Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 27. Juli 1837)

 

 

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Tieck an Raumer

Mein geliebter Freund,

Mit Wehmuth reiche ich Ihnen die Hand bei
dieser ziemlich langen Trennung, von uns und
dem Vaterlande. Ich fange an, abergläubisch
zu werden, und bin nicht selten in einer ängst=
lichen Stimmung. Sie waren schon einmal
in Paris lebensgefährlich krank,1 Sie sind auf
Reisen zu fleissig und gönnen sich zu wenig
Ruhe; auch das leztemal kamen sie mit kran=
kem Beine an, was leicht gefährlich werden
konnte. – Ich sehe Sie also in diesem Jahre nicht
mehr, ich will Ihnen von meiner Trauer darüber
nicht vorschwatzen. – Was Sie mir von jenen
politischen Narrenpossen schrieben, diesen jäm=
merlichen Denunziationen, hat doch auch seine
sehr ernsthafte Seite. Man kann sich niemals
das Kindische erlauben, wenn man nicht über=
zeugt ist, daß die Behörden, die männlich sein
sollten, ebenfalls kindisch sind: wenn man
nicht weiß, daß es keine öffentliche Stim̄e
u Ehre mehr giebt. In dieser Ueberzeugung,
daß alles, was geistig und ehrenhaft bürger=
lich wirken soll, eingeschlafen ist, wagt man
wenig, so hinzuhandeln, der eignen jämmerlichen

Kommentare

1 Raumer war bereits 1827 und 1830 zu Forschungszwecken nach Paris gereist.

Lüge sich bewußt. Vor 40 oder 50 Jahren
wären Schriftsteller oder öffentliche
Charaktere auf im̄er ruinirt gewesen,
wenn sie sich dergleichen unterstanden hätten,
was jezt alltäglich geschieht. Lügen, Ver=
leumden, u es dann gestehn, ist gar nichts
Ehrloses mehr, und nur der Ehrliche kommt
zu kurz und wird verlacht, der empfindlich
darüber sein Erstaunen merken läßt.
Sie tragen alle dse Verletzungen als Phi=
losoph und Märtyrer, aber doch sind Sie
gekränkt, und ganz mit Recht, daß gerade das
Vaterland, dem Sie so ganz ihr Leben ge=
opfert haben, so undankbar handelt. Lange
habe ich über alle dse Unwürdigkeiten ge=
lacht, jezt überfällt mich oft ein Grauen,
wenn ich in die Zukunft hinaus sehe. Denn
aller Halt mangelt, Treue und Kraft ent=
weichen, und selbst die Besseren nehmen so
vieles leicht, worüber ein allgemeiner
Zeter erhoben werden müßte. – Täusche ich
mich? Aber es gemahnt mir, als wenn sich alles
bei uns jenen kleinlichen Intriguen einer
Camarilla zuneigt, durch welche die edle
Nation der Spanier zu Grunde gegangen ist.
Was könnte Deutschland sein, u Preussen, gerade

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jezt! Und Sie werden eigentlich verfolgt, weil
Sie Preussen so innig lieben; so übertrieben,
möchte man sagen, wenn der wahre Patriotismus
je übertrieben werden könnte. – Aber jene matt
gewordene moralische Elasticität muß sich wieder
erheben und spannen.

([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)

Wir sind leidlich wohl. Kom̄en noch die
Engl. Sachen vor, oder während Ihrer Abreise
heraus? Werden Sie nachher Doroth. helfen kön=
nen und die Arbeit, die Sie ihr aufgetragen,
fördern?2 – Einen Brief erhalte ich doch wenig=
stens noch vor Ihrem Scheiden? Und einen län=
gern? Ich lese Ihre vorigen oft wieder nach,
um mich in vielerlei Ansichten zu stärken.
Baudissin ist zurück gekom̄en; Clotilde
ist gestern mit einem jungen Hannoveraner
v. Stockhausen verheirathet worden: auch
Cubieres sind wieder hier. Aber Baudis=
sin
ist im̄er noch sehr traurig. Der Arme ist
eigentlich ganz verlassen.3 Und ich sehe nicht
ein, wie ihm zu helfen wäre. – Oft bin
ich noch leidend, als Nachwirkung von jenem
verwünschten Fall.4 Mir scheint auch, als wenn
seit dem mein Gemüth finsterer wäre.

Ja, ja, Sie müssen bald wieder kom̄en.
Warum leben Sie nicht mit Frau u Kind ein=
mal einen ganzen Som̄er hier? Daß Sie
ruhen, nur Bequemes arbeiten, mir in
dsem u jenem helfen u rathen: daß wir
viel ausfahren u noch mehr schwatzen. Es

Kommentare

2 Dorothea Tieck übersetzte in Raumers Auftrag Auszüge aus der Washington-Biographie von Jared Sparks, woraus die 1839 von Raumer herausgegebene Publikation Leben und Briefwechsel Georg Washingtons entstand. Vgl. zu Raumers Auftrag auch den Brief von Dorothea Tieck an Friedrich von Uechtritz vom 6. April 1837, S. 5.

3 Nachdem 1836 Heinrich Wolf von Baudissins Frau gestorben war, wurde nach der Adoptivtochter (und Nichte) Isabella von Baudissin mit Simon de Cubières nun auch deren Schwester Clotilde verheiratet.

4 Gemeint ist wahrscheinlich Tiecks Unfall auf der Fahrt zur Kur im August 1836.

thäte auch Ihrer Agnes gut. – Einmal brachten
Sie uns schön dse schöne Zeit. Die Struvesche 5
Brun̄enkur hier wäre ja ein guter Vorwand
zum Urlaub. – Uechtritz war nur kurze
Zeit hier: als Mädchen gefiel mir die kleine
sonst mehr als Frau.6 Er neigt in der Poesie
etwas zum Pedantismus; ich warne: denn
nur ein ungeheurs Talent kann das ver=
tragen: dann, wie bei Dante wird das Genie
dadurch erhöht: B. Jonson wäre gar nichts,
wenn ihm jene Pedantrie nicht so ausser=
ordentlich geholfen hätte: zulezt hat sie ihn
freilich auch wieder vernichtet.. Varrenhagen
ist Pedant u Philister im Schrankenlosen;
er bevölkert mit künstlichen Gedanken
willkührlich die Gedankenleerheit: in
jener Wüste müßten selbst bessere Gedanken
als die seinigen, verwelken u absterben. –
O heiliger J. Müller! möchte ich ausrufen. –
Ich habe dser Tage mit Kampf u Wohlge=
fallen wechselnd Rakkes Päbste gelesen.
Er hat mir seine Ital. Poesie geschikt. –
Danken Sie ihm doch vorläufig für seine
Freundschaft, ich muß ihm schriftl. danken.

Gruß Ihnen u den Ihrigen von
mir u allen den Meinigen.


Im̄erdar Ihr
getreuer Freund
Lud. Tieck.

Grüssen Sie doch meinen Bruder. Er soll kom̄en!

Kommentare

5 In Bleistift steht über der entsprechenden Stelle des Wortes „Struvesche“ die Buchstabenfolge „ru“, um die Lesbarkeit des Wortes zu gewährleisten. Vermutlich stammt diese Verdeutlichung ebenso wie die Streichung der Stelle von Raumer.

6 Seit Mai 1837 war Marie von Balan, auf die sich Tieck hier wohl bezieht, mit Friedrich von Uechtritz verheiratet.

Mein geliebter Freund,

Mit Wehmuth reiche ich Ihnen die Hand bei dieser ziemlich langen Trennung, von uns und dem Vaterlande. Ich fange an, abergläubisch zu werden, und bin nicht selten in einer ängstlichen Stimmung. Sie waren schon einmal in Paris lebensgefährlich krank,1 Sie sind auf Reisen zu fleissig und gönnen sich zu wenig Ruhe; auch das leztemal kamen sie mit krankem Beine an, was leicht gefährlich werden konnte. – Ich sehe Sie also in diesem Jahre nicht mehr, ich will Ihnen von meiner Trauer darüber nicht vorschwatzen. – Was Sie mir von jenen politischen Narrenpossen schrieben, diesen jämmerlichen Denunziationen, hat doch auch seine sehr ernsthafte Seite. Man kann sich niemals das Kindische erlauben, wenn man nicht überzeugt ist, daß die Behörden, die männlich sein sollten, ebenfalls kindisch sind: wenn man nicht weiß, daß es keine öffentliche Stimme und Ehre mehr giebt. In dieser Ueberzeugung, daß alles, was geistig und ehrenhaft bürgerlich wirken soll, eingeschlafen ist, wagt man wenig, so hinzuhandeln, der eignen jämmerlichen

Kommentare

1 Raumer war bereits 1827 und 1830 zu Forschungszwecken nach Paris gereist.

Lüge sich bewußt. Vor 40 oder 50 Jahren wären Schriftsteller oder öffentliche Charaktere auf immer ruinirt gewesen, wenn sie sich dergleichen unterstanden hätten, was jezt alltäglich geschieht. Lügen, Verleumden, und es dann gestehn, ist gar nichts Ehrloses mehr, und nur der Ehrliche kommt zu kurz und wird verlacht, der empfindlich darüber sein Erstaunen merken läßt. Sie tragen alle diese Verletzungen als Philosoph und Märtyrer, aber doch sind Sie gekränkt, und ganz mit Recht, daß gerade das Vaterland, dem Sie so ganz ihr Leben geopfert haben, so undankbar handelt. Lange habe ich über alle diese Unwürdigkeiten gelacht, jezt überfällt mich oft ein Grauen, wenn ich in die Zukunft hinaus sehe. Denn aller Halt mangelt, Treue und Kraft entweichen, und selbst die Besseren nehmen so vieles leicht, worüber ein allgemeiner Zeter erhoben werden müßte. – Täusche ich mich? Aber es gemahnt mir, als wenn sich alles bei uns jenen kleinlichen Intriguen einer Camarilla zuneigt, durch welche die edle Nation der Spanier zu Grunde gegangen ist. Was könnte Deutschland sein, und Preussen, gerade

jezt! Und Sie werden eigentlich verfolgt, weil Sie Preussen so innig lieben; so übertrieben, möchte man sagen, wenn der wahre Patriotismus je übertrieben werden könnte. – Aber jene matt gewordene moralische Elasticität muß sich wieder erheben und spannen.

Wir sind leidlich wohl. Kommen noch die Engl. Sachen vor, oder während Ihrer Abreise heraus? Werden Sie nachher Dorothea helfen können und die Arbeit, die Sie ihr aufgetragen, fördern?2 – Einen Brief erhalte ich doch wenigstens noch vor Ihrem Scheiden? Und einen längern? Ich lese Ihre vorigen oft wieder nach, um mich in vielerlei Ansichten zu stärken. Baudissin ist zurück gekommen; Clotilde ist gestern mit einem jungen Hannoveraner v. Stockhausen verheirathet worden: auch Cubieres sind wieder hier. Aber Baudissin ist immer noch sehr traurig. Der Arme ist eigentlich ganz verlassen.3 Und ich sehe nicht ein, wie ihm zu helfen wäre. – Oft bin ich noch leidend, als Nachwirkung von jenem verwünschten Fall.4 Mir scheint auch, als wenn seit dem mein Gemüth finsterer wäre.

Ja, ja, Sie müssen bald wieder kommen. Warum leben Sie nicht mit Frau und Kind einmal einen ganzen Sommer hier? Daß Sie ruhen, nur Bequemes arbeiten, mir in diesem und jenem helfen und rathen: daß wir viel ausfahren und noch mehr schwatzen. Es

Kommentare

2 Dorothea Tieck übersetzte in Raumers Auftrag Auszüge aus der Washington-Biographie von Jared Sparks, woraus die 1839 von Raumer herausgegebene Publikation Leben und Briefwechsel Georg Washingtons entstand. Vgl. zu Raumers Auftrag auch den Brief von Dorothea Tieck an Friedrich von Uechtritz vom 6. April 1837, S. 5.

3 Nachdem 1836 Heinrich Wolf von Baudissins Frau gestorben war, wurde nach der Adoptivtochter (und Nichte) Isabella von Baudissin mit Simon de Cubières nun auch deren Schwester Clotilde verheiratet.

4 Gemeint ist wahrscheinlich Tiecks Unfall auf der Fahrt zur Kur im August 1836.

thäte auch Ihrer Agnes gut. – Einmal brachten Sie uns schön diese schöne Zeit. Die Struvesche Brunnenkur hier wäre ja ein guter Vorwand zum Urlaub. – Uechtritz war nur kurze Zeit hier: als Mädchen gefiel mir die kleine sonst mehr als Frau.5 Er neigt in der Poesie etwas zum Pedantismus; ich warne: denn nur ein ungeheurs Talent kann das vertragen: dann, wie bei Dante wird das Genie dadurch erhöht: B. Jonson wäre gar nichts, wenn ihm jene Pedantrie nicht so ausserordentlich geholfen hätte: zulezt hat sie ihn freilich auch wieder vernichtet.. Varrenhagen ist Pedant und Philister im Schrankenlosen; er bevölkert mit künstlichen Gedanken willkührlich die Gedankenleerheit: in jener Wüste müßten selbst bessere Gedanken als die seinigen, verwelken und absterben. – O heiliger J. Müller! möchte ich ausrufen. – Ich habe dieser Tage mit Kampf und Wohlgefallen wechselnd Rakkes Päbste gelesen. Er hat mir seine Italienische Poesie geschikt. – Danken Sie ihm doch vorläufig für seine Freundschaft, ich muß ihm schriftlich danken.

Gruß Ihnen und den Ihrigen von mir und allen den Meinigen. Immerdar Ihr getreuer Freund Ludwig Tieck. Grüssen Sie doch meinen Bruder. Er soll kommen!

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5 Seit Mai 1837 war Marie von Balan, auf die sich Tieck hier wohl bezieht, mit Friedrich von Uechtritz verheiratet.