Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 14. März 1824)

 

 

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    Tieck an Raumer 14 März 24 Mein geliebter Freund,

    Freilich bin ich Ihnen seit lange einen Brief schuldig,
    wohl mehrere – aber: wer kann für sein Schicksal, oder für
    eine tief eingewurzelte Schlechtigkeit? Und doch kann man dafür. Andre
    Menschen, und so ist es recht, schreiben einen Brief, selbst einen recht ver=
    ständigen, neben her, und ich mache zu jedem Billett Zurüstungen, wie
    zu einer Ilias: der Brief kommt nicht zu ZStande, u ganz wie in Hol=
    bergs
    Vielgeschrei
    , wird des Briefes wegen oft auf lange jede Arbeit
    aufgeschoben. Sie haben mir so herrliche Blätter geschickt, daß ich aus
    Dankbarkeit Ihnen längst irgend was hätte erwiedern müssen, und
    immer ist es aufgeschoben worden. Eine Entschuldigung, das weiß
    ich, werden Sie gelten lassen. Die Ceven̄en sind fast fertig, u
    Reimer hat auch schon das meiste Mcpt: darf ich den Freunden, u der
    Wirkung beim Vorlesen vertrauen, so ist dse Fortsetzg des Anfan=
    ges, den Sie kennen, nicht unwürdig: auch andre poetische Sachen
    habe ich gedichtet, ich bin beinah fleissig gewesen, u der lange
    Brief an Sie über Romeo (ich dachte Sie hätten dies Hin u Her
    längst gelesen) ist denn nebenher auch geschrieben worden. 1
    Die Erklärung des Hamletschen Monologs in der Abendzeitung
    wird Ihnen also auch noch neu sein.2 – Ich sollte Ihnen nur jezt
    vielerlei beantworten, u kann es wahrlich nicht, so bedrängt bin ich.
    Daß Ihr Buch sich im̄er mehr Platz macht, werden Sie selber wissen,
    die Leute, auf welche es doch nur ankommt, sprechen alle mit der
    größten Hochachtung davon. Ich denke viel an die Anzeige, u habe meinen
    Plan dazu schon ganz gemacht.

    Kommentare

    1 Der Brief erschien zuerst im Kontext von Tiecks Texten „Ueber das Königl. Theater in Dresden“ in der Dresdener Abend-Zeitung vom 3. bis zum 13. Dezember 1823 (Nr. 289-298). 1826 nahm Tieck ihn unter dem Titel „Romeo und Julia, von Shakspeare, nach Schlegel's Uebersetzung. Brief an Fr. von Raumer in Berlin“ in den 1. Band seiner Dramaturgischen Blätter (S.237-277) auf. Diese wiederum wurden viele Jahre später als Teil der Kritischen Schriften erneut publiziert; der besagte Brief an Raumer findet sich in Bd. 3 (1852), S.171-201.

    2 Tieck publizierte diesen Text erneut 1826 im 2. Band seiner Dramaturgischen Blätter unter dem Titel Ueber Hamlet's Monolog. Ein Nachtrag zum Nachtrage (S.127-133) und dann erneut 1852 im 3. Band der Kritischen Schriften (S.293-298).

    Der junge Brockhaus war einige Tage hier, u ich habe
    dsem gleich die Subskribenten Liste für Solgers Nachlaß mitgegeben,
    es sind freil. nur mit mir 25 Exempl.: für Dresden wenig. Warum
    aber, theurer Freund, haben Sie nicht schon das Mscpt. eingesandt?
    Wissen Sie noch, wie Sie mich quälten u trieben? Nun haben Sie
    es länger, als ich verzögert. Ich kann mir wohl denken, daß
    Sie auch viele Arbeiten haben, indessen Sie erleben doch nun
    selbst, wie man dergleichen aufschiebt. Vielleicht kan̄
    ich noch einige lehrreiche Briefe an Schütz dazu schaffen.
    Aber der lange Brief an Hagen!3 Er hat damals gesagt,
    er hätte ihn mir hier gelassen. Das ist aber nicht der Fall. Es scheint,
    er will ihn nicht drucken lassen.

    (Stempel: "Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz")

    Ich lege Ihnen mit dem Paket lieber gleich den Brief
    von Thorbeck an mich bei. Sie werden ihn nicht aus
    Ihren Händen kommen lassen, darauf rechne ich, so
    wie auf den diskreten Gebrauch desselben. Sie werden dort
    am besten wissen, was sich thun läßt u was [unmögl.] ist.
    Vielleicht schreiben Sie gleich selbst an Thorbeck.

    Der Ihnen dies Paket überbringt ist W. Bernhardi. Ich weiß,
    Sie werden ihn freundl. aufnehmen. Grüssen Sie die Ihrigen
    u bleiben Sie mein Freund, wie ich

    der Ihrige.
    L. Tieck.
    [Finis.]

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    3 Gemeint ist der Brief von Solger an Friedrich Heinrich von der Hagen vom 11. September 1819; vgl. Solgers Nachgelassene Schriften und Briefwechsel, Bd. 1, S. 741-749.

    Mein geliebter Freund,

    Freilich bin ich Ihnen seit lange einen Brief schuldig, wohl mehrere – aber: wer kann für sein Schicksal, oder für eine tief eingewurzelte Schlechtigkeit? Und doch kann man dafür. Andre Menschen, und so ist es recht, schreiben einen Brief, selbst einen recht verständigen, neben her, und ich mache zu jedem Billett Zurüstungen, wie zu einer Ilias: der Brief kommt nicht zu Stande, und ganz wie in Holbergs Vielgeschrei, wird des Briefes wegen oft auf lange jede Arbeit aufgeschoben. Sie haben mir so herrliche Blätter geschickt, daß ich aus Dankbarkeit Ihnen längst irgend was hätte erwiedern müssen, und immer ist es aufgeschoben worden. Eine Entschuldigung, das weiß ich, werden Sie gelten lassen. Die Cevennen sind fast fertig, und Reimer hat auch schon das meiste Manuscript: darf ich den Freunden, und der Wirkung beim Vorlesen vertrauen, so ist diese Fortsetzung des Anfanges, den Sie kennen, nicht unwürdig: auch andre poetische Sachen habe ich gedichtet, ich bin beinah fleissig gewesen, und der lange Brief an Sie über Romeo (ich dachte Sie hätten dies Hin und Her längst gelesen) ist denn nebenher auch geschrieben worden. 1 Die Erklärung des Hamletschen Monologs in der Abendzeitung wird Ihnen also auch noch neu sein.2 – Ich sollte Ihnen nur jezt vielerlei beantworten, und kann es wahrlich nicht, so bedrängt bin ich. Daß Ihr Buch sich immer mehr Platz macht, werden Sie selber wissen, die Leute, auf welche es doch nur ankommt, sprechen alle mit der größten Hochachtung davon. Ich denke viel an die Anzeige, und habe meinen Plan dazu schon ganz gemacht.

    Kommentare

    1 Der Brief erschien zuerst im Kontext von Tiecks Texten „Ueber das Königl. Theater in Dresden“ in der Dresdener Abend-Zeitung vom 3. bis zum 13. Dezember 1823 (Nr. 289-298). 1826 nahm Tieck ihn unter dem Titel „Romeo und Julia, von Shakspeare, nach Schlegel's Uebersetzung. Brief an Fr. von Raumer in Berlin“ in den 1. Band seiner Dramaturgischen Blätter (S.237-277) auf. Diese wiederum wurden viele Jahre später als Teil der Kritischen Schriften erneut publiziert; der besagte Brief an Raumer findet sich in Bd. 3 (1852), S.171-201.

    2 Tieck publizierte diesen Text erneut 1826 im 2. Band seiner Dramaturgischen Blätter unter dem Titel Ueber Hamlet's Monolog. Ein Nachtrag zum Nachtrage (S.127-133) und dann erneut 1852 im 3. Band der Kritischen Schriften (S.293-298).

    Der junge Brockhaus war einige Tage hier, und ich habe diesem gleich die Subskribenten Liste für Solgers Nachlaß mitgegeben, es sind freilich nur mit mir 25 Exemplare: für Dresden wenig. Warum aber, theurer Freund, haben Sie nicht schon das Manuscript eingesandt? Wissen Sie noch, wie Sie mich quälten und trieben? Nun haben Sie es länger, als ich verzögert. Ich kann mir wohl denken, daß Sie auch viele Arbeiten haben, indessen Sie erleben doch nun selbst, wie man dergleichen aufschiebt. Vielleicht kann ich noch einige lehrreiche Briefe an Schütz dazu schaffen. Aber der lange Brief an Hagen!3 Er hat damals gesagt, er hätte ihn mir hier gelassen. Das ist aber nicht der Fall. Es scheint, er will ihn nicht drucken lassen.

    Ich lege Ihnen mit dem Paket lieber gleich den Brief von Thorbeck an mich bei. Sie werden ihn nicht aus Ihren Händen kommen lassen, darauf rechne ich, so wie auf den diskreten Gebrauch desselben. Sie werden dort am besten wissen, was sich thun läßt und was [unmöglich] ist. Vielleicht schreiben Sie gleich selbst an Thorbeck.

    Der Ihnen dies Paket überbringt ist W. Bernhardi. Ich weiß, Sie werden ihn freundlich aufnehmen. Grüssen Sie die Ihrigen und bleiben Sie mein Freund, wie ich

    der Ihrige. L. Tieck. [Finis.]

    Kommentare

    3 Gemeint ist der Brief von Solger an Friedrich Heinrich von der Hagen vom 11. September 1819; vgl. Solgers Nachgelassene Schriften und Briefwechsel, Bd. 1, S. 741-749.