Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 7. oder 5. August 1832)

 

 

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    261
    1 Tieck an Raumer 5 Aug 32 Mein geliebter Freund:

    Wie sehr schmerzt mich Ihr Schmerz! 2 Ich weiß es, Sie, als ein
    wahrer, männlicher Mann, können Ihre Trauer nicht bei Hinz
    und Kunz ausbieten, Sie können heiter scheinen und kräftig und
    thätig in Ihrem Berufe sein, und doch blutet ihr Herz immerdar
    und sie verschlucken die brennenden Thränen. Was Ihnen ein Freund
    zum sogenannten Trost sagen könnte, das haben Sie alles aus
    erster Quelle. Und warum sollen wir denn nicht unsere Schmerzen
    ausdulden? Sind sie nicht unser kostbarstes Gut? Ohne die ächten
    wäre unser Leben ja nur ein Spiel der Marionetten und die
    Freude nüchtern. Aber lehre uns diese Trauerbegebenheit mit
    unsern lezten Jahren recht zu geizen. Es kann sein, [Liebster]
    daß Ihre theure Schwester Sie noch mehr erkannt hat, als ich; schon
    im Blut liegt viel; aber sonst läßt sich dergleichen schwer
    messen, wenn ich das Unausprechliche, was dem Blute angehört,
    abrechne. 3 Ist es nicht die Seeligkeit der wahren Freundschaft, daß wir
    von jedem ächten Freunde auf eine ganz eigne, andre Art geliebt
    werden, wie wir jedem denn auch mit einer eigenthümlichen Liebe
    entgegen kommen? Durch des Freundes individuelle Gestalt, Schwächen
    u Tugenden, Talente und Vorurtheile, entwickelt sich eine eigne
    Gestaltung der Liebe, ein Gedicht, oder wie soll ich es nennen, welches
    jenes Allgemeine, Unbestimmte unsres menschlichen Wohlwollens,
    oder jene schwärmende Liebe, die Blumen und Stauden, Felsen und Sterne
    umarmen möchte, in ein seeliges Gefühl von Vertrauen, Kraft, Mit=
    theilung, Glauben u Zärtlichkeit verwandelt, dem sich so süß Humor,
    Albernheit, Schertz und zuweilen Streit beigesellt, daß wir fühlen, in
    unsern Freunden wird erst unser Leben (neben Vaterland, Beruf,
    Studien) zum Leben. So habe ich es erfahren. Wie hätte z. B. W. Schle=
    gel
    die Liebe brauchen können, mit welcher ich Novalis zugethan war?
    Wackenroder hätte mit meinen Solgerschen Geistes=Ergüssen nichts
    anzufangen gewußt; u Solger hätte sich gewiß zurückgezogen, wäre

    Kommentare

    1 Das Manuskript trägt zwei verschiedene Datierungen: den 5. August (wahrscheinlich Raumers Hand in Bleistift auf S. 1 / Bl. 261r) und den 7. August (Tiecks Hand auf S. 4 / Bl. 262v). Raumer veröffentlichte den ersten Teil des Briefes (S. 1-2), datiert auf den 5. August, in: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 148f.

    2 Offenbar im Juli 1832 war Friedrich von Raumers Schwester Louise gestorben. Im Folgenden bezieht sich Tieck auf zwei Briefe von Raumer. Im ersten Brief vom 16. Juli 1832 schreibt dieser:

    „Binnen acht Tagen ist meine Schwester Louise meiner Schwester Agnes und dem Neffen gefolgt. Drei Todte binnen vierzehn Tagen, sieben Raumers gestorben in funfzehn Monaten, zwei Onkel, zwei Tanten, zwei Schwestern, ein Neffe. Kaum glaubt man nach solchen Erfahrungen an das eigene Leben; ich bin in den letzten Tagen um ein Jahr älter und einsamer geworden. Insbesondere hat der letzte Schlag meine Fassung gebrochen. Ich habe mit meiner Schwester Louise in steter Eintracht und innigstem Verständnisse gelebt. Vielleicht hat mich nie ein Mensch so lieb gehabt, wie sie, mich so verstanden und so liebevoll gedeutet. So etwas ersetzt sich nie. [...]“ (Raumer: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 145f.)

    Und am 22. Juli 1832:

    „Ich esse, trinke, lese, arbeite, gehe spazieren. Alles in herkömmlicher und gewöhnlicher Weise. Und doch erinnert mich Jegliches - auch das, was gar keinen Uebergangspunkt zu bieten scheint - an meine Schwester. Vielleicht denke ich dereinst in Wochen oder Monaten nicht an sie! Ist das nicht aber von Neuem ein Jammer und ein Zeichen der leichtsinnigen Nichtigkeit alles Menschlichen? [...]
    Denken Sie (schreit Einem Crethi und Plethi zu), denken Sie an Gott; und doch heißt ihnen das eben nicht mehr und wirkt nicht mehr, als wenn man ihnen sagte: denken Sie an Ihre neue Haube oder an eine Bouteille Champagner. Vielmehr dürfen jene Leute in solchen Realitäten den reellsten Trost finden. Wer aber von der Ueberzeugung recht durchdrungen ist, daß Alles was der Mensch hat, denkt, fühlt, von Gott herrührt, daß dem Allmächtigen und Allgütigen gegenüber jede Persönlichkeit nichts, oder dieselbe nur ein Funke aus der göttlichen Gnadensonne ist; - wer in aller Menschengeschichte die Offenbarungen Gottes sucht und erkennt; was soll dem das gedankenlos ausgesprochene Wort: denke an Gott! Soll denn (um Gottes Willen) keine Freude und kein Schmerz mehr auf Erden sein, oder wäre der letzte unheilig und Empörung gegen seine Vorsehung? Bin ich denn in meiner Wehmuth dem Athem Gottes nicht näher, als der tröstende Schneemann, der sich in seiner Apathie gar fromm anstellt?
    Gott ist nicht ungnädiger, wenn er den Menschen von der Erde abruft, als wenn er ihn läßt geboren werden; [...]
    So will ich meinen Schmerz haben und hegen und pflegen, wie meine Freude; ja beide bedingen sich untereinander und werden im höchsten Sinne eins. Woher denn mein Schmerz über den Tod, als aus meiner Freude und meiner Liebe? Könnte ich mir jenen nach der Leute Meinung abschneiden lassen, wie Nägel oder Haare; hätte ich dann die rechte Freude je in Kopf oder Herzen gehabt? [...]
    [...] Daß ich Sie noch habe, ist, wenn einmal von Trost die Rede sein soll, - der beste! Und doch sieht die Sorge auch in den Trost hinein, und der Vorwurf erhebt sich, daß man das noch darin liegende Gute oft nicht so ergreift, wie man sollte und könnte.“ (Raumer: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 146f.)

    3 Rudolf Köpke zitiert die folgende Stelle in gekürzter Form in seiner Tieck-Biographie (1855), S. 138.

    ihm eine Freundschaft, wie zu Wack, in mir entgegen getreten. Sie
    und Solger sind sich verwandt, und doch lebe ich verschieden mit ihnen.
    Manches, was ich mit ihnen schon öfter durchgesprochen habe, hatte ich
    Solger nicht, wenigstens so nicht, sagen können. Liebte ich ihn da=
    rum weniger? – Diese nothwendige, [fast] kunstmässige Verschieden=
    heit des Betragens wird von den Menschen zu wenig beachtet. Je
    mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher gestaltet und entwickelt
    er sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch kann auch viele, reichbegabte
    Freunde haben. 4 Im Instinkt liegt freilich Alles, aber er soll zur
    vielseitigen Gestaltung gebildet h werden. Darum ist der unschuldig
    scheinende Vetter Michel 5 etwas so furchtbares: wo keiner des andern
    schont, kein Geheimniß anerkennt, und Roheit zur Tugend wird, kein
    Näher kommen, sondern der Genuß und die Wahrheit ist, sich täglich enger
    zu verschliessen. Das heißt dann so oft deutsche Treue und Redlichkeit, u je=
    nes, was ich als Pflicht und Tugend aufstelle, heißt solchen Zirkeln Falschheit.
    Auch das habe ich erlebt, denn man ist in der Jugend zu gleichgültig gegen
    seinen Umgang, man wählt zu wenig, man zieht sich nicht [genug] zurück,
    und versäumt, die wahren oder sogenannten Freunde auf eine verschiedene
    Art zu behandeln. 6 – Theuerster Freund: das sind die Vorwürfe, die ich mir machen
    kann, und worinn ich ihr Wesen nicht ganz erkannt habe;,: daß ich Manches, was
    mir vielleicht nur halb verständlich war, zu hart angefaßt habe. – Denn,
    wie man sich nicht verweichlichen und verziehen soll (die schlimmste Ausartung
    der Freundschaft) so soll man sich auch nicht übereilen, dem Freunde ein Gefühl, [ein]
    Vorurtheil abhofmeistern zu wollen. – – Aber kom̄en Sie nur, und
    recht bald, recht bald, und auf recht lange! und bringen Sie [wieder] recht viel,
    die Geschichte, aber auch die Briefe, zum Lesen mit, und lassen Sie uns der
    Zeit, die uns gegönnt ist, und unsrer wahren Freundschaft noch recht
    geniessen. Wie schön, daß Ihr Werk7 schon im Gang ist. Gewiß, ist alles
    Irdische eitel und vergänglich. Aber der Geist und die Liebe in diesem nicht. Sie
    lieben ja ihre Deutschen aus vollem Herzen, u mag das Gesindel jezt in Dummheit
    schreien, es werden sich edle Gemüther an Ihrem grossen Sinne entzünden; gewiß

    Kommentare

    4 Ende der von Köpke gekürzt zitierten Stelle.

    5 Vgl. die in zahlreichen deutschsprachigen Texten, Gedichten und Liedern vorkommende und sprichwörtliche Figur „Vetter Michel“. Sie hat eine lange Geschichte als Symbol nationaler Eigenschaften und Belange (vgl. auch „deutscher Michel“).

    6 Ende des Briefs in der Edition Raumers.

    7 Wahrscheinlich meint Tieck Raumers ab 1832 erscheinende Reihe „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“.

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    ist es schon geschehn, denn wer kann alles, und vollends dies Unsichtbare, sehn
    und erfahren? Und wäre es selbst nicht – so leben Sie mit Carl V. Richelieu, Eli=
    sabeth
    und andern Grossen Menschen in der geistigsten Nähe. Die sollten es
    nicht fühlen und wissen, – wenn Sie sie so kräftig zu sich beschwören? 8
    Ich [nun] vollends, bin mit [Nie]existirenden in [diesem] Liebesver=
    ständniß, und lasse dem Volke gern seinen aufgepuzten Vetter Michel. 9

    Auch die Drangsale der Zeit, und mein Schwarzsehen kommen mir in
    manchen Momenten komisch vor. Das Gute wird und muß ja doch [oben] bleiben.
    Aber der Kampf, den wir durchkämpfen müssen, wird ein schwerer sein[’,] so wie
    jener der Reformation. Gäbe man immer zur rechten Zeit das Vernünftige
    und Nothwendige zu, so entständen solche bedenkliche Krisen nicht. Wir sind
    so künstlich zusammengesezte Wesen wie unsere Geschichte. Wer das sogenannte
    Einfache allenthalben will, weiß nicht was er will.

    ([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)

    Von der Novelle, so sehr es mir Brock. versprach, habe ich noch nichts gesehn: die
    meinige ist etwas langweilig gerathen, wenn sie nicht ganz ungerathen ist. 10 Ich
    bin auf vielerlei noch aus, und muß mich nur hüthen, nicht immer das Leichtere
    voran zu stellen. – Wer von uns beiden den andern überlebt, könnte dem
    Freunde wohl als Grabschrift eine gute Charaktristik setzen. – Da fällt Ihnen
    gewiß die versprochene Recension ein, u sSie denken bittre Worte. Sie lachen
    ungläubig: aber mir fehlt immer zu so vielen Sachen der Muth. – Wie ist es
    mit Ihrem [Pohlenwesen]? Kommt es jezt heraus? Verdruß wird es Ihnen auf jeden
    Fall machen, und wieder [Verkennung] zuziehn, indeß ist das nur Nebensache.

    Schreiben Sie nur gleich, wann, wie, was Sie kom̄en! D. h. auf wie
    lange. Gehn Sie nach Dessau? – Mein Theurster, liebster, herrlicher Freund: schonen
    Sie sich nur, und arbeiten Sie dem Schicksal nicht entgegen, wenn Sie dieses noch recht
    lange erhalten will. – Wir freuen uns alle recht sehr, Sie bald zu sehn:
    die Gräfinn grüsst DSie besonders herzlich, meine Töchter auch, eben so die Mutter
    kurz – Raumer ist seit lange schon, ihm entgegen sehend, unser Tagesgesprach.

    11

    Was macht Ihr Herrmann? Er fing so schön an, uns zu schreiben: plöz=
    lich blieb Alles aus. Ich kann mir denken, wie so etwas kommt und ge=
    schieht, besonders sein Militair=Dienst, und Unlust, u d.gl. Ich habe ihm mei=
    netwegen nie den kleinsten Vorwurf gemacht. Aber ein Andres ist es mit unserm
    Sternberg; dieser wirklich edle Mann ist hypochonder und ist durch Herrmann,
    den er wirklich wie einen Sohn geliebt hat, empfindlich gekränkt. Sie schrieben

    Kommentare

    8 Raumers „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“ beginnt im ersten Band (1832) mit Karl V., der zweite Band (1833) endet mit einem Teil über England und Schottland zur Zeit Elisabeths I. und der vierte Band (1834) handelt u. a. von Kardinal Richelieu.

    9 Vgl. Kommentar zu S. 2 dieses Briefes.

    10 In demselben Brief, mit dem Tieck Brockhaus den letzten Teil des Manuskripts seiner Novelle „Die Ahnenprobe“ übersendet (Ankunft bei Brockhaus am 4. August 1832), schreibt er: „Sie versprachen mir auch freiwillig die Aushängebogen von Raumers Novelle, sie sind aber nicht erfolgt: hätten Sie mir diese, wie Sie es wollten, früher geschickt, so wäre ich auch früher mit meiner Arbeit fertig geworden.“ (Vgl. Lüdeke von Möllendorff 1928, S.84f.). Tieck hatte Raumers Novelle „Wilhelmine“, von der hier die Rede ist, wahrscheinlich bereits 1829 Brockhaus zugeschickt. (Vgl. Lüdeke von Möllendorff 1928, S. 58f.). Veröffentlicht wurde sie aber erst 1832, und anonym, in der Ausgabe der „Urania“, in der auch Tiecks „Ahnenprobe“ erschien. Beide Novellen wurden innerhalb einer Rezension der „Urania“ in der „JALZ“ vom November 1832 (Sp. 306f.) kurz besprochen.

    11 Der restliche Brieftext ist einmal diagonal mit Bleistift durchgestrichen, vermutlich von Raumers Hand bei Durchsicht der Briefe für eine etwaige Veröffentlichung.

    sich, und Sternberg der alte Baron war über jeden Brief entzückt. Herrmann hatte
    sich auch zu allen, selbst den beschwerlichsten Dienstleistungen, Besorgungen,
    u [dgl.] erboten. – Nun traf es sich, daß Sternberg über eine hämische An=
    zeige meines Götheschen Epilogs 12 (v. Bötticher) etwas aufsezte, ganz un=
    schuldig, und es an Herrmann sendete, daß er es dem Haering, oder der
    polit. Zeitung, oder einem andern Blatte geben solle. Kein Wort von
    Herrman, ob er es empfangen, und seitdem auch keine Sylbe mehr an
    Sternberg geschrieben. Denken Sie sich einen Hypochonder, der stets verwundet ist,
    der sich so auffallend vernachlässigt sieht, u zwar in einem kleinen Dienst,
    den er für mich (den er treu liebt) von einem Jüngling erbeten hat, von dem er
    damals in Freundschaft kaum ohne Thränen sprechen konnte. Nun hat er den
    Argwohn, daß die kleine Kokette, die Herold, mit der sich Herrmann schrieb,
    ihn uns allen abwendig gemacht hat. Sternberg hat damals dem Herrmann,
    ich habe später der Herold ihr zu auffallendes Betragen vorgehalten, denn
    ich mußte fürchten, Herrmann mache [Frost] mit seinem Gefühl, und in der
    Schauspielerinn ist es gewiß nichts, als Gefall[sch]sucht. – Alter Freund, dies soll
    keine Klätscherei von mir sein und veranlassen: ich hätte Ihnen, Sternberg
    wegen, dies kleine Geheimniß längst mittheilen sollen. Es giebt in der
    Jugend ein Mankiren gegen Aeltere, wie hier Herrmans gegen Sternberg,
    das man wohl nicht zu leichtsinnig ansehn soll: denn dieser Mann ist wirklich
    die Treue und Liebe selbst, höchst rechtschaffen, dienstfertig, liebevoll u kam
    Ihrem Sohne mit wahrer Cameradschaft und jugendlicher Vertraulichkeit entgegen.
    Sehn Sie, [Liebsten], was Sie daraus machen, oder ob Sie es ganz ignoriren
    wollen. – Meinetwegen nichts, – sondern, nach meinem Gefühl, Herrmans
    wegen, – der eine Freundes=Treue verlezt hat. – So lenke ich denn wieder
    in mein obiges Geschwätz ein. – Unsre Gräfinn war unwohl, ist noch nicht ganz
    hergestellt; die Bassewitz war hier: wir sprachen viel von Ihnen: ich sprach wie
    ein Bekehrer über Ihre Novellen, – wir schienen aber nicht einig zu werden.

    Ich umarme den treuen, herzlichen, Schmerzen dulden, alten lieben
    Raumer hundertmal in Gedanken.
    Ihr treuer Freund,
    L. Tieck.

    Kommentare

    12 Goethe war am 22. März 1832 gestorben. Daraufhin schrieb Tieck einen „Epilog zum Andenken Goethe’s“, der am 29. März 1832 nach einer Iphigenie-Aufführung am Dresdner Theater gesprochen wurde.

    1 Mein geliebter Freund:

    Wie sehr schmerzt mich Ihr Schmerz! 2 Ich weiß es, Sie, als ein wahrer, männlicher Mann, können Ihre Trauer nicht bei Hinz und Kunz ausbieten, Sie können heiter scheinen und kräftig und thätig in Ihrem Berufe sein, und doch blutet ihr Herz immerdar und sie verschlucken die brennenden Thränen. Was Ihnen ein Freund zum sogenannten Trost sagen könnte, das haben Sie alles aus erster Quelle. Und warum sollen wir denn nicht unsere Schmerzen ausdulden? Sind sie nicht unser kostbarstes Gut? Ohne die ächten wäre unser Leben ja nur ein Spiel der Marionetten und die Freude nüchtern. Aber lehre uns diese Trauerbegebenheit mit unsern lezten Jahren recht zu geizen. Es kann sein, [Liebster] daß Ihre theure Schwester Sie noch mehr erkannt hat, als ich; schon im Blut liegt viel; aber sonst läßt sich dergleichen schwer messen, wenn ich das Unausprechliche, was dem Blute angehört, abrechne. 3 Ist es nicht die Seeligkeit der wahren Freundschaft, daß wir von jedem ächten Freunde auf eine ganz eigne, andre Art geliebt werden, wie wir jedem denn auch mit einer eigenthümlichen Liebe entgegen kommen? Durch des Freundes individuelle Gestalt, Schwächen und Tugenden, Talente und Vorurtheile, entwickelt sich eine eigne Gestaltung der Liebe, ein Gedicht, oder wie soll ich es nennen, welches jenes Allgemeine, Unbestimmte unsres menschlichen Wohlwollens, oder jene schwärmende Liebe, die Blumen und Stauden, Felsen und Sterne umarmen möchte, in ein seeliges Gefühl von Vertrauen, Kraft, Mittheilung, Glauben und Zärtlichkeit verwandelt, dem sich so süß Humor, Albernheit, Schertz und zuweilen Streit beigesellt, daß wir fühlen, in unsern Freunden wird erst unser Leben (neben Vaterland, Beruf, Studien) zum Leben. So habe ich es erfahren. Wie hätte zum Beispiel Wilhelm Schlegel die Liebe brauchen können, mit welcher ich Novalis zugethan war? Wackenroder hätte mit meinen Solgerschen Geistes=Ergüssen nichts anzufangen gewußt; und Solger hätte sich gewiß zurückgezogen, wäre

    Kommentare

    1 Das Manuskript trägt zwei verschiedene Datierungen: den 5. August (wahrscheinlich Raumers Hand in Bleistift auf S. 1 / Bl. 261r) und den 7. August (Tiecks Hand auf S. 4 / Bl. 262v). Raumer veröffentlichte den ersten Teil des Briefes (S. 1-2), datiert auf den 5. August, in: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 148f.

    2 Offenbar im Juli 1832 war Friedrich von Raumers Schwester Louise gestorben. Im Folgenden bezieht sich Tieck auf zwei Briefe von Raumer. Im ersten Brief vom 16. Juli 1832 schreibt dieser:

    „Binnen acht Tagen ist meine Schwester Louise meiner Schwester Agnes und dem Neffen gefolgt. Drei Todte binnen vierzehn Tagen, sieben Raumers gestorben in funfzehn Monaten, zwei Onkel, zwei Tanten, zwei Schwestern, ein Neffe. Kaum glaubt man nach solchen Erfahrungen an das eigene Leben; ich bin in den letzten Tagen um ein Jahr älter und einsamer geworden. Insbesondere hat der letzte Schlag meine Fassung gebrochen. Ich habe mit meiner Schwester Louise in steter Eintracht und innigstem Verständnisse gelebt. Vielleicht hat mich nie ein Mensch so lieb gehabt, wie sie, mich so verstanden und so liebevoll gedeutet. So etwas ersetzt sich nie. [...]“ (Raumer: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 145f.)

    Und am 22. Juli 1832:

    „Ich esse, trinke, lese, arbeite, gehe spazieren. Alles in herkömmlicher und gewöhnlicher Weise. Und doch erinnert mich Jegliches - auch das, was gar keinen Uebergangspunkt zu bieten scheint - an meine Schwester. Vielleicht denke ich dereinst in Wochen oder Monaten nicht an sie! Ist das nicht aber von Neuem ein Jammer und ein Zeichen der leichtsinnigen Nichtigkeit alles Menschlichen? [...] Denken Sie (schreit Einem Crethi und Plethi zu), denken Sie an Gott; und doch heißt ihnen das eben nicht mehr und wirkt nicht mehr, als wenn man ihnen sagte: denken Sie an Ihre neue Haube oder an eine Bouteille Champagner. Vielmehr dürfen jene Leute in solchen Realitäten den reellsten Trost finden. Wer aber von der Ueberzeugung recht durchdrungen ist, daß Alles was der Mensch hat, denkt, fühlt, von Gott herrührt, daß dem Allmächtigen und Allgütigen gegenüber jede Persönlichkeit nichts, oder dieselbe nur ein Funke aus der göttlichen Gnadensonne ist; - wer in aller Menschengeschichte die Offenbarungen Gottes sucht und erkennt; was soll dem das gedankenlos ausgesprochene Wort: denke an Gott! Soll denn (um Gottes Willen) keine Freude und kein Schmerz mehr auf Erden sein, oder wäre der letzte unheilig und Empörung gegen seine Vorsehung? Bin ich denn in meiner Wehmuth dem Athem Gottes nicht näher, als der tröstende Schneemann, der sich in seiner Apathie gar fromm anstellt? Gott ist nicht ungnädiger, wenn er den Menschen von der Erde abruft, als wenn er ihn läßt geboren werden; [...] So will ich meinen Schmerz haben und hegen und pflegen, wie meine Freude; ja beide bedingen sich untereinander und werden im höchsten Sinne eins. Woher denn mein Schmerz über den Tod, als aus meiner Freude und meiner Liebe? Könnte ich mir jenen nach der Leute Meinung abschneiden lassen, wie Nägel oder Haare; hätte ich dann die rechte Freude je in Kopf oder Herzen gehabt? [...] [...] Daß ich Sie noch habe, ist, wenn einmal von Trost die Rede sein soll, - der beste! Und doch sieht die Sorge auch in den Trost hinein, und der Vorwurf erhebt sich, daß man das noch darin liegende Gute oft nicht so ergreift, wie man sollte und könnte.“ (Raumer: Litterarischer Nachlaß, Bd. 2, S. 146f.)

    3 Rudolf Köpke zitiert die folgende Stelle in gekürzter Form in seiner Tieck-Biographie (1855), S. 138.

    ihm eine Freundschaft, wie zu Wackenroder, in mir entgegen getreten. Sie und Solger sind sich verwandt, und doch lebe ich verschieden mit ihnen. Manches, was ich mit ihnen schon öfter durchgesprochen habe, hatte ich Solger nicht, wenigstens so nicht, sagen können. Liebte ich ihn darum weniger? – Diese nothwendige, [fast] kunstmässige Verschiedenheit des Betragens wird von den Menschen zu wenig beachtet. Je mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher gestaltet und entwickelt er sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch kann auch viele, reichbegabte Freunde haben. 4 Im Instinkt liegt freilich Alles, aber er soll zur vielseitigen Gestaltung gebildet werden. Darum ist der unschuldig scheinende Vetter Michel 5 etwas so furchtbares: wo keiner des andern schont, kein Geheimniß anerkennt, und Roheit zur Tugend wird, kein Näher kommen, sondern der Genuß und die Wahrheit ist, sich täglich enger zu verschliessen. Das heißt dann so oft deutsche Treue und Redlichkeit, und jenes, was ich als Pflicht und Tugend aufstelle, heißt solchen Zirkeln Falschheit. Auch das habe ich erlebt, denn man ist in der Jugend zu gleichgültig gegen seinen Umgang, man wählt zu wenig, man zieht sich nicht [genug] zurück, und versäumt, die wahren oder sogenannten Freunde auf eine verschiedene Art zu behandeln. 6 – Theuerster Freund: das sind die Vorwürfe, die ich mir machen kann, und worinn ich ihr Wesen nicht ganz erkannt habe,: daß ich Manches, was mir vielleicht nur halb verständlich war, zu hart angefaßt habe. – Denn, wie man sich nicht verweichlichen und verziehen soll (die schlimmste Ausartung der Freundschaft) so soll man sich auch nicht übereilen, dem Freunde ein Gefühl, [ein] Vorurtheil abhofmeistern zu wollen. – – Aber kommen Sie nur, und recht bald, recht bald, und auf recht lange! und bringen Sie [wieder] recht viel, die Geschichte, aber auch die Briefe, zum Lesen mit, und lassen Sie uns der Zeit, die uns gegönnt ist, und unsrer wahren Freundschaft noch recht geniessen. Wie schön, daß Ihr Werk7 schon im Gang ist. Gewiß ist alles Irdische eitel und vergänglich. Aber der Geist und die Liebe in diesem nicht. Sie lieben ja ihre Deutschen aus vollem Herzen, und mag das Gesindel jezt in Dummheit schreien, es werden sich edle Gemüther an Ihrem grossen Sinne entzünden; gewiß

    Kommentare

    4 Ende der von Köpke gekürzt zitierten Stelle.

    5 Vgl. die in zahlreichen deutschsprachigen Texten, Gedichten und Liedern vorkommende und sprichwörtliche Figur „Vetter Michel“. Sie hat eine lange Geschichte als Symbol nationaler Eigenschaften und Belange (vgl. auch „deutscher Michel“).

    6 Ende des Briefs in der Edition Raumers.

    7 Wahrscheinlich meint Tieck Raumers ab 1832 erscheinende Reihe „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“.

    ist es schon geschehn, denn wer kann alles, und vollends dies Unsichtbare, sehn und erfahren? Und wäre es selbst nicht – so leben Sie mit Carl V. Richelieu, Elisabeth und andern Grossen Menschen in der geistigsten Nähe. Die sollten es nicht fühlen und wissen, – wenn Sie sie so kräftig zu sich beschwören? 8 Ich [nun] vollends, bin mit [Nie]existirenden in [diesem] Liebesverständniß, und lasse dem Volke gern seinen aufgepuzten Vetter Michel. 9

    Auch die Drangsale der Zeit, und mein Schwarzsehen kommen mir in manchen Momenten komisch vor. Das Gute wird und muß ja doch [oben] bleiben. Aber der Kampf, den wir durchkämpfen müssen, wird ein schwerer sein[’,] so wie jener der Reformation. Gäbe man immer zur rechten Zeit das Vernünftige und Nothwendige zu, so entständen solche bedenkliche Krisen nicht. Wir sind so künstlich zusammengesezte Wesen wie unsere Geschichte. Wer das sogenannte Einfache allenthalben will, weiß nicht was er will.

    Von der Novelle, so sehr es mir Brockhaus versprach, habe ich noch nichts gesehn: die meinige ist etwas langweilig gerathen, wenn sie nicht ganz ungerathen ist. 10 Ich bin auf vielerlei noch aus, und muß mich nur hüthen, nicht immer das Leichtere voran zu stellen. – Wer von uns beiden den andern überlebt, könnte dem Freunde wohl als Grabschrift eine gute Charaktristik setzen. – Da fällt Ihnen gewiß die versprochene Recension ein, und Sie denken bittre Worte. Sie lachen ungläubig: aber mir fehlt immer zu so vielen Sachen der Muth. – Wie ist es mit Ihrem [Pohlenwesen]? Kommt es jezt heraus? Verdruß wird es Ihnen auf jeden Fall machen, und wieder [Verkennung] zuziehn, indeß ist das nur Nebensache.

    Schreiben Sie nur gleich, wann, wie, was Sie kommen! Das heißt auf wie lange. Gehn Sie nach Dessau? – Mein Theurster, liebster, herrlicher Freund: schonen Sie sich nur, und arbeiten Sie dem Schicksal nicht entgegen, wenn Sie dieses noch recht lange erhalten will. – Wir freuen uns alle recht sehr, Sie bald zu sehn: die Gräfinn grüsst Sie besonders herzlich, meine Töchter auch, eben so die Mutter – kurz – Raumer ist seit lange schon, ihm entgegen sehend, unser Tagesgesprach.

    Was macht Ihr Herrmann? Er fing so schön an, uns zu schreiben: plözlich blieb Alles aus. Ich kann mir denken, wie so etwas kommt und geschieht, besonders sein Militair=Dienst, und Unlust, und dergleichen. Ich habe ihm meinetwegen nie den kleinsten Vorwurf gemacht. Aber ein Andres ist es mit unserm Sternberg; dieser wirklich edle Mann ist hypochonder und ist durch Herrmann, den er wirklich wie einen Sohn geliebt hat, empfindlich gekränkt. Sie schrieben

    Kommentare

    8 Raumers „Geschichte Europas seit dem Ende des funfzehnten Jahrhunderts“ beginnt im ersten Band (1832) mit Karl V., der zweite Band (1833) endet mit einem Teil über England und Schottland zur Zeit Elisabeths I. und der vierte Band (1834) handelt u. a. von Kardinal Richelieu.

    9 Vgl. Kommentar zu S. 2 dieses Briefes.

    10 In demselben Brief, mit dem Tieck Brockhaus den letzten Teil des Manuskripts seiner Novelle „Die Ahnenprobe“ übersendet (Ankunft bei Brockhaus am 4. August 1832), schreibt er: „Sie versprachen mir auch freiwillig die Aushängebogen von Raumers Novelle, sie sind aber nicht erfolgt: hätten Sie mir diese, wie Sie es wollten, früher geschickt, so wäre ich auch früher mit meiner Arbeit fertig geworden.“ (Vgl. Lüdeke von Möllendorff 1928, S.84f.). Tieck hatte Raumers Novelle „Wilhelmine“, von der hier die Rede ist, wahrscheinlich bereits 1829 Brockhaus zugeschickt. (Vgl. Lüdeke von Möllendorff 1928, S. 58f.). Veröffentlicht wurde sie aber erst 1832, und anonym, in der Ausgabe der „Urania“, in der auch Tiecks „Ahnenprobe“ erschien. Beide Novellen wurden innerhalb einer Rezension der „Urania“ in der „JALZ“ vom November 1832 (Sp. 306f.) kurz besprochen.

    sich, und Sternberg der alte Baron war über jeden Brief entzückt. Herrmann hatte sich auch zu allen, selbst den beschwerlichsten Dienstleistungen, Besorgungen, und [dgl.] erboten. – Nun traf es sich, daß Sternberg über eine hämische Anzeige meines Götheschen Epilogs 11 (von Bötticher) etwas aufsezte, ganz unschuldig, und es an Herrmann sendete, daß er es dem Haering, oder der polit. Zeitung, oder einem andern Blatte geben solle. Kein Wort von Herrman, ob er es empfangen, und seitdem auch keine Sylbe mehr an Sternberg geschrieben. Denken Sie sich einen Hypochonder, der stets verwundet ist, der sich so auffallend vernachlässigt sieht, und zwar in einem kleinen Dienst, den er für mich (den er treu liebt) von einem Jüngling erbeten hat, von dem er damals in Freundschaft kaum ohne Thränen sprechen konnte. Nun hat er den Argwohn, daß die kleine Kokette, die Herold, mit der sich Herrmann schrieb, ihn uns allen abwendig gemacht hat. Sternberg hat damals dem Herrmann, ich habe später der Herold ihr zu auffallendes Betragen vorgehalten, denn ich mußte fürchten, Herrmann mache [Frost] mit seinem Gefühl, und in der Schauspielerinn ist es gewiß nichts, als Gefallsucht. – Alter Freund, dies soll keine Klätscherei von mir sein und veranlassen: ich hätte Ihnen, Sternberg wegen, dies kleine Geheimniß längst mittheilen sollen. Es giebt in der Jugend ein Mankiren gegen Aeltere, wie hier Herrmans gegen Sternberg, das man wohl nicht zu leichtsinnig ansehn soll: denn dieser Mann ist wirklich die Treue und Liebe selbst, höchst rechtschaffen, dienstfertig, liebevoll und kam Ihrem Sohne mit wahrer Cameradschaft und jugendlicher Vertraulichkeit entgegen. Sehn Sie, [Liebsten], was Sie daraus machen, oder ob Sie es ganz ignoriren wollen. – Meinetwegen nichts, – sondern, nach meinem Gefühl, Herrmans’ wegen, – der eine Freundes=Treue verlezt hat. – So lenke ich denn wieder in mein obiges Geschwätz ein. – Unsre Gräfinn war unwohl, ist noch nicht ganz hergestellt; die Bassewitz war hier: wir sprachen viel von Ihnen: ich sprach wie ein Bekehrer über Ihre Novellen, – wir schienen aber nicht einig zu werden.

    Ich umarme den treuen, herzlichen, Schmerzen dulden, alten lieben Raumer hundertmal in Gedanken. Ihr treuer Freund, L. Tieck.

    Kommentare

    11 Goethe war am 22. März 1832 gestorben. Daraufhin schrieb Tieck einen „Epilog zum Andenken Goethe’s“, der am 29. März 1832 nach einer Iphigenie-Aufführung am Dresdner Theater gesprochen wurde.