Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Lettre de Adelbert von Chamisso à Louis de La Foye (Genève, au début de 1812)

 

 

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    Bibliothèque d'État de Berlin / Section des manuscrits
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    a 114
    85

    Ich will dir nur einen papiernen Kuß
    Brüderlich zu werfen, Geschichte wuürde lang
    und schal ausfallen – nur so viel, ich habe
    den Winter auf die alte weise verbracht,
    am alten Joche gottweißwie gebunden. Ich
    war noch dazu [verdam̄t] mit dem zweiten
    [...] Sohn[e] im selben Rauchfang weit ab selb ander
    einquatiert, da hab ich von ihm und dessen
    Freunde sehr schöne Dinge von Quinte1 und
    zur abwechselung von der Chasse aux becasses
    gelernt – nun ist er Krank gewesen,2 erst
    die gebenedeite Venerika, so dann die
    gefürchteten ansteckenden Masern,3 da
    bin ich mit von der menschlichen gesellschaft
    abgesondert worden, [mit] von guten freuden4
    war indessen dies Loch nicht leer. –
    auch einen Duel hat er gehabt, das
    vertreibt alles die Zeit – ich habe
    bei dem allen Conaxa, das mir in die
    Hand fiel und [...] das ich wohl mochte
    in sehr schönen Jamben für die Bün
    deutsche Büne üb[er] übersetzt, und zwei abschrifften
    verfertiget die eine an Eduard die
    andere an Helmina geschickt:5 – von
    der letzteren hab ich noch nur Nachricht,
    – sie versichert mich nehmlich das Ding wäre
    keines weges des Porto wehrt und ich hätte
    [sie] ihr die Kosten wohl [...] weislich sparen können
    sie weislich damit verschonen können

    a 1811 ou 1812

    Commentaires

    1 Da Quintus ein sehr häufig vorkommender lateinischer Vorname ist, kann man kaum rekonstruieren, welchen Text Chamisso gelesen hat.

    2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „ansteckenden Masern“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    3 In einem Kommentar in der Correspondance Générale der Madame de Staël wird vermutet, dass Albert de Staël an einer Geschlechtskrankheit litt (2008: 548, Kommentar 4), auch wenn in ihren Briefen aus dieser Zeit keine bestimmte Krankheit genannt wird. Tatsächlich wurde die Bezeichnung „venerica“ in Zusammenhang mit der Syphillis verwendet, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass Chamisso damit den Hautausschlag der Masern meint.

    4 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Freunden“ statt „freuden“.

    5 Conaxa ou les Gendres dupés wurde vermutlich Anfang 1700 anonym verfasst. Es gelangte zu Bekanntheit, als Charles-Gauillaume Étienne vorgeworfen wurde, dass sein Stück Les deux gendres (1810) ein Plagiat von Conaxa sei (Eintrag zu Etienne der Académie Française [Zugriff 15.07.2012]). Vgl. auch Chamissos Brief an Eduard Hitzig, den er der Übersetzung beilegte (in: Leben und Briefe von Adelbert von Chamisso, Brief 131). Chamissos Conaxa-Fassung wurde nicht gespielt und ist verlorengegangen (Feudel 1988: 64).

    nun lern ich Englisch – siehe so weit
    bin ich – Ich g die Herrin ist an Leib
    und Seele Krank, elend, elend – ich wollte
    nach meinem Norden, wo nun,6 nachden
    lezten berichten, alles ruhig [...] bleiben
    wird mich sachte zurücke ziehen. Die
    vorlesungen fangen April an – ich
    kann diese Frau so nicht verlassen, ich bleibe.
    Die Tage gehen wir nach unserem
    Landgut7 zurüke und das weitere weiß
    gott, ich bin müde über alle massen, ich
    und habe keinen willen mehr [...] ich
    sehe es noch mit an, daß mir die Beine
    vom Leibe weg abfaulen [.] in Gottes
    nahmen.8 Ich sitze hier biß zum jüngsten
    Gesricht,9 das beste ist daß ich nicht mehr geld10
    brauche als ich habe, aber mit der so genannten
    menschen bestimmung siehts erbärmlich aus.
    Den Sommer werd ich wohl nicht einmal
    dazu kommen, einen Spa [...] ziergang ins
    Gebürg zu unter nehmen, ich seh‘ es kommen.
    ich weiß schon wie das alles hier geht.
    11 Ich bin mit W. A. Sch. sehr mißvergnügt
    wenn wir zusam̄en im selben Loche
    eingesperrt sind weiß ich eben nicht
    wie es gehen wird – vielleicht schnellt

    Commentaires

    6 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt dieses „nun“

    7 Hiermit ist vermutlich Coppet gemeint.

    8 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Namen“ statt „nahmen“.

    9 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Tage“ statt „Gericht“.

    10 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Gold“ statt „geld“.

    11 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „auch gut“ auf der folgenden Seite. Die Lücke ist mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    86

    mich das weiter. [auch] gut. – das sind
    ungefähr zwei Jahre die mir die Leute
    wegfressen – gi[e]b mir immer hie
    und da [...]Telegrafische Zeichen deiner
    Freund[sch]aft, guter, wenn, [...] (wozu ich alle
    Hoffnung aufgegeben habe,) ich wenn
    ich doch mich fortbewegen müßtsollte,
    so werd ich nicht erlmangeln es dir
    zu berichten. – und in welche Richtung

    lebe wohl, ich lebe immer mit dir,
    deiner liebe,12 deinen Jungen, und
    und deinen Rauch wolken. lebe wohl
    und mögen die Türken die Schwere noht
    kriegen!13 -
    (Rest des roten Siegels.)

    Commentaires

    12 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „deiner liebe“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    13 Eventuell gibt es hier einen Bezug auf Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege (1810), in der der folgende Satz vorkommt: „Na!“ sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!“ In: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten, S. 264 f.

    (Schwarzer Poststempel, der "99 Genève" besagt.)

    Monsieur
    Louis de la foye
    professeur de Mathematique
    au college
    a de Bayeux
    Dept de Calvados.

    (Rest des roten Siegels.)

    a [9]

    Ich will dir nur einen papiernen Kuß Brüderlich zu werfen, Geschichte würde lang und schal ausfallen – nur so viel, ich habe den Winter auf die alte weise verbracht, am alten Joche gottweißwie gebunden. Ich war noch dazu mit dem zweiten Sohn[e] im selben Rauchfang weit ab selb ander einquatiert, da hab ich von ihm und dessen Freunde sehr schöne Dinge von Quinte1 und zur abwechselung von der Chasse aux becasses gelernt – nun ist er Krank gewesen,2 erst die gebenedeite Venerika, so dann die gefürchteten ansteckenden Masern,3 da bin ich mit von der menschlichen gesellschaft abgesondert worden, von guten freuden4 war indessen dies Loch nicht leer. – auch einen Duel hat er gehabt, das vertreibt alles die Zeit – ich habe bei dem allen Conaxa, das mir in die Hand fiel und das ich wohl mochte in sehr schöne Jamben für die deutsche Büne übersetzt, zwei abschrifften verfertiget die eine an Eduard die andere an Helmina geschickt:5 – von der letzteren hab ich noch nur Nachricht, – sie versichert mich nehmlich das Ding wäre keines weges des Porto wehrt und ich hätte sie weislich damit verschonen können

    Commentaires

    1 Da Quintus ein sehr häufig vorkommender lateinischer Vorname ist, kann man kaum rekonstruieren, welchen Text Chamisso gelesen hat.

    2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „ansteckenden Masern“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    3 In einem Kommentar in der Correspondance Générale der Madame de Staël wird vermutet, dass Albert de Staël an einer Geschlechtskrankheit litt (2008: 548, Kommentar 4), auch wenn in ihren Briefen aus dieser Zeit keine bestimmte Krankheit genannt wird. Tatsächlich wurde die Bezeichnung „venerica“ in Zusammenhang mit der Syphillis verwendet, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass Chamisso damit den Hautausschlag der Masern meint.

    4 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Freunden“ statt „freuden“.

    5 Conaxa ou les Gendres dupés wurde vermutlich Anfang 1700 anonym verfasst. Es gelangte zu Bekanntheit, als Charles-Gauillaume Étienne vorgeworfen wurde, dass sein Stück Les deux gendres (1810) ein Plagiat von Conaxa sei (Eintrag zu Etienne der Académie Française [Zugriff 15.07.2012]). Vgl. auch Chamissos Brief an Eduard Hitzig, den er der Übersetzung beilegte (in: Leben und Briefe von Adelbert von Chamisso, Brief 131). Chamissos Conaxa-Fassung wurde nicht gespielt und ist verlorengegangen (Feudel 1988: 64).

    nun lern ich Englisch – siehe so weit bin ich – die Herrin ist an Leib und Seele Krank, elend, elend – ich wollte nach meinem Norden, wo nun,6 nachden lezten berichten, alles ruhig bleiben wird mich sachte zurücke ziehen. Die vorlesungen fangen April an – ich kann diese Frau so nicht verlassen, ich bleibe. Die Tage gehen wir nach unserem Landgut7 zurüke und das weitere weiß gott, ich bin müde über alle massen, ich habe keinen willen mehr ich sehe es noch mit an, daß mir die Beine vom Leibe weg abfaulen [.] in Gottes nahmen.8 Ich sitze hier biß zum jüngsten Gericht,9 das beste ist daß ich nicht mehr geld10 brauche als ich habe, aber mit der so genannten menschen bestimmung siehts erbärmlich aus. Den Sommer werd ich wohl nicht einmal dazu kommen, einen Spaziergang ins Gebürg zu unter nehmen, ich seh‘ es kommen. ich weiß schon wie das alles hier geht. 11 Ich bin mit Wilhelm August Schlegel sehr mißvergnügt wenn wir zusammen im selben Loche eingesperrt sind weiß ich eben nicht wie es gehen wird – vielleicht schnellt

    Commentaires

    6 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt dieses „nun“

    7 Hiermit ist vermutlich Coppet gemeint.

    8 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Namen“ statt „nahmen“.

    9 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Tage“ statt „Gericht“.

    10 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „Gold“ statt „geld“.

    11 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt der Textabschnitt ab diesem Punkt bis „auch gut“ auf der folgenden Seite. Die Lücke ist mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    mich das weiter. [auch] gut. – das sind ungefähr zwei Jahre die mir die Leute wegfressen – gib mir immer hie und da Telegrafische Zeichen deiner Freund[sch]aft, guter, wenn, (wozu ich alle Hoffnung aufgegeben habe) wenn ich doch mich fortbewegen sollte, so werd ich nicht ermangeln es dir zu berichten. – und in welche Richtung

    lebe wohl, ich lebe immer mit dir, deiner liebe,12 deinen Jungen, und deinen Rauch wolken. lebe wohl und mögen die Türken die Schwere noht kriegen!13 -

    Commentaires

    12 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „deiner liebe“. Die Lücke ist nicht mit Auslassungspunkten gekennzeichnet.

    13 Eventuell gibt es hier einen Bezug auf Kleists Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege (1810), in der der folgende Satz vorkommt: „Na!“ sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angeschmaucht, im Maul: „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!“ In: Sämtliche Erzählungen und Anekdoten, S. 264 f.

    Monsieur
    Louis de la foye
    professeur de Mathematique
    au college
    de Bayeux
    Departement de Calvados.