Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Jahresbericht von August Boeckh an das Preußische Kultusministerium, Unterrichtsabteilung (Berlin, 20. August 1818)

 

 

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81 81

Einem hohen Ministerium der geistlichen= Unter=
richts= u Medizinalangelegenheiten
beehrt sich der
Unterzeichnete den Jahresbericht über den Zustand
des philologischen Seminars im verflossenen aka=
demischen Jahre pflichtschuldigst zu erstatten.

I. Übersicht der Mitglieder.

Im Winterhalbeiahre 1817-1818. bestand das Se=
minar nach dem Abgang des Dr. Carl Müller
von Brieg, [am Rande: Joh. Fr. Kroll aus Pom̄ern,] und Fr. Wilh. Wilberg aus Elberfeld,
aus [am Rande: fünf] [...] alten Mitgliedern,
Wilh. Aug. Klütz aus Pom̄ern,
Anton Wölke aus Warschau,
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
W. Alex. Macieiowski aus Polen,
Chr. Friedr. Neue von Spandau;
zu welchen als ordentliche Mitglieder neu hinzu=
traten:
Gottfried Bernhardÿ aus Landsberg a. d. W.
Fr. Gottl. Starke aus dem Herzogth. Sachsen1,
Joh. Kreussser v. Köln,
Ernst Gaupp aus Schlesien.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen Antheil:
Friedrich Gaupp aus Schlesien,
Gustav Westphal aus Schlesien,
Gust. Fr. W. Fehmer aus Pom̄ern,
H. Jul. Franz Mehring v. Berlin.

Klütz mußte iedoch, weil eine angenom̄ene Schul=
stelle seine ganze Thätigkeit in Anspruch nahm, das
Seminar in der Mitte des halben Jahres verlassen;
Westphal und Mehring traten ebenfalls zurück, und
Fehmer nahm geringen Antheil. Im Som̄erhalbeniahre
waren der ordentlichen Mitglieder bereits zehn auf=
genom̄en, welche Zahl durch eine Modification des
Reglements als die gesetzmäßige festgestellt worden,
als ein hohes Ministerium den Wunsch äußerte, daß
Christian Ernst Glasewald von Strach bei Witten=
berg

in das philologische Seminar aufgenom̄en wurde, wozu
dasselbe durch das verehrliche Rescript v. 20. April
d. J. besondere Genehmigung gab. So bestand die
Anstalt in diesem Som̄er aus folgenden 11 ordentlichen
Mitgliedern
:
Neue,
Bernhardÿ,
Ullrich,
Starke,
Glasewald,
Kreussser,
Fr. Gaupp,
Ernst Gaupp,
Fehmer,
August Koberstein aus Pom̄ern,
Fr. Zelle aus Spandau.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen an den Übun=
gen Antheil:
Wölke, früher ordentliches Mitglied, der in der
Mitte des halben Jahres abging,

Ernst Reinhold aus Kiel, der ietzo ebenfalls ab=
gegangen ist,

Kommentare

1 Starke stammt aus Thüringen, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 5 schreibt.

Carl Heÿse aus dem Oldenburgischen,
Joseph Gaßman̄ aus Wingerode bei Heiligenstadt,
Ludw. Joh. Trede aus dem Holsteinischen,
Georg Fr. Marquard aus dem Mecklenburgischen.

II. Übungen des Seminars.

Diese wurden wie gewöhnlich regelmäßig angestellt.

1) Hr Prof. Buttmann ließ die Mitglieder im ersten
halben Jahre
den Juvenal, im zweiten Cicero de Finib
auslegen; der Director fuhr fort die Seminaristen den
Demosthenes erklären zu lassen.2

2) Folgende Abhandlungen der in der Anstalt befindlichen
[...] Studirenden wurden, so weit die Zeit es gestattete,
in den dazu angesetzten Zusam̄enkünften beurtheilt:
1. De Sillis, von Wölke.
2. De Areopago Atheniensium, von Klütz.
3. In M. [...]Tullii Ciceronis Topica, von Macieiows=
ki
.

4. De Cÿpri civitatibus, von Neue.
5. Quid ad litteras alexander M. valuerit,
von Bernhardÿ.

6. Von dem sogenan̄ten Aeol. Digam̄a, P.I. von Ullrich.
7. De fine eloquentiae [...] a Cicerone proposito, von Starke.
8. De νεκυια Homeri et Virgilii, von Kreussser.
9. De imaginibus maiorum apud veteres Ro=
manos
, von Ernst Gaupp.

10. De Tauro, von Kreuser.
11. De lege regia, von Friedr. Gaupp.
12. De Cÿrenis, von Bernhardÿ.
13. Vom Aeolischen Digam̄a P.II. v. Ullrich.
14. Interpretatio Aeschÿl. Prometh. 1-87. v. Neue.
15. De fine eloquentiae ab Aristot. & Quinctiliano proposito v. Starke.

Außer diesen wurden noch zwei Abhandlungen geliefert,
die eine de Areopago von Wölke, welche derselbe a=
ber, weil der Director nach den Ken̄tnissen, die er dem
Verfasser zutraute, mit derselben nicht zufrieden war,
u letzterer überhaupt im letzten halben Jahre nur
als außerordentliches Mitglied [...] betrachtet sein wollte,
nicht abliefern, sondern in der Folge besser ausar=
beiten wollte: die andere von Reinhold, de Theo=
criti idÿlliis
, welche nebst den übrigen hierbei=
gelegt sind. Unter diesen Abhandlungen ist die letzte
am besten und mit dem meisten Urtheil geschrieben; außer
dieser verdienen die von Neue und Bernhardÿ sowohl in
Rücksicht des Inhaltes als der Sprache das meiste Lob;

in den Starkeschen Abhandlungen ist die Sprache besser als
die Sachen; die anderen sind von Seiten der Latinität
schlecht, zum Theil fast barbarisch. Die Gründe davon
liegen nicht in der Beschaffenheit des Seminars, sondern in
der frühern mangelhaften Bildung der Mitglieder, welcher sich
schwer nachhelfen läßt, zumahl da es dem Director
unmöglich ist, iede Abhandlung Zeile für Zeile mit
dem Verfasser noch besonders außer den festgesetzten Zu=
sam̄enkünften durchzugehen, um nicht nur im Allge=
meinen auf das Fehlerhafte aufmerksam zu machen,
sondern im Einzelnen das Falsche oder Unelegante

Kommentare

2 Es handelt sich um Demosthenes' Rede gegen Meidias.

82 82
nachzuweisen und die Art, wie es verbessert werden kan̄, an=
zugeben, welches nur ausnahmsweise in einzelnen Fällen
geschehen kan̄. Indessen ist es bei dem ietzigen Zustande
des Unterrichtwesens auch wieder nicht rathsam, sonst
talentvolle Leute wegen ihres unvollkom̄enen Lateini=
nischen Stils von dem Seminar auszuschliessen, sondern
es scheint vielmehr zweckmäßig eine Einrichtung für
das Seminar zu gründen, vermöge welcher vorzüglich
in dieser Hinsicht die Mitglieder noch zweckmäßiger geübt
und gewissermaßen zugerichtet werden kön̄en; und der
Director erlaubt sich, hierüber anliegend einen beson=
dern Vorschlag einzureichen, indem er in dem überall
hervorleuchtenden höchst preiswürdigen Eifer eines hohen
Ministeriums zur Vervollkom̄nung der wissenschaftlichen
Anstalten eine Aufmunterung findet, demselben das=
ienige vorzutragen, was seiner Überzeugung gemäß
zur vollständigen Erreichung des Zweckes des Seminars
noch erforderlich ist.

3) Mündlich wurden, wie gewöhnlich, folgende Aufgaben
behandelt:
1) Quaeritur, quid videatur de loco Hesiodi Theog.
vs. 30. [...] &c.

2) Qui sit explicandus locus Herodoti I,130.
[...]

3) Disputetur de loco Livii VI,40. Nos, ex
quo asciti sumus – dici vere posset.

4) Quaeritus, quid videatur de loco Lÿsiae
c. Andocid. p. 248sq. [...]

5) Disputetur [num] Schneiderus3 locum
Aristotelis Polit. I,I. [...], usque ad [...], recte constituerit
nec ne.

6) Disputetur, an vulgaris lectio ap. Musaeum
Her. et Leandr. 213. [...]
postponenda sit illi, quam Andr.
Papius
promit: [...] vel illi, quam
Guil. Canterus, [...].

7) Quem [...] habeant verba Sophocl.
Antig. 778. [...]

8) Constituatur locus Cic. de offic. III,15,
6. Non licitatorem venditor, nec qui
contra se liceatur, emptor apponet.

9) Constituatur locus Ciceronis de offic.
1,15,49. Multi enim faciunt multa te=
meritate quaedam — impetu animi
incitati.

10) Quid statuendem est de verbis Anti=
phontis
de choreuta p. 774. [...]

11) Quid censendum sit de loco Silii
Italici
I,36. Dux agmina sufficit unus,
turbanti terras pontumque movere pa=
ranti.

12) Emendetur epigram̄a ineditum
[...] &c. (das hernach in der Vorrede
zum Lectionskatalog für den Som̄er 1818.
herausggebene
).

Kommentare

3 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe „Aristotelis Politicorum libri octo superstites“ von 1809, die Boeckh besaß (Katalog meiner Bücher, S. 20).

13) Quaeritur an locus Platonis in Gorgia p.481.D.
[...] usque ad [...] a [...]upero
editore recte constitutus sit.

14) Constituatur locus Valerii Flacci Arg.
VIII,1.

15) Disputetur de loco Taciti Agric. c.1. extr.
Ni incusaturus tam saeva et infesta virtuti=
bus tempora.

16) Dicatur de loco Quintiliani VIII,6,23.
Nec procul ab hoc genere discedit — propter
quam dicitur, ponere.

17) Proponitur locus Lÿcurgi adv. Leocr.
p.151. Reisk. [...]

18) Proponitur locus Platonis de Legg. 1,8.
[...]

19) Disputetur de Seneca Provid. c.4. Levior
ieiuno mors est: cruditate dissiliunt.

20) Dicatur de Taciti Agricola c.20. Quibus
rebus multae civitates — transierit.

21) Emendetur epigram̄a Simonidis Anthol.
T.1. p.254. ed. noviss. [...]
&c.

22) Quaeritur quid videatur de loco Ciceronis
de Orat. I,12,53. Quis enim nescit — —
perficere non poterit.

23) Quid statuendem de Cic. Tusc. III,6.
Ne aegrotassim: — sive avellatur a cor=
pore.

24) Quid videtur de loco Taciti Agric.
6. Nisi quod in bona uxore — culpae
est.

25) Disputetur de loco Taciti An̄. XII,2.
At Pallas id maxime — posteros con=
iungeret.

26) Dicatur de Vellej. I,18. Una urbs
Attica — floruit.

27) Disputandem proponitur de Cic. ad
Fam.
XV,16,3. quod vel iis ipsa occurrunt.

28) Dicatur de Sallust. Iugurth. 100.
„Et sane Marius“ + usque ad finem.

29) Proponitur locus Taciti Agric. c.19.
Frumenti & tributorum — — paucis lucro=
sum fieret.

30) Explicetur aut emendetur locus Anti=
phontis
de choreuta p. 774. [...]
&c.

[am Rande: 31) Dicatur de loco Ciceronis de
Fin.
II,8,23. Nemo nostrum —
aedificium.
]

Die bedeutende Anzahl der gelieferten Abhandlungen so=
wohl als der behandelten Aufgaben beweiset übrigens
hinlänglich den Fleiß u die Thätigkeit der Mitglieder,
davon iedes nach seinen Gaben u Ken̄tnissen das
Seinige zu leisten suchte.

83 83
III. Zuerkan̄te Prämien.

In dem Winterhalbeniahre erkan̄te ein hohes Ministerium
auf den Antrag des Unterzeichneten folgenden Studirenden
nach dem Grade ihrer Würdigkeit Prämien zu, nehmlich
dem
Christian Fr. Neue von Spandau
Gottfr. Bernhardÿ aus Landsberg a. d. Warthe,
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
Anton Wölke aus Warschau,
Fr. Gottl. Starke aus Thüringen,
} iedem
25 rl

und dem
Joh. Kreuser v. Köln,
Alex. Macieiowski aus d. Warschauschen,
Ernst Gaupp aus Schlesien
} iedem
20 rl

Hierbei wurde iedoch die Erin̄erung gemacht, daß, unge=
achtet auch Ausländer ausnahmsweise in das Semi=
narium
aufgenom̄en werden kön̄en, die Anstalt doch
hauptsächlich für Inländer bestim̄t sei, und die Prämi=
en wenigstens den Zweck haben, iunge Män̄er aus
dem Preußischen dadurch zu unterstützen (Rescript
v. 16. März d. J.). Diese Bemerkung betrifft nur
die Studiosen Ullrich aus dem Würzburgischen, Wölke
u Macieiowski aus Polen; der erste derselben wird
aber wahrscheinlich eine Anstellung im Preußischen suchen;
der zweite hatte sich dazu ebenfalls fest entschlossen,
wie einem hohen Ministerium bereits aus meinem
auf das verehrliche Rescript v. 6. Nov. 1817. erfolgten
Bericht v. 23. dess. bekan̄t ist; und wen̄ er sich auch
ietzo seiner Verhältnisse wegen wieder in das Kö=
nigreich Polen zurückbegeben hat, so wird er doch ieder=
zeit gerne eine Anstellung im Preußischen an̄ehmen.
Wegen des dritten findet freilich diese Entschuldigung
nicht statt; allein der Director konnte kein Beden=
ken tragen, denselben in die Anstalt aufzunehmen,
da es §. 5. des Reglements ausdrücklich heißt:
„Ausländer, wen̄ sie auch wieder in ihr Vaterland
zurückkehren
, kön̄en, im Fall sie sich durch Talente
u Eifer besonders auszeichnen, als Seminaristen
gleich den Inländern aufgenom̄en werden“; u da auch
§. 12. in Rücksicht der Prämien kein Unterschied
zwischen Inländern u Ausländern festgesetzt ist. In=
dessen gehört allerdings der Macieiowski nicht unter
die ausgezeichnetsten; da er aber besondern Eifer
bewieß, glaubte der Unterzeichnete ihn einer klei=
nen Aufmunterung nicht unwürdig. Ungeachtet
übrigens eine zu ängstliche Hervorziehung der
Inländer der Blüthe des Seminars nicht zuträglich
scheint, habe ich mich bei den Vorschlägen zur Prä=
mienvertheilung für den abgelaufenen Som̄er
und deshalb auch schon bei der Aufnahme der
ordentlichen Mitglieder nach dem Winke eines
hohen Ministeriums gerichtet, u in dem Bericht v.
14. Aug. d. J. den
Chr. Fr. Neue v. Spandau,
Gottfr. Bernhardÿ v. Landsberg a. d. W.
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
Fr. Gottl. Starke aus d. Herzogth. Sachsen,4
Chr. Ernst Glasewald a. d. Herz. Sachsen,5
} ieden zu
einer
Prämie
von
25 rl

und den
Joh. Kreuser v. Köln
Ernst Gaupp aus Schlesien
Fr. Gaupp aus Schlesien
G. Fr. W. Fehmer aus Pom̄ern
Aug. Koberstein aus Pom̄ern
Fr. Zelle v. Spandau
} ieden zu einer
Prämie von
20 rl

Kommentare

4 Starke stammt aus Thüringen, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 5 schreibt.

5 Glasewald stammt aus der Gegend um Wittenberg, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 1 schreibt.

ehrerbietigst empfohlen; also unter 11 Mitgliedern nur
einen Ausländer. Von den drei zuletzt genan̄ten
sind, da der Cÿclus nicht bis zu ihnen reichte, noch
keine Abhandlungen beigelegt: auch sind sie die schwäch=
sten bis ietzo : da sie aber durch ihre übrigen
Arbeiten im Seminar, nehmlich durch die Interpreta=
tions= u Disputirübungen einige Hoffnung erregen,
u alle drei dürftig sind, glaubte ich ihnen eine
kleine Unterstützung zukom̄en lassen zu dürfen. [am Rande: Dasselbe gilt von Glasewald,
welcher iedoch bei den mündlichen
Übungen schon mehr Ken̄tnisse u
Fertigkeiten zeigte.
]

Übrigens sind nach hoher Genehmigung dieser
Prämien aus den frühern Ersparnissen noch
70 rl disponibel: über die Verwendung eines
Theils derselben werde ich die Ehre haben einem
hohen Ministerium nächstens einen Antrag einzu=
reichen.

IV. In̄erer Zustand der Anstalt.

Wen̄ von der Anzahl der Mitglieder ein Schluß auf
die in̄ere Trefflichkeit des Seminars gemacht werden
könnte, so wird es allerdings blühend genan̄t werden
kön̄en. Aber ein großer Theil derselben ist noch [iung]
[...], u sie wurden vorzüglich deshalb aufgenom̄en,
um sie der Philologie u dem Seminar zu erhalten;
wenige derselben haben schon eine bedeutende Vervoll=
kom̄nung in den philologischen Studien, und ich muß
daher mehr von der Zukunft die Erfüllung von
Hoffnungen erwarten, als daß ich Befriedigung
in dem gegenwärtigen Zustande finden könnte. Welche
Mitglieder ausgezeichnet sind, u worin eines Jeden
Stärke oder Schwäche bestehe, ist auch bereits oben
bei Gelegenheit der Abhandlungen berichtet worden,
u es ist daher überflüssig, noch einmahl hier von
den Einzelnen zu sprechen. Der Unterzeichnete ist
sich iedoch bewusst, soviel in seinen Kräften steht,
gethan zu haben, um den Zweck der Anstalt
nach Möglichkeit der Erfüllung zu nähern.

 Der Director des philologi=
schen Seminars
der hiesigen
Universität.

Böckh.
a

Einem hohen Ministerium der geistlichen= Unterrichts= und Medizinalangelegenheiten beehrt sich der Unterzeichnete den Jahresbericht über den Zustand des philologischen Seminars im verflossenen akademischen Jahre pflichtschuldigst zu erstatten.

I. Übersicht der Mitglieder.

Im Winterhalbeiahre 1817-1818. bestand das Seminar nach dem Abgang des Dr. Carl Müller von Brieg, Johann Friedrich Kroll aus Pommern, und Friedrich Wilhelm Wilberg aus Elberfeld, aus fünf alten Mitgliedern,
Wilhelm August Klütz aus Pommern,
Anton Wölke aus Warschau,
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
Wacław Aleksander Macieiowski aus Polen,
Christian Friedrich Neue von Spandau;
zu welchen als ordentliche Mitglieder neu hinzutraten:
Gottfried Bernhardy aus Landsberg an der Warthe
Friedrich Gottlob Starke aus dem Herzogthum Sachsen1,
Johann Kreuser von Köln,
Ernst Gaupp aus Schlesien.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen Antheil:
Friedrich Gaupp aus Schlesien,
Gustav Westphal aus Schlesien,
Gustav Friedrich Wilhelm Fehmer aus Pommern,
Heinrich Julius Franz Franz Mehring von Berlin.

Klütz mußte iedoch, weil eine angenommene Schulstelle seine ganze Thätigkeit in Anspruch nahm, das Seminar in der Mitte des halben Jahres verlassen; Westphal und Mehring traten ebenfalls zurück, und Fehmer nahm geringen Antheil. Im Sommerhalbeniahre waren der ordentlichen Mitglieder bereits zehn aufgenommen, welche Zahl durch eine Modification des Reglements als die gesetzmäßige festgestellt worden, als ein hohes Ministerium den Wunsch äußerte, daß
Christian Ernst Glasewald von Strach bei Wittenberg
in das philologische Seminar aufgenommen wurde, wozu dasselbe durch das verehrliche Rescript vom 20. April des Jahres besondere Genehmigung gab. So bestand die Anstalt in diesem Sommer aus folgenden 11 ordentlichen Mitgliedern:
Neue,
Bernhardy,
Ullrich,
Starke,
Glasewald,
Kreuser,
Friedrich Gaupp,
Ernst Gaupp,
Fehmer,
August Koberstein aus Pommern,
Friedrich Zelle aus Spandau.

Als außerordentliche Mitglieder nahmen an den Übungen Antheil:
Wölke, früher ordentliches Mitglied, der in der Mitte des halben Jahres abging,
Ernst Reinhold aus Kiel, der ietzo ebenfalls abgegangen ist,

a 81

Kommentare

1 Starke stammt aus Thüringen, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 5 schreibt.

Carl Heyse aus dem Oldenburgischen,
Joseph Gaßmann aus Wingerode bei Heiligenstadt,
Ludwig Johann Trede aus dem Holsteinischen,
Georg Friedrich Marquard aus dem Mecklenburgischen.

II. Übungen des Seminars.

Diese wurden wie gewöhnlich regelmäßig angestellt.

1) Herr Professor Buttmann ließ die Mitglieder im ersten halben Jahre den Juvenal, im zweiten Cicero de Finibus auslegen; der Director fuhr fort die Seminaristen den Demosthenes erklären zu lassen.2

2) Folgende Abhandlungen der in der Anstalt befindlichen Studirenden wurden, so weit die Zeit es gestattete, in den dazu angesetzten Zusammenkünften beurtheilt:
1. De Sillis, von Wölke.
2. De Areopago Atheniensium, von Klütz.
3. In M. Tullii Ciceronis Topica, von Macieiowski.
4. De Cypri civitatibus, von Neue.
5. Quid ad litteras alexander M. valuerit, von Bernhardy.
6. Von dem sogenannten Aeolischen Digamma, Pars I. von Ullrich.
7. De fine eloquentiae a Cicerone proposito, von Starke.
8. De νεκυια Homeri et Virgilii, von Kreuser.
9. De imaginibus maiorum apud veteres Romanos, von Ernst Gaupp.
10. De Tauro, von Kreuser.
11. De lege regia, von Friedrich Gaupp.
12. De Cyrenis, von Bernhardy.
13. Vom Aeolischen Digamma Pars II. von Ullrich.
14. Interpretatio Aeschyl. Prometh. 1-87. von Neue.
15. De fine eloquentiae ab Aristot. & Quinctiliano proposito von Starke.

Außer diesen wurden noch zwei Abhandlungen geliefert, die eine de Areopago von Wölke, welche derselbe aber, weil der Director nach den Kenntnissen, die er dem Verfasser zutraute, mit derselben nicht zufrieden war, und letzterer überhaupt im letzten halben Jahre nur als außerordentliches Mitglied betrachtet sein wollte, nicht abliefern, sondern in der Folge besser ausarbeiten wollte: die andere von Reinhold, de Theocriti idylliis, welche nebst den übrigen hierbeigelegt sind. Unter diesen Abhandlungen ist die letzte am besten und mit dem meisten Urtheil geschrieben; außer dieser verdienen die von Neue und Bernhardy sowohl in Rücksicht des Inhaltes als der Sprache das meiste Lob; in den Starkeschen Abhandlungen ist die Sprache besser als die Sachen; die anderen sind von Seiten der Latinität schlecht, zum Theil fast barbarisch. Die Gründe davon liegen nicht in der Beschaffenheit des Seminars, sondern in der frühern mangelhaften Bildung der Mitglieder, welcher sich schwer nachhelfen läßt, zumahl da es dem Director unmöglich ist, iede Abhandlung Zeile für Zeile mit dem Verfasser noch besonders außer den festgesetzten Zusammenkünften durchzugehen, um nicht nur im Allgemeinen auf das Fehlerhafte aufmerksam zu machen, sondern im Einzelnen das Falsche oder Unelegante

Kommentare

2 Es handelt sich um Demosthenes' Rede gegen Meidias.

anachzuweisen und die Art, wie es verbessert werden kann, anzugeben, welches nur ausnahmsweise in einzelnen Fällen geschehen kann. Indessen ist es bei dem ietzigen Zustande des Unterrichtwesens auch wieder nicht rathsam, sonst talentvolle Leute wegen ihres unvollkommenen Lateinischen Stils von dem Seminar auszuschliessen, sondern es scheint vielmehr zweckmäßig eine Einrichtung für das Seminar zu gründen, vermöge welcher vorzüglich in dieser Hinsicht die Mitglieder noch zweckmäßiger geübt und gewissermaßen zugerichtet werden können; und der Director erlaubt sich, hierüber anliegend einen besondern Vorschlag einzureichen, indem er in dem überall hervorleuchtenden höchst preiswürdigen Eifer eines hohen Ministeriums zur Vervollkommnung der wissenschaftlichen Anstalten eine Aufmunterung findet, demselben dasienige vorzutragen, was seiner Überzeugung gemäß zur vollständigen Erreichung des Zweckes des Seminars noch erforderlich ist.

3) Mündlich wurden, wie gewöhnlich, folgende Aufgaben behandelt:
1) Quaeritur, quid videatur de loco Hesiodi Theog. vs. 30. [...] &c.
2) Qui sit explicandus locus Herodoti I,130. [...]
3) Disputetur de loco Livii VI,40. Nos, ex quo asciti sumus – dici vere posset.
4) Quaeritus, quid videatur de loco Lysiae c. Andocid. p. 248sq. [...]
5) Disputetur [num] Schneiderus3 locum Aristotelis Polit. I,I. [...], usque ad [...], recte constituerit nec ne.
6) Disputetur, an vulgaris lectio ap. Musaeum Her. et Leandr. 213. [...] postponenda sit illi, quam Andr. Papius promit: [...] vel illi, quam Guil. Canterus, [...].
7) Quem [...] habeant verba Sophocl. Antig. 778. [...]
8) Constituatur locus Cic. de offic. III,15, 6. Non licitatorem venditor, nec qui contra se liceatur, emptor apponet.
9) Constituatur locus Ciceronis de offic. 1,15,49. Multi enim faciunt multa temeritate quaedam — impetu animi incitati.
10) Quid statuendem est de verbis Antiphontis de choreuta p. 774. [...]
11) Quid censendum sit de loco Silii Italici I,36. Dux agmina sufficit unus, turbanti terras pontumque movere paranti.
12) Emendetur epigramma ineditum [...] &c. (das hernach in der Vorrede zum Lectionskatalog für den Sommer 1818. herausggebene).

a 82

Kommentare

3 Vermutlich handelt es sich um die Ausgabe „Aristotelis Politicorum libri octo superstites“ von 1809, die Boeckh besaß (Katalog meiner Bücher, S. 20).

13) Quaeritur an locus Platonis in Gorgia p.481.D. [...] usque ad [...] a [...]upero editore recte constitutus sit.
14) Constituatur locus Valerii Flacci Arg. VIII,1.
15) Disputetur de loco Taciti Agric. c.1. extr. Ni incusaturus tam saeva et infesta virtutibus tempora.
16) Dicatur de loco Quintiliani VIII,6,23. Nec procul ab hoc genere discedit — propter quam dicitur, ponere.
17) Proponitur locus Lycurgi adv. Leocr. p.151. Reisk. [...]
18) Proponitur locus Platonis de Legg. 1,8. [...]
19) Disputetur de Seneca Provid. c.4. Levior ieiuno mors est: cruditate dissiliunt.
20) Dicatur de Taciti Agricola c.20. Quibus rebus multae civitates — transierit.
21) Emendetur epigramma Simonidis Anthol. T.1. p.254. ed. noviss. [...] &c.
22) Quaeritur quid videatur de loco Ciceronis de Orat. I,12,53. Quis enim nescit — — perficere non poterit.
23) Quid statuendem de Cic. Tusc. III,6. Ne aegrotassim: — sive avellatur a corpore.
24) Quid videtur de loco Taciti Agric. 6. Nisi quod in bona uxore — culpae est.
25) Disputetur de loco Taciti Ann. XII,2. At Pallas id maxime — posteros coniungeret.
26) Dicatur de Vellej. I,18. Una urbs Attica — floruit.
27) Disputandem proponitur de Cic. ad Fam. XV,16,3. quod vel iis ipsa occurrunt.
28) Dicatur de Sallust. Iugurth. 100. „Et sane Marius“ + usque ad finem.
29) Proponitur locus Taciti Agric. c.19. Frumenti & tributorum — — paucis lucrosum fieret.
30) Explicetur aut emendetur locus Antiphontis de choreuta p. 774. [...] &c.
31) Dicatur de loco Ciceronis de Fin. II,8,23. Nemo nostrum — aedificium.

Die bedeutende Anzahl der gelieferten Abhandlungen sowohl als der behandelten Aufgaben beweiset übrigens hinlänglich den Fleiß und die Thätigkeit der Mitglieder, davon iedes nach seinen Gaben und Kenntnissen das Seinige zu leisten suchte.

a
III. Zuerkannte Prämien.

In dem Winterhalbeniahre erkannte ein hohes Ministerium auf den Antrag des Unterzeichneten folgenden Studirenden nach dem Grade ihrer Würdigkeit Prämien zu, nehmlich dem
Christian Friedrich Neue von Spandau
Gottfried Bernhardy aus Landsberg an der Warthe,
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
Anton Wölke aus Warschau,
Friedrich Gottlob Starke aus Thüringen,
} iedem 25 Reichsthaler und dem
Johann Kreuser von Köln,
Alexander Macieiowski aus dem Warschauschen,
Ernst Gaupp aus Schlesien
} iedem 20 Reichsthaler

Hierbei wurde iedoch die Erinnerung gemacht, daß, ungeachtet auch Ausländer ausnahmsweise in das Seminarium aufgenommen werden können, die Anstalt doch hauptsächlich für Inländer bestimmt sei, und die Prämien wenigstens den Zweck haben, iunge Männer aus dem Preußischen dadurch zu unterstützen (Rescript vom 16. März des Jahres). Diese Bemerkung betrifft nur die Studiosen Ullrich aus dem Würzburgischen, Wölke und Macieiowski aus Polen; der erste derselben wird aber wahrscheinlich eine Anstellung im Preußischen suchen; der zweite hatte sich dazu ebenfalls fest entschlossen, wie einem hohen Ministerium bereits aus meinem auf das verehrliche Rescript vom 6. November 1817. erfolgten Bericht vom 23. desselben bekannt ist; und wenn er sich auch ietzo seiner Verhältnisse wegen wieder in das Königreich Polen zurückbegeben hat, so wird er doch iederzeit gerne eine Anstellung im Preußischen annehmen. Wegen des dritten findet freilich diese Entschuldigung nicht statt; allein der Director konnte kein Bedenken tragen, denselben in die Anstalt aufzunehmen, da es §. 5. des Reglements ausdrücklich heißt: „Ausländer, wenn sie auch wieder in ihr Vaterland zurückkehren, können, im Fall sie sich durch Talente und Eifer besonders auszeichnen, als Seminaristen gleich den Inländern aufgenommen werden“; und da auch §. 12. in Rücksicht der Prämien kein Unterschied zwischen Inländern und Ausländern festgesetzt ist. Indessen gehört allerdings der Macieiowski nicht unter die ausgezeichnetsten; da er aber besondern Eifer bewieß, glaubte der Unterzeichnete ihn einer kleinen Aufmunterung nicht unwürdig. Ungeachtet übrigens eine zu ängstliche Hervorziehung der Inländer der Blüthe des Seminars nicht zuträglich scheint, habe ich mich bei den Vorschlägen zur Prämienvertheilung für den abgelaufenen Sommer und deshalb auch schon bei der Aufnahme der ordentlichen Mitglieder nach dem Winke eines hohen Ministeriums gerichtet, und in dem Bericht vom 14. August des Jahres den
Christian Friedrich Neue von Spandau,
Gottfried Bernhardy von Landsberg an der Warthe
Franz Ullrich aus dem Würzburgischen,
Friedrich Gottlob Starke aus d. Herzogth. Sachsen,4
Christian Ernst Glasewald aus dem Herzogthum Sachsen,5
} ieden zu einer Prämie von 25 Reichsthaler und den
Johann Kreuser von Köln
Ernst Gaupp aus Schlesien
Friedrich Gaupp aus Schlesien
Gustav Friedrich Wilhelm Fehmer aus Pommern
August Koberstein aus Pommern
Friedrich Zelle von Spandau
} ieden zu einer Prämie von 20 Reichsthaler

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Kommentare

4 Starke stammt aus Thüringen, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 5 schreibt.

5 Glasewald stammt aus der Gegend um Wittenberg, wie Boeckh in diesem Bericht auf S. 1 schreibt.

ehrerbietigst empfohlen; also unter 11 Mitgliedern nur einen Ausländer. Von den drei zuletzt genannten sind, da der Cyclus nicht bis zu ihnen reichte, noch keine Abhandlungen beigelegt: auch sind sie die schwächsten bis ietzo : da sie aber durch ihre übrigen Arbeiten im Seminar, nehmlich durch die Interpretations= und Disputirübungen einige Hoffnung erregen, und alle drei dürftig sind, glaubte ich ihnen eine kleine Unterstützung zukommen lassen zu dürfen. Dasselbe gilt von Glasewald, welcher iedoch bei den mündlichen Übungen schon mehr Kenntnisse und Fertigkeiten zeigte. Übrigens sind nach hoher Genehmigung dieser Prämien aus den frühern Ersparnissen noch 70 Reichsthaler disponibel: über die Verwendung eines Theils derselben werde ich die Ehre haben einem hohen Ministerium nächstens einen Antrag einzureichen.

IV. Innerer Zustand der Anstalt.

Wenn von der Anzahl der Mitglieder ein Schluß auf die innere Trefflichkeit des Seminars gemacht werden könnte, so wird es allerdings blühend genannt werden können. Aber ein großer Theil derselben ist noch [iung] [...], und sie wurden vorzüglich deshalb aufgenommen, um sie der Philologie und dem Seminar zu erhalten; wenige derselben haben schon eine bedeutende Vervollkommnung in den philologischen Studien, und ich muß daher mehr von der Zukunft die Erfüllung von Hoffnungen erwarten, als daß ich Befriedigung in dem gegenwärtigen Zustande finden könnte. Welche Mitglieder ausgezeichnet sind, und worin eines Jeden Stärke oder Schwäche bestehe, ist auch bereits oben bei Gelegenheit der Abhandlungen berichtet worden, und es ist daher überflüssig, noch einmahl hier von den Einzelnen zu sprechen. Der Unterzeichnete ist sich iedoch bewusst, soviel in seinen Kräften steht, gethan zu haben, um den Zweck der Anstalt nach Möglichkeit der Erfüllung zu nähern.

 Der Director des philologischen Seminars der hiesigen Universität. Böckh.