Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von August Boeckh an das Preußische Kultusministerium, Unterrichtsabteilung (Berlin, 14. November 1822)

 

 

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a

Ein hohes Ministerium der geistlichen, Unter=
richts= und Medicinalangelegenheiten
, Unter=
richtsabtheilung, hat in dem verehrlichen Re=
script
vom 11. Nov. d. J. zwar im Allgemei=
nen seine Zufriedenheit mit meiner Direction
des philologischen Seminars [...] ausge=
sprochen, dabei jedoch eine Bemerkung hinzu=
gefügt und darauf eine Anforderung an mich
gegründet, welche mir zu bedeutend ist, als
daß ich nicht einem hohen Ministerium sogleich
meine Ansicht darüber gehorsamst vortragen
sollte.

Ein hohes Ministerium hat nehmlich ungern die
Correctur[am Rande: der Abhandlungen] von Seiten der Direction vermißt,
da doch von den Directionen der übrigen philo=
logischen Seminarien die schriftlichen Ausarbei=
tungen der Seminaristen, nachdem sie bei den
Mitgliedern des Seminars circulirt haben, und
in den gewöhnlichen Versammlungen1 vorgelesen
und besprochen worden, genau und sorgfältig
corrigirt, und am Schluße jeder Abhandlung
die schriftlichen Urtheile über den Werth der
Abhandlung hinsichtlich des Inhaltes und der
Form beigefügt würden; welche zur Beleh=
rung und Ermunterung der Seminaristen sehr
zweckmäßige Einrichtung von jetzo an auch
bei dem hiesigen philologischen Seminar in
Ausübung zu bringen sei.

Da das Reglement diese Einrichtung nicht vor=
schreibt, auch seit dem Sommer 1812. seit welcher
Zeit das hiesige philologische Seminar besteht,2
jetzt zum ersten Mahle dieser Mangel gerügt
wird, so erlaube ich mir ganz gehorsamst, einem
hohen Ministerium in dieser Hinsicht eine Ge=
genvorstellung zu machen: denn ich kann weder
die Nothwendigkeit noch die Zweckmäßigkeit
dieser neuen Einrichtung erkennen. Was die
Nothwendigkeit betrifft, so fällt diese bei der
Art, wie die mündlichen Übungen betrieben
werden, ganz weg. Die Mitglieder sowohl als ich
selbst lesen die Abhandlungen, ehe sie öffent=
lich behandelt werden; hierbei machen jene und
ich Striche mit der Bleifeder an jedern Stelle,n,
die in Inhalt oder Form, auch in Rücksicht der
Latinität tadelnswerth sind; wie ein hohes
Ministerium bei den eingesandten Abhandlungen
selbst bemerkt haben wird. Alle diese Puncte

a Schleunig zu mundiren, u auf gewöhnliche
Weise zu expediren.
Böckh
d 19. Nov. 22.

Kommentare

1 Die Verlesung und Beurteilung der von den Seminaristen verfaßten Arbeiten bildete eine der drei Übungsformen des Seminars, vgl. dazu das Reglement § 11,2.

2 Das philologische Seminar wurde mit Verabschiedung des Reglements, d.i. die Statuten, am 28. Mai 1812 gegründet.

werden bei der öffentlichen Versammlung des
Seminars gerügt; und es ist also jedem hinlänglich
die Möglichkeit dargeboten, seine Fehler zu ver=
bessern. Wo ich es nöthig finde, gehe ich noch
nachher zu Hause die Abhandlung mit dem Ver=
fasser selbst durch, u belehre ihn mündlich über
seine Fehler, welches weit wirksamer ist als
die todte Correctur und der abgestorbene Buchstab.
Eben so gebe ich mündlich mein Urtheil über jede
Abhandlung, wovon ich eine kurze Andeutung
auch dem jährlichen Berichte einverleibe. Aber
eben so wenig kann ich das Corrigiren zweck=
mäßig finden. Sollte es vor der mündlichen Be=
handlung geschehen, so würde dadurch dem eige=
nen Urtheil der übrigen Mitglieder, dessen Bildung
eine Hauptsache ist, vorgegriffen; nach der münd=
lichen Behandlung dagegen ist es überflüßig, und
folglich auch unzweckmäßig: überdies hem̄t es
die Selbstthätigkeit, worauf man vorzüglich
hinarbeiten muß, und die ja doch von jungen
Leuten, die keine Schüler eines Gÿmnasiums
mehr sind, vorausgesetzt werden darf. Überhaupt
ist eine solche Einrichtung der Schule angemessener
als der Universität, und stellt Lehrer und Zuhörer
eine Stufe weiter herab: wogegen ich, da ich
die Thätigkeit der Lehrer an den Schulanstalten im
höchsten Grade ehre und sogar verehre, nichts
würde einzuwenden wissen, wenn ich nur im
Übrigen einen Vortheil bei dieser neuen Ein=
richtung durchschauen könnte. Ein hohes Ministe=
rium
möge mir daher verzeihen, wenn ich
wünsche, daß Hochdasselbe mich bei meiner bis=
herigen Art der Behandlung belassen möge,
welche ich für bewährt durch die Erfahrung
halte; wenn andere andern Erfahrungen fol=
gen, so mag jeder nach der Weise wirken,
die seiner Eigenthümlichkeit zusteht; ich gestehe,
daß mir das genannte Corrigiren eine nutz=
lose Vielgeschäftigkeit scheint, durch welche dem
Lehrer, der sein übriges Lehramt fleißig ver=
walten, u, was damit unzertrennlich verbunden
ist, in der Wissenschaft fortschreiten will, die
wenige Muße verkümmert wird, welche ihm von
seinem, tägliche Anstrengung und unausgesetzte Thä=
tigkeit erforderndem Amte übrig bleibt. Was
noch insbesondere des Unterschreiben der Urtheile
betrifft, so paßt alles Gesagte meiner Überzeugung
nach auch auf diese; und in dem Verhältnisse, in
welchem ich mit den Mitgliedern des Seminars
stehe, habe ich weit mehr Gelegenheit durch persön=
liche und mündliche Einwirkung Aufmunterung
zu geben als durch ein schriftliches Lob, wie

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man es einem Schüler unter seine Ausarbeitung
schreibt; weil der Lehrer auf Schulen nicht alle
Aufsätze mündlich durchgeht [am Rande: durchgehen kann] und darum den
Weg der Schrift wählt wählen muß.

Ein hohes Ministerium bitte ich daher ganz ge=
horsamst, wenn es im Übrigen mit meiner Amts=
führung bei dem Seminar nicht ganz unzufrieden
ist, [...] und dieselbe für nicht völlig unersprießlich
und unwirksam hält, mich nicht durch [...][am Rande: eine Vorschrift,]
die ich nach meinen Ansichten von dem Stand=
puncte des akademischen Lehrers und seiner Art
junge Leute zu bilden, auszuführen unfähig
abin, in meiner Richtung und Thätigkeit irre zu
machen; und hoffe von Hochdesselben gewohnter
Huld, daß es mich der neu aufgelegten Pflicht
entbinden werde, zumahl da auch die Direction
des hiesigen theologischen Seminars3 keine solche
Verpflichtung hat.


 
Der Director des philol. Sem.
der hiesigen Univ.
Böckh

a mund
Br:

Kommentare

3 Die Direktion des theologischen Seminars hatte der jeweilige Dekan der Theologischen Fakultät inne.

a b

Ein hohes Ministerium der geistlichen, Unterrichts= und Medicinalangelegenheiten, Unterrichtsabtheilung, hat in dem verehrlichen Rescript vom 11. November des Jahres zwar im Allgemeinen seine Zufriedenheit mit meiner Direction des philologischen Seminars ausgesprochen, dabei jedoch eine Bemerkung hinzugefügt und darauf eine Anforderung an mich gegründet, welche mir zu bedeutend ist, als daß ich nicht einem hohen Ministerium sogleich meine Ansicht darüber gehorsamst vortragen sollte.

Ein hohes Ministerium hat nehmlich ungern die Correctur der Abhandlungen von Seiten der Direction vermißt, da doch von den Directionen der übrigen philologischen Seminarien die schriftlichen Ausarbeitungen der Seminaristen, nachdem sie bei den Mitgliedern des Seminars circulirt haben, und in den gewöhnlichen Versammlungen1 vorgelesen und besprochen worden, genau und sorgfältig corrigirt, und am Schluße jeder Abhandlung die schriftlichen Urtheile über den Werth der Abhandlung hinsichtlich des Inhaltes und der Form beigefügt würden; welche zur Belehrung und Ermunterung der Seminaristen sehr zweckmäßige Einrichtung von jetzo an auch bei dem hiesigen philologischen Seminar in Ausübung zu bringen sei.

Da das Reglement diese Einrichtung nicht vorschreibt, auch seit dem Sommer 1812. seit welcher Zeit das hiesige philologische Seminar besteht,2 jetzt zum ersten Mahle dieser Mangel gerügt wird, so erlaube ich mir ganz gehorsamst, einem hohen Ministerium in dieser Hinsicht eine Gegenvorstellung zu machen: denn ich kann weder die Nothwendigkeit noch die Zweckmäßigkeit dieser neuen Einrichtung erkennen. Was die Nothwendigkeit betrifft, so fällt diese bei der Art, wie die mündlichen Übungen betrieben werden, ganz weg. Die Mitglieder sowohl als ich selbst lesen die Abhandlungen, ehe sie öffentlich behandelt werden; hierbei machen jene und ich Striche mit der Bleifeder an den Stellen, die in Inhalt oder Form, auch in Rücksicht der Latinität tadelnswerth sind; wie ein hohes Ministerium bei den eingesandten Abhandlungen selbst bemerkt haben wird. Alle diese Puncte

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b Schleunig zu mundiren, und auf gewöhnliche Weise zu expediren. Böckh den 19. November 22.

Kommentare

1 Die Verlesung und Beurteilung der von den Seminaristen verfaßten Arbeiten bildete eine der drei Übungsformen des Seminars, vgl. dazu das Reglement § 11,2.

2 Das philologische Seminar wurde mit Verabschiedung des Reglements, d.i. die Statuten, am 28. Mai 1812 gegründet.

werden bei der öffentlichen Versammlung des Seminars gerügt; und es ist also jedem hinlänglich die Möglichkeit dargeboten, seine Fehler zu verbessern. Wo ich es nöthig finde, gehe ich noch nachher zu Hause die Abhandlung mit dem Verfasser selbst durch, und belehre ihn mündlich über seine Fehler, welches weit wirksamer ist als die todte Correctur und der abgestorbene Buchstab. Eben so gebe ich mündlich mein Urtheil über jede Abhandlung, wovon ich eine kurze Andeutung auch dem jährlichen Berichte einverleibe. Aber eben so wenig kann ich das Corrigiren zweckmäßig finden. Sollte es vor der mündlichen Behandlung geschehen, so würde dadurch dem eigenen Urtheil der übrigen Mitglieder, dessen Bildung eine Hauptsache ist, vorgegriffen; nach der mündlichen Behandlung dagegen ist es überflüßig, und folglich auch unzweckmäßig: überdies hemmt es die Selbstthätigkeit, worauf man vorzüglich hinarbeiten muß, und die ja doch von jungen Leuten, die keine Schüler eines Gymnasiums mehr sind, vorausgesetzt werden darf. Überhaupt ist eine solche Einrichtung der Schule angemessener als der Universität, und stellt Lehrer und Zuhörer eine Stufe weiter herab: wogegen ich, da ich die Thätigkeit der Lehrer an den Schulanstalten im höchsten Grade ehre und sogar verehre, nichts würde einzuwenden wissen, wenn ich nur im Übrigen einen Vortheil bei dieser neuen Einrichtung durchschauen könnte. Ein hohes Ministerium möge mir daher verzeihen, wenn ich wünsche, daß Hochdasselbe mich bei meiner bisherigen Art der Behandlung belassen möge, welche ich für bewährt durch die Erfahrung halte; wenn andere andern Erfahrungen folgen, so mag jeder nach der Weise wirken, die seiner Eigenthümlichkeit zusteht; ich gestehe, daß mir das genannte Corrigiren eine nutzlose Vielgeschäftigkeit scheint, durch welche dem Lehrer, der sein übriges Lehramt fleißig verwalten, und, was da unzertrennlich verbunden ist, in der Wissenschaft fortschreiten will, die wenige Muße verkümmert wird, welche ihm von seinem, tägliche Anstrengung und unausgesetzte Thätigkeit erforderndem Amte übrig bleibt. Was noch insbesondere des Unterschreiben der Urtheile betrifft, so paßt alles Gesagte meiner Überzeugung nach auch auf diese; und in dem Verhältnisse, in welchem ich mit den Mitgliedern des Seminars stehe, habe ich weit mehr Gelegenheit durch persönliche und mündliche Einwirkung Aufmunterung zu geben als durch ein schriftliches Lob, wie

aman es einem Schüler unter seine Ausarbeitung schreibt; weil der Lehrer auf Schulen nicht alle Aufsätze mündlich durchgehen kann und darum den Weg der Schrift wählen muß.

Ein hohes Ministerium bitte ich daher ganz gehorsamst, wenn es im Übrigen mit meiner Amtsführung bei dem Seminar nicht ganz unzufrieden ist, und dieselbe für nicht völlig unersprießlich und unwirksam hält, mich nicht durch eine Vorschrift, die ich nach meinen Ansichten von dem Standpuncte des akademischen Lehrers und seiner Art junge Leute zu bilden, auszuführen unfähig bin, in meiner Richtung und Thätigkeit irre zu machen; und hoffe von Hochdesselben gewohnter Huld, daß es mich der neu aufgelegten Pflicht entbinden werde, zumahl da auch die Direction des hiesigen theologischen Seminars3 keine solche Verpflichtung hat.

  Der Director des philologischen Seminars der hiesigen Universität Böckh

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Kommentare

3 Die Direktion des theologischen Seminars hatte der jeweilige Dekan der Theologischen Fakultät inne.