Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

"Seiner Hochwohlgeboren Herrn Ludwig Tieck". Literaturbrief

 

 

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      1
      Seiner Hochwohlgeboren
      Herrn Ludwig Tieck

      Adelheid Reinbold?

      Tieck 39

      Kommentare

      1 Der vorliegende Text wurde von Lothar Busch als „literarischer Brief“ (S. 116) bezeichnet. Dieser Gattungseinordnung ist eindeutig zuzustimmen, erinnert der Text doch an die von Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichten Texte in Nicolais Zeitschrift „Briefe, die neueste Literatur betreffend“. Zwar wird Ludwig Tieck auf dem Titelblatt des Manuskriptes adressiert, doch ist der briefähnliche Text nicht versendet worden, zumindest weist das Dokument keine entsprechenden Spuren (wie Stempel oder Faltungen) auf. Es ist leider nicht zu rekonstruieren, ob Adelheid Reinbold Ludwig Tieck den Literaturbrief zu Lebzeiten übergeben hat.

      2

      Gerade bin ich mit Jean Pauls Titan
      ich hatte bis daher noch Nichts von ihm gele_
      sen – fertig, so wie mit der voll schönen
      Begeisterung geschriebenen, aber sehr unwahren
      Schrift Menzels, der, wie eine Jungfrau über
      män̄liche Entwicklung, blos von der sittlichen
      Schönheit aus die ganze Welt betrachtet.
      Der Eindruck von diesen beiden Werken, die im
      Gegensaz zu Ihrem Geist, dem ich im̄er, wie Shak.
      der Bühne, die Ziffer 0 beilegen möchte, zusam̄en_
      kom̄en, gab mir einige Worte in den Mund,
      durch die ich vielleicht mich darüber rechtfertigen
      kan̄, daß ich sagte, ich ahne den Mittelpunkt Ihrer
      Poësie. Wie gerne möchte ich aus den von allen
      Seiten zusam̄enstim̄enden Tönen eine Ouvertüre
      komponieren! Aber das ist nun nicht zu ändern,
      J. P. sagt einmal, das Talent müsse eine Rich_
      tung nach dem Schwerpunkt haben; ich bin selbst
      im Schwerpunkt,2 das ist meine einzige Entschul_
      digung. Erlauben Sie, daß ich, wie ein
      Knabe, der aus der Schule komt u. nicht

      Kommentare

      2 In Jean Pauls Titan heißt es: „Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkt, so daß die Richtungen einander aufheben.“ (Band 4, 27. Jobelperiode, 105. Zykel).

      fertig werden will, seinem Vater diese
      u. jene Frage über das, was er gehört, vor_
      zulegen, Ihnen Einiges ganz so, wie es in
      diesem Augenblick in meinem Kopfe ist, vor_
      schwatzen darf.

      Die reinpoëtische Weltansicht unserer Zeit
      oder die Erscheinung, daß die ganze Zeit in
      Ihrem u. Göthes Geist hell als vollendetes
      Drama sich abspiegeln kon̄te, dieser letzte u.
      höchste Uebergang der Poësie aus dem Leben
      ins Bewußtseyn, aus der Lyrik ins Dra_
      matische, aus der Mythe in die Geschichte,
      aus dem Symbol in das lebendige Wort,
      diese Apotheose der Poësie aller Zeiten scheint
      mir entbunden worden zu seyn durch die
      Naturfilosofie, die in einer Physik des
      Geistes u. der Geschichte jedem geistigen
      Wesen, sei es ein Charakter oder eine Mei_
      nung oder eine Begebenheit, dasselbe Recht
      sichert, wie in der gemeinen Physik je_
      dem materiellen Wesen, in der jede Ent_
      zweiung als natürlich nachgewiesen,

      3
      alle Widersprüche auf einen ursprüng_
      lichen, nothwendigen Gegensaz zurückgeführt
      werden, die die historischen Perioden, wie
      Jahreszeiten, kurz Alles organisch betrachtet.
      Ist nicht die Morgenröthe dieses magischen
      Tages Jakob Böhme 3u. die Mittagsson̄e
      der wiedergeborene Shakespeare? jener das
      Centrum, dieser die Peripherie, jener das
      Leben selbst, dieser das Bild jeglichen Lebens?
      Zwischen diesen beiden Enden scheint mir
      all unsere Weisheit u. Kunst zu liegen.
      Wie Ideelles u. Reales, so dünkt mir
      Ihr Geist u. Göthes sich gegeneinander zu
      verhalten. Dem Antiken steht das Roman_
      tische, der klaren Verständlichkeit des er_
      scheinenden Lebens das in̄erliche Weben des
      Geistes entgegen, der seiner Natur nach my_
      stisch ist. Das Göttliche liegt aber darin̄,
      daß das nNatürliche, Gewöhnliche, wie die
      Wahlverwandschaften, das Wunderbarste
      u. das Wunderbarste, wie Ihre Mährchenwelt,

      Kommentare

      3 Die Engführung von „Morgenröthe“ und „Jakob Böhme“ lässt auf die von Jakob Böhme verfasste philosophische Schrift „Aurora, das ist: Morgenröthe im Aufgang und Mutter der Philosophiae“ schließen. Jedoch bedient sich Adelheid Reinbold hier dem literarischen Gestus des Spiels mit Mehrdeutigkeiten, wonach die „Morgenröthe“ auch als Metapher für den Anfang gelesen werden kann.

      wiederum das Natürliche ist. [...]So sind
      Sie u. Göthe entgegensetzt u. identisch
      zugleich, wie die Natur u. der Geist.
      Oder betrachtet Göthe nicht doch nur episch
      mit der Naturanschauung eines Homers
      die Welt, Ihr Geist aber dramatisch?
      Etwa wie Platos Dialektik in dem ho_
      hen Sin̄e, in dem Sie uns das Dramati_
      sche begreifen lernhrten, dramatischer ist,
      als die Tragiker. Dern wunderlichen
      scheinbaren Widerspruch, daß Sie, obgleich
      die Welt mehr, als irgendeiner, physio_
      gnomisch betrachtend, doch die Form Ihrer
      Dichtung nie mimisch (oder theatralisch)
      werden ließen – gehen Sie nicht stets
      von Etwas Besonderem aus u. verklä_
      ren es in ein Allgemeines, stellen Sie nicht
      die Welt, die Sie gerade im Einzelnen
      u. Kleinen betrachten, makrokosmisch
      dar, während Göthe von einem all__

      4
      gemeinen Begriff auszugehen scheint;
      den er mikrokosmisch in einem Beson_
      dern darstellt? – Diesen scheinba_
      re Widerspruch, sowie den, der so nahe
      damit zusam̄enhängt, daß man sagen kan̄,
      Ihre Poësie seye bewußtvoll, die Göthische
      unbewußt u. daß sich dieß wieder im
      Einzelnen gerade umkehren läßt, diese
      scheinbare Widersprüche meine ich klar
      lösen zu kön̄en u. ich möchte sagen, ich
      denke dabei, was ich bei dem Gegensaz
      denke, den die Tragiker gegen Plato
      bilden. – Dramatisch ist der ganze Cha_
      rakter der Zeit u. ebendeßwegen trägt
      sie in sich Epos, Lyrik u. Drama. Liegt
      nun in Göthe nicht elementarisch, episch
      reell, was in Ihrem Geiste sich selbst
      bewußt geworden u. idelell in der
      dramatischen Formen beschlossen ist.

      Wen̄ nur solche bildliche Ausdrücke
      nicht das Mißverständniß an der
      Stirne trügen! Wär' ich ein Professor
      der Psychologie, so würd' ich etwa docieren
      Göthe habe das menschliche Wollen, Sie
      die eigentliche Vernunft oder Fantasie
      bearbeitet, Göthe sei a posteriorisch,
      Sie a prioorisch verfahren. –

      Wie ferner Sie die Geschichte des mensch_
      lichen Geistes zur Geschichte der Poësie
      erhoben, das Leben in Kunst verwan_
      delt haben, so haben die Filosofen die
      Geschichte der Natur zur Geschichte der
      Menschheit gemacht, so daß auch die
      äußere Natur ein crystallisiertes
      Drama ist. Charakterisiert sich die_
      ser Pantheismus nicht auch in dem un_
      serer Zeit entwachsenen historischen
      Roman, wo der Mensch, nur ein Pro_
      dukt der Geschichte ist, gleichsam eine

      5
      Blüthe, die aus ihrer Mitte hervor_
      vegetiert, von ihren Säften genährt
      u. von ihren geheimen Kräften festge_
      halten. –

      Ganz thöricht u. + [am Rande: + natürl. spreche
      ich hier nicht von der
      Form eines einzelnen
      poët. Kstwrks son_
      dern blos von den
      Elementen der Poësie.
      ]
      leer scheint es mir, wen̄
      man in unserer Zeit noch die Poësie nach
      der äußeren Eintheilung der Aesthe_
      tik, der lyrischen, epischen u. drama_
      tischen Form betrachten will; dieß
      sind nur Vorbilder gewesen, etwa wie
      der Opferdienst im A. T. Lyrisch ist Alles
      subjective, was nicht mikrokosmisch
      den Organismus des Weltganzen dar_
      stellt d. h. dramatisch ist. Ist z. B.
      nicht die ganze Poësie Schillers die blose
      Lyrik des edlen Jünglings, wie er in
      allen Zeiten ist, ist Ssie nicht Etwas ganz
      einzelnes, subjektives, nehmlich die
      Apotheose der sittlichen Schönheit?

      Weit eminenter u. charakteristischer ist
      Jean Paul. Er scheint mir recht eigentlich
      die reine Lyrik der Naturfilosofie zu
      seyn. Verhält er sich nicht zu Ihnen, wie
      Fichte zu Schelling?
      Beinahe den tiefsten
      Eindruck im ganzen Titan machte auf mich
      [jeene] Sentenz: "Gott gebe nur, daß Gott
      selber einmals zu sich sagt: Ich! Das Uni_
      versum zitterte aus einander glaub
      ich, den̄ Gott findet keine dritte Hand.“ 4
      Ich meinte, je weiter ich darüber nachdachte,
      die Rize gefunden zu haben, durch die ich
      freilich noch in großer Ferne den Jean
      Paulschen
      Genius erkan̄te. Bestandeht nicht
      seine Individualität darin̄, daß er den
      fichteischen Saz: das Ich ist Gott! auf
      eine andere Weise, nehmlich, wen̄ ich so
      sagen darf, persönlicher, als Novalis,
      in einem großen Anthropomorphismus
      darstellen will u. was ist sein Humor

      Kommentare

      4 Zitat aus dem Titan Jean Pauls (Band 4, 33. Jobelperiode, 136. Zykel).

      6
      anders, als eben der Widerspruch von
      diesem Ideal? Könte man in Bezie_
      hung auf seinen Humor nicht Lichtenberg
      Jean Pauls geistlichen Vater nen̄en. We_
      nigstens kan̄ ich nur auf diese Weise ver_
      stehen, was Solger von dem erdgebornen
      Ringen Jean Pauls sagt 5 u. was eben
      Lichtenberg in seiner Verpuppung ließ, ihn,
      der wohl ebensonahe zu einem Dichter,
      als zu einem Filosofen hatte u. doch das
      Gegentheil vo[n] beiden war. Nur darum,
      dünkt mir, ist Jean Paul kein Künst_
      ler geworden, weil er im̄erzu sichsagte:
      Ich! So wird er im̄er "das Faktotum
      der Welt“6, wie Schoppe 7 von sich beken̄t,
      ja er ist der Geplagte selbst u. mich
      wundert, daß man nicht auf Jean
      Pauls
      Grabstein die Worte setzt:
      "Nun hast du hienieden geendet, strenger,
      fester Geist! Die Erdkugel u. alles

      Kommentare

      5 In Solgers Nachgelassene Schriften und Briefwechsel heißt es: „Es giebt irdische Naturen, die sich mit aller Gewalt nach dem Höhern abquälen und das Schönste und Beste ihrer Welt auf einander häufen, um darauf in die andere zu steigen, aber natürlich vergebens. Dahin gehört auch der erdgeborne Jean Paul.“ (Bd. 1, S. 93: in „Kleine Aufsätze vom Jahre 1803“)

      6 Zitat aus Jean Pauls Titan. (Band 4, 31. Jobelperiode, 122. Zykel)

      7 Schoppe ist einer von fünf Protagonisten in Jean Pauls Titan.

      Irdische, woraus die flüchtigen Wel_
      ten sich formen, war Dir ja viel zu
      klein u. leicht. Den̄ Etwas höheres,
      als das Leben, suchtest Du hinter dem
      Leben, nicht dein Ich, keinen Sterb_
      lichen, nicht einen unsterblichen, sondern
      den Ewigen, den Allerersten, den Gott.
      Das hiesige Scheinen war Dir so gleich_
      gültig, das Böse, wie das Gute. Nun
      ruhst Du im rechten Seyn, der Tod
      hat vom dunkeln Herzen die ganze
      schwüle Lebenswolke weggezogen,
      u. das ewige Licht steht unbedekt,
      das Du lange suchtest u. Du, sein
      Str[...]ahl, wohnst wieder im Feuer!“8
      Je mehr ichin diese Rede schaute,
      desto bestim̄ter schien es mir seine
      Physiognomie zu seyn. Daß er nie das Gro_
      ße im Kleinen sah, das machte ihn so
      undramatisch d. h. unkünstlerisch.

      Kommentare

      8 vgl. die Stelle aus Jean Pauls Titan. (Band 4, 34. Jobelperiode, 139. Zykel)

      7
      Die unendlichen, naturfilosofischen Pa_
      rallelen, die er durch Him̄el u. Erde zog,
      sind aber recht die mythologischen Bilder
      unserer neuen kosmogonischen Poësie,
      der Historien u. Landschaftsmaler Walter Skott ist sein
      äußerstes Extrem. Wer seine Lyrik in
      ein naturfilosofisches Drama aufzulösen
      vermag, wird ein großer Künstler seyn.

       

      Sie würden mir Unrecht thun, wen̄ Sie arg_
      wöhnten, ich halte, was ich hier ausgesprochen,
      für Etwas dem Aehnliches, was man solide
      Ideen nen̄t. Ich sehe vielmehr sehr deutlich ein,
      wie es blos der Schaum einer tiefen, gemüth_
      lichen Entwicklung u. als Empfindung ei_
      ner ganz relativen Stim̄ung Etwas Ober_
      flächliches ist. Sie mögen es sich leicht
      denken, wie drückend es einem Jüng_
      ling bei der Ahnung, wie universell
      der Charakter seiner Zeit ist, wird, blos
      in Gefühlen sich abzumatten u. nicht

      ergründen zu dürfen, was er ahnet. Ich
      mache gewiß Nichts besonderes aus mir, son_
      dern spreche nur in der Scene, in der ich gera_
      de bin, das tragikomische ist für mich die
      schreckliche Ungewißheit, ob auch das äußere
      Geschick meinen Charakter, wie ichs wün_
      sche, dramatisch hinausführt, den̄och aber
      soll ich sprechen, wie ein gemachter Man̄, wen̄
      ich nicht für traümerisch oder hochmüthig ge_
      halten werden will. Kein Mensch außer
      Ihnen versteht mich, wen̄ ich zu ihm sage:
      "Ich kan̄ noch nichts schaffen, weil ich noch ei_
      ne reine Negation bin, ein poëtischer
      Nihilist, ich kan̄ wohl vernünftig sdenken
      u. sprechen, aber nicht in meinen eigenen
      Worten sondern nur in den Reden der
      Meister, denen ich Leib u. Seele hingebe,
      wie die alten Gottesgelehrten blos in
      Bibelsprüchen sich ausdrükten. Mein
      erworbenes Wissen hat mir nur die

      8
      Welt, in der ichlebte, genom̄en, ohne
      daß ich mir ein Lehrgeld für ein ande_
      res Land daraus rettete.“ Doch ich kom̄e
      wieder ins peinliche Reden, wo mir die Feder in Stein erstarrt u. Sie wissen
      gewiß, was ich sagen will. Mein einziger
      Trost ist, daß der Geist sowenig rückwärts
      gehen kan̄, als ein Kind im Mutterleib,
      u. daß ich klar erken̄e, wie mein ganzes
      Leben bis auf diesen Augenblick kein an_
      deres werden kon̄te, als es g geworden ist.
      War es ja doch gerade mein Leben, das
      mir jene hohe Offenbarungen der Poësie [am Rande: überh. verstehen lehrte u.]
      verbürgte! Was kom̄t, ist wieder die
      Folge des Vorangegangenen, z. B. wen̄
      ich Sie davon überzeugen kan̄, daß ich
      noch Etwas Tüchtiges leisten kan̄, so werde
      ich es auch zu leisten Gelegenheit finden;
      ist dieß nicht der Fall, so bin ich einer
      der vom Schicksal geopferten Menschen u.
      zwar von der niedrigsten Klasse, "die
      die Milchstraße der Unendlichkeit
      u. den Regenbogen der Fantasie

      zum Bogen ihrer Hand gebrauchen woll_
      ten, ohne je eine Sehne darüberziehen
      zu kön̄en." 9 Ichw erde in diesem Fall
      gewiß keiner von den Narren seyn, welche
      über Götter u. Schicksal fluchen. Doch
      kan̄ ich mir die Sache gar nicht deut_
      lich vorstellen. Möge es Gott gefallen,
      daß ich, nachdem ich die todte Form
      zerschlagen, mein Leben dem Studi_
      um der höheren Gottesgelahrtheit wid_
      men darf!

        10

      Kommentare

      9 Zitat aus Jean Pauls Titan (Band 4, 35. Jobelperiode, 145. Zykel).

      10 Ab hier folgt im Manuskript eine Abschrift des vorangegangenen Textes, wahrscheinlich von der Hand Karl Hellmuth Dammas' (vgl. Busch 1999, S.116)

      a 1
      Seiner Hochwohlgeboren Herrn Ludwig Tieck
      Adelheid Reinbold?

      a 1

      Kommentare

      1 Der vorliegende Text wurde von Lothar Busch als „literarischer Brief“ (S. 116) bezeichnet. Dieser Gattungseinordnung ist eindeutig zuzustimmen, erinnert der Text doch an die von Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichten Texte in Nicolais Zeitschrift „Briefe, die neueste Literatur betreffend“. Zwar wird Ludwig Tieck auf dem Titelblatt des Manuskriptes adressiert, doch ist der briefähnliche Text nicht versendet worden, zumindest weist das Dokument keine entsprechenden Spuren (wie Stempel oder Faltungen) auf. Es ist leider nicht zu rekonstruieren, ob Adelheid Reinbold Ludwig Tieck den Literaturbrief zu Lebzeiten übergeben hat.

      Gerade bin ich mit Jean Pauls Titan – ich hatte bis daher noch Nichts von ihm gelesen – fertig, so wie mit der voll schönen Begeisterung geschriebenen, aber sehr unwahren Schrift Menzels, der, wie eine Jungfrau über männliche Entwicklung, blos von der sittlichen Schönheit aus die ganze Welt betrachtet. Der Eindruck von diesen beiden Werken, die im Gegensaz zu Ihrem Geist, dem ich immer, wie Shakespeare der Bühne, die Ziffer 0 beilegen möchte, zusammenkommen, gab mir einige Worte in den Mund, durch die ich vielleicht mich darüber rechtfertigen kann, daß ich sagte, ich ahne den Mittelpunkt Ihrer Poësie. Wie gerne möchte ich aus den von allen Seiten zusammenstimmenden Tönen eine Ouvertüre komponieren! Aber das ist nun nicht zu ändern, J. P. sagt einmal, das Talent müsse eine Richtung nach dem Schwerpunkt haben; ich bin selbst im Schwerpunkt,2 das ist meine einzige Entschuldigung. Erlauben Sie, daß ich, wie ein Knabe, der aus der Schule komt und nicht

      Kommentare

      2 In Jean Pauls Titan heißt es: „Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkt, so daß die Richtungen einander aufheben.“ (Band 4, 27. Jobelperiode, 105. Zykel).

      fertig werden will, seinem Vater diese und jene Frage über das, was er gehört, vorzulegen, Ihnen Einiges ganz so, wie es in diesem Augenblick in meinem Kopfe ist, vorschwatzen darf.

      Die reinpoëtische Weltansicht unserer Zeit oder die Erscheinung, daß die ganze Zeit in Ihrem und Göthes Geist hell als vollendetes Drama sich abspiegeln konnte, dieser letzte und höchste Uebergang der Poësie aus dem Leben ins Bewußtseyn, aus der Lyrik ins Dramatische, aus der Mythe in die Geschichte, aus dem Symbol in das lebendige Wort, diese Apotheose der Poësie aller Zeiten scheint mir entbunden worden zu seyn durch die Naturfilosofie, die in einer Physik des Geistes und der Geschichte jedem geistigen Wesen, sei es ein Charakter oder eine Meinung oder eine Begebenheit, dasselbe Recht sichert, wie in der gemeinen Physik jedem materiellen Wesen, in der jede Entzweiung als natürlich nachgewiesen,

      alle Widersprüche auf einen ursprünglichen, nothwendigen Gegensaz zurückgeführt werden, die die historischen Perioden, wie Jahreszeiten, kurz Alles organisch betrachtet. Ist nicht die Morgenröthe dieses magischen Tages Jakob Böhme 3und die Mittagssonne der wiedergeborene Shakespeare? jener das Centrum, dieser die Peripherie, jener das Leben selbst, dieser das Bild jeglichen Lebens? Zwischen diesen beiden Enden scheint mir all unsere Weisheit und Kunst zu liegen. Wie Ideelles und Reales, so dünkt mir Ihr Geist und Göthes sich gegeneinander zu verhalten. Dem Antiken steht das Romantische, der klaren Verständlichkeit des erscheinenden Lebens das innerliche Weben des Geistes entgegen, der seiner Natur nach mystisch ist. Das Göttliche liegt aber darinn, daß das Natürliche, Gewöhnliche, wie die Wahlverwandschaften, das Wunderbarste und das Wunderbarste, wie Ihre Mährchenwelt,

      Kommentare

      3 Die Engführung von „Morgenröthe“ und „Jakob Böhme“ lässt auf die von Jakob Böhme verfasste philosophische Schrift „Aurora, das ist: Morgenröthe im Aufgang und Mutter der Philosophiae“ schließen. Jedoch bedient sich Adelheid Reinbold hier dem literarischen Gestus des Spiels mit Mehrdeutigkeiten, wonach die „Morgenröthe“ auch als Metapher für den Anfang gelesen werden kann.

      wiederum das Natürliche ist. So sind Sie und Göthe entgegensetzt und identisch zugleich, wie die Natur und der Geist. Oder betrachtet Göthe nicht doch nur episch mit der Naturanschauung eines Homers die Welt, Ihr Geist aber dramatisch? Etwa wie Platos Dialektik in dem hohen Sinne, in dem Sie uns das Dramatische begreifen lehrten, dramatischer ist, als die Tragiker. Den wunderlichen scheinbaren Widerspruch, daß Sie, obgleich die Welt mehr, als irgendeiner, physiognomisch betrachtend, doch die Form Ihrer Dichtung nie mimisch (oder theatralisch) werden ließen – gehen Sie nicht stets von Etwas Besonderem aus und verklären es in ein Allgemeines, stellen Sie nicht die Welt, die Sie gerade im Einzelnen und Kleinen betrachten, makrokosmisch dar, während Göthe von einem all__

      gemeinen Begriff auszugehen scheint; den er mikrokosmisch in einem Besondern darstellt? – Diesen scheinbaren Widerspruch, sowie den, der so nahe damit zusammenhängt, daß man sagen kann, Ihre Poësie seye bewußtvoll, die Göthische unbewußt und daß sich dieß wieder im Einzelnen gerade umkehren läßt, diese scheinbare Widersprüche meine ich klar lösen zu können und ich möchte sagen, ich denke dabei, was ich bei dem Gegensaz denke, den die Tragiker gegen Plato bilden. – Dramatisch ist der ganze Charakter der Zeit und ebendeßwegen trägt sie in sich Epos, Lyrik und Drama. Liegt nun in Göthe nicht elementarisch, episch reell, was in Ihrem Geiste sich selbst bewußt geworden und ideell in den dramatischen Formen beschlossen ist.

      Wenn nur solche bildliche Ausdrücke nicht das Mißverständniß an der Stirne trügen! Wär' ich ein Professor der Psychologie, so würd' ich etwa docieren Göthe habe das menschliche Wollen, Sie die eigentliche Vernunft oder Fantasie bearbeitet, Göthe sei a posteriorisch, Sie a priorisch verfahren. –

      Wie ferner Sie die Geschichte des menschlichen Geistes zur Geschichte der Poësie erhoben, das Leben in Kunst verwandelt haben, so haben die Filosofen die Geschichte der Natur zur Geschichte der Menschheit gemacht, so daß auch die äußere Natur ein crystallisiertes Drama ist. Charakterisiert sich dieser Pantheismus nicht auch in dem unserer Zeit entwachsenen historischen Roman, wo der Mensch, nur ein Produkt der Geschichte ist, gleichsam eine

      Blüthe, die aus ihrer Mitte hervorvegetiert, von ihren Säften genährt und von ihren geheimen Kräften festgehalten. –

      Ganz thöricht und natürlich spreche ich hier nicht von der Form eines einzelnen poëtischen Kunstwerks sondern blos von den Elementen der Poësie. leer scheint es mir, wenn man in unserer Zeit noch die Poësie nach der äußeren Eintheilung der Aesthetik, der lyrischen, epischen und dramatischen Form betrachten will; dieß sind nur Vorbilder gewesen, etwa wie der Opferdienst im Alten Testament. Lyrisch ist Alles subjective, was nicht mikrokosmisch den Organismus des Weltganzen darstellt das heißt dramatisch ist. Ist zum Beispiel nicht die ganze Poësie Schillers die blose Lyrik des edlen Jünglings, wie er in allen Zeiten ist, ist sie nicht Etwas ganz einzelnes, subjektives, nehmlich die Apotheose der sittlichen Schönheit?

      Weit eminenter und charakteristischer ist Jean Paul. Er scheint mir recht eigentlich die reine Lyrik der Naturfilosofie zu seyn. Verhält er sich nicht zu Ihnen, wie Fichte zu Schelling? Beinahe den tiefsten Eindruck im ganzen Titan machte auf mich [jeene] Sentenz: "Gott gebe nur, daß Gott selber einmals zu sich sagt: Ich! Das Universum zitterte aus einander glaub ich, denn Gott findet keine dritte Hand.“ 4 Ich meinte, je weiter ich darüber nachdachte, die Rize gefunden zu haben, durch die ich freilich noch in großer Ferne den Jean Paulschen Genius erkannte. Besteht nicht seine Individualität darinn, daß er den fichtischen Saz: das Ich ist Gott! auf eine andere Weise, nehmlich, wenn ich so sagen darf, persönlicher, als Novalis, in einem großen Anthropomorphismus darstellen will und was ist sein Humor

      Kommentare

      4 Zitat aus dem Titan Jean Pauls (Band 4, 33. Jobelperiode, 136. Zykel).

      anders, als eben der Widerspruch von diesem Ideal? Könte man in Beziehung auf seinen Humor nicht Lichtenberg Jean Pauls geistlichen Vater nennen. Wenigstens kann ich nur auf diese Weise verstehen, was Solger von dem erdgebornen Ringen Jean Pauls sagt 5 und was eben Lichtenberg in seiner Verpuppung ließ, ihn, der wohl ebensonahe zu einem Dichter, als zu einem Filosofen hatte und doch das Gegentheil vo[n] beiden war. Nur darum, dünkt mir, ist Jean Paul kein Künstler geworden, weil er immerzu sich sagte: Ich! So wird er immer "das Faktotum der Welt“6, wie Schoppe 7 von sich bekennt, ja er ist der Geplagte selbst und mich wundert, daß man nicht auf Jean Pauls Grabstein die Worte setzt: "Nun hast du hienieden geendet, strenger, fester Geist! Die Erdkugel und alles

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      5 In Solgers Nachgelassene Schriften und Briefwechsel heißt es: „Es giebt irdische Naturen, die sich mit aller Gewalt nach dem Höhern abquälen und das Schönste und Beste ihrer Welt auf einander häufen, um darauf in die andere zu steigen, aber natürlich vergebens. Dahin gehört auch der erdgeborne Jean Paul.“ (Bd. 1, S. 93: in „Kleine Aufsätze vom Jahre 1803“)

      6 Zitat aus Jean Pauls Titan. (Band 4, 31. Jobelperiode, 122. Zykel)

      7 Schoppe ist einer von fünf Protagonisten in Jean Pauls Titan.

      Irdische, woraus die flüchtigen Welten sich formen, war Dir ja viel zu klein und leicht. Denn Etwas höheres, als das Leben, suchtest Du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen Sterblichen, nicht einen unsterblichen, sondern den Ewigen, den Allerersten, den Gott. Das hiesige Scheinen war Dir so gleichgültig, das Böse, wie das Gute. Nun ruhst Du im rechten Seyn, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle Lebenswolke weggezogen, und das ewige Licht steht unbedekt, das Du lange suchtest und Du, sein Strahl, wohnst wieder im Feuer!“8 Je mehr ich in diese Rede schaute, desto bestimmter schien es mir seine Physiognomie zu seyn. Daß er nie das Große im Kleinen sah, das machte ihn so undramatisch das heißt unkünstlerisch.

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      8 vgl. die Stelle aus Jean Pauls Titan. (Band 4, 34. Jobelperiode, 139. Zykel)

      Die unendlichen, naturfilosofischen Parallelen, die er durch Himmel und Erde zog, sind aber recht die mythologischen Bilder unserer neuen kosmogonischen Poësie, der Historien und Landschaftsmaler Walter Skott ist sein äußerstes Extrem. Wer seine Lyrik in ein naturfilosofisches Drama aufzulösen vermag, wird ein großer Künstler seyn.

       

      Sie würden mir Unrecht thun, wenn Sie argwöhnten, ich halte, was ich hier ausgesprochen, für Etwas dem Aehnliches, was man solide Ideen nennt. Ich sehe vielmehr sehr deutlich ein, wie es blos der Schaum einer tiefen, gemüthlichen Entwicklung und als Empfindung einer ganz relativen Stimmung Etwas Oberflächliches ist. Sie mögen es sich leicht denken, wie drückend es einem Jüngling bei der Ahnung, wie universell der Charakter seiner Zeit ist, wird, blos in Gefühlen sich abzumatten und nicht

      ergründen zu dürfen, was er ahnet. Ich mache gewiß Nichts besonderes aus mir, sondern spreche nur in der Scene, in der ich gerade bin, das tragikomische ist für mich die schreckliche Ungewißheit, ob auch das äußere Geschick meinen Charakter, wie ichs wünsche, dramatisch hinausführt, dennoch aber soll ich sprechen, wie ein gemachter Mann, wenn ich nicht für traümerisch oder hochmüthig gehalten werden will. Kein Mensch außer Ihnen versteht mich, wenn ich zu ihm sage: "Ich kann noch nichts schaffen, weil ich noch eine reine Negation bin, ein poëtischer Nihilist, ich kann wohl vernünftig denken und sprechen, aber nicht in meinen eigenen Worten sondern nur in den Reden der Meister, denen ich Leib und Seele hingebe, wie die alten Gottesgelehrten blos in Bibelsprüchen sich ausdrükten. Mein erworbenes Wissen hat mir nur die

      Welt, in der ich lebte, genommen, ohne daß ich mir ein Lehrgeld für ein anderes Land daraus rettete.“ Doch ich komme wieder ins peinliche Reden, wo mir die Feder in Stein erstarrt und Sie wissen gewiß, was ich sagen will. Mein einziger Trost ist, daß der Geist sowenig rückwärts gehen kann, als ein Kind im Mutterleib, und daß ich klar erkenne, wie mein ganzes Leben bis auf diesen Augenblick kein anderes werden konnte, als es geworden ist. War es ja doch gerade mein Leben, das mir jene hohe Offenbarungen der Poësie überhaupt verstehen lehrte und verbürgte! Was kommt, ist wieder die Folge des Vorangegangenen, z. B. wenn ich Sie davon überzeugen kann, daß ich noch Etwas Tüchtiges leisten kann, so werde ich es auch zu leisten Gelegenheit finden; ist dieß nicht der Fall, so bin ich einer der vom Schicksal geopferten Menschen und zwar von der niedrigsten Klasse, "die die Milchstraße der Unendlichkeit und den Regenbogen der Fantasie

      zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne je eine Sehne darüberziehen zu können." 9 Ich werde in diesem Fall gewiß keiner von den Narren seyn, welche über Götter und Schicksal fluchen. Doch kann ich mir die Sache gar nicht deutlich vorstellen. Möge es Gott gefallen, daß ich, nachdem ich die todte Form zerschlagen, mein Leben dem Studium der höheren Gottesgelahrtheit widmen darf!

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      9 Zitat aus Jean Pauls Titan (Band 4, 35. Jobelperiode, 145. Zykel).

      10 Ab hier folgt im Manuskript eine Abschrift des vorangegangenen Textes, wahrscheinlich von der Hand Karl Hellmuth Dammas' (vgl. Busch 1999, S.116)

       
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