Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 23. Juni oder Januar 1832)

 

 

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    257
    1 Tieck an Raumer 23. Juni Geliebter Freund,

    Ich sende Ihnen auf Verlangen die kleine Vorrede
    sogleich zurück, welche ich sehr passend finde,ob sie gleich
    die Unvernünftigen von jenseit auch dem Verständniß [um]
    keinen Zoll näher bringen wird. Alles, darauf kom̄e ich
    immer zurück, ist epidemisch. Zuweilen selbst die Vernunft.
    Gegen dicken Nebel und daraus erzeugten Schnupfen
    helfen keine Argumente: er muß sich eben verziehen. [Wann]
    den Menschen der gute Wille mangelt, etwas einzusehn:
    woher soll die Möglichkeit und die Kraft der Belehrungen
    kommen? Und diese Leidenschaftlichkeit nimmt immer
    mehr überhand, nicht bloß in unserm Deutschland, sondern in
    ganz Europa. Der Vernünftige, der Einsichtsvolle, der
    wahre Patriot muß [dann] immer das Opfer, und der
    Gegenstand der allgemeinen Verfolgung werden. Dieses
    größte Elend, was wir nun schon seit 20 Jahren an Spanien
    beweinen mußten, rückt uns Deutschen nun auch immer
    näher, und die Regierungen, die Anstalten, die Furcht und
    unziemliche despotische Maasregeln, die wieder mit klein=
    licher Schwäche wechseln, treiben den [Ru]higen, Kaltblütigen,
    [...]tlichen ud Vernünftigen, in eine schroffe, ausge=
    sprochene Parthei, der er ursprünglich nicht angehören
    möochte, und sich nicht träumen ließ, daß er dahin gerathen
    würde. Dies ist für jedes wahre Volk ud jeden ächten Men=
    schen das größte Elend. Fast, wie man während des 30 jährigen
    Krieges nur mit geladener Flinte den Acker bestellen
    konnte. Dies löset nothwendig alle Kraft der Staaten
    wie alle Bande, und nur der kann ruhig sein, dem Alles gleich=
    gültig ist, der nie König, Vaterland und wahre Freiheit ge=
    liebt, hat, der niemals zu Deutschland gehörte, sondern in der

    Kommentare

    1 Zur Datierung: Die als Briefumschlag verwendete S.4 des Briefes (Blatt 258v) trägt, abweichend zu dem auf S. 1 / Blatt 257r (wahrscheinlich Raumers Hand) und S. 3 / Blatt 258r (Tiecks Hand) angegebenen Datum, dem 23. Juni 1832, einen Stempel vom 23. Januar 1832.

    Schüssel, oder Trägheit, oder in einem leeren Traume,
    Ideal, Cosmopolitism, philosophischen Frasen einheimisch
    war. Zu diesen können ud wollen wir nicht gehören.
    Diese werden aber nächst den Ultras gewissen Leuten bald
    für die besseren Patrioten gelten.

    ([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)

    Ihr Kummer, Ihr Verdruß küm̄ert mich ganz unendlich:
    so sehr, daß ich schon, auch mit Freunden, nicht mehr darüber spreche.
    Das ist bei mir im̄er das Zeichen des wahren Grames. Glauben Sie,
    daß ich seit lange dergleichen gefürchtet habe? Bei Ihrenm
    wahren und grossen historischen Sinn, so ächt Sie ein Deut=
    scher sind und ungefälschter Patriot, waren Sie [mir] stets
    [nur] ein Weniges Deutschland gegen über zu sehr Preusse: sahen in Ihrem mit Recht geliebten Vaterlande zu viel
    Gutes, und entschuldigten, ja rechtfertigten so Manches,
    was erst unscheinbar nun doch zu dem angewachsen ist,
    worüber sie mit Recht klagen und zürnen. Vielleicht, hätten
    Sie dies Gefühl des Argwohnes, was mich leider begleitet,
    (ud ich bin ja auch ein Brandenburger u liebe mein Geburtsland)
    was Solger schon 18 und 19 so sehr verstimmte, nicht abge=
    wiesen, wären Sie nicht so unendlich wahr, kindlich und
    poetisch treu, unbedingt hingegeben gewesen: so hätten
    Sie die Polnische Sache entweder gar nicht, etwas anders
    beschrieben, oder das Resultat überraschte sie nicht so, wie ein
    Don̄er aus heiterm Himmel: Denn die Gewölke waren da.
    Nöthig scheint mir, zu erfahren, wer Ihre [Eingabe]
    hat drucken lassen, ud so wie Sie es wissen, diesen öf=
    fentlich zu nennen
    . Denn, weil dergleichen eine all=
    tägliche Machination des Autoren ist, glaubt kein Mensch
    Ihrer Versichrung, ud so sieht es, (Ihre Freunde abgerechnet) jenen wie

    258

    eine kecke Herausfoderung der [Regirung] aus. Ich bitte, erhalten Sie
    sich den frischen Muth, die schnelle Antwortseligkeit, die ich Ihnen
    immer beneidet habe: denn, glaubt man, Sie sind eingeschüchtert,
    oder träge, oder schweigsam aus tiefster Kränkung: so ist
    Ihre Sache verlohren. Und darum würde ich sie auch unbedingt
    verliehren. Ein Geschichtschreiber muß selbst Geschichte erleben;
    allen ist es noch so [geworden]! aAber ich wünsche den Verdruß
    vorüber, und bitte und wünsche, daß Ihre Gegner sich der
    Vernunft bequemen. Der König wird gewiß wieder,
    wie im̄er, der vernünftigste sein. Die Billigkeit ist
    in aufgeregten Zeiten eine grosse Tugend. – O die
    Deutschen! u vor allen die Preussen! Kön̄en [sie] wohl
    ein Richtiges, Wahres, bescheiden, ruhig, in̄ig auffassen?
    Entweder verhöhnen, oder hussitisch schnauben. Wie herrlich
    die Jahre 13, 14, 15! Da waren einmal alle, u die besten
    Stränge angezogen. – Kom̄en Sie nur, Freund, Freund,
    sobald als möglich. Aber halten Sie Ihre Widersacher nur
    in einiger Furcht. – Im J. 12, wurden Sie aber so ver=
    kannt, u wurden Professor! Ihre Hohenstaufer von den
    sich so nen̄enden Liberalen ebenfalls, Ihre Lebenslust, Phi=
    losophie, Kunsttrieb von Pietisten im̄erdar: [nun] ver=
    kennt der eingebildete Preusse, den ächtesten Preussen[!]
    das ist alles in der Ordnung – ein Sprichwort, womit
    wir den Blödsinn bezeichnen wollen, der unter 10 Jahren
    im̄er 9 die Welt regiret. – Ich bin bewegt, eilig,
    schreibe schlecht; ein andermal über Ihr Stück. Ich habe Sie
    nie verkannt, u das ist in Ewigkeit nur möglich: Sie ken̄en
    mich auch – aber, man bedarf, um zu leben, auch des guten
    Wetters. —

    Ihr L. Tieck.
    (Stempel: "26 N [1] [1]")
    (Stempel: "DRESDEN 23 Jan 32")

    Herrn Regirungs=Rath [...]
    u Professor Fr. v. Raumer
    Hochwohlgebohren
      Berlin.

    a

    a [32 C4]

    1 Geliebter Freund,

    Ich sende Ihnen auf Verlangen die kleine Vorrede sogleich zurück, welche ich sehr passend finde,ob sie gleich die Unvernünftigen von jenseit auch dem Verständniß [um] keinen Zoll näher bringen wird. Alles, darauf komme ich immer zurück, ist epidemisch. Zuweilen selbst die Vernunft. Gegen dicken Nebel und daraus erzeugten Schnupfen helfen keine Argumente: er muß sich eben verziehen. [Wann] den Menschen der gute Wille mangelt, etwas einzusehn: woher soll die Möglichkeit und die Kraft der Belehrungen kommen? Und diese Leidenschaftlichkeit nimmt immer mehr überhand, nicht bloß in unserm Deutschland, sondern in ganz Europa. Der Vernünftige, der Einsichtsvolle, der wahre Patriot muß [dann] immer das Opfer, und der Gegenstand der allgemeinen Verfolgung werden. Dieses größte Elend, was wir nun schon seit 20 Jahren an Spanien beweinen mußten, rückt uns Deutschen nun auch immer näher, und die Regierungen, die Anstalten, die Furcht und unziemliche despotische Maasregeln, die wieder mit kleinlicher Schwäche wechseln, treiben den [Ru]higen, Kaltblütigen, [...]tlichen und Vernünftigen, in eine schroffe, ausgesprochene Parthei, der er ursprünglich nicht angehören mochte, und sich nicht träumen ließ, daß er dahin gerathen würde. Dies ist für jedes wahre Volk und jeden ächten Menschen das größte Elend. Fast, wie man während des 30 jährigen Krieges nur mit geladener Flinte den Acker bestellen konnte. Dies löset nothwendig alle Kraft der Staaten wie alle Bande, und nur der kann ruhig sein, dem Alles gleichgültig ist, der nie König, Vaterland und wahre Freiheit geliebt, hat, der niemals zu Deutschland gehörte, sondern in der

    Kommentare

    1 Zur Datierung: Die als Briefumschlag verwendete S.4 des Briefes (Blatt 258v) trägt, abweichend zu dem auf S. 1 / Blatt 257r (wahrscheinlich Raumers Hand) und S. 3 / Blatt 258r (Tiecks Hand) angegebenen Datum, dem 23. Juni 1832, einen Stempel vom 23. Januar 1832.

    Schüssel, oder Trägheit, oder in einem leeren Traume, Ideal, Cosmopolitism, philosophischen Frasen einheimisch war. Zu diesen können und wollen wir nicht gehören. Diese werden aber nächst den Ultras gewissen Leuten bald für die besseren Patrioten gelten. Ihr Kummer, Ihr Verdruß kümmert mich ganz unendlich: so sehr, daß ich schon, auch mit Freunden, nicht mehr darüber spreche. Das ist bei mir immer das Zeichen des wahren Grames. Glauben Sie, daß ich seit lange dergleichen gefürchtet habe? Bei Ihrem wahren und grossen historischen Sinn, so ächt Sie ein Deutscher sind und ungefälschter Patriot, waren Sie [mir] stets [nur] ein Weniges Deutschland gegen über zu sehr Preusse: sahen in Ihrem mit Recht geliebten Vaterlande zu viel Gutes, und entschuldigten, ja rechtfertigten so Manches, was erst unscheinbar nun doch zu dem angewachsen ist, worüber sie mit Recht klagen und zürnen. Vielleicht, hätten Sie dies Gefühl des Argwohnes, was mich leider begleitet, (und ich bin ja auch ein Brandenburger u liebe mein Geburtsland) was Solger schon 18 und 19 so sehr verstimmte, nicht abgewiesen, wären Sie nicht so unendlich wahr, kindlich und poetisch treu, unbedingt hingegeben gewesen: so hätten Sie die Polnische Sache entweder gar nicht, etwas anders beschrieben, oder das Resultat überraschte sie nicht so, wie ein Donner aus heiterm Himmel: Denn die Gewölke waren da. Nöthig scheint mir, zu erfahren, wer Ihre [Eingabe] hat drucken lassen, und so wie Sie es wissen, diesen öffentlich zu nennen. Denn, weil dergleichen eine alltägliche Machination des Autoren ist, glaubt kein Mensch Ihrer Versichrung, und so sieht es, (Ihre Freunde abgerechnet) jenen wie

    eine kecke Herausfoderung der [Regirung] aus. Ich bitte, erhalten Sie sich den frischen Muth, die schnelle Antwortseligkeit, die ich Ihnen immer beneidet habe: denn, glaubt man, Sie sind eingeschüchtert, oder träge, oder schweigsam aus tiefster Kränkung: so ist Ihre Sache verlohren. Und darum würde ich sie auch unbedingt verliehren. Ein Geschichtschreiber muß selbst Geschichte erleben; allen ist es noch so [geworden]! Aber ich wünsche den Verdruß vorüber, und bitte und wünsche, daß Ihre Gegner sich der Vernunft bequemen. Der König wird gewiß wieder, wie immer, der vernünftigste sein. Die Billigkeit ist in aufgeregten Zeiten eine grosse Tugend. – O die Deutschen! und vor allen die Preussen! Können [sie] wohl ein Richtiges, Wahres, bescheiden, ruhig, innig auffassen? Entweder verhöhnen, oder hussitisch schnauben. Wie herrlich die Jahre 13, 14, 15! Da waren einmal alle, und die besten Stränge angezogen. – Kommen Sie nur, Freund, Freund, sobald als möglich. Aber halten Sie Ihre Widersacher nur in einiger Furcht. – Im Jahre 12, wurden Sie aber so verkannt, und wurden Professor! Ihre Hohenstaufer von den sich so nennenden Liberalen ebenfalls, Ihre Lebenslust, Philosophie, Kunsttrieb von Pietisten immerdar: [nun] verkennt der eingebildete Preusse, den ächtesten Preussen[!] das ist alles in der Ordnung – ein Sprichwort, womit wir den Blödsinn bezeichnen wollen, der unter 10 Jahren immer 9 die Welt regiret. – Ich bin bewegt, eilig, schreibe schlecht; ein andermal über Ihr Stück. Ich habe Sie nie verkannt, und das ist in Ewigkeit nur möglich: Sie kennen mich auch – aber, man bedarf, um zu leben, auch des guten Wetters. —

    Ihr L. Tieck.

    Herrn Regirungs=Rath [...]
    und Professor Friedrich von Raumer
    Hochwohlgebohren
      Berlin.