Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 10. Oktober 1823)

 

 

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An Tieck [v Ideler 1 NB] Tieck an Raumer Mein geliebter Freund.

Sie zürnen mir vielleicht, daß ich Ihnen die Beilagen
nicht eher [übermacht] habe, es ist aber nicht meine Schuld, oder Ver=
nachlässigung, denn Kalkreuth so wie Malsburg, waren beide
verreiset, und sind erst seit zwei Tagen wiedergekommen, worauf
sich Kalkreuth sogleich aufs neue von hier begeben hat. Er hat
indessen kein Bedenken getragen, sich für mich mit zu unterschreiben:
ich wünsche mir, daß die Form richtig sein möge und genügend,
ich bin zu wenig in diesen Sachen geübt, um gewiß zu sein, ob
dem so ist. 2

Sie werden nun mein grosses Paket erhalten haben, und
ich bitte und wünsche, daß Sie auch recht bald etwas zur Beförderung
der Sache thun.3 Da mein Befinden jezt recht gut ist, so fange ich
an, recht fleissig zu sein, u ich denke die Ceven̄en, den Tischler,
und noch einige andre Sachen, recht bald beendigt zu haben. Als dann
denke ich auch an meinen Shakspear4. Ich möchte auch wohl, wie ich
in früheren Jahren schon einmal angefangen hatte, ein zusam̄enhängendes
Buch über Göthe schreiben. Er ist doch durchaus, wenn man strenge
sein will, einzig seit Shaksp. in dieser Rücksicht zu nennen. Er
blickt eben so zurück und in die Zukunft hinein. Die Sache
ist aber schwer; ich könnte es mit Shaksp. u mit einem Buch
über Cervantes verbinden, was ich auch schon seit lange ange=
fangen habe.

Kommentare

1 Möglicherweise ist Ludwig Ideler gemeint, der wie Raumer Professor an der Berliner Universität war.

2 Tieck hatte Raumer gebeten, ihm Geld zu leihen und im Zuge dessen angeboten, als Bürgen Henriette von Finckenstein, Friedrich von Kalkreuth oder Ernst von Malsburg einzusetzen. Vgl. den Brief vom 15. September 1823, S.2.

3 Hier geht es um das Projekt der Herausgabe von Solgers Nachgelassenen Schriften und Briefwechseln (erschienen 1826). Im vorangegangenen Brief hatte Tieck Raumer bereits angekündigt, ihm ein Paket mit allem, was ihm „von der Correspondenz und aus den Tagebüchern zur Bekanntmachung geeignet schien“, zuzuschicken. Vgl. den Brief vom 6. Oktober 1823, S.1.

4 Tieck arbeitete Jahrzehnte lang an einem Buch über Shakespeare, das er jedoch nie zu Ende schrieb.

So ist die menschliche Unersättlichkeit. Sie haben kaum die
Hohenstaufen geendigt, so wünschte ich schon sSie mit einer andren
Arbeit beschäftiget zu wissen. Ich hoffe auch, Sie werden an
die Geschichte der 3 Jahrh. gehen.5 Mir deucht, diese Unternehmung muß
Ihrem Genie und Ihrer Art zu denken sehr zusagen. Und, wie ich
schon einmal äusserte, hier scheint mir Reflexion, ja selbst Polemik,
so mehr man sich den neueren Zeiten nähert, nicht so unhistorisch,
wie es in den früheren Jahrhunderten der Fall würde gewesen sein.

Ich muß heute kurz u unzusam̄enhängend sein, um die
Post nicht noch einmal zu versäumen. Grüssen Sie Ihre so liebens=
würdige Gattinn von mir u uns allen, die Gräfinn, die
Töchter, vorzügl. Agnes, die Mutter, alle empfehlen sich
Ihrem Angedenken.

(Stempel: "Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz")

Behalten Sie mich lieb u kom̄en Sie künftigen Som̄er
wieder zu uns. Ohne Ihnen hier viel Herrliches versprechen zu kön̄en,
glaube ich doch, daß wir recht vergnügt mit einander sein würden.

Ihr
treuer Freund,
L. Tieck.

Kommentare

5 Raumers „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“, die Tieck hier wahrscheinlich meint, erschien im Zeitraum von 1832-1850.

227
(Stempel: "DRESDEN 10. Oct. 23." )
32

An den Herrn
Regierungsrath und Professor
Fried. von Raumer
Hochwohlgebohr.
in
Berlin

frei 3
fahrende Post.
Mein geliebter Freund.

Sie zürnen mir vielleicht, daß ich Ihnen die Beilagen nicht eher [übermacht] habe, es ist aber nicht meine Schuld, oder Vernachlässigung, denn Kalkreuth so wie Malsburg, waren beide verreiset, und sind erst seit zwei Tagen wiedergekommen, worauf sich Kalkreuth sogleich aufs neue von hier begeben hat. Er hat indessen kein Bedenken getragen, sich für mich mit zu unterschreiben: ich wünsche mir, daß die Form richtig sein möge und genügend, ich bin zu wenig in diesen Sachen geübt, um gewiß zu sein, ob dem so ist. 1

Sie werden nun mein grosses Paket erhalten haben, und ich bitte und wünsche, daß Sie auch recht bald etwas zur Beförderung der Sache thun.2 Da mein Befinden jezt recht gut ist, so fange ich an, recht fleissig zu sein, und ich denke die Cevennen, den Tischler, und noch einige andre Sachen, recht bald beendigt zu haben. Als dann denke ich auch an meinen Shakspear3. Ich möchte auch wohl, wie ich in früheren Jahren schon einmal angefangen hatte, ein zusammenhängendes Buch über Göthe schreiben. Er ist doch durchaus, wenn man strenge sein will, einzig seit Shakespeare in dieser Rücksicht zu nennen. Er blickt eben so zurück und in die Zukunft hinein. Die Sache ist aber schwer; ich könnte es mit Shakespeare und mit einem Buch über Cervantes verbinden, was ich auch schon seit lange angefangen habe.

Kommentare

1 Tieck hatte Raumer gebeten, ihm Geld zu leihen und im Zuge dessen angeboten, als Bürgen Henriette von Finckenstein, Friedrich von Kalkreuth oder Ernst von Malsburg einzusetzen. Vgl. den Brief vom 15. September 1823, S.2.

2 Hier geht es um das Projekt der Herausgabe von Solgers Nachgelassenen Schriften und Briefwechseln (erschienen 1826). Im vorangegangenen Brief hatte Tieck Raumer bereits angekündigt, ihm ein Paket mit allem, was ihm „von der Correspondenz und aus den Tagebüchern zur Bekanntmachung geeignet schien“, zuzuschicken. Vgl. den Brief vom 6. Oktober 1823, S.1.

3 Tieck arbeitete Jahrzehnte lang an einem Buch über Shakespeare, das er jedoch nie zu Ende schrieb.

So ist die menschliche Unersättlichkeit. Sie haben kaum die Hohenstaufen geendigt, so wünschte ich schon Sie mit einer andren Arbeit beschäftiget zu wissen. Ich hoffe auch, Sie werden an die Geschichte der 3 Jahrhunderte gehen.4 Mir deucht, diese Unternehmung muß Ihrem Genie und Ihrer Art zu denken sehr zusagen. Und, wie ich schon einmal äusserte, hier scheint mir Reflexion, ja selbst Polemik, so mehr man sich den neueren Zeiten nähert, nicht so unhistorisch, wie es in den früheren Jahrhunderten der Fall würde gewesen sein.

Ich muß heute kurz und unzusammenhängend sein, um die Post nicht noch einmal zu versäumen. Grüssen Sie Ihre so liebenswürdige Gattinn von mir und uns allen, die Gräfinn, die Töchter, vorzüglich Agnes, die Mutter, alle empfehlen sich Ihrem Angedenken.

Behalten Sie mich lieb und kommen Sie künftigen Sommer wieder zu uns. Ohne Ihnen hier viel Herrliches versprechen zu können, glaube ich doch, daß wir recht vergnügt mit einander sein würden.

Ihr treuer Freund, L. Tieck.

Kommentare

4 Raumers „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“, die Tieck hier wahrscheinlich meint, erschien im Zeitraum von 1832-1850.

An den Herrn
Regierungsrath und Professor
Friedrich von Raumer
Hochwohlgebohren
in
Berlin

frei fahrende Post.