Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, März 1828)

 

 

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Tieck an Raumer 249
Geliebter Freund,

Wie sehr bin ich diesmal in Ihre Schuld gerathen, so sehr, dß
kein Entschuldigen und keine Abbitte etwas fruchtet. Ich weiß aber
schon, dß Sie meine Liebe nicht nach meinen Briefen abmessen, denn
sonst stünde meine Rechnung übel bei Ihnen. Ich habe recht lange
gekränkelt, u recht schlimm, dann auch etwas gearbeitet, aber
alles dies kann kaum eine Vorbitte einlegen. Ich weiß nur, daß
meine Freude, Sie wieder zu sehn, dieses mal noch grösser ist, als sonst,
weil es nun gerade ein Jahr ist, daß Sie nicht hier waren. Ich
wünsche mir, daß es Ihnen eben so ist, daß Sie recht gern kom̄en,
u alle die alte Liebe, das Vertrauen, Ihr jugendliches Wesen,
Heiterkeit u Schutz mit bringen. In meiner Familie wird schon
seit lange von Ihrem Hiersein täglich, Morgen, Mittags und
Abends gesprochen. Uns allen, mir vorzüglich, ist es ein Fest, dem
wir entgegen gehn. — Diesmal aber, da ich darüber aufrichtig
sein soll, ist es besser, Sie wohnen in Gotha: ich habe im̄er ge=
fürchtet, dß Sie sich oben etwas geniert fühlen, aber sonst störte
uns ihr Aufenthalt nicht, diesmal haben meine Töchter1 aber
Stunden, die Sie für dse Zeit ganz zerreissen müßten. Mein
Logis macht mir in dieser Hinsicht viel Verdruß, das es so
eng und unbequem ist.

Ihre Städte-Ordnung, u was Sie sonst geschrieben haben,
bringen Sie mir wohl mit, vorzüglich aber doch die Fortsetzg
Ihrer Geschichte, es wäre doch schlimm, wenn Sie gar nichts an dsem
Werke gearbeitet hätten. Ich möchte auch gern manche frühere,
z. B. Kginn Elisabeth wieder lesen, u Carl V. Ich hoffe, Sie
bringen Papiere, die uns erbauen können.

Kommentare

1 Gemeint sind Dorothea und Agnes

Ich leide in diesem Jahre mehr als sonst und erhoffe und
ersehne den Frühling. Hier sind jezt die Masern sehr verbreitet,
möge der Himmel Ihre Kinder beschützen.

Hat Loebel Ihnen gesagt, daß Solgers altes Projekt
eines Quarterly Review wieder lebendig in mir geworden ist?
Es könnte von grossem Nutzen sein, nur müßte es ein Insti=
tut werden, daß sogleich fest stünde, ein Buch, das viel gelesen
würde. Wo nur den Philosophen hernehmen? Dieser Anblick
der [fanalischen] Deutschen ist gar zu traurig, die alle zehn Jahre
nach einer neuen Seite hinrennen. Schleiermacher wäre
wohl für die theologische Philosophie gut, Loebel könnte sehr helfen,
vielleicht Hormayer, auch W. Schlegel, Al. Humbold wäre viel=
leicht für einige Beiträge nicht abgeneigt; ich hoffe, mehr Freunde
u Bekannte zu vereinigen, wenn wir erst einen soliden Buch=
händler für die Unternehmung interessiert haben, denn das Honorar
muß allerdings bedeutend sein, damit auch die Arbeiten gut
sein können.

(Stempel: "Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz")

Löebel wird Ihnen von meiner Vorrede zu [Lentz] ge=
sagt haben, diese Arbeit, die mir nicht mißrathen scheint,
kann ich Ihnen dann doch wenigstens mittheilen. Ich bin sehr
begierig, ob diese Art zu sehn, u die dramatische Weise,
einen so wichtigen Gegenstand abzuhandeln, Ihren Beifall
haben wird.

Können Sie mir nicht Capell's Prolusions, kl. 8.
(um 1760 gedr. London) mitbringen, — u [Euphals his]
golden Legacy
von Lodge, beides ist auf Berl. Bibliothek,

250
eben so ein Garland, oder Parnassos, wie es heißt, auch
um 1610 — steht fast neben dem Euphues, u dem alten
Heywood, den Epigram̄en: Dichter, den ich auch schon längst
gern wieder gehabt hätte. Ich muß mir dse Sachen, da ich sie
nicht kaufen kann, abschreiben lassen. —

Von der Schechner war schon im Druck leider man=
ches gestrichen (nach Ihrer frühren Vollmacht) bevor Ihr
späterer Wille ankam. — Den Holinshed brauchte ich
auch eigentl. höchst nöthig, aber auf längre Zeit, u auf
hiesiger Bibl. ist er nicht.

Ueber alles dies wollen wir recht viel u vieles sprechen,
— ich habe aber in dsem Jahr eine ganz neue Erfahrung an
mir gemacht, daß ich oft plözlich matt u schwach bin, mei[...]
Nerven waren den Winter über sehr angegriffen, u s[...]
leide ich wieder oft an Schlaflosigkeit, die mich dann
[...]
auf den folgenden Tag völlig [herunterbringt].

Die Graefinn, meine Familie, alle grüssen herzlich, u bitten,
auch Ihre Frau und Kind zu begrüssen: — so wie ich meinen
Bruder, wenn Sie ihn sehn.

Auch kein Brief, aber doch ein Zettel von

Ihrem

L. Tieck.

2
(Stempel: "DRESDEN 22. [...] 26")

Sr. Hochwohlgebohren
des Herrn Regierungs=Rathes und
Professor von Raumer
in
Berlin

Kommentare

2 Auf dem Blatt finden sich diverse Postvermerke sowie ein schwarzes Siegel.

Geliebter Freund,

Wie sehr bin ich diesmal in Ihre Schuld gerathen, so sehr, daß kein Entschuldigen und keine Abbitte etwas fruchtet. Ich weiß aber schon, daß Sie meine Liebe nicht nach meinen Briefen abmessen, denn sonst stünde meine Rechnung übel bei Ihnen. Ich habe recht lange gekränkelt, und recht schlimm, dann auch etwas gearbeitet, aber alles dies kann kaum eine Vorbitte einlegen. Ich weiß nur, daß meine Freude, Sie wieder zu sehn, dieses mal noch grösser ist, als sonst, weil es nun gerade ein Jahr ist, daß Sie nicht hier waren. Ich wünsche mir, daß es Ihnen eben so ist, daß Sie recht gern kommen, und alle die alte Liebe, das Vertrauen, Ihr jugendliches Wesen, Heiterkeit und Schutz mit bringen. In meiner Familie wird schon seit lange von Ihrem Hiersein täglich, Morgen, Mittags und Abends gesprochen. Uns allen, mir vorzüglich, ist es ein Fest, dem wir entgegen gehn. — Diesmal aber, da ich darüber aufrichtig sein soll, ist es besser, Sie wohnen in Gotha: ich habe immer gefürchtet, daß Sie sich oben etwas geniert fühlen, aber sonst störte uns ihr Aufenthalt nicht, diesmal haben meine Töchter1 aber Stunden, die Sie für diese Zeit ganz zerreissen müßten. Mein Logis macht mir in dieser Hinsicht viel Verdruß, das es so eng und unbequem ist.

Ihre Städte-Ordnung, und was Sie sonst geschrieben haben, bringen Sie mir wohl mit, vorzüglich aber doch die Fortsetzung Ihrer Geschichte, es wäre doch schlimm, wenn Sie gar nichts an diesem Werke gearbeitet hätten. Ich möchte auch gern manche frühere, z. B. Königinn Elisabeth wieder lesen, und Carl V. Ich hoffe, Sie bringen Papiere, die uns erbauen können.

Kommentare

1 Gemeint sind Dorothea und Agnes

Ich leide in diesem Jahre mehr als sonst und erhoffe und ersehne den Frühling. Hier sind jezt die Masern sehr verbreitet, möge der Himmel Ihre Kinder beschützen.

Hat Loebel Ihnen gesagt, daß Solgers altes Projekt eines Quarterly Review wieder lebendig in mir geworden ist? Es könnte von grossem Nutzen sein, nur müßte es ein Institut werden, daß sogleich fest stünde, ein Buch, das viel gelesen würde. Wo nur den Philosophen hernehmen? Dieser Anblick der [fanalischen] Deutschen ist gar zu traurig, die alle zehn Jahre nach einer neuen Seite hinrennen. Schleiermacher wäre wohl für die theologische Philosophie gut, Loebel könnte sehr helfen, vielleicht Hormayer, auch W. Schlegel, Al. Humbold wäre vielleicht für einige Beiträge nicht abgeneigt; ich hoffe, mehr Freunde und Bekannte zu vereinigen, wenn wir erst einen soliden Buchhändler für die Unternehmung interessiert haben, denn das Honorar muß allerdings bedeutend sein, damit auch die Arbeiten gut sein können.

Löebel wird Ihnen von meiner Vorrede zu [Lentz] gesagt haben, diese Arbeit, die mir nicht mißrathen scheint, kann ich Ihnen dann doch wenigstens mittheilen. Ich bin sehr begierig, ob diese Art zu sehn, und die dramatische Weise, einen so wichtigen Gegenstand abzuhandeln, Ihren Beifall haben wird.

Können Sie mir nicht Capell's Prolusions, kl. 8. (um 1760 gedr. London) mitbringen, — und [Euphals his] golden Legacy von Lodge, beides ist auf Berl. Bibliothek,

eben so ein Garland, oder Parnassos, wie es heißt, auch um 1610 — steht fast neben dem Euphues, und dem alten Heywood, den Epigrammen: Dichter, den ich auch schon längst gern wieder gehabt hätte. Ich muß mir diese Sachen, da ich sie nicht kaufen kann, abschreiben lassen. —

Von der Schechner war schon im Druck leider manches gestrichen (nach Ihrer frühren Vollmacht) bevor Ihr späterer Wille ankam. — Den Holinshed brauchte ich auch eigentlich höchst nöthig, aber auf längre Zeit, und auf hiesiger Bibliothek ist er nicht.

Ueber alles dies wollen wir recht viel und vieles sprechen, — ich habe aber in diesem Jahr eine ganz neue Erfahrung an mir gemacht, daß ich oft plözlich matt und schwach bin, mei[ne] Nerven waren den Winter über sehr angegriffen, und s[o] leide ich wieder oft an Schlaflosigkeit, die mich dann [...] auf den folgenden Tag völlig [herunterbringt].

Die Graefinn, meine Familie, alle grüssen herzlich, und bitten, auch Ihre Frau und Kind zu begrüssen: — so wie ich meinen Bruder, wenn Sie ihn sehn.

Auch kein Brief, aber doch ein Zettel von

Ihrem

L. Tieck.

Seiner Hochwohlgebohren
des Herrn Regierungs=Rathes und
Professor von Raumer
in
Berlin