Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Ziebingen, 2. Februar 1818)

 

 

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    1 212
    Tieck an Raumer

    NB. Wollen, kön̄en Sie nur Ihr Versprechen
    halten, mit dem nächsten Briefe, (der aber bald
    kommen muß) Mscpt. beizulegen? Geht es
    nicht, wenigstens bald einen Brief!

    (Stempel: "Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz")
    Liebster Freund:

    Wie lieb, trostreich u anmuthig mir Ihre Briefe sind, möchte ich
    Ihnen dadurch andeuten, daß ich Ihnen so schnell antworte, was sonst
    bei mir nicht der Fall ist, weil ich mich sehr leicht vor dem Briefschreiben
    ängstige u es aufschiebe, indem selbst die besten Freunde immer einen
    ordentlichen Brief erwarten, u es zu meinen vielen Ungeschicklichkeiten
    gehört, diesen nie, oder nur selten liefern zu können. Ich werde mit
    Ihnen jezt so dreist, oder vertraut, daß ich mich ungenirt gehn lassen
    will, u sagen u plaudern, was u wie es mir einfällt, auf die
    Gefahr hin, das Beste zu vergessen. – 2 Sie haben die Worte über
    die Nachahmung alter u grosser Muster mir aus der Seele gespro=
    chen. Die wahre Art, sein Individuum auszusprechen, schließt gewiß
    die Kunst u die sogenannte Partheilosigkeit des Historikers so wenig
    aus, daß beides erst dadurch möglich wird, insofern die lezte noch irgend
    eine Bedeutung hat, wenn man sich über diese alt hergebrachte Phrase
    erst verstanden hat. Aber, wie wenige Individuen giebt es denn auch!
    Sind die meisten doch nur ein Conglomerat von Angewöhnungen, gehörten
    Redensarten, kleinen Vorurtheilen u noch kleineren Passionen.
    Die Alten sind dadurch so groß, daß man von ihnen sagen kann: ein
    Mann, ein Wort! In jedem Wort finde ich den Mann unmittelbar,
    Sache u [Darsteller] 3, Zeit u Vortrag, alles fließt von selbst in ein=
    ander. Will man nun diese Vortreflichkeit, Vollendung u Virtuosität
    übertragen auf andre Verhältnisse u Zeiten, so entgeht ja nothwendig den
    lezten Clima u Lokalität, das Individuelle, was ja der wahre leben=
    dige Geist ist. Tacitus ist groß durch seine gesunkene Zeit, sein Zorn
    klingt in jedem Wort u erweckt unsern ernstesten Geist: aber ich
    wünschte unserm Joh. Müller wohl, er hätte als einwohnender Schweitzer

    Kommentare

    1 Zwischen dem ersten Brief (30. März 1815) und diesem zweiten Brief vom 2. Februar 1818 sind mindestens zwei Briefe nachgewiesen: einer vom 16. Juni 1816 in Unpublished Tieck-Raumer Letters, S. 2-4, und einer vom 21. Dezember 1817 in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 77-79.

    2 Beginn des Auszugs aus dem Brief, der sich in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II. S. 81 befindet.

    3 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 82, wird an dieser Stelle die Lesart „Darstellen“ vorgezogen.

    sein grosses Talent ausbilden können, u wir würden dann nicht so oft den
    übertragenen Tazitus, u noch seltener den Professor hören, wo das Bäurische des
    Schweitzers besser thun würde. Machiavells Treflichkeit paßt nur für diese
    Geschichte, u nur für seinen genommenen Standpunkt: mit einem Wort, um
    es mir in die Poesie zurück zu übersetzen, wie jedes Kunstwerck nur ein=
    mal
    da sein kann, (was schon von selber die Nachahmung ausschließt) so
    auch jedes Geschichtwerck, u freilich muß jenes scheinbare Wunderwerk eintreten,
    daß gerade diesesAufgabe nur von diesem einzigen Geiste gelöst wurde,
    daß beide völlig in einander aufgehn: was wäre denn aber die ächte
    Begeisterung, wenn sie diese scheinbare Unmöglichkeit nicht auf eine
    leichte u sichre Weise lösen könnte? – Ich wundre mich oft, wie
    noch immer gewisse Vorurtheile u Autoritäten uns bedrücken, deren
    Widerspruch doch so leicht zu lösen ist; es ist das alte leblose Gespenst
    des Ideals, was noch immer nicht weichen will: jener Glaube, daß es
    an sich nichts Vollendetes gebe, sondern nur einem höhern Unsichtbaren
    entgegen strebe, was dann scharf angesehn, die Leere u der Tod
    seyn muß. Das wahre Ideal muß aus sich selbst hervorgehn, u sich
    in sich selbst erfüllen, sich selbst beleben u erklären. Man sagte
    sonst wohl: Puder macht den Menschen jünger, die Perücke macht ihn ehr=
    würdiger: sie machen nichts, als daß er weniger wie Er, weniger wie ein
    Mensch aussieht: so erscheint mir jenes Verjüngen, oder Ernster u Idealischer=
    seinwollen aus der Nachahmung der Alten. – Wir verstehn sie immer
    noch nicht genug, daß uns diese Absicht noch quält; was sollte Sofokles
    doch mit dem Gegenstande des Macbeth oder Hamlet machen? Oder ich
    mit der Nachahmung der Shakspearschen Bürgerkriege bei meinen Historien,
    so sehr sie mir auch das Höchste in aller Literatur sind, u ich alle übrigen
    historischen Schauspiele neben diesen nicht einmal nennen mag. – Da
    ich darauf komme: es ist leicht, diesen Sachen eine Wirkung, selbst eine
    starke zu geben, wenn man sie unter einen moralischen, empfindsamen,
    sogenannten poetischen Gesichtspunkt stellt; oder wenn man z. B. didaktisch

    213
    u polemisch verfahren wollte, u hier darstellend die Grösse des Mittel=
    Alters zeigen. Im historischen Schauspiel muß aber nach meinem festen
    Glauben Wahrheit, Poesie u Schönheit eins werden; u jene oben4 genannte
    manierirte Bedingungen würden es nur entstellen; von hinzugefügten
    Lügen nicht einmal zu sprechen, die ich gantz verwerfe.5 Ist denn der Geist
    der Geschichte, das grosse Schicksal, der Untergang des6 Herrlichen, etwas andres
    als Poesie? Ihr erster Kreutzzug hat mir recht von neuem Muth ge=
    macht; denn als Historiker haben Sie geleistet, was ich meine; man steht
    so gantz in den Sachen, man verwundert sich über nichts, man macht alles
    mit, u jener klare Tagesduft einer überzeugenden Gleichgültigkeit
    (erlauben Sie mir den Ausdruck) ist über alle Gruppen u Gegenstände aus=
    gebreitet, daß man das Theater völlig vergißt, was seit Tacitus u
    Plutarch fast allen Historikern etwas beiwohnt. Der lezte, den ich
    sehr verehre, u gantz aus seinem Standpunkt begreife, hat vorzüglich
    jene scharfe Manier in die Geschichte gebracht, jenes ewige Staunen
    u Gerührtsein, welches eigentlich die Wirklichkeit vernichtet. Ich habe
    auch noch keine schöne Gegend gesehn, wo ich nicht nach 5 Minuten mich
    einheimisch gefühlt, u die Gegend gewissermassen vergessen
    hätte; darum mir7 nichts fremder u fataler als die staunenden
    Naturenthusiasten, die im̄er staunen, immer hingerissen sind,
    ohne nur zur Ruhe, Genuß u Behaglichkeit zu gelangen. Diesen
    wahrhaft göttlichen Zustand der [h] edler Passivität u Unbewußtheit,
    daß man die größte Umgebung nimmt, als müßte sie so sein, werden
    Sie gewiß so wie ich in Rom u auf der Reise kennen gelernt haben.
    Man will ihn sich in der Jugend nicht gestehn; man meint, man sei
    träge, nicht rührbar: – freilich giebt es dann auch wieder Stunden
    des Entzückens, wahrhafter Visionen, die jene Natur u Schönheits=
    jäger auch nie kennen lernen, weil sie sich immer mit Gesichter=
    schneiden abgeben, u Sonne, Mond u Meer ihnen auch nur Fratzen
    zurückwerfen. Sie verstehn mich gewiß. Ich gelte darum bei den Poetischen
    im̄er für phlegmatisch, oder selbst grob materiell. Ich lüge nie in
    solchen Situationen, u bin oft unter 10 Poeten dr einzige Prosaiker.

    Kommentare

    4 Ich folge der Lesart aus Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83; eine andere mögliche Lesart wäre „eben“.

    5 Die ganze Stelle „von hinzugefügten Lügen... verwerfe.“ ist in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83 unterstrichen.

    6 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83, wird an dieser Stelle die Lesart „der“ vorgezogen.

    7 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 84 wurde der Satz ergänzt: „Darum ist mir“.

    Ueber einiges, was den Standpunkt der Geschichte betrifft, muß ich
    Ihnen noch sprechen, so ungeschickt u layenmässig es auch heraus kommen
    mag; ein andermal. Ich hatte es am meisten gegen jenes Doppelte in Ihrer8
    Universalhistorie, vom Festhalten des Alten, u Schaffen des Neuen: denn
    ich glaube, keiner kann wahrhaft das eine, od ohne das andre wirklich
    zu lieben u zu wollen, es fließt mir zusammen; u zweitens genügt
    mir dies nicht, denn nun fehlt vor allen die Poesie, das Individuelle, oder die
    ächte Vaterlandsliebe: 2) die Vollendung der Idee in einem Staate, sein Auf=
    klim̄en, sein Sinken: die Reife des Wesens, was sich seit lange zubereitete:
    3) hätten wir wohl Geschichte, wen̄ wir auch Folianten von Tunis, Algier &c
    in seiner [neusten] Zeit besassen? Hier, zum Theil im Orient, scheint mir
    alle wahre Geschichte untergegangen, die unmöglich aus Begebenheiten u
    Thatsachen bestehn kann: – wo wir kein Schicksal mehr wahrnehmen,
    kein Leben u Entwickeln, hört genau genom̄en die Geschichte auf: –
    alle diese Ahndungen, die mir vorschweben, die ich nur hier als Wolkenbilder
    vorführe, möchte ich einmal mir selber entwickeln: denn auch die Vaterlands=
    liebe, aus ihrem wahren Locus gerissen, wird Thorheit, wie alles Wahre.9

    Ich freue mich, daß Manso am Fortunat Freude hat, sagen Sie
    es ihm, das ist mir weit mehr, als wen̄ ich es von den jungen Halbpoeten
    höre, die gar nicht mehr wissen, wenn sie lügen. – Von meiner
    Freundschaft u Vertrauen möge Ihnen dies Blatt ein Zeugniß geben,
    denn es ist lauter Geschwätz, nur für das Wohlwollen geeignet.

    Was nennen Sie Bühnenrecht? Unsre Bühne ist gantz ver=
    dorben u elend, in allen Hinsichten. Geben Sie mir wieder Bürger
    u Handwerker, ein Brettergerüst auf dem Markt, nur wahres Theater,
    u ich will gern dafür schreiben, – aber dieser Kuckkasten? –

    Auch darüber soll in meinem Shaksp.10 Manches gesagt werden, u ich
    hoffe, sSie sollen zu denen gehören, die sich überzeugen lassen, daß
    wir gar kein Theater haben u haben können: Ganz Ihr L. Tieck.

    Kommentare

    8 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 84 steht „der“ statt „Ihrer“.

    9 Ende des Auszugs in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 85.

    10 Tieck plante ein umfangreiches, literaturhistorisches Werk über Shakespeare, woran er immer wieder arbeitete, das er jedoch bis zu seinem Lebensende nie fertigstellte.

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    NB. Wollen, können Sie nur Ihr Versprechen halten, mit dem nächsten Briefe, (der aber bald kommen muß) Manuscripte beizulegen? Geht es nicht, wenigstens bald einen Brief!

    Liebster Freund:

    Wie lieb, trostreich und anmuthig mir Ihre Briefe sind, möchte ich Ihnen dadurch andeuten, daß ich Ihnen so schnell antworte, was sonst bei mir nicht der Fall ist, weil ich mich sehr leicht vor dem Briefschreiben ängstige und es aufschiebe, indem selbst die besten Freunde immer einen ordentlichen Brief erwarten, und es zu meinen vielen Ungeschicklichkeiten gehört, diesen nie, oder nur selten liefern zu können. Ich werde mit Ihnen jezt so dreist, oder vertraut, daß ich mich ungenirt gehn lassen will, und sagen und plaudern, was und wie es mir einfällt, auf die Gefahr hin, das Beste zu vergessen. – 2 Sie haben die Worte über die Nachahmung alter und grosser Muster mir aus der Seele gesprochen. Die wahre Art, sein Individuum auszusprechen, schließt gewiß die Kunst und die sogenannte Partheilosigkeit des Historikers so wenig aus, daß beides erst dadurch möglich wird, insofern die lezte noch irgend eine Bedeutung hat, wenn man sich über diese alt hergebrachte Phrase erst verstanden hat. Aber, wie wenige Individuen giebt es denn auch! Sind die meisten doch nur ein Conglomerat von Angewöhnungen, gehörten Redensarten, kleinen Vorurtheilen und noch kleineren Passionen. Die Alten sind dadurch so groß, daß man von ihnen sagen kann: ein Mann, ein Wort! In jedem Wort finde ich den Mann unmittelbar, Sache und [Darsteller] 3, Zeit und Vortrag, alles fließt von selbst in einander. Will man nun diese Vortreflichkeit, Vollendung und Virtuosität übertragen auf andre Verhältnisse und Zeiten, so entgeht ja nothwendig den lezten Clima und Lokalität, das Individuelle, was ja der wahre lebendige Geist ist. Tacitus ist groß durch seine gesunkene Zeit, sein Zorn klingt in jedem Wort und erweckt unsern ernstesten Geist: aber ich wünschte unserm Johannes Müller wohl, er hätte als einwohnender Schweitzer

    Kommentare

    1 Zwischen dem ersten Brief (30. März 1815) und diesem zweiten Brief vom 2. Februar 1818 sind mindestens zwei Briefe nachgewiesen: einer vom 16. Juni 1816 in Unpublished Tieck-Raumer Letters, S. 2-4, und einer vom 21. Dezember 1817 in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 77-79.

    2 Beginn des Auszugs aus dem Brief, der sich in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II. S. 81 befindet.

    3 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 82, wird an dieser Stelle die Lesart „Darstellen“ vorgezogen.

    sein grosses Talent ausbilden können, und wir würden dann nicht so oft den übertragenen Tazitus, und noch seltener den Professor hören, wo das Bäurische des Schweitzers besser thun würde. Machiavells Treflichkeit paßt nur für diese Geschichte, und nur für seinen genommenen Standpunkt: mit einem Wort, um es mir in die Poesie zurück zu übersetzen, wie jedes Kunstwerck nur einmal da sein kann, (was schon von selber die Nachahmung ausschließt) so auch jedes Geschichtwerck, und freilich muß jenes scheinbare Wunderwerk eintreten, daß gerade dieseAufgabe nur von diesem einzigen Geiste gelöst wurde, daß beide völlig in einander aufgehn: was wäre denn aber die ächte Begeisterung, wenn sie diese scheinbare Unmöglichkeit nicht auf eine leichte und sichre Weise lösen könnte? – Ich wundre mich oft, wie noch immer gewisse Vorurtheile und Autoritäten uns bedrücken, deren Widerspruch doch so leicht zu lösen ist; es ist das alte leblose Gespenst des Ideals, was noch immer nicht weichen will: jener Glaube, daß es an sich nichts Vollendetes gebe, sondern nur einem höhern Unsichtbaren entgegen strebe, was dann scharf angesehn, die Leere und der Tod seyn muß. Das wahre Ideal muß aus sich selbst hervorgehn, und sich in sich selbst erfüllen, sich selbst beleben und erklären. Man sagte sonst wohl: Puder macht den Menschen jünger, die Perücke macht ihn ehrwürdiger: sie machen nichts, als daß er weniger wie Er, weniger wie ein Mensch aussieht: so erscheint mir jenes Verjüngen, oder Ernster und Idealischerseinwollen aus der Nachahmung der Alten. – Wir verstehn sie immer noch nicht genug, daß uns diese Absicht noch quält; was sollte Sofokles doch mit dem Gegenstande des Macbeth oder Hamlet machen? Oder ich mit der Nachahmung der Shakspearschen Bürgerkriege bei meinen Historien, so sehr sie mir auch das Höchste in aller Literatur sind, und ich alle übrigen historischen Schauspiele neben diesen nicht einmal nennen mag. – Da ich darauf komme: es ist leicht, diesen Sachen eine Wirkung, selbst eine starke zu geben, wenn man sie unter einen moralischen, empfindsamen, sogenannten poetischen Gesichtspunkt stellt; oder wenn man z. B. didaktisch

    und polemisch verfahren wollte, und hier darstellend die Grösse des MittelAlters zeigen. Im historischen Schauspiel muß aber nach meinem festen Glauben Wahrheit, Poesie und Schönheit eins werden; und jene oben4 genannte manierirte Bedingungen würden es nur entstellen; von hinzugefügten Lügen nicht einmal zu sprechen, die ich gantz verwerfe.5 Ist denn der Geist der Geschichte, das grosse Schicksal, der Untergang des6 Herrlichen, etwas andres als Poesie? Ihr erster Kreutzzug hat mir recht von neuem Muth gemacht; denn als Historiker haben Sie geleistet, was ich meine; man steht so gantz in den Sachen, man verwundert sich über nichts, man macht alles mit, und jener klare Tagesduft einer überzeugenden Gleichgültigkeit (erlauben Sie mir den Ausdruck) ist über alle Gruppen und Gegenstände ausgebreitet, daß man das Theater völlig vergißt, was seit Tacitus und Plutarch fast allen Historikern etwas beiwohnt. Der lezte, den ich sehr verehre, und gantz aus seinem Standpunkt begreife, hat vorzüglich jene scharfe Manier in die Geschichte gebracht, jenes ewige Staunen und Gerührtsein, welches eigentlich die Wirklichkeit vernichtet. Ich habe auch noch keine schöne Gegend gesehn, wo ich nicht nach 5 Minuten mich einheimisch gefühlt, und die Gegend gewissermassen vergessen hätte; darum mir7 nichts fremder und fataler als die staunenden Naturenthusiasten, die immer staunen, immer hingerissen sind, ohne nur zur Ruhe, Genuß und Behaglichkeit zu gelangen. Diesen wahrhaft göttlichen Zustand edler Passivität und Unbewußtheit, daß man die größte Umgebung nimmt, als müßte sie so sein, werden Sie gewiß so wie ich in Rom und auf der Reise kennen gelernt haben. Man will ihn sich in der Jugend nicht gestehn; man meint, man sei träge, nicht rührbar: – freilich giebt es dann auch wieder Stunden des Entzückens, wahrhafter Visionen, die jene Natur und Schönheitsjäger auch nie kennen lernen, weil sie sich immer mit Gesichterschneiden abgeben, und Sonne, Mond und Meer ihnen auch nur Fratzen zurückwerfen. Sie verstehn mich gewiß. Ich gelte darum bei den Poetischen immer für phlegmatisch, oder selbst grob materiell. Ich lüge nie in solchen Situationen, und bin oft unter 10 Poeten der einzige Prosaiker.

    Kommentare

    4 Ich folge der Lesart aus Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83; eine andere mögliche Lesart wäre „eben“.

    5 Die ganze Stelle „von hinzugefügten Lügen... verwerfe.“ ist in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83 unterstrichen.

    6 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 83, wird an dieser Stelle die Lesart „der“ vorgezogen.

    7 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 84 wurde der Satz ergänzt: „Darum ist mir“.

    Ueber einiges, was den Standpunkt der Geschichte betrifft, muß ich Ihnen noch sprechen, so ungeschickt und layenmässig es auch heraus kommen mag; ein andermal. Ich hatte es am meisten gegen jenes Doppelte in Ihrer8 Universalhistorie, vom Festhalten des Alten, und Schaffen des Neuen: denn ich glaube, keiner kann wahrhaft das eine, ohne das andre wirklich zu lieben und zu wollen, es fließt mir zusammen; und zweitens genügt mir dies nicht, denn nun fehlt vor allen die Poesie, das Individuelle, oder die ächte Vaterlandsliebe: 2) die Vollendung der Idee in einem Staate, sein Aufklimmen, sein Sinken: die Reife des Wesens, was sich seit lange zubereitete: 3) hätten wir wohl Geschichte, wenn wir auch Folianten von Tunis, Algier &c in seiner [neusten] Zeit besassen? Hier, zum Theil im Orient, scheint mir alle wahre Geschichte untergegangen, die unmöglich aus Begebenheiten und Thatsachen bestehn kann: – wo wir kein Schicksal mehr wahrnehmen, kein Leben und Entwickeln, hört genau genommen die Geschichte auf: – alle diese Ahndungen, die mir vorschweben, die ich nur hier als Wolkenbilder vorführe, möchte ich einmal mir selber entwickeln: denn auch die Vaterlandsliebe, aus ihrem wahren Locus gerissen, wird Thorheit, wie alles Wahre.9

    Ich freue mich, daß Manso am Fortunat Freude hat, sagen Sie es ihm, das ist mir weit mehr, als wenn ich es von den jungen Halbpoeten höre, die gar nicht mehr wissen, wenn sie lügen. – Von meiner Freundschaft und Vertrauen möge Ihnen dies Blatt ein Zeugniß geben, denn es ist lauter Geschwätz, nur für das Wohlwollen geeignet.

    Was nennen Sie Bühnenrecht? Unsre Bühne ist gantz verdorben und elend, in allen Hinsichten. Geben Sie mir wieder Bürger und Handwerker, ein Brettergerüst auf dem Markt, nur wahres Theater, und ich will gern dafür schreiben, – aber dieser Kuckkasten? –

    Auch darüber soll in meinem Shakespeare10 Manches gesagt werden, und ich hoffe, Sie sollen zu denen gehören, die sich überzeugen lassen, daß wir gar kein Theater haben und haben können: Ganz Ihr L. Tieck.

    Kommentare

    8 In Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 84 steht „der“ statt „Ihrer“.

    9 Ende des Auszugs in Raumers Lebenserinnerungen und Briefwechsel, Bd. II, S. 85.

    10 Tieck plante ein umfangreiches, literaturhistorisches Werk über Shakespeare, woran er immer wieder arbeitete, das er jedoch bis zu seinem Lebensende nie fertigstellte.