Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Rapport annuel d'August Boeckh au ministère de l'Intérieur (Berlin, 10 août 1817)

 

 

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71 71

Einem hohen Ministerium des In̄ern, Zweiter Abthei=
lung
, beehrt sich der Unterzeichnete den Jahresbericht
über den Zustand des philologischen Seminars im
verflossenen akademischen Jahre pflichtschuldigst zu er=
statten.

I. Übersicht der Mitglieder.

Im Winterhalbeniahre 1816–1817. bestand das philolo=
gische Seminar
nach dem Abgange der drei am Schluße
des voriährigen Berichtes genannten Studirenden aus
folgenden sechs ordentlichen Mitgliedern:
1) Wilhelm August Klütz aus Pom̄ern,
2) Carl Müller von Brieg,
3) Ludwig Bischoff von Dessau,
4) Wilhelm Müller von Dessau,
5) J. F. Kroll aus Pom̄ern,
6) Anton Wölke aus Warschau,
von welchen der fünfte bis dahin außerordentliches Mitglied
gewesen war, der letzte aber neu in die Anstalt ein=
trat. Als außerordentliche Mitglieder nahmen in dem
Winterhalbeniahre Antheil:
1) Brandt aus Curland,
2) Bötticher von Helmstädt,1
3) Wilberg von Elberfeld.2

Mit dem Ablauf des Winterhalbeniahres verließen das
Seminar nach vollendeten akademischen Studien
1) Ludwig Bischoff von Dessau, welcher gegenwärtig
eine Hauslehrerstelle im Mecklenburgischen beklei=
det,

2) Wilhelm Müller von Dessau, der sich noch hier
aufhält, um sich zur Doctorpromotion bei der
hiesigen philosophischen Facultät vorzubereiten, und
sich vorzüglich der Deutschen Litteratur widmen will,
auch bereits eine Auswahl von Minneliedern nach
seiner Bearbeitung bekan̄t gemacht hat.

Von den außerordentlichen Mitgliedern traten Brandt
und Bötticher ab; ersterer widmete sich hier, letzterer
in Halle der Theologie: Schon früher hatte sich der im
voriährigen Berichte als außerordentliches Mitglied auf=
geführte Kapp von der Philologie ausschließlich zum
Studium der Theologie gewendet, und schied daher aus.
So blieben als ordentliche Mitglieder noch vier der
oben genannten, zu welchen im Anfange des Som̄er=
halbiahres
hinzukamen:
5) Fr. Wilh. Wilberg, früher außerordentliches Mitglied,
6) Franz Ulrich aus dem Würzburgischen,
7) W. Alex. Macieiowski aus Polen, der früher in
Breslau studirt und dort einen iuristischen Preiß
gewon̄en hatte;

8) Chr. Fr. Neue von Spandau.
Als außerordentliches Mitglied nahm in diesem Halbiahre
der ehemahlige Lehrer zu Münster, von Droste an den Übungen Antheil.

II. [...] Übungen des Seminars.

Diese wurden wie gewöhnlich regelmäßig angestellt.

1) Her Prof. Buttmann ließ die Mitglieder im ersten
Halbiahre den Cicero de natura deorum, im zwei=
ten
den Juvenal auslegen; der Director legte
in beiden die Rede des Demosthenes gegen Meidias
zur Interpretation vor, wobei die Mitglieder vielen
Eifer bewiesen.

Commentaires

1 Bötticher stammte aus Wormsdorf, in Helmstedt besuchte er die Schule.

2 Wilberg stammte aus Overdyk bei Bochum, verbrachte seine Kindheit jedoch in Elberfeld.

2) Folgende Abhandlungen der theilnehmenden Studirenden
wurden in den Abendzusam̄enkünften beurtheilt, soviel
die Zeit erlaubte:
1. Von Bischoff, de vita Tibulli.
2. Von Wilhelm Müller de imitatione Menandri
in Terentii Andria P. III.

3. Von Klütz, De vetustissimo apud Graecos institu=
to, quod singulis familiis singula negotia per=
tractanda attribuit Diss. I.

4. Von demselben, Derselben Abhandlung zweiter Theil.
5. Von Carl Müller, De nomine Aeginae.
6. Von demselben, Aegineticorum capita quatuor,
de Phidone, de Aeginetorum mercaturis, de arte
Aeginetica, de pugna Curÿhalensi
.

7. Von Wölke, de Demosthenes Midiana.
8. Von demselben, de Senatu Quingentorum apud
Athenienses
.

9. Von Kroll, de loco Terentii Eunuch. Prol. v. 25.
10. Von demselben, De Tÿphoeo.
11. Von Macieiowski, de [...] legibus in ne=
xos ob aes alienum a Solone et Decemviris la=
tis
.

12. Von Ulrich de Proxenis Graecorum.
Unter diesen Probeschriften, welche ich einem hohen Mi=
nisterium
einzureichen die Ehre habe, sind die von
Carl Müller bei weitem die vorzüglichsten
; die von
Wölke sind zwar sehr fleissig gemacht, aber es fehlt
dem Verfasser noch an eindringendem Sinn und an
der Gabe der Darstellung; die übrigen sind von
geringerer Bedeutung, aber nach Maßgabe der Kennt=
nisse und Fähigkeiten der Verfasser nicht unverdienstlich.
Ich bemerke noch, daß ich die Abhandlung von Bi=
schoff
nicht beilegen kan̄, weil er dieselbe ungeachtet
meiner Erinnerung vor seiner Abreise mir nicht
wieder zugestellt hat: sie wird iedoch nachgeliefert
werden, so wie ich die noch vom vorigen Jahre rück=
ständige Abhandlung des Wilh. Müller de emen=
datione Menandri in Terentii Andria, Diss.
II.
hier beigelegt habe.

3) Außerdem wurden folgende Aufgaben beantwor=
tet:
1. Explicetur aut ementetur locus ex Ciceronis
Bruto c. 77. "Vox canora, verba non horrida sa=
ne, ut plena esset animi et terroris oratio.

2. Locus Thucÿd. I,22 [...]
explicandus proponitur.

3. Emendentur verba Pausaniae V,23,1.
[...].

4. Explicetur Taciti locus Agricol. 6. "Domiti=
am Decidianam – quanto in mala plus culpæ
est."

5. Explicentur verba Ciceronis epist. ad Fam.
V,12. "Neque enim me solum commemoratio po=
steritatis &c."

6. Explicentur verba Ciceronis in eadem episto=
la
: "Quem enim nostrum ille – acciderit optatius."

72 72
7. Disputetur de loco Pausaniae IX,15. [...] &c.
8. Quomodo intelligenda illa Ionis Chii [...] Apud Athen.
XI, p. 463.

9. Explicetur aut emendetur locus Livii lib. XXI,
cap. 43.
"Dextra laevaque duo maria claudunt
nullam, ne ad effugium quidem navem habenti
bus."

10. Illustrentur verba Herodoti III,130. [...] &c.
11. Disputetur de loco Livii III,46. "quum instaret
assertor puellae &c."

12. Differatur de lege Solonis ap. Plutarch. vit.
Solon.
15. [...], et conferatur lex XII tabularum.

13. Explicentur verba Ciceronis p. Rosc. Amer.
§. 41. "neque enim, cum de hoch quæritur, vos
dominos esse dicitis."

14. Explicetur aut ementur locus e Taciti A=
gricola
cap. 31. Trinobantes - - quos sibi Ca=
ledonia viros seposuerit.

15. Quaeritur, quid statuendem sit de loco A=
ristotelis
art. poet. c. 25. [...].

16. Xenophontis locus expediatur Anab. III,4,
22. [...]
&c.

17. Quid statuendum de loco Xenoph. Anab.
II,2,20. [...].

18. Dicatur de lectione loci Ciceron. de fin.
I,3. init. "Quamquam si plane sic verterem
- - divina illa ingenia transferrem."

19. Quaeritur quid statuendum sit de versa
Cratini ap. Athen. T. VI. pag. 67. ed. Schw.
[...].

20. Explicetur aut emendetur locus Luciani
Nigrin. 30. [...].

21. Disputetur de loco Liv. I, 36. extr. "Neque
tum Tarquinius de equitum centuriis quidquam
mutavit, numero alterum tantum adiecit,
ut mille & octingenti equites in tribus cen=
turiis essent." Eine zu leichte Aufgabe.

22. Quaestio proponitur, qua ratione facilli=
me afficiatur, ut [...]dri navium a Graecis ad
pugnam Salaminiam missarum apud Hero=
dotum
VIII,46.48. sibi constent.

23. Explicetur locus Suidae [...] &.
24. Dicatur de loco Propertii Eleg. II,1. vs. 5-12.
25. Explicetur et emendetur locus Andocidis
de mÿsteriis p. 18. [...].

26. Locus in Eumenidibus Aeschÿli corrigendus
proponitur, vs. 155. sq. [...].

27. Medicina afferatur verbis Hesÿchii ex=
ulceratis v. [...].

28. Emendetur aut explicetur locus Herodoti
I,1. [...].

29. Explicetur, si potest, locus Livianus VI,27.
"Censoribus quoque eguit an̄us, maxime propter
incertam famam aeris alieni: aggravantibus
sum̄am etiam invidiae eius tribunis plebis &c."

30. Disputetur de emendationibus Lachman̄i
ad Propert. eleg. I, 3. vs. 35-38. et ad. Eleg.
I,6,17.

31. Quid statuendum de verbis Schol. Aristoph.
[...]. 1106. [...]

32. Explicetur aut emendetur Theocritus
Id. XXI, vs. 34-37.

33. Disputetur de Tibulli Epist. IX. tam de
totius carminis argumento et tenore, quam
de singulorum verborum lectione genuina.

III. Zuerkan̄te Prämien.

In dem verflossenen Winterhalbiahre erkan̄te ein
hohes Ministerium auf den Antrag des Unterzeich=
neten
folgenden Studirenden nach dem Grade ihrer
Würdigkeit diese Belohnungen zu:
dem Stud. Carl Müller aus Brieg 50 Thlr,
den Studirenden Ludw. Bischoff aus Dessau,
Wilhelm Müller aus Dessau und Wilh.
August Klütz
aus Pom̄ern iedem 25 Thlr,

und den Schwächsten,
Anton Wölke aus Warschau,
Joh. Fr. Kroll aus Pom̄ern
iedem 20 Thlr. Für das [...] Som̄erhalbiahr
genehmigte dasselbe die Vorschläge des Directors,
vermöge welcher
Carl Müller aus Brieg 65 Thlr,
Klütz und Wölke ieder 25 Thlr,
Kroll, Ulrich, Macieiowski und Neue
ieder 20 Thlr empfingen.

Außerdem wurden dem Stud. Carl Müller durch
das verehrliche Rescript v. 1. Mai d. J. fünf=
zig Rthlr als Unterstützung zu seiner Doctor=
promotion bei der hiesigen philosophischen Facultät
bewilligt. Zu gleichem Zweck für künftig vorkom=
mende Fälle sind gegenwärtig noch 100 Thlr,
welche [en marge: bis jetzt] [...] gespart worden, disponibel.

IV. Innerer Zustand der Anstalt und Beschaffenheit
der diesiährigen Mitglieder
.

Der Unterzeichnete hat bereits in seiner Vorstellung
vom 20. Mai d. J. einem hohen Ministerium von
der Abnahme der humanistischen Studien auf der hie=
sigen Universität Bericht erstattet, und daselbst er=

73 73
in̄ert, daß die Wahl künftiger Mitglieder für das
philologische Seminar im̄er beschränkter werde, indem,
iemehr die ehemahlige Liebe zu dem Alterthumsstu=
dium verschwinde, desto seltener dieienigen würden,
welche sich demselben besonders widmen, um einst
die Jugend zu lehren oder die Alterthumswissen=
schaft auszubilden. Man kan̄ hinzusetzen, daß die
geringe Anzahl der Theologiestudirenden auf der
hiesigen Universität der Blüthe eines philologischen
Seminars
sehr im Wege steht, weil bei der engen
Verbindung, in welcher beide Studien stehen, aus The=
ologen häufig Philologen werden, oder der eine
und andere Theologe sich der Philologie vorzüglich
befleißigt. Daher hat das philologische Seminar
in dem letzten Jahre abgenom̄en, wen̄ man nicht
bloß auf die Anzahl, sondern auf die Tüchtigkeit
der Mitglieder sieht; und ich hege keine großen
Hoffnungen von der Zukunft, wen̄ nicht zweck=
dienliche Mittel gegen [...] den Verfall dieser
akademischen Studien ergriffen werden, und vor=
züglich wen̄ nicht das Gleichgewicht zwischen der
theologischen Facultät und den übrigen wiederher=
gestellt wird, ohne welches die hiesige Universität
überhaupt niemals wieder eine so schöne Blüthe er=
reichen kann, wie vor dem Kriege von 1812.
Unter diesen Umständen haben Schwächere zu ordent=
lichen Mitgliedern aufgenom̄en werden müssen,
als früher geschehen ist; welches auch die Abhand=
lungen zeigen werden, die besonders in der Form
großentheils sehr unvollkom̄en sind; aber ich
glaubte doch dem guten Willen Gerechtigkeit
wiederfahren lassen zu müssen, und schlug daher
selbst solche zu Prämien vor, worin ein hohes
Ministerium mir seinen Beifall um so weniger
versagen wird, da auch aus diesen, wie die Erfahrung
lehrt, wen̄ sie aufgemuntert werden, sich brauch=
bare Schulmän̄er bilden lassen. In der vorschrift=
mäßigen Charakterisirung der Mitglieder erlaube
ich mir die beiden bereits vor einem halben Jahre abgegangenen, Bischoff und Müller von
Dessau, welche sich übrigens ziemlich gute Ken̄t=
nisse erworben haben, zu übergehen, so wie auch
den erst kürzlich als außerordentliches Mitglied
hinzugekom̄enen Hrn v. Droste; und beschränke
mich auf die acht ordentlichen Mitglieder des
vergangenen Som̄ers.

1. Carl Müller von Brieg. Dieser ist ein aus=
gezeichneter iunger Man̄ von vielen Ken̄tnissen
und trefflichen Fähigkeiten; die philosophische Fa=
cultät
hat ihm die Doctorwürde zuerkan̄t,
und er wird im Anfang des nächsten Winterhalb=
iahres
seine Dissertation De rebus Aeginetorum,
welche ietzo gedruckt wird, öffentlich vertheidigen.
Er verdient in ieder Hinsicht einem hohen Mi=
nisterium angelegentlichst empfohlen zu werden,
da er sich zu einer guten Anstellung vorzüglich eignet: [...] und besonders wäre ihm diese an [en marge: einem bedeutendern litterarische Hülfs=
mittel gewährenden Orte zu wünschen,
damit er der Wissenschaft nicht entzogen
würde.
]

2. Wilh. Aug. Klütz aus Pom̄ern. Es fehlt ihm
keinesweges an Ken̄tnissen, die er sich mit vielem
Fleiß und Eifer erworben hat; sein Urtheil hat
er allmählig ebenfalls mehr ausgebildet: und

ich zweifle nicht, daß aus ihm ein guter Schul=
man̄ werden wird; aber seine Talente sind
mäßig. Er ist in das hiesige Seminar für
gelehrte Schulen
aufgenom̄en worden, wird
aber auf meinen Rath das philologische Semi=
nar
ferner besuchen.

3. Anton Wölke aus Warschau, aber gebürtig
aus Preußen, katholischer Religion, ein Man̄
von etwa 28 Jahren, welcher von der Polnischen
Regierung hierher gesandt ist, um sich als Lehrer
auszubilden. Er ist ein Autodidakt, und es fehlt
ihm daher an Schule; aber er besitzt viele Ken̄t=
nisse, und einen ganz ungemeinen Eifer zu ler=
nen, erwirbt sich auch allmählig eine freiere
und hellere Ansicht des Studiums. Er wird noch
ein Jahr hier studiren, und wünscht sehr im Preußi=
schen
angestellt werden zu können: auch glaube
ich, daß er an einem katholischen Gÿmnasium
sehr gute Dienste leisten wird, zumahl da er schon
vieliährige Erfahrungen im Lehrfache hat.

4. Joh. Fr. Kroll aus Pom̄ern, seit Michaelis
1814.
außerordentliches, u seit Michaelis 1816.
ordentliches Mitglied des Seminars, hat mit
Klütz sehr viele Aehnlichkeit in seiner littera=
rischen Bildung, aber weniger Ken̄tnisse. Er wird
ietzo vorläufig eine Hauslehrerstelle annehmen,
und will nach einem Jahre in das Seminar für
gelehrte Schulen
eintreten, wen̄ er sich erst einige
Mittel zu seinem Auskom̄en erworben hat, an
welchem es ihm gänzlich fehlt.

5. Fr. Wilh. Wilberg aus Elberfeld scheint nicht
ohne Fähigkeiten, ist aber noch ein Anfänger, und
wurde in der zweiten Hälfte des Som̄erkurses
durch allerlei Umstände an dem Studium gehindert;
er geht in der Mitte seiner Studienzeit ab, um
die gesetzmäßigen Kriegsdienste in seiner Vater=
stadt
zu thun. Abhandlungen lieferte er nicht,
wurde auch zu keiner Prämie vorgeschlagen.

6. Franz Ulrich aus dem Würzburgischen studirte
früher Theologie, ietzo Philologie, u zeigt großen
Eifer u einen guten Sinn; er wird sich ohne Zweifel
recht gut ausbilden.

7. W. Alex. Macieiowski aus Polen, studirt das
Recht und Philologie, er ist noch schwach, verdient
aber Aufmunterung.

8. Chr. Fr. Neue aus Spandau studirt Theologie
u Philologie. Zwar hat er bis ietzo noch keine
Abhandlung geliefert, aber er zeigt im Übrigen
vielen Fleiß, Ken̄tnisse und einen hellen Ver=
stand; daher ich nicht anstand, ihn zu einer klei=
nen Unterstützung vorzuschlagen, zumahl da
er derer sehr bedürftig ist.

 der Director des philologischen
Seminars
.

Böckh.
a

Einem hohen Ministerium des Innern, Zweiter Abtheilung, beehrt sich der Unterzeichnete den Jahresbericht über den Zustand des philologischen Seminars im verflossenen akademischen Jahre pflichtschuldigst zu erstatten.

I. Übersicht der Mitglieder.

Im Winterhalbeniahre 1816–1817. bestand das philologische Seminar nach dem Abgange der drei am Schluße des voriährigen Berichtes genannten Studirenden aus folgenden sechs ordentlichen Mitgliedern:
1) Wilhelm August Klütz aus Pommern,
2) Carl Müller von Brieg,
3) Ludwig Bischoff von Dessau,
4) Wilhelm Müller von Dessau,
5) Johann Friedrich Kroll aus Pommern,
6) Anton Wölke aus Warschau,
von welchen der fünfte bis dahin außerordentliches Mitglied gewesen war, der letzte aber neu in die Anstalt eintrat. Als außerordentliche Mitglieder nahmen in dem Winterhalbeniahre Antheil:
1) Brandt aus Curland,
2) Bötticher von Helmstädt,1
3) Wilberg von Elberfeld.2

Mit dem Ablauf des Winterhalbeniahres verließen das Seminar nach vollendeten akademischen Studien
1) Ludwig Bischoff von Dessau, welcher gegenwärtig eine Hauslehrerstelle im Mecklenburgischen bekleidet,
2) Wilhelm Müller von Dessau, der sich noch hier aufhält, um sich zur Doctorpromotion bei der hiesigen philosophischen Facultät vorzubereiten, und sich vorzüglich der Deutschen Litteratur widmen will, auch bereits eine Auswahl von Minneliedern nach seiner Bearbeitung bekannt gemacht hat.

Von den außerordentlichen Mitgliedern traten Brandt und Bötticher ab; ersterer widmete sich hier, letzterer in Halle der Theologie: Schon früher hatte sich der im voriährigen Berichte als außerordentliches Mitglied aufgeführte Kapp von der Philologie ausschließlich zum Studium der Theologie gewendet, und schied daher aus. So blieben als ordentliche Mitglieder noch vier der oben genannten, zu welchen im Anfange des Sommerhalbiahres hinzukamen:
5) Friedrich Wilhelm Wilberg, früher außerordentliches Mitglied,
6) Franz Ulrich aus dem Würzburgischen,
7) Wacław Aleksander Macieiowski aus Polen, der früher in Breslau studirt und dort einen iuristischen Preiß gewonnen hatte;
8) Christian Friedrich Neue von Spandau.
Als außerordentliches Mitglied nahm in diesem Halbiahre der ehemahlige Lehrer zu Münster, von Droste an den Übungen Antheil.

II. [...] Übungen des Seminars.

Diese wurden wie gewöhnlich regelmäßig angestellt.

1) Her Prof. Buttmann ließ die Mitglieder im ersten Halbiahre den Cicero de natura deorum, im zweiten den Juvenal auslegen; der Director legte in beiden die Rede des Demosthenes gegen Meidias zur Interpretation vor, wobei die Mitglieder vielen Eifer bewiesen.

a 71

Commentaires

1 Bötticher stammte aus Wormsdorf, in Helmstedt besuchte er die Schule.

2 Wilberg stammte aus Overdyk bei Bochum, verbrachte seine Kindheit jedoch in Elberfeld.

2) Folgende Abhandlungen der theilnehmenden Studirenden wurden in den Abendzusammenkünften beurtheilt, soviel die Zeit erlaubte:
1. Von Bischoff, de vita Tibulli.
2. Von Wilhelm Müller de imitatione Menandri in Terentii Andria Pars III.
3. Von Klütz, De vetustissimo apud Graecos instituto, quod singulis familiis singula negotia pertractanda attribuit Dissertatio I.
4. Von demselben, Derselben Abhandlung zweiter Theil.
5. Von Carl Müller, De nomine Aeginae.
6. Von demselben, Aegineticorum capita quatuor, de Phidone, de Aeginetorum mercaturis, de arte Aeginetica, de pugna Curyhalensi.
7. Von Wölke, de Demosthenes Midiana.
8. Von demselben, de Senatu Quingentorum apud Athenienses.
9. Von Kroll, de loco Terentii Eunuch. Prol. v. 25.
10. Von demselben, De Typhoeo.
11. Von Macieiowski, de [...] legibus in nexos ob aes alienum a Solone et Decemviris latis.
12. Von Ulrich de Proxenis Graecorum.
Unter diesen Probeschriften, welche ich einem hohen Ministerium einzureichen die Ehre habe, sind die von Carl Müller bei weitem die vorzüglichsten; die von Wölke sind zwar sehr fleissig gemacht, aber es fehlt dem Verfasser noch an eindringendem Sinn und an der Gabe der Darstellung; die übrigen sind von geringerer Bedeutung, aber nach Maßgabe der Kenntnisse und Fähigkeiten der Verfasser nicht unverdienstlich. Ich bemerke noch, daß ich die Abhandlung von Bischoff nicht beilegen kann, weil er dieselbe ungeachtet meiner Erinnerung vor seiner Abreise mir nicht wieder zugestellt hat: sie wird iedoch nachgeliefert werden, so wie ich die noch vom vorigen Jahre rückständige Abhandlung des Wilhelm Müller de emendatione Menandri in Terentii Andria, Dissertatio II. hier beigelegt habe.

3) Außerdem wurden folgende Aufgaben beantwortet:
1. Explicetur aut ementetur locus ex Ciceronis Bruto c. 77. "Vox canora, verba non horrida sane, ut plena esset animi et terroris oratio.
2. Locus Thucyd. I,22 [...] explicandus proponitur.
3. Emendentur verba Pausaniae V,23,1. [...].
4. Explicetur Taciti locus Agricol. 6. "Domitiam Decidianam – quanto in mala plus culpæ est."
5. Explicentur verba Ciceronis epist. ad Fam. V,12. "Neque enim me solum commemoratio posteritatis &c."
6. Explicentur verba Ciceronis in eadem epistola: "Quem enim nostrum ille – acciderit optatius."

a 7. Disputetur de loco Pausaniae IX,15. [...] &c.
8. Quomodo intelligenda illa Ionis Chii [...] Apud Athen. XI, p. 463.
9. Explicetur aut emendetur locus Livii lib. XXI, cap. 43. "Dextra laevaque duo maria claudunt nullam, ne ad effugium quidem navem habenti bus."
10. Illustrentur verba Herodoti III,130. [...] &c.
11. Disputetur de loco Livii III,46. "quum instaret assertor puellae &c."
12. Differatur de lege Solonis ap. Plutarch. vit. Solon. 15. [...], et conferatur lex XII tabularum.
13. Explicentur verba Ciceronis p. Rosc. Amer. §. 41. "neque enim, cum de hoch quæritur, vos dominos esse dicitis."
14. Explicetur aut ementur locus e Taciti Agricola cap. 31. Trinobantes - - quos sibi Caledonia viros seposuerit.
15. Quaeritur, quid statuendem sit de loco Aristotelis art. poet. c. 25. [...].
16. Xenophontis locus expediatur Anab. III,4, 22. [...] &c.
17. Quid statuendum de loco Xenoph. Anab. II,2,20. [...].
18. Dicatur de lectione loci Ciceron. de fin. I,3. init. "Quamquam si plane sic verterem - - divina illa ingenia transferrem."
19. Quaeritur quid statuendum sit de versa Cratini ap. Athen. T. VI. pag. 67. ed. Schw. [...].
20. Explicetur aut emendetur locus Luciani Nigrin. 30. [...].
21. Disputetur de loco Liv. I, 36. extr. "Neque tum Tarquinius de equitum centuriis quidquam mutavit, numero alterum tantum adiecit, ut mille & octingenti equites in tribus centuriis essent." Eine zu leichte Aufgabe.
22. Quaestio proponitur, qua ratione facillime afficiatur, ut [...]dri navium a Graecis ad pugnam Salaminiam missarum apud Herodotum VIII,46.48. sibi constent.
23. Explicetur locus Suidae [...] &.
24. Dicatur de loco Propertii Eleg. II,1. vs. 5-12.
25. Explicetur et emendetur locus Andocidis de mysteriis p. 18. [...].

a 72

26. Locus in Eumenidibus Aeschyli corrigendus proponitur, vs. 155. sq. [...].
27. Medicina afferatur verbis Hesychii exulceratis v. [...].
28. Emendetur aut explicetur locus Herodoti I,1. [...].
29. Explicetur, si potest, locus Livianus VI,27. "Censoribus quoque eguit annus, maxime propter incertam famam aeris alieni: aggravantibus summam etiam invidiae eius tribunis plebis &c."
30. Disputetur de emendationibus Lachmanni ad Propert. eleg. I, 3. vs. 35-38. et ad. Eleg. I,6,17.
31. Quid statuendum de verbis Schol. Aristoph. [...]. 1106. [...]
32. Explicetur aut emendetur Theocritus Id. XXI, vs. 34-37.
33. Disputetur de Tibulli Epist. IX. tam de totius carminis argumento et tenore, quam de singulorum verborum lectione genuina.

III. Zuerkannte Prämien.

In dem verflossenen Winterhalbiahre erkannte ein hohes Ministerium auf den Antrag des Unterzeichneten folgenden Studirenden nach dem Grade ihrer Würdigkeit diese Belohnungen zu:
dem Studirenden Carl Müller aus Brieg 50 Thaler,
den Studirenden Ludwig Bischoff aus Dessau, Wilhelm Müller aus Dessau und Wilh. August Klütz aus Pommern iedem 25 Thaler,
und den Schwächsten,
Anton Wölke aus Warschau,
Johann Friedrich Kroll aus Pommern
iedem 20 Thaler. Für das [...] Sommerhalbiahr genehmigte dasselbe die Vorschläge des Directors, vermöge welcher Carl Müller aus Brieg 65 Thaler,
Klütz und Wölke ieder 25 Thaler,
Kroll, Ulrich, Macieiowski und Neue ieder 20 Thaler empfingen.

Außerdem wurden dem Studirenden Carl Müller durch das verehrliche Rescript vom 1. Mai des Jahres fünfzig Reichsthaler als Unterstützung zu seiner Doctorpromotion bei der hiesigen philosophischen Facultät bewilligt. Zu gleichem Zweck für künftig vorkommende Fälle sind gegenwärtig noch 100 Thaler, welche bis jetzt gespart worden, disponibel.

IV. Innerer Zustand der Anstalt und Beschaffenheit der diesiährigen Mitglieder.

Der Unterzeichnete hat bereits in seiner Vorstellung vom 20. Mai des Jahres einem hohen Ministerium von der Abnahme der humanistischen Studien auf der hiesigen Universität Bericht erstattet, und daselbst er=

ainnert, daß die Wahl künftiger Mitglieder für das philologische Seminar immer beschränkter werde, indem, iemehr die ehemahlige Liebe zu dem Alterthumsstudium verschwinde, desto seltener dieienigen würden, welche sich demselben besonders widmen, um einst die Jugend zu lehren oder die Alterthumswissenschaft auszubilden. Man kann hinzusetzen, daß die geringe Anzahl der Theologiestudirenden auf der hiesigen Universität der Blüthe eines philologischen Seminars sehr im Wege steht, weil bei der engen Verbindung, in welcher beide Studien stehen, aus Theologen häufig Philologen werden, oder der eine und andere Theologe sich der Philologie vorzüglich befleißigt. Daher hat das philologische Seminar in dem letzten Jahre abgenommen, wenn man nicht bloß auf die Anzahl, sondern auf die Tüchtigkeit der Mitglieder sieht; und ich hege keine großen Hoffnungen von der Zukunft, wenn nicht zweckdienliche Mittel gegen den Verfall dieser akademischen Studien ergriffen werden, und vorzüglich wenn nicht das Gleichgewicht zwischen der theologischen Facultät und den übrigen wiederhergestellt wird, ohne welches die hiesige Universität überhaupt niemals wieder eine so schöne Blüthe erreichen kann, wie vor dem Kriege von 1812. Unter diesen Umständen haben Schwächere zu ordentlichen Mitgliedern aufgenommen werden müssen, als früher geschehen ist; welches auch die Abhandlungen zeigen werden, die besonders in der Form großentheils sehr unvollkommen sind; aber ich glaubte doch dem guten Willen Gerechtigkeit wiederfahren lassen zu müssen, und schlug daher selbst solche zu Prämien vor, worin ein hohes Ministerium mir seinen Beifall um so weniger versagen wird, da auch aus diesen, wie die Erfahrung lehrt, wenn sie aufgemuntert werden, sich brauchbare Schulmänner bilden lassen. In der vorschriftmäßigen Charakterisirung der Mitglieder erlaube ich mir die beiden bereits vor einem halben Jahre abgegangenen, Bischoff und Müller von Dessau, welche sich übrigens ziemlich gute Kenntnisse erworben haben, zu übergehen, so wie auch den erst kürzlich als außerordentliches Mitglied hinzugekommenen Herrn von Droste; und beschränke mich auf die acht ordentlichen Mitglieder des vergangenen Sommers.

1. Carl Müller von Brieg. Dieser ist ein ausgezeichneter iunger Mann von vielen Kenntnissen und trefflichen Fähigkeiten; die philosophische Facultät hat ihm die Doctorwürde zuerkannt, und er wird im Anfang des nächsten Winterhalbiahres seine Dissertation De rebus Aeginetorum, welche ietzo gedruckt wird, öffentlich vertheidigen. Er verdient in ieder Hinsicht einem hohen Ministerium angelegentlichst empfohlen zu werden, da er sich zu einer guten Anstellung vorzüglich eignet: und besonders wäre ihm diese an einem bedeutendern litterarische Hülfsmittel gewährenden Orte zu wünschen, damit er der Wissenschaft nicht entzogen würde.
2. Wilhelm August Klütz aus Pommern. Es fehlt ihm keinesweges an Kenntnissen, die er sich mit vielem Fleiß und Eifer erworben hat; sein Urtheil hat er allmählig ebenfalls mehr ausgebildet: und

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ich zweifle nicht, daß aus ihm ein guter Schulmann werden wird; aber seine Talente sind mäßig. Er ist in das hiesige Seminar für gelehrte Schulen aufgenommen worden, wird aber auf meinen Rath das philologische Seminar ferner besuchen.
3. Anton Wölke aus Warschau, aber gebürtig aus Preußen, katholischer Religion, ein Mann von etwa 28 Jahren, welcher von der Polnischen Regierung hierher gesandt ist, um sich als Lehrer auszubilden. Er ist ein Autodidakt, und es fehlt ihm daher an Schule; aber er besitzt viele Kenntnisse, und einen ganz ungemeinen Eifer zu lernen, erwirbt sich auch allmählig eine freiere und hellere Ansicht des Studiums. Er wird noch ein Jahr hier studiren, und wünscht sehr im Preußischen angestellt werden zu können: auch glaube ich, daß er an einem katholischen Gymnasium sehr gute Dienste leisten wird, zumahl da er schon vieliährige Erfahrungen im Lehrfache hat.
4. Johann Friedrich Kroll aus Pommern, seit Michaelis 1814. außerordentliches, und seit Michaelis 1816. ordentliches Mitglied des Seminars, hat mit Klütz sehr viele Aehnlichkeit in seiner litterarischen Bildung, aber weniger Kenntnisse. Er wird ietzo vorläufig eine Hauslehrerstelle annehmen, und will nach einem Jahre in das Seminar für gelehrte Schulen eintreten, wenn er sich erst einige Mittel zu seinem Auskommen erworben hat, an welchem es ihm gänzlich fehlt.
5. Friedrich Wilhelm Wilberg aus Elberfeld scheint nicht ohne Fähigkeiten, ist aber noch ein Anfänger, und wurde in der zweiten Hälfte des Sommerkurses durch allerlei Umstände an dem Studium gehindert; er geht in der Mitte seiner Studienzeit ab, um die gesetzmäßigen Kriegsdienste in seiner Vaterstadt zu thun. Abhandlungen lieferte er nicht, wurde auch zu keiner Prämie vorgeschlagen.
6. Franz Ulrich aus dem Würzburgischen studirte früher Theologie, ietzo Philologie, und zeigt großen Eifer und einen guten Sinn; er wird sich ohne Zweifel recht gut ausbilden.
7. Wacław Aleksander Macieiowski aus Polen, studirt das Recht und Philologie, er ist noch schwach, verdient aber Aufmunterung.
8. Christian Friedrich Neue aus Spandau studirt Theologie und Philologie. Zwar hat er bis ietzo noch keine Abhandlung geliefert, aber er zeigt im Übrigen vielen Fleiß, Kenntnisse und einen hellen Verstand; daher ich nicht anstand, ihn zu einer kleinen Unterstützung vorzuschlagen, zumahl da er derer sehr bedürftig ist.

 der Director des philologischen Seminars. Böckh.