Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Dorothea Tieck an Friedrich von Uechtritz (Dresden, 7. April 1836)

 

 

Faksimile Dipl. Umschrift Lesefassung Metadaten Entitäten XML Faksimile Dipl. Umschrift Lesefassung Metadaten Entitäten XML
 
 

Personen im Manuskript

Personengruppen im Manuskript

    Werke im Manuskript

    Orte im Manuskript

    Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz
    Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Bibliothek

    ganze XML-Datei herunterladen powered by TEI

    Aktuelle Seite

     
    + 18


    Ich habe es sehr bedauert, theuerster
    Freund, daß es mit Ihrer Gesundheit
    nicht gut gegangen ist; lassen Sie doch
    Ihre homöopathischen Pulver1 weg, da
    sie Ihnen nicht einmal helfen. Mir geht
    es recht gut, nur habe ich wieder einige
    Sorge um meine Mutter, (ganz war
    das Uebel nie gehoben und nahm nun
    schon im Februar wieder zu, so daß
    im März eine Operation2 nöthig ward.
    Sie erholte sich zwar schnell hat aber
    doch jetzt schon wieder mehr zugenom̄en
    als man es nach 4 Wochen erwartet hät=
    te. Gott gebe daß wir bald besseres
    Wetter bekommen, denn das Leben im
    Freien hat einen guten Einfluß auf
    sie, sie ist übrigens kräftig und mun=
    ter und fühlt gar keine Beschwerden);
    so doch suche ich mich denn der zu großen
    Angst zu entschlagen, und denke da
    Gott so weit und auf so wunderbare
    Weise geholfen, will ich mich nicht durch
    Mißtrauen gegen ihn versündigen.
    Carus hat mich sehr beruhigt und findet,
    trotz dieses Anstoßes ihren Zustand
    viel besser als früher, da er mir die
    Gefahr nie verhohlen, so kann mich auch

    Kommentare

    1 Uechtritz war ein bekennender Anhänger der Homöopathie; vgl. Brief an seine Eltern vom 18. April 1832, in: Sybel: Erinnerungen, S. 133.

    2 Dies war die mindestens fünfte Operation zur Entfernung der Wasseransammlung in den Beinen gewesen; vgl. Brief vom 21. Januar 1835, S. 2 (Bl. 1 verso).

    jetzt dieser Ausspruch trösten, und
    in seine Einsicht über die Krankheit
    habe ich ein großes Vertrauen, thun läßt
    sich wohl nicht sehr viel, doch hat sich ihre gute
    Natur schon bewährt, und wird ihr, wie ich
    hoffe auch weiter helfen. In solchen Zeiten
    des Leidens, wie ich sie durchlebt habe lernt
    man es für die Gegenwart zu leben,
    und Gott für jeden guten Tag zu danken
    daß wir irgend eine Sicherheit für die
    Zukunft haben ist ja überhaupt nur eine
    Täuschung.

    Daß Sie sich mit Immermann versöhnt3
    haben ist recht gut, und es lag gewiß
    nicht an Ihnen daß eine Versöhnung noth=
    wendig war. Immermann kann mir
    zuweilen etwas komisches haben, und
    ich mußte unwillkührlich an die Versöhnung
    Satans mit Polykomikus denken;4
    zwar passen Sie zu keinem dieser Por=
    traits, dafür hat aber Immermann
    von beiden etwas; nannte ihn doch
    Löbell immer den Dämonischen, und
    fragte mich mit sehr bedenklicher Mien
    ob es denn wirklich wahr sey, daß die=
    ser dämonische Mensch bei uns gewesen
    und freundlich von uns aufgenom̄en
    sey. Ich werde mich wohl hüthen von
    dem was Sie über seine Theaterführung5
    schrieben etwas laut werden zu lassen

    Kommentare

    3 Zum Zerwürfnis zwischen Uechtritz und Immermann vgl. die Briefe vom 30. Oktober 1833, S. 6 (Bl. 3 verso) und 27. Juli 1835, S. 3 (Bl. 2 recto).

    4 Dorothea spielt hier auf den Schluss von Tiecks Prinz Zerbino an, in dem sich Polykomikus mit dem Satan versöhnt. Vgl. Ludwig Tieck: Prinz Zerbino, S. 367.

    5 Immermann hatte 1834 die Intendanz des Düsseldorfer Theaters übernommen und u. a. Tiecks Ritter Blaubart zur Uraufführung gebracht.

    wie leicht könnte er es auf irgend eine
    Weise wieder erfahren, und dann wäre
    es gewiß gleich wieder mit der ganzen
    Freundschaft aus.
    Seine Ansicht über
    den Vortrag des Tragischen6 kenne ich,
    da er uns einiges vorgelesen; daß er
    das Komische so hinab zieht ist sehr ver=
    kehrt und ich hätte es ihm nicht zugetraut
    als ob dies nicht ebenfalls zur Poesie
    gehörte, und man darin eben so wenig
    die rohe Natur sehen will, wie in den
    Ausbrüchen der Leiden. Ihr wegge=
    laufener Schauspieler wird nun wohl
    wieder da seyn, ich kann mir denken
    welche Verlegenheit es gewesen ist, den̄
    an unserm Theater sind doch mehr
    Mitglieder7 und so etwas eher zu ver=
    schmerzen.

    In den beiden verfloßnen Monathen
    war Agnes in Schlesien. Der älteste Bru=
    der
    8 meiner Mutter feierte seine gold=
    ne Hochzeit und sie wünschten sehr doch
    wenigstens eine von unsrer Familie
    dabei zu haben. Es ist ihr sehr wohl ge=
    gangen und die Reise selbst hat ihr viel
    Freude gemacht, es muß auch schön seyn
    das Gebürge im Winter zu sehen, und
    ich kann mir denken daß es schöner
    ist als im Sommer. Bis Görlitz fuhr
    sie mit der Eilpost und zwar mit ihrem

    Kommentare

    6 Auch Immermann pflegte in Düsseldorf dramatische Werke vor einem größeren Zuhörerkreis vorzutragen. Zu Immermanns Vortragsstil vgl. Putlitz: Karl Immermann: „Am wirksamsten war sein Vortrag im Heroischen und Pathetischen, wo der schöne Klang seiner Stimme, die Tiefe seiner Auffassung, die edle Beherrschung des Verses zu voller Geltung kamen, und wo er kaum von Anderen erreicht ist. […] Weniger gelangen ihm die komischen Sachen, obgleich er für dieselben eine besondere Vorliebe hatte, denn er überschritt dabei leicht die Grenzlinie, welche er selbst zwischen Action und Lesen zu ziehen für richig hielt, und trug hin und wieder die Farben zu grell auf. Zwar konnte er zu erschütterndem Lachen reizen, aber selten war bei seinen humoristischen Vorträgen jenes gründliche Behagen zu gewinnen, welches Tieck ohne allen Aufwand und ohne Künstelei hervorrief, so oft mit anmuthiger Leichtigkeit der sprudelnde Scherz seinem Munde heiter entquoll.“ (Ebd., S. 10 f.)

    7 Das Düsseldorfer Theater zählte etwa 16 Ensemblemitglieder; vgl. Viebahn: Statistik und Topographie des Regierungs-Bezirks Düsseldorf, S. 293. Dagegen gehörten dem Dresdner Hoftheater Ende 1836 etwa 35 Schauspieler an; vgl. Prölß: Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, S. 650–653.

    8 Johann Gustav Wilhelm Alberti.

    Bruder Rudolf zusammen, was ihr sehr
    lieb gewesen ist, er hat sich auch ihrer
    freundlichst angenommen und sie ein=
    geladen sie ihn in Marklisse9 zu besu=
    chen, dazu war aber die Zeit zu kurz.
    Ich begleitete Agnes auf die Post, und
    erkannte unter den einsteigenden
    Herren gleich Ihren Bruder an der
    Aehnlichkeit mit Ihnen, nur hätte ich
    ihn für älter gehalten als Sie. In
    Görlitz blieb Agnes einige Tage,
    und hat auch Ihre Schwester Asta be=
    sucht, die arme hatte, als Agnes auf
    der Rückreise sich wieder dort aufhielt
    eben ihr Kind verloren,10 und da hat
    sie sie nicht gesehen. Es hat mir recht
    sehr leid gethan, es ist das einzige
    Kind und die Stiefkinder sind doch
    schon größer und sie betrübt sich ge=
    wiß sehr.

    Raumer ist jetzt hier, und wird,
    wie Sie vielleicht schon gehört haben,
    noch in diesem Monath und wieder für
    den ganzen Sommer nach England gehen
    Ich fürchte es wird ihm zum zweiten
    mal11 dort nicht so gut gefallen. Sein
    Besuch ist immer eine große Freude
    und Erheitrung für uns. In der letz=
    ten Zeit haben wir unter unsern
    Bekannten viel trauriges erlebt,.

    Kommentare

    9 Rudolph von Uechtritz war Kreisrichter in Marklissa.

    10 Vgl. Brief Uechtritz' an seinen Vater vom 29. Mai 1836, in: Sybel: Erinnerungen, S. 142 f.

    11 Bereits ein Jahr zuvor, von März bis September 1835, hatte Raumer eine Studienreise nach England unternommen. 1836 veröffentlichte er die in Briefen abgefasste Beschreibung England im Jahre 1835.

    Die Gräfin Baudissin starb plötzlich
    am Scharlachfieber, sie hatte das Kind
    ihrer Pflegetochter gepflegt, ward
    von ihm angesteckt und starb wenig
    Tage nach dem Kinde.12 Baudissin macht
    eine Reise, der arme Mann ist ganz
    erdrückt vom Kum̄er. Auch ich habe
    mich sehr um die Gräfin betrübt,13 es
    war eine ausgezeichnete Frau, die
    wohl ihre Schwächen hatte, welche aber
    mehr aus Verwöhnung und Erziehung
    entsprangen, und mehr bemerkt wur=
    den als die wahren, großen und e[de]len
    Eigenschaften ihres Charakters.
    Wenn ich andre Menschen so schweres lei=
    den sehe kann ich es immer nicht begrei=
    fen warum mich der liebe Gott bis
    jetzt damit verschont hat, und ich be=
    greife noch weniger wie man es dan̄
    erträgt, Gott giebt auch wohl dann
    eine besondre Gnade und die Kürze
    und Vergänglichkeit alles Lebens ist
    auch ein Trost.

    Vater arbeitet fleißig; setzt aber
    die Cevennen nicht fort,14 sondern hat
    wieder zwei neue Novellen15 angefan=
    gen. Er spricht wohl von einer Reise16
    diesen Sommer, sagte aber heut noch,
    wenn etwas daraus würde sey er

    Kommentare

    12 Julie von Baudissin-Knoop starb am 15. März 1836, fünf Tage nachdem Maria, das Kind ihrer Adoptivtochter Isabella de Cubières, gestorben war.

    13 Im Beileidbrief Ludwig Tiecks an Baudissin vom 15. März 1836 heißt es: „Der Himmel wird Ihnen, Geliebter, seinen Trost nicht versagen. Vielleicht können Sie sich bald an eine Arbeit wieder etwas erheitern. Zu den Musen flieht man, wenn das Herz zerrissen ist: das ist das Göttliche der Kunst, Heilmittel nicht, denn der Schmertz bleibt ewig: aber sie fließet die Schmertzen abgem[…] in die Lebens-Bedingungen sänftigend ein.“ (Zitiert nach Goldmann: Wolf Heinrich Graf Baudissin, S. 252.)

    14 Die ersten beiden Abschnitte der Novelle Der Aufruhr in den Cevennen waren 1826 erschienen; sie blieb unvollendet.

    15 Die Novellen Wunderlichkeiten, erschienen 1837 in der Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1837, und Die Klausenburg, abgedruckt 1837 in der Helena. Taschenbuch für das Jahr 1837.

    16 Tieck und Henriette von Finckenstein reisten im Juli 1836 nach Baden-Baden und kehrten erst Mitte/Ende September 1836 nach Dresden zurück.

    doch auf jeden Fall Anfang Septembre
    wieder zurück. Ich hoffe dann kom̄en
    Sie auch bald, kommen Sie nur ja so
    früh wie möglich und bleiben Sie so
    lange es nur irgend angeht. Wir
    freuen uns alle so sehr darauf.

    Leben Sie wohl, die Eltern und Agnes
    grüßen herzlich,
    schreiben Sie mir bald
    wieder und vergessen Sie nicht Ihre
    Freundinn
    Dorothea T.

    Ich habe es sehr bedauert, theuerster Freund, daß es mit Ihrer Gesundheit nicht gut gegangen ist; lassen Sie doch Ihre homöopathischen Pulver1 weg, da sie Ihnen nicht einmal helfen. Mir geht es recht gut, nur habe ich wieder einige Sorge um meine Mutter, ganz war das Uebel nie gehoben und nahm nun schon im Februar wieder zu, so daß im März eine Operation2 nöthig ward. Sie erholte sich zwar schnell hat aber doch jetzt schon wieder mehr zugenommen als man es nach 4 Wochen erwartet hätte. Gott gebe daß wir bald besseres Wetter bekommen, denn das Leben im Freien hat einen guten Einfluß auf sie, sie ist übrigens kräftig und munter und fühlt gar keine Beschwerden; so suche ich mich denn der zu großen Angst zu entschlagen, und denke da Gott so weit und auf so wunderbare Weise geholfen, will ich mich nicht durch Mißtrauen gegen ihn versündigen. Carus hat mich sehr beruhigt und findet, trotz dieses Anstoßes ihren Zustand viel besser als früher, da er mir die Gefahr nie verhohlen, so kann mich auch

    Kommentare

    1 Uechtritz war ein bekennender Anhänger der Homöopathie; vgl. Brief an seine Eltern vom 18. April 1832, in: Sybel: Erinnerungen, S. 133.

    2 Dies war die mindestens fünfte Operation zur Entfernung der Wasseransammlung in den Beinen gewesen; vgl. Brief vom 21. Januar 1835, S. 2 (Bl. 1 verso).

    jetzt dieser Ausspruch trösten, und in seine Einsicht über die Krankheit habe ich ein großes Vertrauen, thun läßt sich wohl nicht sehr viel, doch hat sich ihre gute Natur schon bewährt, und wird ihr, wie ich hoffe auch weiter helfen. In solchen Zeiten des Leidens, wie ich sie durchlebt habe lernt man es für die Gegenwart zu leben, und Gott für jeden guten Tag zu danken daß wir irgend eine Sicherheit für die Zukunft haben ist ja überhaupt nur eine Täuschung.

    Daß Sie sich mit Immermann versöhnt3 haben ist recht gut, und es lag gewiß nicht an Ihnen daß eine Versöhnung nothwendig war. Immermann kann mir zuweilen etwas komisches haben, und ich mußte unwillkührlich an die Versöhnung Satans mit Polykomikus denken;4 zwar passen Sie zu keinem dieser Portraits, dafür hat aber Immermann von beiden etwas; nannte ihn doch Löbell immer den Dämonischen, und fragte mich mit sehr bedenklicher Mien ob es denn wirklich wahr sey, daß dieser dämonische Mensch bei uns gewesen und freundlich von uns aufgenommen sey. Ich werde mich wohl hüthen von dem was Sie über seine Theaterführung5 schrieben etwas laut werden zu lassen

    Kommentare

    3 Zum Zerwürfnis zwischen Uechtritz und Immermann vgl. die Briefe vom 30. Oktober 1833, S. 6 (Bl. 3 verso) und 27. Juli 1835, S. 3 (Bl. 2 recto).

    4 Dorothea spielt hier auf den Schluss von Tiecks Prinz Zerbino an, in dem sich Polykomikus mit dem Satan versöhnt. Vgl. Ludwig Tieck: Prinz Zerbino, S. 367.

    5 Immermann hatte 1834 die Intendanz des Düsseldorfer Theaters übernommen und u. a. Tiecks Ritter Blaubart zur Uraufführung gebracht.

    wie leicht könnte er es auf irgend eine Weise wieder erfahren, und dann wäre es gewiß gleich wieder mit der ganzen Freundschaft aus. Seine Ansicht über den Vortrag des Tragischen6 kenne ich, da er uns einiges vorgelesen; daß er das Komische so hinab zieht ist sehr verkehrt und ich hätte es ihm nicht zugetraut als ob dies nicht ebenfalls zur Poesie gehörte, und man darin eben so wenig die rohe Natur sehen will, wie in den Ausbrüchen der Leiden. Ihr weggelaufener Schauspieler wird nun wohl wieder da seyn, ich kann mir denken welche Verlegenheit es gewesen ist, denn an unserm Theater sind doch mehr Mitglieder7 und so etwas eher zu verschmerzen.

    In den beiden verfloßnen Monathen war Agnes in Schlesien. Der älteste Bruder8 meiner Mutter feierte seine goldne Hochzeit und sie wünschten sehr doch wenigstens eine von unsrer Familie dabei zu haben. Es ist ihr sehr wohl gegangen und die Reise selbst hat ihr viel Freude gemacht, es muß auch schön seyn das Gebürge im Winter zu sehen, und ich kann mir denken daß es schöner ist als im Sommer. Bis Görlitz fuhr sie mit der Eilpost und zwar mit ihrem

    Kommentare

    6 Auch Immermann pflegte in Düsseldorf dramatische Werke vor einem größeren Zuhörerkreis vorzutragen. Zu Immermanns Vortragsstil vgl. Putlitz: Karl Immermann: „Am wirksamsten war sein Vortrag im Heroischen und Pathetischen, wo der schöne Klang seiner Stimme, die Tiefe seiner Auffassung, die edle Beherrschung des Verses zu voller Geltung kamen, und wo er kaum von Anderen erreicht ist. […] Weniger gelangen ihm die komischen Sachen, obgleich er für dieselben eine besondere Vorliebe hatte, denn er überschritt dabei leicht die Grenzlinie, welche er selbst zwischen Action und Lesen zu ziehen für richig hielt, und trug hin und wieder die Farben zu grell auf. Zwar konnte er zu erschütterndem Lachen reizen, aber selten war bei seinen humoristischen Vorträgen jenes gründliche Behagen zu gewinnen, welches Tieck ohne allen Aufwand und ohne Künstelei hervorrief, so oft mit anmuthiger Leichtigkeit der sprudelnde Scherz seinem Munde heiter entquoll.“ (Ebd., S. 10 f.)

    7 Das Düsseldorfer Theater zählte etwa 16 Ensemblemitglieder; vgl. Viebahn: Statistik und Topographie des Regierungs-Bezirks Düsseldorf, S. 293. Dagegen gehörten dem Dresdner Hoftheater Ende 1836 etwa 35 Schauspieler an; vgl. Prölß: Geschichte des Hoftheaters zu Dresden, S. 650–653.

    8 Johann Gustav Wilhelm Alberti.

    Bruder Rudolf zusammen, was ihr sehr lieb gewesen ist, er hat sich auch ihrer freundlichst angenommen und sie eingeladen ihn in Marklisse9 zu besuchen, dazu war aber die Zeit zu kurz. Ich begleitete Agnes auf die Post, und erkannte unter den einsteigenden Herren gleich Ihren Bruder an der Aehnlichkeit mit Ihnen, nur hätte ich ihn für älter gehalten als Sie. In Görlitz blieb Agnes einige Tage, und hat auch Ihre Schwester Asta besucht, die arme hatte, als Agnes auf der Rückreise sich wieder dort aufhielt eben ihr Kind verloren,10 und da hat sie sie nicht gesehen. Es hat mir recht sehr leid gethan, es ist das einzige Kind und die Stiefkinder sind doch schon größer und sie betrübt sich gewiß sehr.

    Raumer ist jetzt hier, und wird, wie Sie vielleicht schon gehört haben, noch in diesem Monath und wieder für den ganzen Sommer nach England gehen Ich fürchte es wird ihm zum zweiten mal11 dort nicht so gut gefallen. Sein Besuch ist immer eine große Freude und Erheitrung für uns. In der letzten Zeit haben wir unter unsern Bekannten viel trauriges erlebt.

    Kommentare

    9 Rudolph von Uechtritz war Kreisrichter in Marklissa.

    10 Vgl. Brief Uechtritz' an seinen Vater vom 29. Mai 1836, in: Sybel: Erinnerungen, S. 142 f.

    11 Bereits ein Jahr zuvor, von März bis September 1835, hatte Raumer eine Studienreise nach England unternommen. 1836 veröffentlichte er die in Briefen abgefasste Beschreibung England im Jahre 1835.

    Die Gräfin Baudissin starb plötzlich am Scharlachfieber, sie hatte das Kind ihrer Pflegetochter gepflegt, ward von ihm angesteckt und starb wenig Tage nach dem Kinde.12 Baudissin macht eine Reise, der arme Mann ist ganz erdrückt vom Kummer. Auch ich habe mich sehr um die Gräfin betrübt,13 es war eine ausgezeichnete Frau, die wohl ihre Schwächen hatte, welche aber mehr aus Verwöhnung und Erziehung entsprangen, und mehr bemerkt wurden als die wahren, großen und e[de]len Eigenschaften ihres Charakters. Wenn ich andre Menschen so schweres leiden sehe kann ich es immer nicht begreifen warum mich der liebe Gott bis jetzt damit verschont hat, und ich begreife noch weniger wie man es dann erträgt, Gott giebt auch wohl dann eine besondre Gnade und die Kürze und Vergänglichkeit alles Lebens ist auch ein Trost.

    Vater arbeitet fleißig; setzt aber die Cevennen nicht fort,14 sondern hat wieder zwei neue Novellen15 angefangen. Er spricht wohl von einer Reise16 diesen Sommer, sagte aber heut noch, wenn etwas daraus würde sey er

    Kommentare

    12 Julie von Baudissin-Knoop starb am 15. März 1836, fünf Tage nachdem Maria, das Kind ihrer Adoptivtochter Isabella de Cubières, gestorben war.

    13 Im Beileidbrief Ludwig Tiecks an Baudissin vom 15. März 1836 heißt es: „Der Himmel wird Ihnen, Geliebter, seinen Trost nicht versagen. Vielleicht können Sie sich bald an eine Arbeit wieder etwas erheitern. Zu den Musen flieht man, wenn das Herz zerrissen ist: das ist das Göttliche der Kunst, Heilmittel nicht, denn der Schmertz bleibt ewig: aber sie fließet die Schmertzen abgem[…] in die Lebens-Bedingungen sänftigend ein.“ (Zitiert nach Goldmann: Wolf Heinrich Graf Baudissin, S. 252.)

    14 Die ersten beiden Abschnitte der Novelle Der Aufruhr in den Cevennen waren 1826 erschienen; sie blieb unvollendet.

    15 Die Novellen Wunderlichkeiten, erschienen 1837 in der Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1837, und Die Klausenburg, abgedruckt 1837 in der Helena. Taschenbuch für das Jahr 1837.

    16 Tieck und Henriette von Finckenstein reisten im Juli 1836 nach Baden-Baden und kehrten erst Mitte/Ende September 1836 nach Dresden zurück.

    doch auf jeden Fall Anfang Septembre wieder zurück. Ich hoffe dann kommen Sie auch bald, kommen Sie nur ja so früh wie möglich und bleiben Sie so lange es nur irgend angeht. Wir freuen uns alle so sehr darauf.

    Leben Sie wohl, die Eltern und Agnes grüßen herzlich, schreiben Sie mir bald wieder und vergessen Sie nicht Ihre Freundinn Dorothea Tieck