Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Rapport annuel d'August Boeckh au ministère de l'Intérieur (Berlin, 03 août 1815)

 

 

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An eine Hochpreißl. Abth. f. d.
Cultus u öffentl. Unterricht
im Ministerium des Innern.

50 50

Einer hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht
im Ministerium des Innern giebt der Unterzeichnete sich die Ehre den gesetzlich
bestimmten Jahresbericht über den Zustand des philologischen Seminars im ver=
gangenen akademischen Jahre einzureichen.

1. Übersicht der
Mitglieder.

I. Im Winterhalbeniahre 1814 – 1815. bestand das philologische Seminar aus
folgenden 8 ordentlichen Mitgliedern:
1) Imm. Herm. Fichte aus Berlin,
2) August Schröner aus Pom̄ern,
3) Friedrich Osann aus Weimar,
4) Eduard Gerhard aus Breslau,
5) Moriz Meier aus Glogau,
6) Johann Anton Grimm aus Lübeck,
7) Ludwig Bischoff aus Dessau,
8) Wilhelm Müller aus Dessau,
von welchen die 6 erstern im vorhergegangenen Semester schon Mitglieder gewesen, die
beiden letztern aber nach Beendigung ihrer Kriegsdienste wieder eingetreten waren,
da sie bereits im Winter 1812 – 1813. das Seminar als außerordentliche Mit=
glieder besucht hatten. Ausgetreten war nur der Studiosus Stenger, welcher sich
der Rechtsgelehrsamkeit widmen wollte, und nur ein halbes Jahr ordentliches
Mitglied gewesen war.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen an dem Institut theil:
1) Dr. Ludwig Döderlein von München,
2) Dr. Ernst Friedr. Poppo von Guben,
3) Dr. Carl Wilh. Göttling von Jena,
4) Albert Martins v. Warschau,
5) Wilh. Aug. Klütz aus Pom̄ern,
6) Joh. Friedr. Kroll aus Pom̄ern,
7) Isaac Marcus Jost aus Anhalt=Bernburg.

Die beträchtliche Anzahl derer, welche in diesem Semester Antheil an den Übungen
des Seminars zu nehmen wünschten, veranlaßte den Director zu dem unter den
21. März d. J. geäußerten und von einer hochpreißlichen Abtheilung pp. durch
das verehrliche Rescript vom 30. dess. M. genehmigten Wunsche, die Zahl der
ordentlichen Mitglieder von 8 auf 10 zu vermehren: was iedoch bei den ein=
getretenen Umständen nicht geschehen konnte, in denen die Frequenz der Uni=
versität mit dem Ausbruch des Krieges bedeutend abnahm. Mit dem Ablaufe
des Wintersemesters hörten nehmlich folgende auf Mitglieder des Institutes zu
seÿn:

I) Von den ordentlichen:
1) Fichte, welcher sich, nachdem er vom Anfange des Seminars an thätigen
Antheil genom̄en hatte, nunmehr dem Privatunterricht und
dem Studium der Philosophie widmen wollte.

2) Schröner, ein hoffnungsvoller iunger Mann, der als freiwilliger
Jäger in die Reihe der Vaterlandsvertheidiger getreten ist.

3) Grimm, dieser bewarb sich bei der philosophischen Facultät um die
Doctorwürde, konnte aber, da seine Specimina unzureichend wa=
ren, nur den Magistergrad erhalten, bei welcher Gelegenheit er eine
Abhandlung De Platonicis Epistolis &c. drucken ließ, die nebst dem
ihm ertheilten Diplom beiliegt. Bei seinen mäßigen Fähigkeiten
hätte er dem Rathe seiner Lehrer mehr folgen müssen, als er that;

sein Fleiß war iederzeit lobenswerth: aber eine gute philologische
Bildung hat er noch nicht erreicht; ia er hat weniger geleistet, als
der Director nach frühern Proben zu erwarten berechtigt war. Gegen=
wärtig befindet er sich als Hauslehrer in St. Petersburg.

II) Von den außerordentlichen:
1) Dr. Poppo, ein sehr kenntnisreicher iunger Mann, welcher eine
Ausgabe des Thucÿdides unter den Händen hat.1 Er glaubte, daß in dem Som̄er dieses Jahres wegen des Krieges die Vorlesungen sto=
pen würden, und begab sich deshalb nach Leipzig, wozu ihn viel=
leicht auch seine politischen Überzeugungen zum Theil bewogen haben
mögen.

2) Dr. Göttling, bekannt durch eine nicht werthlose Schrift über den Kal=
limachus
und eine andere über das Niebelungenlied.2 Er wollte anfangs
zu Felde gehen, wird aber ietzo dem Vernehmen nach an dem Gÿm=
nasium zu Rudolstadt angestellt.

3) Martins, welcher als Offizier zum Kriegsdienst einberufen wurde.
4) Klütz, und
5) Kroll. Da einige Vorlesungen, welche ihnen nützlicher seÿn konnten,
mit den Stunden des Seminars collidirten, und beide auch sehr schwach
sind, gab ihnen der Director den Rath, auf die Übungen des Insti=
tuts Verzicht zu leisten, und erst späterhin wieder zuzutreten.

Es blieben folglich für den Som̄er 1815. folgende ordentliche Mitglieder:
1) Osann,
2) Gerhard,
3) Meier,
4) Bischoff,
5) Müller,
wozu noch Dr. Döderlein, welcher sich durch ein Specimen editionis Sophoclis
(Erlang. 1814.) als ein hoffnungsvoller iunger Gelehrter gezeigt hat, als ordentli=
ches Mitglied aufgenom̄en wurde.

Von den außerordentlichen blieb Jost; neu hinzu kam:
Georg Gustav Halbkart aus Schweidnitz.

II. Übungen des
Seminars
.

II. Die gewöhnlichen Übungen der Seminaristen wurden in diesem Jahre regel=
mäßig angestellt.

1) Im Auslegen der lateinischen Schriftsteller übte Hr Prof. Buttmann die
Mitglieder beide Semester an Ovids Fasten; der Director ließ im Win=
tersemester
Demosthenes Rede von der Krone, im Som̄eremester das
6te Buch des Herodot erklären, und hielt zur Verdeutlichung einiger
schwieriger Puncte bei Gelegenheit der erstern etliche Wochen eine Vor=
lesung über die Trierarchie zu Athen für die Seminaristen,
um ihnen
ein Beispiel für die Behandlung solcher Gegenstände zu geben.

2) Folgende zum Theil sehr ausführliche und viele Zeit erforderne Abhand=
lungen wurden in den Abendzusam̄enkünften beurtheilt:
1. Von Fichte: Dissertatio de Ius erroribus Pars. III. Eine wohl=
gedachte und von gutem Urtheil zeugende kleine Abhandlung.

Commentaires

1 Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um „Observationes Criticae in Thucydidem“, das 1815 erschienen ist und sich in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 876 im „Katalog meiner Bücher“).

2 Bei ersterem handelt es sich um „Animadversiones criticae in Callimachi Epigrammata et achillem tatium“, das 1811 erschienen ist und sich in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 830 im „Katalog meiner Bücher“). Zweiteres meint die Veröffentlichung „Über das Geschichtliche im Niebelungenliede“.

51 51
2. Von Schröner: De Archontibus Atticis; dunkel geschrieben, und etwas zu
allgemein.

3. Von Osann: De penultima sede denarii Latinorum antiquiorum fragicorum & comicorum; eine klar und mit Ken̄tniß verfaßte
Abhandlung.

4. Von Gerhard: Lectiones Apollonianae, liber prior. Eine scharf=
sinnige und gelehrte Com̄entation, welche die Grundlage zu der Disser=
tation
wurde, welche er der philosophischen Facultät vorlegte.

5. Von Meier: De permutatis verborum generibus in lingua Graeca,
Pars II
. nicht ohne Geschick, aber etwas zu spitzfindig ausgeführt.

6. Von Grimm: Animadversiones in Aeschÿli & Euripidis quosdam
locos difficiliores
, enthaltend eine scharfsinnig aufgefundene Chor=
abtheilung in Aeschÿlus, sonst aber zu nachläßig geschrieben.

7. Von Poppo, welcher, ob er gleich nur außerordentliches Mitglied war, doch
eine wohlgerathene Abhandlung lieferte: De varii generis addita=
mentis, quae in Thucÿdidis libros irrepserint. Pars I.

8. Von Bischoff: Annotationum criticarum in Ovidii Elegi=
aca Spec. I
. Nicht ohne gutes Urtheil, aber noch unbe=
holfen geschrieben, und ohne Aufwand von Gelehrsamkeit.

9. Von Müller: In Statii Epicedion Osittaci Melioris Comm.
Diese Abhandlung steht der Num. 8. vollkom̄en gleich.

10. Von Döderlein: De Clisthene Atheniensi eiusque institutis,
ziemlich gut geschrieben, aber zu allgemein.

11. Von Osann: Dissertatio critica de Levii Andronici vita et
scriptis
, eine sehr fleißig und genau gearbeitete, gut geschriebene
Abhandlung.

12. Von Gerhard: De auctore Cÿnegeticorum. Diese kleine Abhand=
lung ist zwar nicht ohne Ken̄tnisse und Scharfsin̄ geschrieben, befriedigt aber
wenigstens den unterzeichneten Director in Rücksicht des Resultats nicht.

13. Von Döderlein: De cleruchiis Atheniensium. Eine fleissig ge=
arbeitete und wohlgerathene Abhandlung.

Der Director beehrt sich diese Abhandlungen einer Hochpreißl. Abth. pp. mit der
Bitte um die Zurücksendung ganz gehorsamst einzureichen.

3) Außerdem wurden folgende Aufgaben mündlich gelöst:
1. Disputetur de prosodia vocabuli ἴσος, quod in Aeschÿli versu a Brunckio
in Lex. Sophocl. allato legitur, εἴ μοι γένοιτο φᾶρος ἴσον οὐρανῷ.

2. Explicetur vel restituatur metrum Aeschÿli Agam. 1412. ἄπολις
δ’[ἔσει] &c.

3. Quid statuendum est de Theocriti loco Epith. Ad Hel. 29 πιείρᾳ
μεγάλᾳ &c.?>

4. Disputandum proponitur de Aeschÿli Choeph. 636-646. τὸ μὴ θέμις
γὰρ &c.

5. Quid sentiendum de Aeschÿl. Eumen. 44 sqq. ἐλαίας — τῇδε γὰρ τρανῶς
ἐρῶ.

6. Explicantur Plauti verba in Amphitr. I, 1, 154. Quid si ego illum tractim
tangam, ut dormiat?

7. Constituatur vincera scriptura et explicatio loci Plautini
Capt. prol. II sqq. Negat hercle — mendicarier.

8. Explicetur locus Senecae in epist. XXIV, [...]. II. ed. Ruhk.
Mihi crede — timendum sit.3

9. Explicetur locus Persii Sat. IV, 21. 28. Dum ne — ocima vernae.
10. Diiudicetur utrum apud Tibull. I, 2, 50. lectis codicum, Convocat
orbe nives
, retinenda sit, an Vossii correctio recipienda.4

Commentaires

3 Es handelt sich um Senecas Epistel 24,11.

4 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe „Albius Tibullus et Lygdamus, codicum ope emendati a Joanne Henrico Vossio“ von 1811, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 629 im „Katalog meiner Bücher“).

11. Explicetur Sophocl. Philoct. 1150 φυγᾷ μʹ οὐκέτʹ ἀπʹ αὐλίων [πελᾶγʹ].
12. Illustretur Thuc. III. 31. ἐλπίδα δʹ εἶναι — ὣστε ξυμπολεμεῖν.
13. Quid statuendum de Theocriti, cuius vulgo putant, Idyll. XXVII,9.
ἁ σταγθλὶς — ὀλεῖται?

14. Quomodo corrigendus aut explicandus videtur locus Eurip. Phoen.
vs. 861. ed. Pors. ὡς πᾶσʹ ἀπήνη &c. ?

15. Recenseantur, quae a visis doctis tentata sunt ad emandandum Aeschÿl.
VII adv. Theb. 276. δράκοντα δ’ὥς τις — πελείας.

16. Quid videatur de urbis Taciti Ann. XIII, 26. Quibusdam coalitam libertate
— dissuadentes.

17. Ad disputandum proponitur Hor. Serm. I, 3, 56-59. "Probus quis —
domus" et Bentleii maxime de hoc loco iudici[um].

18. Disputetur de loci constructione et lectione in Eurip. Orest. 73.74.
πῶς ὦ τάλαινα — ἔφυ.

19. In Theocriti, si diis placet, carmine XVI. quartus versus ἄμμες
δὲ βροτε/σι &c. qua ratione ceteris con̄exus sit, com̄onstretur.

20. Explicetur aut emendetur locus Demosthenis in Polÿcl. p.1211.
26 ed. Reisk. εἰσαγγελθέντων δέ &c. usque ad p.1212. 5. καὶ τοὺς
τόκους, collatis iis, quae a Salmasio de M. U. p. 219. ad
l. I. disputata sunt.

21. Quid statuendum videtur de vs. 659. lib. II. Art. Am. Ovidii: Si pae=
ta est, &c.?

22. Explicentur versus 90-98. Juvenal. Sat. II.
23. Disputetur de Sophocl. Aiac. 1094. Lobeck.5 ὕπαρχος ἄλλων —
ἡγεῖσθαι ποτε.

24. Visendum, an vera sit Hermanni emendatio Orph. Argon.
1283.6 ἤειδον δὲ λιγὺ κλάζων διὰ θέσκελον ὕμνον.

25. Explicetur Thuc. III, 68. Διότι τόν τε ἄλλον χρόνον — πεπονθέναι.
26. Explicetur aut corrigatur Plaut. Stich. I, 2, 35.
"qui ita meae animae salsura evenit".

III. Zuerkannte Prä=
mien
.

III. Aus dem Vorgetragenen geht schon zur Genüge hervor, daß das Seminarium
in diesem Jahre mehrere iunge Männer von ausgezeichneten Kenntnissen zähl=
te: Wenn Einige, wie Bischoff und Müller, den übrigen noch nachstehen, so ist be=
sonders die Unterbrechung ihrer Studien durch die Feldzüge von 1813. und 1814.
daran Schuld. Der Director hat daher geglaubt, daß sie bei der Vertheilung der
Prämien deshalb nicht zurückgesetzt werden dürften, zumahl da sie es an Fleiß
niemals fehlen ließen und der Unterstützung schon von Anfang an, noch
mehr aber nach den durch den Kriegsdienst gemachten Aufopferungen be=
durfthen. Auf seinen Antrag hat eine Hochpreißl. Abth. pp. durch das Rescript
vom 30. März 1815. den Studiosen Fichte, Schröner, Osan̄, Gerhard, Meier,
Grim̄, Bischoff und Müller, iedem 25 rl ertheilt; desgleichen durch das
Rescript vom 20. Juli d. J. den Studiosen Osann, Gerhard, Meier, Döderlein
iedem 35 rl, u dem
Bischoff, u Müller und Döderlein, iedem 30 rl.

Da eine Hochpreißl. Abth. pp. in dem Reglement festgesetzt hatte, daß in
vorkom̄enden Fällen den Mitgliedern durch einen Zuschuß aus den Geldern
des Seminars die Promotion erleichtert werden sollte, so trug der Director
unter dem 21. März d. J. darauf an, daß dem früher schon ausgetretenen
Studiosus Wernike zu diesem Behuf 50 rl gegeben werden möchten, welches
durch das Rescript vom 30. März d. J. hochgefälligst genehmigt wurde. Herr
Wernike hat auch bereits das Examen bestanden, und wird der Facultät sowohl
als dem Seminar durch seine Promotion Ehre machen. Zugleich wurde ver=
ordnet, daß der Rest der rückständigen Seminariengelder zu demselben
Zwecke reservirt bleiben solle: und es wurde von demselben schon unter dem
20. April 1815. dem Stud. Gerhard ebenfalls 50 rl Behufs seiner Promo=
tion bewilligt. Der Director hat die Ehre das demselben von der philosophischen Fa=
cultät
ertheilte Diplom beizulegen, und wird die darin bezeichnete Dissertation, wel=
che sich noch unter der Presse befindet, nachträglich ganz gehorsamst einsenden.
Zu=
gleich erlaubt er sich, denselben als einen talentvollen und ken̄tnißreichen iungen Mann
einer Hochpreißl. Abth. pp. zu baldiger Anstellung zu empfehlen.

Der Director des philologischen Seminars der hiesi=
gen Universität

Böckh

Commentaires

5 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe Sophoclis Ajax Graece cum scholiis et commentario perpetuo von 1809, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 630 im „Katalog meiner Bücher“).

6 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe Orphica von 1805, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 265 im „Katalog meiner Bücher“).

An eine Hochpreißliche Abtheilung für den
Cultus und öffentlichen Unterricht
im Ministerium des Innern.

a

Einer hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht im Ministerium des Innern giebt der Unterzeichnete sich die Ehre den gesetzlich bestimmten Jahresbericht über den Zustand des philologischen Seminars im vergangenen akademischen Jahre einzureichen.

1. Übersicht der Mitglieder.

I. Im Winterhalbeniahre 1814 – 1815. bestand das philologische Seminar aus folgenden 8 ordentlichen Mitgliedern: 1) Immanuel Hermann Fichte aus Berlin,
2) August Schröner aus Pommern,
3) Friedrich Osann aus Weimar,
4) Eduard Gerhard aus Breslau,
5) Moriz Meier aus Glogau,
6) Johann Anton Grimm aus Lübeck,
7) Ludwig Bischoff aus Dessau,
8) Wilhelm Müller aus Dessau,
von welchen die 6 erstern im vorhergegangenen Semester schon Mitglieder gewesen, die beiden letztern aber nach Beendigung ihrer Kriegsdienste wieder eingetreten waren, da sie bereits im Winter 1812 – 1813. das Seminar als außerordentliche Mitglieder besucht hatten. Ausgetreten war nur der Studiosus Stenger, welcher sich der Rechtsgelehrsamkeit widmen wollte, und nur ein halbes Jahr ordentliches Mitglied gewesen war.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen an dem Institut theil:
1) Dr. Ludwig Döderlein von München,
2) Dr. Ernst Friedrich Poppo von Guben,
3) Dr. Carl Wilhelm Göttling von Jena,
4) Albert Martins von Warschau,
5) Wilhelm August Klütz aus Pommern,
6) Johann Friedrich Kroll aus Pommern,
7) Isaac Marcus Jost aus Anhalt=Bernburg.

Die beträchtliche Anzahl derer, welche in diesem Semester Antheil an den Übungen des Seminars zu nehmen wünschten, veranlaßte den Director zu dem unter den 21. März des Jahres geäußerten und von einer hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht durch das verehrliche Rescript vom 30. desselben Monats genehmigten Wunsche, die Zahl der ordentlichen Mitglieder von 8 auf 10 zu vermehren: was iedoch bei den eingetretenen Umständen nicht geschehen konnte, in denen die Frequenz der Universität mit dem Ausbruch des Krieges bedeutend abnahm. Mit dem Ablaufe des Wintersemesters hörten nehmlich folgende auf Mitglieder des Institutes zu seyn:

I) Von den ordentlichen:
1) Fichte, welcher sich, nachdem er vom Anfange des Seminars an thätigen Antheil genommen hatte, nunmehr dem Privatunterricht und dem Studium der Philosophie widmen wollte.
2) Schröner, ein hoffnungsvoller iunger Mann, der als freiwilliger Jäger in die Reihe der Vaterlandsvertheidiger getreten ist.

a 50

3) Grimm, dieser bewarb sich bei der philosophischen Facultät um die Doctorwürde, konnte aber, da seine Specimina unzureichend waren, nur den Magistergrad erhalten, bei welcher Gelegenheit er eine Abhandlung De Platonicis Epistolis &c. drucken ließ, die nebst dem ihm ertheilten Diplom beiliegt. Bei seinen mäßigen Fähigkeiten hätte er dem Rathe seiner Lehrer mehr folgen müssen, als er that; sein Fleiß war iederzeit lobenswerth: aber eine gute philologische Bildung hat er noch nicht erreicht; ia er hat weniger geleistet, als der Director nach frühern Proben zu erwarten berechtigt war. Gegenwärtig befindet er sich als Hauslehrer in St. Petersburg.

II) Von den außerordentlichen:
1) Dr. Poppo, ein sehr kenntnisreicher iunger Mann, welcher eine Ausgabe des Thucydides unter den Händen hat.1 Er glaubte, daß in dem Sommer dieses Jahres wegen des Krieges die Vorlesungen stopen würden, und begab sich deshalb nach Leipzig, wozu ihn vielleicht auch seine politischen Überzeugungen zum Theil bewogen haben mögen.
2) Dr. Göttling, bekannt durch eine nicht werthlose Schrift über den Kallimachus und eine andere über das Niebelungenlied.2 Er wollte anfangs zu Felde gehen, wird aber ietzo dem Vernehmen nach an dem Gymnasium zu Rudolstadt angestellt.
3) Martins, welcher als Offizier zum Kriegsdienst einberufen wurde.
4) Klütz, und
5) Kroll. Da einige Vorlesungen, welche ihnen nützlicher seyn konnten, mit den Stunden des Seminars collidirten, und beide auch sehr schwach sind, gab ihnen der Director den Rath, auf die Übungen des Instituts Verzicht zu leisten, und erst späterhin wieder zuzutreten.

Es blieben folglich für den Sommer 1815. folgende ordentliche Mitglieder:
1) Osann,
2) Gerhard,
3) Meier,
4) Bischoff,
5) Müller, wozu noch Dr. Döderlein, welcher sich durch ein Specimen editionis Sophoclis (Erlangen 1814.) als ein hoffnungsvoller iunger Gelehrter gezeigt hat, als ordentliches Mitglied aufgenommen wurde.

Von den außerordentlichen blieb Jost; neu hinzu kam: Georg Gustav Halbkart aus Schweidnitz.

II. Übungen des Seminars.

II. Die gewöhnlichen Übungen der Seminaristen wurden in diesem Jahre regelmäßig angestellt.

1) Im Auslegen der lateinischen Schriftsteller übte Herr Professor Buttmann die Mitglieder beide Semester an Ovids Fasten; der Director ließ im Wintersemester Demosthenes Rede von der Krone, im Sommeremester das 6te Buch des Herodot erklären, und hielt zur Verdeutlichung einiger schwieriger Puncte bei Gelegenheit der erstern etliche Wochen eine Vorlesung über die Trierarchie zu Athen für die Seminaristen, um ihnen ein Beispiel für die Behandlung solcher Gegenstände zu geben.

2) Folgende zum Theil sehr ausführliche und viele Zeit erforderne Abhandlungen wurden in den Abendzusammenkünften beurtheilt: 1. Von Fichte: Dissertatio de Ius erroribus Pars. III. Eine wohlgedachte und von gutem Urtheil zeugende kleine Abhandlung.

Commentaires

1 Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um „Observationes Criticae in Thucydidem“, das 1815 erschienen ist und sich in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 876 im „Katalog meiner Bücher“).

2 Bei ersterem handelt es sich um „Animadversiones criticae in Callimachi Epigrammata et achillem tatium“, das 1811 erschienen ist und sich in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 830 im „Katalog meiner Bücher“). Zweiteres meint die Veröffentlichung „Über das Geschichtliche im Niebelungenliede“.

a 2. Von Schröner: De Archontibus Atticis; dunkel geschrieben, und etwas zu allgemein.
3. Von Osann: De penultima sede denarii Latinorum antiquiorum fragicorum & comicorum; eine klar und mit Kenntniß verfaßte Abhandlung.
4. Von Gerhard: Lectiones Apollonianae, liber prior. Eine scharfsinnige und gelehrte Commentation, welche die Grundlage zu der Dissertation wurde, welche er der philosophischen Facultät vorlegte.
5. Von Meier: De permutatis verborum generibus in lingua Graeca, Pars II. nicht ohne Geschick, aber etwas zu spitzfindig ausgeführt.
6. Von Grimm: Animadversiones in Aeschyli & Euripidis quosdam locos difficiliores, enthaltend eine scharfsinnig aufgefundene Chorabtheilung in Aeschylus, sonst aber zu nachläßig geschrieben.
7. Von Poppo, welcher, ob er gleich nur außerordentliches Mitglied war, doch eine wohlgerathene Abhandlung lieferte: De varii generis additamentis, quae in Thucydidis libros irrepserint. Pars I.
8. Von Bischoff: Annotationum criticarum in Ovidii Elegiaca Specimen I. Nicht ohne gutes Urtheil, aber noch unbeholfen geschrieben, und ohne Aufwand von Gelehrsamkeit.
9. Von Müller: In Statii Epicedion Osittaci Melioris Comm. Diese Abhandlung steht der Nummer 8. vollkommen gleich.
10. Von Döderlein: De Clisthene Atheniensi eiusque institutis, ziemlich gut geschrieben, aber zu allgemein.
11. Von Osann: Dissertatio critica de Levii Andronici vita et scriptis, eine sehr fleißig und genau gearbeitete, gut geschriebene Abhandlung.
12. Von Gerhard: De auctore Cynegeticorum. Diese kleine Abhandlung ist zwar nicht ohne Kenntnisse und Scharfsinn geschrieben, befriedigt aber wenigstens den unterzeichneten Director in Rücksicht des Resultats nicht.
13. Von Döderlein: De cleruchiis Atheniensium. Eine fleissig gearbeitete und wohlgerathene Abhandlung.
Der Director beehrt sich diese Abhandlungen einer Hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht mit der Bitte um die Zurücksendung ganz gehorsamst einzureichen.

3) Außerdem wurden folgende Aufgaben mündlich gelöst:
1. Disputetur de prosodia vocabuli ἴσος, quod in Aeschyli versu a Brunckio in Lex. Sophocl. allato legitur, εἴ μοι γένοιτο φᾶρος ἴσον οὐρανῷ.
2. Explicetur vel restituatur metrum Aeschyli Agam. 1412. ἄπολις δ’[ἔσει] &c.
3. Quid statuendum est de Theocriti loco Epith. Ad Hel. 29 πιείρᾳ μεγάλᾳ &c.?>
4. Disputandum proponitur de Aeschyli Choeph. 636-646. τὸ μὴ θέμις γὰρ &c.
5. Quid sentiendum de Aeschyl. Eumen. 44 sequentes ἐλαίας — τῇδε γὰρ τρανῶς ἐρῶ.
6. Explicantur Plauti verba in Amphitr. I, 1, 154. Quid si ego illum tractim tangam, ut dormiat?
7. Constituatur vincera scriptura et explicatio loci Plautini Capt. prol. II sequentes Negat hercle — mendicarier.
8. Explicetur locus Senecae in epistula XXIV, [...]. II. ed. Ruhkopf Mihi crede — timendum sit.3
9. Explicetur locus Persii Sat. IV, 21. 28. Dum ne — ocima vernae.
10. Diiudicetur utrum apud Tibullum I, 2, 50. lectis codicum, Convocat orbe nives, retinenda sit, an Vossii correctio recipienda.4

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Commentaires

3 Es handelt sich um Senecas Epistel 24,11.

4 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe „Albius Tibullus et Lygdamus, codicum ope emendati a Joanne Henrico Vossio“ von 1811, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 629 im „Katalog meiner Bücher“).

11. Explicetur Sophocl. Philoct. 1150 φυγᾷ μʹ οὐκέτʹ ἀπʹ αὐλίων [πελᾶγʹ].
12. Illustretur Thuc. III. 31. ἐλπίδα δʹ εἶναι — ὣστε ξυμπολεμεῖν.
13. Quid statuendum de Theocriti, cuius vulgo putant, Idyll. XXVII,9. ἁ σταγθλὶς — ὀλεῖται?
14. Quomodo corrigendus aut explicandus videtur locus Eurip. Phoen. vs. 861. ed. Pors. ὡς πᾶσʹ ἀπήνη &c. ?
15. Recenseantur, quae a visis doctis tentata sunt ad emandandum Aeschyl. Septem adversus Thebas 276. δράκοντα δ’ὥς τις — πελείας.
16. Quid videatur de urbis Taciti Ann. XIII, 26. Quibusdam coalitam libertate — dissuadentes.
17. Ad disputandum proponitur Hor. Serm. I, 3, 56-59. "Probus quis — domus" et Bentleii maxime de hoc loco iudici[um].
18. Disputetur de loci constructione et lectione in Eurip. Orest. 73.74. πῶς ὦ τάλαινα — ἔφυ.
19. In Theocriti, si diis placet, carmine XVI. quartus versus ἄμμες δὲ βροτε/σι &c. qua ratione ceteris connexus sit, commonstretur.
20. Explicetur aut emendetur locus Demosthenis in Polycl. p.1211. 26 ed. Reisk. εἰσαγγελθέντων δέ &c. usque ad p.1212. 5. καὶ τοὺς τόκους, collatis iis, quae a Salmasio de Modo Usurarum p. 219. ad l. I. disputata sunt.
21. Quid statuendum videtur de vs. 659. lib. II. Art. Am. Ovidii: Si paeta est, &c.?
22. Explicentur versus 90-98. Juvenal. Sat. II.
23. Disputetur de Sophocl. Aiac. 1094. Lobeck.5 ὕπαρχος ἄλλων — ἡγεῖσθαι ποτε.
24. Visendum, an vera sit Hermanni emendatio Orph. Argon. 1283.6 ἤειδον δὲ λιγὺ κλάζων διὰ θέσκελον ὕμνον.
25. Explicetur Thuc. III, 68. Διότι τόν τε ἄλλον χρόνον — πεπονθέναι.
26. Explicetur aut corrigatur Plaut. Stich. I, 2, 35. "qui ita meae animae salsura evenit".

III. Zuerkannte Prämien.

III. Aus dem Vorgetragenen geht schon zur Genüge hervor, daß das Seminarium in diesem Jahre mehrere iunge Männer von ausgezeichneten Kenntnissen zählte: Wenn Einige, wie Bischoff und Müller, den übrigen noch nachstehen, so ist besonders die Unterbrechung ihrer Studien durch die Feldzüge von 1813. und 1814. daran Schuld. Der Director hat daher geglaubt, daß sie bei der Vertheilung der Prämien deshalb nicht zurückgesetzt werden dürften, zumahl da sie es an Fleiß niemals fehlen ließen und der Unterstützung schon von Anfang an, noch mehr aber nach den durch den Kriegsdienst gemachten Aufopferungen bedurfthen. Auf seinen Antrag hat eine Hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht durch das Rescript vom 30. März 1815. den Studiosen Fichte, Schröner, Osann, Gerhard, Meier, Grimm, Bischoff und Müller, iedem 25 Reichsthaler ertheilt; desgleichen durch das Rescript vom 20. Juli des Jahres den Studiosen Osann, Gerhard, Meier, Döderlein iedem 35 Reichsthaler, und dem Bischoff und Müller, iedem 30 Reichsthaler.

Da eine Hochpreißliche Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht in dem Reglement festgesetzt hatte, daß in vorkommenden Fällen den Mitgliedern durch einen Zuschuß aus den Geldern des Seminars die Promotion erleichtert werden sollte, so trug der Director unter dem 21. März des Jahres darauf an, daß dem früher schon ausgetretenen Studiosus Wernike zu diesem Behuf 50 Reichsthaler gegeben werden möchten, welches durch das Rescript vom 30. März des Jahres hochgefälligst genehmigt wurde. Herr Wernike hat auch bereits das Examen bestanden, und wird der Facultät sowohl als dem Seminar durch seine Promotion Ehre machen. Zugleich wurde verordnet, daß der Rest der rückständigen Seminariengelder zu demselben Zwecke reservirt bleiben solle: und es wurde von demselben schon unter dem 20. April 1815. dem Studiosus Gerhard ebenfalls 50 Reichsthaler Behufs seiner Promotion bewilligt. Der Director hat die Ehre das demselben von der philosophischen Facultät ertheilte Diplom beizulegen, und wird die darin bezeichnete Dissertation, welche sich noch unter der Presse befindet, nachträglich ganz gehorsamst einsenden. Zugleich erlaubt er sich, denselben als einen talentvollen und kenntnißreichen iungen Mann einer Hochpreißlichen Abtheilung für den Cultus und öffentlichen Unterricht zu baldiger Anstellung zu empfehlen.

Der Director des philologischen Seminars der hiesigen Universität Böckh

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5 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe Sophoclis Ajax Graece cum scholiis et commentario perpetuo von 1809, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 630 im „Katalog meiner Bücher“).

6 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe Orphica von 1805, die sich auch in Boeckhs Privatbibliothek befand (Nr. 265 im „Katalog meiner Bücher“).