=
geblich väterlichen Manuscriptes, wo Plotin citirt wird, welchen der iunge Fichte sehr fleissig studirt hat,

wie ich gewiß weiß, da er häufige Unterredungen über ihn mit mir gepflogen hat: der Vater hat aber den Plo=
tin
wahrscheinlich niemals gelesen. Überhaupt ist in die ganze Behandlung u Ansicht des Plotin in dieser Ab=
handlung auf keine Weise dem Vater zuzusprechen.

Ich schließe mit der vollkom̄enen Überzeugung, daß der gegen Hrn Fichte geäußerte Verdacht seiner ganz
unwürdig ist.

Berlin d. 29. Nov. 1817.
Böckh.

Ich kenne den jungen Hrn Fichte gar nicht: der Vorwurf den unser College W. ihm macht
ist aber von einer so harten Art daß ich ohne die evidentesten Beweise nich densel-
ben nicht für möglich halte: und was Hr Böckh anführt scheint mir vollkomen genügend,
theils um das Auffallende in der ErlArbeit zu erklären, theils auch den jüngern
Fichte [...]als Verfaßer zu bewähren. So weit ich die Abh. gelesen habe (was nur
sehr oberflächlich geschehn ist) hat siche doch eine ganz andre [Grundfarbe] als Fichte’s d Va-
ters
Arbeiten. Das Verfahren der Fakultät kann übrigens Durchaus kein
anderes seyn, als wie von Hr. Böckh vorgeschlagen ist. Daß erHr. F Ansichten,
Concepte seines Vaters genutzt und verarbeitet, kann ihm durchaus nicht zum
Vorwurf gereichen: es wird nur darauf ankommen, auszumitteln, ob er sich
derselben selbstständig bemächtigt und zu seinem Eigenthum verarbeitet habe,
was die Prüfung ergeben muß. [...]Zu weit istgeht in jeder Hinsicht der Verdacht unsers
Coll W daß auch das Anhaltungsschreiben ein Plagiat sey: der seel. Fichte hat sich
ja nie um die phil. Doktorwürde beworben, sondern ist, wenn mich mein Gedächt=
nis nicht ganz trügt, in Jena honoris causa promovirt:16 Der Vater hätte [auch] schwer=
lich so geschrieben.

d. 30 Nov 17 Rühs

Ich kenne weder Herrn Fichte noch kann ich mir ein Ur-
theil über seine Arbeit anmaßen; deshalb trete ich gern dem-
jenigen beÿ, was die Pluralität meiner Herrn Kollegen be-
stim̄en wird.

den 30. Novbr. 17. Hermbstaedt.

Ich stim̄e zu einer Facultätssitzung, damit die Mitglieder
sich zuerst einigen mögen – bis dahin mag das fernere
ausgesezt bleiben –

d 1 Dec. 17. Hirt.

Kommentare

15 August Boeckh hatte eine Auseinandersetzung mit Schelling über den Wert des „Timaios“. Während Boeckh in seinem 1807 verfassten Beitrag „Über die Bildung der Weltseele im Timaeos des Platon“ behauptet hatte, dass im „Timaios“ der Gipfel der Platonischen Philosophie liege, wertete Schelling den „Timaios“ herab wegen des Dualismus, den er darin zu lesen meinte. Im „Timaios“ herrscht insofern ein Dualismus, als neben den Demiurgen die Materie tritt, aus der er den sinnlich wahrnehmbaren Kosmos bildet. Weil Schelling Platon für den Vater der wahren Philosophie hielt, war für ihn ausgeschlossen, dass er der Urheber dieser Lehre sei. Er hielt den „Timaios“ also für unecht. Schellings Kritik, im „Timaios“ herrsche ein Dualismus vor, wies Boeckh vehement zurück. Platon habe keine Materie zur Weltschöpfung angenommen; er unterscheide Demiurg und Materie zwar der Form bzw. dem Begriff, nicht aber dem Inhalt nach. Deswegen liege auch Schelling falsch, wenn er behaupte, der „Timaios“ sei unecht.

16 Johann Gottlieb Fichte brach sein Theologiestudium im Jahr 1784 ab, legte also kein Examen ab. Als er 1793/94 an die Universität Jena berufen wurde, musste er, um die venia legendi erteilt zu bekommen, schnellstens zum Magister ernannt werden, was im Mai 1794 geschah.

Auch ich kann es nicht über mich gewinnen, für den Verdacht des
Herrn Collegen W. eine Rechtfertigung zu suchen. Wie sollten wir auf
einmal von einem jungen Mann, der sich uns bisher nur von achtung[...]-
werthen Seiten gezeigt hat, dem wir schon vor 3 Jahren für eine, unbezw[...]-
felt von ihm selbst verfaßte Schrift, ein praemium zuerkannt haben,17 vo[...]
dem es notorisch ist, daß er sich seit eben dieser Zeit unablässig mit dem St[...]-
dium der Philosophie beschäftige, auf einmal so gar übel denken, als ob
alle sein Mühen so ganz umsonst gewesen, daß er auch nicht einmal
eine alte Abhandlung seines Vaters abzuschreiben ins Reine zu schr[...]-
ben und die nöthigen Aenderungen zu machen im Stande wäre. Und da[...]
hätte er doch gewiß gethan, wenn er uns wirklich hätte täuschen wollen.
Gerade daß er Alles, was hier als verdächtig gerügt ist, nicht beachte[...]
scheint mir am mehrsten seine Unschuld zu beweisen. Er hat sich in des
Vaters Art und Sinn so hineingearbeitet, daß er beide nun völlig a[...]
sein Eigenthum betrachtet und es gewiß als solches zu vertheidigen wiss[...]
wird. – Das von Herrn Collegen Böckh (im Eingang seines voti) vorgeschlagne Verfahren sch[...]
auch mir das einzig der Facultät würdige, und da auf diesem Circular da[...]-
über abgestimmt werden kann, so halte ich eine Facultätssitzung nicht f[...]
nöthig.

Lichtenstein

Ich trete der Entscheidung der Mehrheit bei, denn da mir der Herr Fichte
gänzlich unbekannt ist, so scheint es mir daß ich meinen Herrn Collegen
dieselbe überlassen müsse

Trally

Nemo praesumitur malus, geschweige denn atrociter pe[...]imus. Wenn gleich einige
Umstände in dieser Sache auffallen können, so ist doch meines Erachtens
unser Colleg Weiß in seiner Hypothese viel zu weit gegangen. Das
von Herrn Böckh abgelegte Zeugniß, und sein Vorschlag Herrn Fichte
eine Sponsion abzufordern, scheinen mir zur Beruhigung der Fakult[...]
[am Rande: vorläufig] auszureichen, im Examen muß sich das Übrige ergeben: Eine besondere
Conferenz halte ich nicht für nöthig

Erman

Ich habe es von H. Coll. Böckh ausdrücklich erwartet, daß er für den jungen Fichte sagen wür[...]
was sich sagen ließe. Unter den von ihm angeführten Gründen ist wohl nur einer, der die von mir gefaß[...]
Meinung förmlich widerlegen würde: die Beziehung auf ihn, Hrn. Coll. Böckh selbst, in der Note S. 26. Aber
wird mir H. Coll. Böckh zugestehen müßen: Diese Beziehung ist einem anderen Leser in der angeführten [...]
unlesbar. Ich glaube ihm, daß sie Statt findet; aber etwas andres kan̄ ich hier auch nicht als glau[...]
Daß aber Fichte der Vater, welcher auf der Schulpforte seine Schulken̄tniße erworben hat, unfähig [...]-
sen seyn sollte, den Timaeus und den Plotin griechisch zu lesen, das glaube ich nicht.18

Fern sey es von mir, die Rolle eines Anklägers, welche wohl keiner unter uns anders als gezwungen
durch Ueberzeugung – macht, hartnäckig verfolgen zu wollen! Ich habe siediese aussprechen müßen, weil ich sie [...]

Kommentare

17 Diejenigen Seminaristen des philologischen Seminars, die besondere Fortschritte erzielten, erhielten vom Kultusministerium Stipendien, so auch Immanuel Hermann Fichte.

18 Johann Gottlieb Fichte besuchte die Schule in Pforta beim sächsischen Naumburg. Dort hatte er Unterricht in den alten Sprachen erhalten, vorrangig in Latein, aber auch in Griechisch.

Die anliegende Petition des Herrn Fichte nebst Probeschrift 1 habe ich die Ehre den Herrn Collegen mitzutheilen, und bitte Herrn Collegen Solger 2 über die Probeschrift zuerst ein Gutachen gefälligst abzugeben.

Herr Fichte hat seine Bitte, daß er nach Maßgabe der vorgelegten Probeschrift über seine Zulassung zur mündlichen Prüfung entschieden werden möge, mündlich bey mir wiederhohlt, weil er sehr wünsche, das Examen baldmöglichst zu bestehen, um dann ungestörter an seiner lateinischen Abhandlung 3 arbeiten zu können.

den 24 November 1817. Wilken, dieser Zeit Decan

Es kann nach den vorgelegten Proben kein Zweifel sein, daß der Candidat zur Prüfung zuzulassen sei.

Solger.

Ich habe gar nichts dagegen. Rühs

 

Hirt. Böckh Lichtenstein

Ich kann der Fakultät meine ganz entschiedene innere Ueberzeugung nicht verbergen, daß die eingereichte Abhandlung des jungen Fichte – ein hinterlaßenes Manuscript seines Vaters ist! frevelhaft fürwahr, wenn dem so ist, die Frechheit des jungen Menschen! – Es müßten aber alle innere Kennzeichen einer Sache täuschen, oder es ist dem so! –

Fürs erste beweist die Schrift ohne Widerrede eine wahre Meisterschaft in der metaphysischen Speculation! Diese Schärfe in den Begriffen und Urtheilen, diese Lebendigkeit und Eingewohntheit in der Region der größesten Abstractionen, diese wohlberechnete Strenge im Zusammengreifen aller einzelnen Sätze, ist die Arbeit eines geübten, gewandten, scharfsinnigen und in sich gereiften Denkers, aber nicht die Erstlingsarbeit im philosophischen Felde von einem jungen Mann, der kaum mündlichen Unterricht in der Philosophie genoßen hat, von seinem Vater namentlich nicht, in deßen Fußstapfen er, so lange dieser lebte, nichts weniger als zu treten schien, der überhaupt, so viel ich von ihm weiß, das Naturell seines Vaters keineswegs geerbt hat, und mir ein mittelmäßiger Kopf zu seyn scheint.

Kommentare

1 Die Probeschrift war Bestandteil des Promotionsverfahrens. Sie sollte eine Probe der wissenschaftlichen Kenntnisse des Promotionskandidaten sein und aus der Wissenschaft stammen, der sich der Kandidat hauptsächlich gewidmet hatte. Im Fall von Immanuel Hermann Fichte war das die Philosophie. Der Titel seiner Probeschrift lautet „Über den Begriff der Philosophie pp.“.

2 Karl Wilhelm Ferdinand Solger wurde deswegen zum Gutachter der Probeschrift bestimmt, da die Promotion von Immanuel Hermann Fichte im Fach Philosophie erfolgte und er der einzige Philosoph unter den Ordinarien war.

3 Mit der lateinischen Abhandlung ist Immanuel Hermann Fichtes Dissertation gemeint, die entsprechend den damaligen Anforderungen in lateinischer Sprache verfasst und erst nach dem Examen eingereicht wurde.

Aber die Schrift erscheint jetzt auch um ohngefehr 20 Jahr zu spät in diesem G[edanken] Fichte, der Vater, konnte wohl schreiben, wie S. 3. Ich glaubte, ein festes leitendes Pr[inzip in] der Aufgabe der Philosophie festzustellen, nur darin finden zu können, wenn ich das [ursprüng]liche Geistesvermögen, mit dem philosophirt wird, das Erkennen untersuchte, und gl[eichsam] selbst handeln ließe, und so fort Denn damit trat er, Kants Schüler, ein als Selbstd[enker] in die Reihe der Metaphysiker. Aber diese Worte seines Erfindungsgeistes [wie] nehmen sie sich, nachdem der Vater es geleistet und mit aller Anstrengung zum Werke seines Lebens zu machen sich bestrebt hat, als etwas zu leistendes und s[o]jetzt zu beginnendes, im Munde des Sohnes aus?

Fichte, der Vater, konnte wohl von Kant, und sich ihm gegenüber, so sprechen, [wie] Seite 16. 17. geschehen. Aber Fichte, der Sohn?

Der Vater konnte wohl von Jacobi und seiner Arbeit über Spinoza so sprechen, wie [Seite 7.,] daß ihm das Zeitalter die erneuerte Aufmerksamkeit auf den verru[fenen] und halb verschollenen Weisen verdanke, und daß der neue Aufschwung den die Philosophie dem Studium dieses Philosophen verdanke eigentlich Jacob[is] Werk sey. Wer sieht darin nicht das ganze Gepräge der früheren Ficht[ischen] Zeit? – Aber jetzt, nachdem an 20 Jahre lang wieder von Spinoza so gar sehr [die] Rede gewesen ist, nimmt sich dergleichen, in dem Munde eines kaum 21jährigen Jün[g]lings, der in den 3 letzten Jahren auf seine Hand ein Philosoph geworden ist, 4 wu[nderlich] genug aus.

Und wo würde man nicht, bei einiger Belesenheit in den Fichtischen [Schriften,] die Citate zu so vielem, was in diesem, später von ihm anders genützten, Ma[nuscripte] enthalten ist, mit leichter Mühe nachweisen können!

Freilich bei Fichte, dem Vater, befremdet es nicht, der ganzen meta[physischen] Literatur bis auf Kant und Jacobi, und weiter nicht, gedacht zu finden. Aber daß in Fichte, dem Sohne, bei einem Gegenstand, der ganz und ausschließlich seines Vaters war, dieses seines Vaters auch nicht mit ein[er] zarten Andeutung, (viel weniger irgend eines neueren Schriftstellers) gedacht zu finden, – ist das nicht allein schon der un[aus]weichlichste Beweis, daß er seines Vaters gestohlnes Gut für das seine ausgiebt, u[nd] die Facultät damit hintergehen zu wollen die Stirn hat?

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4 Immanuel Hermann Fichte hatte sich im Selbststudium mit den philosophischen Klassikern vertraut gemacht, was wegen der großen Freiheiten, die den Studenten mit der Bildungsreform 1810 eingeräumt worden waren, möglich war.

Aber ich glaube ferner: das eingelegte Stück Seite 25. bis 64.5 ist des seligen Fichte eigne Handschrift, aus einer früheren Zeit zwar (als insbesondere, da sein einer Arm gelähmt wurde)6, aber unverkennbar genug! Das Mährchen des Sohnes vom [Abschreiber] siehe das zu Seite 27. von ihm eingelegte Blatt) scheint mir sehr albern erfunden; beßer, er hätte das eingelegte Originalblatt seines Vaters zur Berichtigung der Stelle beigelegt, die er überhaupt nicht würde nöthig gehabt haben zu berichtigen, wenn der Vater nicht schon das Worte im Text durchstrichen hätte. Auf allen Fall hätte er keinen Abschreiber finden können, der die Handschrift seines Vaters beßer nachahmte; und es lohnte der Mühe, daß er ihn uns nennte! –

Daß schon der Vater auch die Bogen bis Seite 24. so umgearbeitet und eingerichtet hat, daß sie sich an das folgende Bruchstück anschließen, ist mir eben so deutlich. Und überhaupt: wer könnte wohl die sehr originelle, gedrängte, nervige und gedankenvolle Schreibart unsers seligen Fichte in dem allen verkennen?

Ich vermuthe fast, daß der selige Fichte den Aufsatz zu einem völlig gleichen Zwecke in der Form abgefaßt hat, wie er hier vorliegt, als zu welchem der Sohn sich deßelben bedient. Denn auch die Vorerinnerung trägt das Gepräge des Vaters, und viel mehr vorhergegangener Arbeit, als dem Sohne zugestanden werden kann. Vielleicht, daß der Sohn die Papiere des Vaters selbst mit dem Anhaltungsschreiben an die Fakultät, bei welcher er den Doctorgrad nachsuchte, beisammen fand, und sie bis auf dieses sogar nutzte! – In Vermuthungen, was hernach ihm noch darin bleibt, will ich mich nicht erschöpfen.

Ursprünglich mochte das Manuscript wohl zugleich zum Heft für Vorlesungen entworfen seyn; daher öfter solche kurze Noten darin, wie Seite 4.: gezeigt an einem Beispiele aus der Geometrie. Seite 7.: Einige Folgerungen daraus. welche in eine Abhandlung gar nicht gehören. Desgleichen Seite 8.: (Es wird an einem Beispiele gezeigt.)

Ich überlaße es nun der Fakultät zu entscheiden, welche Ueberzeugungskraft die angegebenen Argumente an und für sich haben; ich überlaße es denjenigen unsrer Herrn Collegen, welche den jungen Fichte näher kennen, vorzugsweise, zur Aufklärung der Sache mehr beizutragen. Denn nur in dem Maaß, als die Fakultät schon eine Ueberzeugung bei sich befestiget hat, kann doch erst von den ferner zu ergreifenden Maaßregeln die Rede seyn.

Weiss. Verte.

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5 Die Blätter S. 25 bis 64 sind eingelegt; das Papierformat dieser Seiten ist kleiner, die Schrift gedrungener und der Federstrich feiner als auf den übrigen Seiten. In der Promotionsschrift S. 27 erwähnt Immanuel Hermann Fichte, dass diese Seiten nicht von seiner Hand, sondern von der eines Abschreibers stammen.

6 Johann Gottlieb Fichte erkrankte im Jahr 1808 an der Gicht und hatte infolge dessen Lähmungserscheinungen auf der linken Seite. Sein linker Arm blieb auch nach der Genesung gelähmt.

Nachdem Herr College Weiss mich aufmerksam gemacht, habe ich die Abhandlung erst ganz und mit mehr Aufmerksamkeit durchgelesen und ich muß gestehn, daß mir jetzt ebenfalls die Sache sehr verdächtig geworden ist. Doch bleibt sie mir so zweifelhaft, daß ich es für unentbehrlich halte, daß wir in einer Facultätssitzung Gründe und Gegengründe gehörig abwägen, um auch nur den Verdacht einer solchen That erst zu begründen oder aufzulösen. Sollten wir ihn für begründet annehmen, so wird sich auch so am besten besprechen lassen, was zur ferneren Aufklärung der Sache zu thun sei.

Solger 29.

Die Anklage des Herrn Collegen Weiß ist so schwer, daß ich es für meine Pflicht halte, meine entgegengesetzte Überzeugu[ng] der Facultät darzulegen, nachdem ich nun etliche Worte über das Verfahren vorausgeschickt habe, welches meines Erachten[s] der Facultät in dieser Sache einzig würdig ist. Die Facultät deliberirt nehmlich gegenwärtig darüber, ob Herr Fichte auf die eingereichte Abhandlung zum Examen7 zuzulassen sei oder nicht. Es vertritt daher diese Abhandlung die Stelle der Dissertat[ion,] welche nach bisheriger Sitte vor dem Examen eingereicht wurde;8 bei dieser aber ist nach Vorschrift der Statuten Abschnitt IX. § [...] eine schriftliche Versicherung nöthig, daß der Doctorand der alleinige Verfasser derselben sei:9 inwiefern das Facultä[ts]reglement keine Ausnahme davon gestattet, wovon wol bei uns gar nicht die Rede sein kann. Ich schlage daher vor, mit Verweisung auf den angegebenen Paragraphen Herrn Fichte diese Versicherung abzufordern, ohne den mindesten Zweifel gegen seine Redlichkeit durchblicken zu lassen, welcher, so lange nichts erwiesen ist, höchst beleidigend und kränkend sein würde: giebt Herr Fichte diese Versicherung, so muß sich die Facultät dabei gänzlich beruhigen, und ihn zum Examen zulassen, kann ihn aber [nachher], wenn sein Examen der Abhandlung nicht entspricht, auf dem Grund des letzteren abweisen.

Was nun die von unserem Herrn Collegen geäußerten Verdachtsgründe betrifft, so scheinen sie mir nichts weniger als hinlänglich. Das Urtheil über Herrn Fichte’s Naturell kann ich wol ganz übergehen: da Herr Weiß denselben gewiß so genau nicht kennt, um hierüber etwas Sicheres aufzustellen; mir ist Herr Fichte durch mehre Jahre theils als Zuhörer theils als Mitglied des philologischen Seminars als ein allerdings talentvoller, fleissiger, thätiger, vielversprechender iunger Mann bekannt worden. Seit er nicht mehr Vorlesungen hört, werden es etwas drei Jahre sein, während welcher Zeit er ausschließlich Philosophie studirt hat: wie weit er es in dieser Zeit an Schärfe des Urtheils und in der Tiefe der Speculation bringen konnte, läßt sich nicht so allgemein bestimmen, sondern muß aus Thatsachen gefolgert werden; die erste dieser Thatsachen ist gegenwärtige Abhandlung, gegen welche also schon anderwärts Verdacht sein müßte, wenn man sie nicht für sein Werk halten wollte. Solchen Verdacht könnte also erstlich der Charakter des iungen Mannes erregen; allein diesen habe ich iederzeit als ernstlich und brav kennen gelernt. Zweitens müßten innere Kennzeichen vorhanden sein, welche denn auch nachgewiesen [werden]. Ich will also von diesem einzeln reden. Zuerst fällt mir hier die ungeheure Beschuldigung auf, das Manuscript von Seite 25 [bis] 64. sei von dem seeligen Fichte geschrieben. Man müßte einen so hohen Grad von Unverschämtheit und Dumheit voraussetzen, wenn man dies glauben sollte, daß die Sache schon hierdurch unwahrscheinlich [...] [gemacht] da Herr Fichte wohl wissen müßte daß wir des Vaters Handschrift kennen.10 Um diesen Verdacht durch Vergleichung der Handschrift des seeligen Fichte zu prüfen habe ich, iedoch vergeblich, nach dieser in meinen Papieren gesucht; aber Herr Weiß giebt selbst zu, daß die spätere Handschrift des seeligen Fichte nicht ganz dazu passe. Nun soll aber das Manuscript aus früherer Zeit sein. Dagegen spricht schon die noch unverloschene Dinte, woran auch gar nichts gebleicht ist, und das Papier, welches noch nichts von gelbem Rand und andre Spuren des Alters zeigt. Es bleiben also nur noch die aus dem Inhalt der Abhandlung sich ergebenden Zweifel übrig. Hier ist es nun allerdings gegründet, daß Fichte der Sohn von seinem Vater und der neuern Philosophie überhaupt keine Notiz nimmt; dies ist aber ohne Zweifel in anderen Ursachen gegründet als in dem Plagium, dessen er angeschuldigt wird. Es ist sehr natürlich, daß der Sohn den Schein vermeiden will, Fortsetzer der väterlichen Philosophie zu sein; denn Jedermann findet immer etwas Lächerliches darin, wenn der Sohn immer auf den Vater und dessen Lehren zurückkommt, wie Johann Heinrich Voß der Sohn in der Philologie und Dichtkunst11, oder Walther der Sohn in der Anatomie12. Daher geht Herr Ficht[e] aus iugendlichem Mangel an Beurtheilung solcher Verhältnisse und um sich das Ansehen der Selbständigkeit, entfernt von aller Nachbeterei, zu geben, auf der andern Seite zu weit. Das Ignorieren der übrigen neuern Philosophen ist dagegen ganz aus dem Geist der Fichteschen Schule hervorgegangen: beides zusammen erklärt mir vollkommen, was Herr Weiß nur aus dem Plagium erklären kann. Es nimmt sich freilich wunderlich aus, wenn Herr Fichte der Sohn den Spinoza bespricht, wie der Vater sprechen konnte; aber natürlich ist es, weil der Sohn nun einmahl das Neue ignorirt. Dessenungeachtet mag er seines Vaters Schriften genutzt haben, und daraus erklärt sich denn, wenn Herr Weiß meint, es müßte sich allerlei in Fichte's Schriften nachweisen lassen. Wenn endlich behauptet wird, man sehe dem Manuscript an daß es zu Vorlesungen bestimmt gewesen; man könne vermuthen, daß der iunge Mann gar auch des Vaters Anhaltungschreiben um die Doctorwürde abgeschrieben habe; daß der gedrungene Stil des Vaters unverkennbar sei; so muß ich gestehen, daß ich beinahe etwas zürnen möchte über unsern Herrn Collegen, wenn er doch so gar übel von dem Sohne unseres verewigten Collegen und Freundes denkt. Herr Fichte will selbst Vorlesungen halten, und mag also seine Schrift eben deshalb so eingerichtet haben; es würde auch hier wieder eine unbegreifliche Dummheit vorausgesetzt werden müßen, wenn man glauben wollte, der Sohn hätte nicht einmahl gemerkt, daß sein Vater die Erläuterung durch Beispiele in den Vorlesungen habe geben wollen. Fürs andre: wie kann man denn einem iungen kenntnißreichen Manne diese platte Abschmiererei zutrauen, daß er selbst seines Vaters Petition um die Doctorwürde copiren sollte? Halte ich vollends damit die lateinische Petition zusammen, so würde es bis zum höchsten Grade der Niederträchtigkeit gesteigert. Fürs Dritte: Wer hat nicht Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die Fichteschen Schüler ihres Meisters Ton, Schreibart und Geberden sogar, selbst seine Art die Dose zu halten, und die Finger zur Prise zu spitzen, sorgfältig abgesehen und nachgemacht haben? Dies muß dem Sohne vorzüglich gelingen, welcher überhaupt frühzeitig einen festen Stil hatte, wie ich an seinen lateinischen Ausarbeitungen ehemals zu bemerken Gelegenheit fand.13 Auch habe ich ihn, da ehemals sein Zimmer neben dem meinigen war, wo ich wider Willen hören mußte, was im Nebenzimmer gesprochen wurde, öfter über philosophische Gegenstände mit dem bekannten Fichtianer Helmholz disputiren hören,14 und erstaunte über die pedantische Nachahmung der väterlichen Manier im Ton und Zuschnitt der Rede.

Doch genug hiervon. Zum Schluß glaube ich aber Herrn Weiß Verdacht aufs bündigste mit einem einzigen Ar-

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7 Das Examen bestand aus einer mündlichen Prüfung, in welcher der Promotionskandidat von zwei Professoren geprüft wurde, in deren Wissenschaft der Inhalt der eingereichten Probeschrift fiel oder mit der sie verwandt war.

8 Nach den vorläufigen Statuten von 1810 wurde die Dissertation vor dem Examen eingereicht. Immanuel Hermann Fichte hingegen wurde nach den Statuten von 1817 geprüft, in denen festgelegt war, dass die mündliche Prüfung vor Abgabe der lateinischen Dissertation erfolgte.

9 Gemeint ist die Universitätsstatute Abschnitt IX § 5. Der entsprechende Passus lautet: Nach dem Examen (…) hat der Aspirant (…) eine vorher von der Fakultät zu approbierende in lateinischer Sprache verfaßte Dissertation drucken zu lassen, bei deren Einreichung er zugleich die schriftliche Versicherung geben muß, daß er allein der Verfasser derselben sei, insofern das Fakultäts-Reglement davon nicht eine Ausnahme verstattet.

10 Johann Gottlieb Fichte gehörte von 1810 bis zu seinem unerwarteten Tod 1814 zum Collegium der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität.

11 Johann Heinrich Voß war der Sohn des Philologen und Dichters Johann Heinrich Voß. Der Vater trat vor allen Dingen durch die Übersetzung zahlreicher römischer und griechischer Klassiker, namentlich der Ilias und Odyssee Homers, wissenschaftlich-philologische Arbeiten und selbst verfasste Gedichte in Erscheinung. Heinrich Voß wandte sich ebenfalls der Philologie zu, fuhr selbst aber keine literarischen Erfolge ein. Sein Vater galt ihm als großes Vorbild, in dessen Dienst er sich gerne stellte. So half er ihm bei seinen Studien, schrieb Kritiken, in denen er dem Vater nach dem Mund redete, und kommentierte einige seiner Übersetzungen.

12 Friedrich August Walter war der Sohn des Anatomen und Präparators Johann Gottlieb Walter. Der ältere Walter war von 1774 an Professor der Anatomie in Berlin. Er baute ein anatomisches Museum auf, das der jüngere, ebenfalls Professor der Anatomie, ab 1790 zusammen mit seinem Vater verwaltete.

13 Immanuel Hermann Fichte war vom Wintersemester 1811/12 an drei Jahre lang Mitglied in August Boeckhs philologischem Seminar, zuerst als außerordentliches, dann als ordentliches Mitglied.

14 Immanuel Hermann Fichte und den ein paar Jahre älteren August Ferdinand Julius Helmholtz verband eine enge, lebenslange Freundschaft. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit. Helmholtz war der Vater des berühmten Physiologen und Physikers Hermann Helmholtz. August Ferdinand Julius Helmholtz studierte zur selben Zeit wie Fichte an der Berliner Universität, und zwar die Fächer Philosophie und Religion. Beide waren im Wintersemester 1812/13 ordentliche Mitglieder des philologischen Seminars unter der Leitung von August Boeckh. Außerdem besuchte Helmholtz Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes, dessen Lehre er begeistert aufnahm und wohl gegen Verehrer Kants und Hegels verteidigte. Helmholtz wurde späterhin Professor der Philosophie am Potsdamer Gymnasium.

gument widerlegen zu können. Ich verweise auf das angeblich väterliche Manuscript Seite 26. x) Hier wird Platons Timäus citirt, den Fichte der Vater, da es keine halb erträgliche Übersetzung dessen giebt, gewiß nie gelesen hat; und zwar wird er citirt mit deutlicher Hinsicht auf die neuesten Ansichten dessen, die Schelling in der Schrift Philosophie und Religion und nachher zum Theil in der Abhandlung über die Freiheit aufgestellt hat. Herr Fichte der Sohn hat auch, da ich ebenfalls über diese Stelle geschrieben habe, mit mir früher darüber gesprochen, und die Note bezieht sich zum Theil auch auf mich.15 Ferner verweise ich auf Seite 31. 32. x) des angeblich väterlichen Manuscriptes, wo Plotin citirt wird, welchen der iunge Fichte sehr fleissig studirt hat, wie ich gewiß weiß, da er häufige Unterredungen über ihn mit mir gepflogen hat: der Vater hat aber den Plotin wahrscheinlich niemals gelesen. Überhaupt ist in die ganze Behandlung und Ansicht des Plotin in dieser Abhandlung auf keine Weise dem Vater zuzusprechen.

Ich schließe mit der vollkommenen Überzeugung, daß der gegen Herrn Fichte geäußerte Verdacht seiner ganz unwürdig ist.

Berlin den 29. November 1817. Böckh.

Ich kenne den jungen Herrn Fichte gar nicht: der Vorwurf den unser College Weiß ihm macht ist aber von einer so harten Art daß ich ohne die evidentesten Beweise denselben nicht für möglich halte: und was Herr Böckh anführt scheint mir vollkomen genügend, theils um das Auffallende in der Arbeit zu erklären, theils auch den jüngern Fichte als Verfaßer zu bewähren. So weit ich die Abhandlung gelesen habe (was nur sehr oberflächlich geschehn ist) hat sie doch eine ganz andre [Grundfarbe] als Fichte’s des Vaters Arbeiten. Das Verfahren der Fakultät kann übrigens Durchaus kein anderes seyn, als wie von Herrn Böckh vorgeschlagen ist. Daß Herr Fichte Ansichten, Concepte seines Vaters genutzt und verarbeitet, kann ihm durchaus nicht zum Vorwurf gereichen: es wird nur darauf ankommen, auszumitteln, ob er sich derselben selbstständig bemächtigt und zu seinem Eigenthum verarbeitet habe, was die Prüfung ergeben muß. Zu weit geht in jeder Hinsicht der Verdacht unsers Collegen Weiß daß auch das Anhaltungsschreiben ein Plagiat sey: der seelige Fichte hat sich ja nie um die philosophische Doktorwürde beworben, sondern ist, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz trügt, in Jena honoris causa promovirt:16 Der Vater hätte [auch] schwerlich so geschrieben.

den 30 November 17 Rühs

Ich kenne weder Herrn Fichte noch kann ich mir ein Urtheil über seine Arbeit anmaßen; deshalb trete ich gern demjenigen bey, was die Pluralität meiner Herrn Kollegen bestimmen wird.

den 30. November 17. Hermbstaedt.

Ich stimme zu einer Facultätssitzung, damit die Mitglieder sich zuerst einigen mögen – bis dahin mag das fernere ausgesezt bleiben –

den 1 December 17. Hirt.

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15 August Boeckh hatte eine Auseinandersetzung mit Schelling über den Wert des „Timaios“. Während Boeckh in seinem 1807 verfassten Beitrag „Über die Bildung der Weltseele im Timaeos des Platon“ behauptet hatte, dass im „Timaios“ der Gipfel der Platonischen Philosophie liege, wertete Schelling den „Timaios“ herab wegen des Dualismus, den er darin zu lesen meinte. Im „Timaios“ herrscht insofern ein Dualismus, als neben den Demiurgen die Materie tritt, aus der er den sinnlich wahrnehmbaren Kosmos bildet. Weil Schelling Platon für den Vater der wahren Philosophie hielt, war für ihn ausgeschlossen, dass er der Urheber dieser Lehre sei. Er hielt den „Timaios“ also für unecht. Schellings Kritik, im „Timaios“ herrsche ein Dualismus vor, wies Boeckh vehement zurück. Platon habe keine Materie zur Weltschöpfung angenommen; er unterscheide Demiurg und Materie zwar der Form bzw. dem Begriff, nicht aber dem Inhalt nach. Deswegen liege auch Schelling falsch, wenn er behaupte, der „Timaios“ sei unecht.

16 Johann Gottlieb Fichte brach sein Theologiestudium im Jahr 1784 ab, legte also kein Examen ab. Als er 1793/94 an die Universität Jena berufen wurde, musste er, um die venia legendi erteilt zu bekommen, schnellstens zum Magister ernannt werden, was im Mai 1794 geschah.

Auch ich kann es nicht über mich gewinnen, für den Verdacht des Herrn Collegen Weiß eine Rechtfertigung zu suchen. Wie sollten wir auf einmal von einem jungen Mann, der sich uns bisher nur von achtung[s]werthen Seiten gezeigt hat, dem wir schon vor 3 Jahren für eine, unbezw[ei]felt von ihm selbst verfaßte Schrift, ein praemium zuerkannt haben,17 vo[n] dem es notorisch ist, daß er sich seit eben dieser Zeit unablässig mit dem St[u]dium der Philosophie beschäftige, so gar übel denken, als ob alle sein Mühen so ganz umsonst gewesen, daß er auch nicht einmal eine alte Abhandlung seines Vaters ins Reine zu schr[ei]ben und die nöthigen Aenderungen zu machen im Stande wäre. Und da[s] hätte er doch gewiß gethan, wenn er uns wirklich hätte täuschen wollen. Gerade daß er Alles, was hier als verdächtig gerügt ist, nicht beachte[t,] scheint mir am mehrsten seine Unschuld zu beweisen. Er hat sich in des Vaters Art und Sinn so hineingearbeitet, daß er beide nun völlig a[ls] sein Eigenthum betrachtet und es gewiß als solches zu vertheidigen wiss[en] wird. – Das von Herrn Collegen Böckh (im Eingang seines voti) vorgeschlagne Verfahren sch[eint] auch mir das einzig der Facultät würdige, und da auf diesem Circular da[r]über abgestimmt werden kann, so halte ich eine Facultätssitzung nicht f[ür] nöthig.

Lichtenstein

Ich trete der Entscheidung der Mehrheit bei, denn da mir der Herr Fichte gänzlich unbekannt ist, so scheint es mir daß ich meinen Herrn Collegen dieselbe überlassen müsse

Trally

Nemo praesumitur malus, geschweige denn atrociter pe[...]imus. Wenn gleich einige Umstände in dieser Sache auffallen können, so ist doch meines Erachtens unser Colleg Weiß in seiner Hypothese viel zu weit gegangen. Das von Herrn Böckh abgelegte Zeugniß, und sein Vorschlag Herrn Fichte eine Sponsion abzufordern, scheinen mir zur Beruhigung der Fakult[ät] vorläufig auszureichen, im Examen muß sich das Übrige ergeben: Eine besondere Conferenz halte ich nicht für nöthig

Erman

Ich habe es von Herrn Collegen Böckh ausdrücklich erwartet, daß er für den jungen Fichte sagen wür[de] was sich sagen ließe. Unter den von ihm angeführten Gründen ist wohl nur einer, der die von mir gefaß[te] Meinung förmlich widerlegen würde: die Beziehung auf ihn, Herrn Collegen Böckh selbst, in der Note Seite 26. Aber wird mir Herr College Böckh zugestehen müßen: Diese Beziehung ist einem anderen Leser in der angeführten [Stelle] unlesbar. Ich glaube ihm, daß sie Statt findet; aber etwas andres kann ich hier auch nicht als glau[ben.] Daß aber Fichte der Vater, welcher auf der Schulpforte seine Schulkenntniße erworben hat, unfähig [gewe]sen seyn sollte, den Timaeus und den Plotin griechisch zu lesen, das glaube ich nicht.18

Fern sey es von mir, die Rolle eines Anklägers, welche wohl keiner unter uns anders als gezwungen durch Ueberzeugung – macht, hartnäckig verfolgen zu wollen! Ich habe diese aussprechen müßen, weil ich sie [hatte.]

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17 Diejenigen Seminaristen des philologischen Seminars, die besondere Fortschritte erzielten, erhielten vom Kultusministerium Stipendien, so auch Immanuel Hermann Fichte.

18 Johann Gottlieb Fichte besuchte die Schule in Pforta beim sächsischen Naumburg. Dort hatte er Unterricht in den alten Sprachen erhalten, vorrangig in Latein, aber auch in Griechisch.