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Letter from Adelbert von Chamisso to Louis de La Foye (Geneva or Coppet, June or July 1812)

 

 

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a 116
70

1 M [...] r. Rocheux, marchand de meubles et
objets de curiosité. Rue de la concorde No. 8
à Paris. pour monsieur Auguste de Stael.
 
Ein reuiger Deliquant, mit allen Thröstungen der
Religion für den Weg wohl versehen, ward noch auf
der lezten Stufe der Leiter, vom Beichtvater ganz
gewiß versichert, er ginge gradenwegs in‘s Paradies,
– und hiemit that er den Sprung. Ein Arzt hatte
die Leiche gekauft, und ließ sie biß auf den
andern Tag, auf seinen luftigen Boden auf
kühlen Stroh2 hinstrecken. Es regnete und schneite
über sie her. Der Kerl war aber nicht Mausetodt
Er erwachte gegen Morgen und zä [...] hneklappernd
forscht er mit den Augen rings um sich herVoìla,
sagt er, un beau bougre de Paradis – !

Und soviel sag‘ ich auch3 oft. indeß, lieber Freund,
um weniger daran zu denken, betrüg ich mit botanik
ganz und gar meine Zeit – Die Frau von Stael ist
sans esprit de retour, von hier abgereist,4 und in
Bärenhaftester wohlbehaglic[...]her Einsamkeit, bin
ich hier beim Baron august zu einem
sehr guten Jungen, der in meiner Geselschaft
alle Tage etwas mehr vom paraître abstreift, zurük

a 1811 (?)

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1 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „Auguste de Stael“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „auf kühlen Stroh“.

3 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „auf“ statt „auch“.

4 Wie aus ihren Memoiren Dix années d'exil hervorgeht, hatte Madame de Staël bereits am 23. Mai 1812 Coppet verlassen (1818, o.J.: 113).

geblieben, und wir treiben botanik zusam̄en
so lange es geht. – Morgen gehn wir zum
vierten Mal in‘s gGebürg, und sehr bald nachher
muß ich den letzten ausflug nehmen, der mich
schlüßlich5 nach norddeutschland bringen soll. x (über aAschaffenburg darf ich nicht!)
– Das Jahr ist verspätet das W[...]etter war biß itzt6
erbärmlich, auf dem Jüura liegt noch Schnee.
– Ich hatte sehr anspruchlos Pflanzen zu [trocknen]
angefangen, – nun zählt mein Herbarium
bald tausend gattungen, und nun fängt es
an als eine Habe mir zu erscheinen, – alles
littoralische was du schicken kannst, wird mit
tausend freuden a[n]fgenommen, und nächstens,
laßen wir für dich aus unssern doubletten[...] eine
erste Sen[...]dung an Dich abgehen, die wohl hundert
Plaflanzen begreifen wird, darunter, (aus den Pflanzen
von Detraz,)7 wohl fufzig von den Seltesten
Gattungen der höchsten Alpen. – Schicke sobald
du kannst an die obige Adresse –8 in meiner
Abwesenheit, wird mein Camarade Ddie Geschäften
des Herbario gemeinschaftlichen Herbariai betreiben,
und gern Brief wec[...]hsel mit dir ein gehen.
mir thut es sehr leid dass ich vor der Hand deine
Pflanzen schwerlich sehen werde, doch wird

Comments

5 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „schliesslich“ statt „schlüßlich“.

6 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „jetzt“ statt „itzt“.

7 Dieser eingeklammerte Halbsatz fehlt im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits.

8 Dieser Einschub fehlt im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits.

71

mir [...]9 Herbarium zulezt bleiben,
und hab ich einmal festen Fuß gefaßt, so
[laße] rufe ich ihn wohl an mich – – mit
den Doubletten deiner Pflanzen, kaufen wir
uns und dir andere – hier ist ja alles lebendige
wesen ein botaniker. verlaße dich nur10 auf uns.

Ich danke dir11 die Geschichte deines12 Narren,13
sie ist sehr vortrefflich. – Sonst alles Elend.
weiß gott, an meine si mich und meinen Sieben Sachen
ist eben auch nicht viel. was kann, was soll[:]
was wird aus mir werden – rein nichts –
sie wollen mich in Frankreich, in Paris, ver=
heirathen14 – ich ergreife den wanderstaab und
laufe nach berlin, aus mir kann nimmermehr
ein Pariser werden, – – Soll ichs dir sagen. –
Selbst religiöse bBegriffe, entfernen mich ganz
und gar von solcher katolischen Verbindung, die
ich mit Heuchelei anheben müßte – – über=
reif oder noch unreif, jetzt geht's mit guten
Dingen nicht zu – ich laufe fort –

adieu
Guter15 und tausend Seegen.

unter meinen
Pflanzen – Atragene alpina,.16 tozzia alpina,.17 alchemilla
vulgaris
,18 allpina19 und (von Detraz) pent[a]phylla.20 antirrhinum
alpinum
,21 lepidium petreum,22 gentiana lutea,23 verna.24
erinus alpinus,25 veronica aphylla.26 geum rivale27
satyrium [...]igrum.28 trollius europaeus.29 primula farinosa.30
[...]

Comments

9 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits wird an dieser Stelle „besagtes“ rekonstruiert, wozu es jedoch keinen Anhaltspunkt gibt.

10 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt dieses „nur“.

11 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits wird an dieser Stelle „für“ eingefügt.

12 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „eines“ statt „deines“.

13 Im vorhergehenden Brief vom 19. Juni 1812 beschrieb de La Foye seine Begegnung mit einem „Narren“: „Ich habe doch in Bayeux einen herrlichen Narren kennen lernen, dessen einzige Narrheit ist, dass er stets glaubt, Geister um sich zu haben, die ihn quälen [...]“(abgedruckt in der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits, Brief 106).

14 Gemeint sind vermutlich Chamissos Brüder Hippolyte und Charles, die bereits im Jahr zuvor versucht hatten, in Frankreich eine Ehe für ihn anzubahnen (Feudel 1988: 63).

15 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der folgende Rest des Briefs.

16 Alpen-Waldrebe.

17 Alpenrachen.

18 Gewöhnlicher Frauenmantel.

19 Alpen-Frauenmantel.

20 Schneetälchen-Frauenmantel.

21 Alpen-Leinkraut.

22 Eigentlich lepidium petraeum – Kleine Felskresse.

23 Gelber Enzian.

24 Frühlings-Enzian.

25 Alpenbalsam.

26 Blattloser Ehrenpreis.

27 Bach-Nelkenwurz.

28 Österreichisches Kohlröschen.

29 Trollblume.

30 Mehlige Schlüsselblume.

(Schwarzer Poststempel, der "99 Genève" besagt.)

A Monsieur
a Monsieur Louis de La Foye
Professeur d[...] Mathèmatiques
au College de
Bayeux.
Calvados.

(Reste des bräunlichen Siegels.)

a [9]

1 Monsieur Rocheux, marchand de meubles et objets de curiosité. Rue de la concorde No. 8 à Paris. pour monsieur Auguste de Stael.   Ein reuiger Deliquant, mit allen Thröstungen der Religion für den Weg wohl versehen, ward noch auf der lezten Stufe der Leiter, vom Beichtvater ganz gewiß versichert, er ginge gradenwegs in‘s Paradies, – und hiemit that er den Sprung. Ein Arzt hatte die Leiche gekauft, und ließ sie biß auf den andern Tag, auf seinen luftigen Boden auf kühlen Stroh2 hinstrecken. Es regnete und schneite über sie her. Der Kerl war aber nicht Mausetodt Er erwachte gegen Morgen und zähneklappernd forscht er mit den Augen rings um sich – Voìla, sagt er, un beau bougre de Paradis – !

Und soviel sag‘ ich auch3 oft. indeß, lieber Freund, um weniger daran zu denken, betrüg ich mit botanik ganz und gar meine Zeit – Die Frau von Stael ist sans esprit de retour, von hier abgereist,4 und in Bärenhaftester wohlbehaglicher Einsamkeit, bin ich hier beim Baron august einem sehr guten Jungen, der in meiner Geselschaft alle Tage etwas mehr vom paraître abstreift, zurük

Comments

1 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „Auguste de Stael“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „auf kühlen Stroh“.

3 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „auf“ statt „auch“.

4 Wie aus ihren Memoiren Dix années d'exil hervorgeht, hatte Madame de Staël bereits am 23. Mai 1812 Coppet verlassen (1818, o.J.: 113).

geblieben, und wir treiben botanik zusammen so lange es geht. – Morgen gehn wir zum vierten Mal in‘s Gebürg, und sehr bald nachher muß ich den letzten ausflug nehmen, der mich schlüßlich5 nach norddeutschland bringen soll. x (über Aschaffenburg darf ich nicht!) – Das Jahr ist verspätet das Wetter war biß itzt6 erbärmlich, auf dem Jura liegt noch Schnee. – Ich hatte sehr anspruchlos Pflanzen zu [trocknen] angefangen, – nun zählt mein Herbarium bald tausend gattungen, und nun fängt es an als eine Habe mir zu erscheinen, – alles littoralische was du schicken kannst, wird mit tausend freuden a[n]genommen, und nächstens, laßen wir aus unssern doubletten eine erste Sendung an Dich abgehen, die wohl hundert Pflanzen begreifen wird, darunter, (aus den Pflanzen von Detraz,)7 wohl fufzig von den Seltesten Gattungen der höchsten Alpen. – Schicke sobald du kannst an die obige Adresse –8 in meiner Abwesenheit, wird mein Camarade die Geschäften des gemeinschaftlichen Herbarii betreiben, und gern Brief wechsel mit dir ein gehen. mir thut es sehr leid dass ich vor der Hand deine Pflanzen schwerlich sehen werde, doch wird

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5 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „schliesslich“ statt „schlüßlich“.

6 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „jetzt“ statt „itzt“.

7 Dieser eingeklammerte Halbsatz fehlt im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits.

8 Dieser Einschub fehlt im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits.

mir [...]9 Herbarium zulezt bleiben, und hab ich einmal festen Fuß gefaßt, so rufe ich ihn an mich – – mit den Doubletten deiner Pflanzen, kaufen wir uns und dir andere – hier ist ja alles lebendige wesen ein botaniker. verlaße dich nur10 auf uns.

Ich danke dir11 die Geschichte deines12 Narren,13 sie ist sehr vortrefflich. – Sonst alles Elend. weiß gott, an mich und meinen Sieben Sachen ist eben auch nicht viel. was kann, was soll[:] was wird aus mir werden – rein nichts – sie wollen mich in Frankreich, in Paris, verheirathen14 – ich ergreife den wanderstaab und laufe nach berlin, aus mir kann nimmermehr ein Pariser werden, – – Soll ichs dir sagen. – Selbst religiöse Begriffe, entfernen mich ganz und gar von solcher katolischen Verbindung, die ich mit Heuchelei anheben müßte – – überreif oder noch unreif, jetzt geht's mit guten Dingen nicht zu – ich laufe fort –

adieu Guter15 und tausend Seegen.

unter meinen Pflanzen – Atragene alpina.16 tozzia alpina.17 alchemilla vulgaris,18 alpina19 und (von Detraz) pent[a]phylla.20 antirrhinum alpinum,21 lepidium petreum,22 gentiana lutea,23 verna.24 erinus alpinus,25 veronica aphylla.26 geum rivale27 satyrium [n]igrum.28 trollius europaeus.29 primula farinosa.30 [...]

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9 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits wird an dieser Stelle „besagtes“ rekonstruiert, wozu es jedoch keinen Anhaltspunkt gibt.

10 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt dieses „nur“.

11 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits wird an dieser Stelle „für“ eingefügt.

12 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „eines“ statt „deines“.

13 Im vorhergehenden Brief vom 19. Juni 1812 beschrieb de La Foye seine Begegnung mit einem „Narren“: „Ich habe doch in Bayeux einen herrlichen Narren kennen lernen, dessen einzige Narrheit ist, dass er stets glaubt, Geister um sich zu haben, die ihn quälen [...]“(abgedruckt in der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits, Brief 106).

14 Gemeint sind vermutlich Chamissos Brüder Hippolyte und Charles, die bereits im Jahr zuvor versucht hatten, in Frankreich eine Ehe für ihn anzubahnen (Feudel 1988: 63).

15 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der folgende Rest des Briefs.

16 Alpen-Waldrebe.

17 Alpenrachen.

18 Gewöhnlicher Frauenmantel.

19 Alpen-Frauenmantel.

20 Schneetälchen-Frauenmantel.

21 Alpen-Leinkraut.

22 Eigentlich lepidium petraeum – Kleine Felskresse.

23 Gelber Enzian.

24 Frühlings-Enzian.

25 Alpenbalsam.

26 Blattloser Ehrenpreis.

27 Bach-Nelkenwurz.

28 Österreichisches Kohlröschen.

29 Trollblume.

30 Mehlige Schlüsselblume.

A Monsieur
Monsieur Louis de La Foye
Professeur d[e] Mathèmatiques
au College de
Bayeux.
Calvados.