Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Brief von Ludwig Tieck an Friedrich von Raumer (Dresden, 27. März 1838)

 

 

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273
Geliebter Freund,

Beschämt und zerknirscht, und doch vielleicht
ohne Kraft mich zu bessern, trete ich wieder vor
Sie hin, und lamentire zum hundertenmale mein:
Peccavi! Es ist schändlich und sündlich so lange
zu schweigen, auf die vielen schönen lehrreichen,
tiefsinnigen und wieder heitern Briefchen, die ich
von Ihnen empfangen habe. Weiß ich doch jezt
nicht einmal, ob nur ein Einziger aus unserer
schlechten Familie Ihnen für die unvergleichlichen
Rübchen gedankt hat, die Sie uns übersendet haben.
Gewiß die delikatesten, die ich genossen habe, seit
ich von Berlin entfernt bin. Den zu späten Dank
dürfen Sie mit Recht als wahren Undank von sich
weisen. – – Doch – jezt darf ich Sie doch mit
jedem Tage erwarten?1 Dann wollen wir plaudren,
und ich denke so einige Briefe mündlich zu geben
um die Ihrigen zum Theil zu beantworten. Nur,
meine alte Bitte, die Sie nie genug berüksichtigen,
bleiben Sie lange bei uns, länger als sonst,
treffen Sie schon dafür Ihre Einrichtungen. Sie
bringen mir eine grosse Vorlesung mit, die
dürfen wir nicht, wie doch einigemal geschah,
übereilen: wir müssen sie in Muße geniessen
und besprechen, damit mein Kopf, der jezt etwas
schwach ist, sich nicht verwirrt, und meine Nerven
nicht überreizt werden. Auch machen Sie Besuche,

Kommentare

1 Raumer besuchte Tieck häufig in der Zeit um Ostern.

einiges habe ich auch zu arbeiten. Könnten
Sie doch, wie vor Jahren, wieder einmal einen
Theil des Sommers hier zubringen. – Was soll
man zu der Barbarei unserer sogenannten
Religiösen sagen? Seh ich auf 1782 zurück, als
Lessing stritt, ja noch früher auf die erste Lauf=
bahn Semlers, ja bis Thomasius hinauf, so dünkt
mich hat sich in jenen Zeiten kein so gemeiner
und roher Geist kund gegeben. Ihr Hengstenberg,
wie mir ein Reisender erzählte, hatte gegen diesen
unverhohlen geäussert, es wäre zu wünschen,
daß es zu einem Religionskrieg kommen
möchte, um diesen Indifferentismus nur zu
vertilgen. Und wen nennen diese Elenden
indifferent? Den wahren, frommen Christen.
Verdienen diese Menschen die Freiheit, die sie miß=
brauchen? Und dann die verächtlichen Demagogen,
die jezt sogar strengkatholisch sind, um nur
gegen die Monarchie wüthen zu können. – Ue=
brigens wird man eben doch nun wohl einsehn,
wohin es führt, wenn man sich mit den soge=
nannten Frömmen einläßt; auch in welchem Sinn
die thörichte Junkerwelt sich für die Stütze der
Thronen ausgiebt; wenn diese nehmlich das thun,
was die unklugen Grillenfänger verlangen.
Görres, der jezt wieder vortanzt, erscheint immer
in einer neuen Gestalt. Müssen freilich Priester
oder Bajonette despotisch herrschen, so ist es schlimm; ich
denke aber, in diesem Dilemma stehn wir nicht eingeklemmt.

274

Jezt hat Altenstein, Bunsen, und selbst der König
das Geschrei von jenen, die sonst gegen Sie wüthen,
auf sich gelenkt. Sie sehn die Armseligkeit und
den bösen Willen dieser Massen. Wenn jezt Fr.
Schlegel
noch lebte!2 O wie wohl muß es doch jedem
sein, der eine Kunst oder Wissenschaft besizt, der
er mit vollem Herzen treu bleibt und einzig
ihr und dem hohen Geiste lebt, der wirklich der
wahre Schutzgeist des Menschen wird, wenn er an
dessen Göttlichkeit glauben kann. – Sie schrieben
mir einmal von Steffens leztem Roman.3
Es hat Grillenfänger gegeben, die die Keilschrift,
und die Ornamente in Balbak und Persepolis für
die Wirkung von bohrenden Würmern gehalten
haben. Etwas Aehnliches hat mich beim Durchlesen
dieses Buches angewandelt. Es schien mir auch,
als wenn nur Fußstapfen von Ameisen oder
anderm Gethier diese Lettern gemacht hätten, die
wir mit thörichter Gutmüthigkeit als Schrift=
zeichen zu lesen uns abquälten. Ich möchte wirk=
lich behaupten, daß sich keine Spur eines Geistes
in diesen Bänden fände. Was ist dem Verf. Le=
gitimität? Oder Rebellion? oder – oder? –
Wohin kommt man doch, wenn man durchaus
schreiben will, und gar dichten, und hat keinen
Gegenstand. Mich hat St. unendlich gedauert. Die
Jungen lassen ihn aber doch ziemlich in Ruhe, so
platt sein Buch auch ist, und binden lieber mit mir an,
da ich noch niemals solche Thorheiten als legitime
oder religiöse Grundsätze ausgespielt habe.

Kommentare

2 Kontext der von Tieck angedeuteten Vorgänge waren Machtstreitigkeiten zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat. In der katholischen Öffentlichkeit löste der Konflikt, der u. a. die Frage betraf, nach welchem Glauben die Kinder in konfessionellen Mischehen erzogen werden sollten, und der in der Verhaftung des Kölner Erzbischofs durch den preußischen König gipfelte, starke Reaktionen aus. Im Vorfeld waren sowohl Bunsen als auch Altenstein aufseiten der preußischen Regierung in die Verhandlungen mit der Kirche involviert. Bunsen erreichte mit dem Erzbischof zunächst in der Frage der Mischehen eine Einigung, die jedoch durch den nachfolgenden Erzbischof Droste zu Vischering entkräftet wurde, der sich stattdessen an den Weisungen des Papstes orientieren wollte. Daraufhin ließ Friedrich Wilhelm III., nach einem letzten Einlenkungsversuch Altensteins, den Erzbischof im November 1837 verhaften. Unter den publizistischen Mitmischern des Konfliktes war Joseph Görres, der sich auf der Seite Vischerings positionierte.

3 Über dem Wort „Roman“ steht noch einmal die Buchstabenfolge „oman“, um die Lesbarkeit des Wortes zu gewährleisten. Diese Verdeutlichung könnte von Raumer oder von Tieck selbst stammen.

Tieck an Raumer

Liebster Freund: in Ihren fliegenden Blättchen
haben Sie mehr als einmal die allertiefsten Geheim=
nisse unsrer Seele angerührt, ja oft sind Sie mit
einem Stich, Blick oder Blitz bis in das Centrum
des Denkbaren und Denkenden gedrungen. Ich erschrecke
dann umso mehr, umso mehr mein eignes Wesen,
Individuum dann so heraus springt, wie der Hans=
wurst aus der Zielscheibe, wenn der Bolzen recht in
Mitte des Kerns geschossen ist. Sie vermeiden oft im
Gespräch diese Weihepunkte und Tempelgegenden, und
mit Recht, weil das Wort nicht immer gefunden wird,
im Ohr des Hörers auch wohl eine ganz fremde Welt
indeß ihr Wesen treibt. Aber vielleicht findet sich
eine einsame Stunde der Nacht, um uns geistig in
diesem Delphi oder Dodona zu begegnen, wo dem
Begeisterten auch Baumgeräusch und [Becken]klang zu
ächten Orakeln werden. Ein starker Geist kann
nur der sein, der auch zart und fein organisirt ist,
und nur Besitz ist Verständniß: – aber, wie vielen
begegnet es dann, daß das Wort Geist wird, Mensch,
Brodt des Lebens! Wer es einmal geschmeckt hat, der
ist für immer beseeligt und kann sich selbst nie wieder
untreu werden, da ihn weder nach dem Manna der
Wüste noch den Fleischtöpfen Aegyptens lüstet
und hungert. In diesem Gefühl darf man denn auch
jenen sonst Ungekannten, Unendlichen, Unaussprech=
lichen, mit dem vertraulichen Du anreden, u findet
dann erst im antwortenden Blick sein eignes
wahres Ich: – Geist allen dort, von allen hier,
ich umarme seelisch und leiblich meinen getreusten
Raumer.

L. Tieck.
([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)
Geliebter Freund,

Beschämt und zerknirscht, und doch vielleicht ohne Kraft mich zu bessern, trete ich wieder vor Sie hin, und lamentire zum hundertenmale mein: Peccavi! Es ist schändlich und sündlich so lange zu schweigen, auf die vielen schönen lehrreichen, tiefsinnigen und wieder heitern Briefchen, die ich von Ihnen empfangen habe. Weiß ich doch jezt nicht einmal, ob nur ein Einziger aus unserer schlechten Familie Ihnen für die unvergleichlichen Rübchen gedankt hat, die Sie uns übersendet haben. Gewiß die delikatesten, die ich genossen habe, seit ich von Berlin entfernt bin. Den zu späten Dank dürfen Sie mit Recht als wahren Undank von sich weisen. – – Doch – jezt darf ich Sie doch mit jedem Tage erwarten?1 Dann wollen wir plaudren, und ich denke so einige Briefe mündlich zu geben um die Ihrigen zum Theil zu beantworten. Nur, meine alte Bitte, die Sie nie genug berüksichtigen, bleiben Sie lange bei uns, länger als sonst, treffen Sie schon dafür Ihre Einrichtungen. Sie bringen mir eine grosse Vorlesung mit, die dürfen wir nicht, wie doch einigemal geschah, übereilen: wir müssen sie in Muße geniessen und besprechen, damit mein Kopf, der jezt etwas schwach ist, sich nicht verwirrt, und meine Nerven nicht überreizt werden. Auch machen Sie Besuche,

Kommentare

1 Raumer besuchte Tieck häufig in der Zeit um Ostern.

einiges habe ich auch zu arbeiten. Könnten Sie doch, wie vor Jahren, wieder einmal einen Theil des Sommers hier zubringen. – Was soll man zu der Barbarei unserer sogenannten Religiösen sagen? Seh ich auf 1782 zurück, als Lessing stritt, ja noch früher auf die erste Laufbahn Semlers, ja bis Thomasius hinauf, so dünkt mich hat sich in jenen Zeiten kein so gemeiner und roher Geist kund gegeben. Ihr Hengstenberg, wie mir ein Reisender erzählte, hatte gegen diesen unverhohlen geäussert, es wäre zu wünschen, daß es zu einem Religionskrieg kommen möchte, um diesen Indifferentismus nur zu vertilgen. Und wen nennen diese Elenden indifferent? Den wahren, frommen Christen. Verdienen diese Menschen die Freiheit, die sie mißbrauchen? Und dann die verächtlichen Demagogen, die jezt sogar strengkatholisch sind, um nur gegen die Monarchie wüthen zu können. – Uebrigens wird man eben doch nun wohl einsehn, wohin es führt, wenn man sich mit den sogenannten Frömmen einläßt; auch in welchem Sinn die thörichte Junkerwelt sich für die Stütze der Thronen ausgiebt; wenn diese nehmlich das thun, was die unklugen Grillenfänger verlangen. Görres, der jezt wieder vortanzt, erscheint immer in einer neuen Gestalt. Müssen freilich Priester oder Bajonette despotisch herrschen, so ist es schlimm; ich denke aber, in diesem Dilemma stehn wir nicht eingeklemmt.

Jezt hat Altenstein, Bunsen, und selbst der König das Geschrei von jenen, die sonst gegen Sie wüthen, auf sich gelenkt. Sie sehn die Armseligkeit und den bösen Willen dieser Massen. Wenn jezt Friedrich Schlegel noch lebte!2 O wie wohl muß es doch jedem sein, der eine Kunst oder Wissenschaft besizt, der er mit vollem Herzen treu bleibt und einzig ihr und dem hohen Geiste lebt, der wirklich der wahre Schutzgeist des Menschen wird, wenn er an dessen Göttlichkeit glauben kann. – Sie schrieben mir einmal von Steffens leztem Roman. Es hat Grillenfänger gegeben, die die Keilschrift, und die Ornamente in Balbak und Persepolis für die Wirkung von bohrenden Würmern gehalten haben. Etwas Aehnliches hat mich beim Durchlesen dieses Buches angewandelt. Es schien mir auch, als wenn nur Fußstapfen von Ameisen oder anderm Gethier diese Lettern gemacht hätten, die wir mit thörichter Gutmüthigkeit als Schriftzeichen zu lesen uns abquälten. Ich möchte wirklich behaupten, daß sich keine Spur eines Geistes in diesen Bänden fände. Was ist dem Verfasser Legitimität? Oder Rebellion? oder – oder? – Wohin kommt man doch, wenn man durchaus schreiben will, und gar dichten, und hat keinen Gegenstand. Mich hat Steffens unendlich gedauert. Die Jungen lassen ihn aber doch ziemlich in Ruhe, so platt sein Buch auch ist, und binden lieber mit mir an, da ich noch niemals solche Thorheiten als legitime oder religiöse Grundsätze ausgespielt habe.

Kommentare

2 Kontext der von Tieck angedeuteten Vorgänge waren Machtstreitigkeiten zwischen der katholischen Kirche und dem preußischen Staat. In der katholischen Öffentlichkeit löste der Konflikt, der u. a. die Frage betraf, nach welchem Glauben die Kinder in konfessionellen Mischehen erzogen werden sollten, und der in der Verhaftung des Kölner Erzbischofs durch den preußischen König gipfelte, starke Reaktionen aus. Im Vorfeld waren sowohl Bunsen als auch Altenstein aufseiten der preußischen Regierung in die Verhandlungen mit der Kirche involviert. Bunsen erreichte mit dem Erzbischof zunächst in der Frage der Mischehen eine Einigung, die jedoch durch den nachfolgenden Erzbischof Droste zu Vischering entkräftet wurde, der sich stattdessen an den Weisungen des Papstes orientieren wollte. Daraufhin ließ Friedrich Wilhelm III., nach einem letzten Einlenkungsversuch Altensteins, den Erzbischof im November 1837 verhaften. Unter den publizistischen Mitmischern des Konfliktes war Joseph Görres, der sich auf der Seite Vischerings positionierte.

Liebster Freund: in Ihren fliegenden Blättchen haben Sie mehr als einmal die allertiefsten Geheimnisse unsrer Seele angerührt, ja oft sind Sie mit einem Stich, Blick oder Blitz bis in das Centrum des Denkbaren und Denkenden gedrungen. Ich erschrecke dann umso mehr, umso mehr mein eignes Wesen, Individuum dann so heraus springt, wie der Hanswurst aus der Zielscheibe, wenn der Bolzen recht in Mitte des Kerns geschossen ist. Sie vermeiden oft im Gespräch diese Weihepunkte und Tempelgegenden, und mit Recht, weil das Wort nicht immer gefunden wird, im Ohr des Hörers auch wohl eine ganz fremde Welt indeß ihr Wesen treibt. Aber vielleicht findet sich eine einsame Stunde der Nacht, um uns geistig in diesem Delphi oder Dodona zu begegnen, wo dem Begeisterten auch Baumgeräusch und [Becken]klang zu ächten Orakeln werden. Ein starker Geist kann nur der sein, der auch zart und fein organisirt ist, und nur Besitz ist Verständniß: – aber, wie vielen begegnet es dann, daß das Wort Geist wird, Mensch, Brodt des Lebens! Wer es einmal geschmeckt hat, der ist für immer beseeligt und kann sich selbst nie wieder untreu werden, da ihn weder nach dem Manna der Wüste noch den Fleischtöpfen Aegyptens lüstet und hungert. In diesem Gefühl darf man denn auch jenen sonst Ungekannten, Unendlichen, Unaussprechlichen, mit dem vertraulichen Du anreden, und findet dann erst im antwortenden Blick sein eignes wahres Ich: – Geist allen dort, von allen hier, ich umarme seelisch und leiblich meinen getreusten Raumer.

Ludwig Tieck.