Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Lettre de Adelbert von Chamisso à Louis de La Foye (probablement Coppet, mai ou juin 1811)

 

 

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    Bibliothèque d'État de Berlin / Section des manuscrits
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    a 115
    87

    Ich hätte dir früher schreiben sollen – ich habe aber
    weder Lust noch stimmung dazu. heute auch nur sum̄=
    marisch einige worte – man rathet dir zu der übersezung
    der WReise vom Herrn von Buch in Lappland.1 – Das geolog[...]
    Geolosgische, könnte von der Reise Beschreibung getrennt
    werden, und als ein für sich bestehender Aufsaz [...] dem Buche2
    [...] angehängt werden. [...] Manches hatt sich verändert,
    wir bleiben nicht lange mehr zusam̄en, und ziehn verschiedene[n]
    Straßen. – wie ich es ersehen kann, werd[e] ich mich binnen
    nie Sechs wochen auf die Straße nach Nord Deutschland
    machen, – und bin ich ein mal immatriulirt –3 kriegt
    mich Freund noch Feind – kriegt mich der Schwarze selbst
    nicht aus dem Orte – ich studire dann daß [mich] der
    angst schweiß die Schläfen herab rollt, und es wird aus
    mir was Gott will – Zeit und Geld sind dahin gegangen
    ich weiß nicht wie? ich bin keinem Ziele näher gerückt
    als dem Grabe! – manches hab ich freilig gelebt und
    erlebt! – ich weiß nicht ob ich über Heidelberg werde
    dürfen. – die Leute sind rasend – wir bekümmerten
    [en marge: uns] um niemanden – und es war als hätte sDie welt sich [nur]
    um uns zu bekümmern – – denke dir's – es heißt noch
    immer, sie wär nu [...] r nach Hei [...] delberg gegangen weil
    sie von mir schwanger gewesen4 – bei got sie machen

    a 1811 ou 1812

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    1 Der Bericht des Geologen Christian Leopold von Buch über seine Skandinavien-Reise, Reise durch Norwegen und Lappland, war 1810 erschienen.

    2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „dem Buche“.

    3 Chamisso plante, an der 1809 gegründeten Berliner Universität zu studieren.

    4 Chamisso war sich zu dieser Zeit im Unklaren über sein Verhältnis zu Helmina von Chézy, die nach der Trennung von ihrem Mann Antoine Léonard von Chézy kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt war.

    mich irre – – mein [...] Hausherr von vorigen
    winter,5 soll an Heirathen denken mit Gott weiß we[...]lchem
    jungen Mägdlein – wenn er an mich noch denkt,
    so ist es wenigstens nur um an mich nicht zu schreiben – bin ich auch
    gefährlich, oder was? – man hält uns hier in so schreiend[e]
    Zucht, daß die geselschaft aufgelöst wird – ich sehe es noch
    mit an6 [...] ich erwarte noch einen Brief von dir – habt ihr
    nichts neues mit euren Archiven – ? da[...]s geht mich
    bald so wenig mehr an als die Archiven des Chinesischen
    Keisers – habt ihr etwas, sagts mir bald – wierft mir
    einen [...] Knüppel zwischen die Beidene – sonst K[...]7 ich Gott
    straf mich aus. und ihr krigt mich nie wieder zu sehen. – ich kann und mag an Bourguet
    nicht schreiben – mir kann noch etwas in die Quer
    kommen, meiner armen Schwester gehts in Parma
    aüsserst traurig. – ihr mMann ist abwesend, und8 ein Kind
    ihr an der Auszärung Todtkrank. – ishr stehen reisen bevor,
    Geschäfte, Gottweiß all das El Elend – ruft sie mich etwa
    muß wohl alles übrige liegen. – übrigens bleib[...]ts dabei,
    ich sehe sich hier den Knaül entwirren, und laufe dann
    ab nach meiner Schule – – Ich habe eine achttägiche
    Fußreise in die Alpen gemacht – habe über all Doiniers9
    Gensdárm[...] Garnisaires, colonnes mobils angetroffen –

    Commentaires

    5 Es handelt sich um Prosper de Barante, als dessen Sekretär Chamisso in Napoléon-Vendée für einige Monate tätig war, bevor er im Frühling 1811 in die Schweiz zu Madame de Staël reiste (Feudel 1988: 61 ff.).

    6 Chamisso nimmt hier vermutlich Bezug auf die Schikanen der französischen Obrigkeit, unter denen Madame de Staël und ihre Gesellschaft auch in Coppet noch litten (vgl. die Darstellung in ihren Memoiren Dix années d'exil (1818, o.D.: 91–108).

    7 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht an dieser schwer lesbaren Stelle „reiss“, dies ist zwar inhaltlich plausibel, jedoch im Schriftbild nicht zu erkennen.

    8 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits wird nicht wiedergegeben, dass dieses „und“ gestrichen wurde.

    9 Diese Schreibweise von „douanier“ lehnt sich an die französische Aussprache an.

    88

    [du] kannst in Sausure10 nachschlagen der Montblanc sei
    2000 [und] 4 biß 50011 toisen12 Hoch13 – ich weiß es nicht besser.
    die Wolken lagen ich bin zwar in seiner Nähe gewesen – aber
    die Wolken lagen ihm auf den Schultern und der Schnee
    biß hing ihm tief unter dem gürtel – es ist noch überall
    zu früh – noch blühet [...] der14 rododendron15 erst in den
    hohen Thalen, und die Lerchen Baume treiben noch [...]
    nicht ihr zartes Grün auf den Höhen – der Schnee liegt noch
    zu tief – Diese grossen Koloßen können nur recht
    von fern erschaut werden – in der Nähe sind sie für
    den menschen wie für die Ameise nicht. – ein Paar
    schon16 grupirte Granitgeschiebe sind oft schöner –
    eben das mögt ich von den waßer fällen sagen – –

    – übrigens singt man la petite Cendrillon17 im Thale
    Chamonnix – im Thale Chamonnix sind – les
    Voyageurs
    ein art Thiere die sie zu schinden, ihr
    bestes erwerb ist – o der Menschen! – in die
    eigentliche Schweiz bin ich nicht gedrungen. –
    über all nur [...] französche Zunge, französche ober Herrschaft!

    – leb wohl, mein süßer guter, – ich verliere mehr
    und mehr das Wort des Räthsels und mich selbst.
    (Rest des schwärzlichen Siegels, darauf klebt der Siegelausriss von der Blattoberkante mit einem Teil des Brieftexts.)

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    10 Der vorstehende Textteil befindet sich auf dem Siegelausriss, der an die untere Blattkannte geklebt wurde

    11 Der Textteil „und 4 biß 500“ befindet sich teilweise auf dem Siegelausriss.

    12 Die Toise ist eine alte Längeneinheit. Sie entsprach sechs Fuß bzw. knapp zwei Metern.

    13 Chamisso meint mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Horace-Bénédict de Saussures Werk Voyages dans les Alpes. Saussure, der den Montblanc im Jahr 1787 bestieg (Reinhardt 2011: 283), gibt darin dessen Höhe mit „2446 toises“ an (Bd. 1, 1779: 355).

    14 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „das“ statt „der“.

    15 Alpenrose.

    16 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „schön“ statt „schon“.

    17 Das Lied des „petite Cendrillon“ kommt im Libretto der Oper Cendrillon (1810: 16) von Charles-Gauillaume Étienne vor, der auch das Stück Les deux gendres verfasste. Chamisso übersetzte in der Schweiz Conaxa ou les Gendres dupés, das Étienne vermutlich als Vorlage für Les deux gendres diente (zu Conaxa und Les deux gendres s. den Kommentar im Brief aus Genf von Anfang 1812, Seite 1).

    (Schwarzer Poststempel, stark verwischt und unleserlich. Er besagt vermutlich "[Suisse par Coppet]".)
    (Ein weiterer Poststempel, ebenfalls stark verwischt und unleserlich. Er besagt vermutlich "[Genève]".)

    a Monsieur
    Louis de La Foye
    a à
    Caen
    Calvados.

    b 18

    a [9]

    b 77 20
    9 70
    86 90

    Commentaires

    18 Die Rechnung stammt womöglich nicht von Chamissos Hand.

    Ich hätte dir früher schreiben sollen – ich habe aber weder Lust noch stimmung dazu. heute auch nur summmarisch einige worte – man rathet dir zu der übersezung der Reise vom Herrn von Buch in Lappland.1 – Das geolog[...] Geologische, könnte von der Reise Beschreibung getrennt werden, und als ein für sich bestehender Aufsaz dem Buche2 angehängt werden. Manches hatt sich verändert, wir bleiben nicht lange mehr zusammen, und ziehn verschiedene Straßen. – wie ich es ersehen kann, werd[e] ich mich binnen Sechs wochen auf die Straße nach Nord Deutschland machen, – und bin ich ein mal immatriulirt –3 kriegt mich Freund noch Feind – kriegt mich der Schwarze selbst nicht aus dem Orte – ich studire dann daß [mich] der angst schweiß die Schläfen herab rollt, und es wird aus mir was Gott will – Zeit und Geld sind dahin gegangen ich weiß nicht wie? ich bin keinem Ziele näher gerückt als dem Grabe! – manches hab ich freilig gelebt und erlebt! – ich weiß nicht ob ich über Heidelberg werde dürfen. – die Leute sind rasend – wir bekümmerten uns um niemanden – und es war als hätte Die welt sich [nur] um uns zu bekümmern – – denke dir's – es heißt noch immer, sie wär nur nach Heidelberg gegangen weil sie von mir schwanger gewesen4 – bei got sie machen

    Commentaires

    1 Der Bericht des Geologen Christian Leopold von Buch über seine Skandinavien-Reise, Reise durch Norwegen und Lappland, war 1810 erschienen.

    2 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits fehlt „dem Buche“.

    3 Chamisso plante, an der 1809 gegründeten Berliner Universität zu studieren.

    4 Chamisso war sich zu dieser Zeit im Unklaren über sein Verhältnis zu Helmina von Chézy, die nach der Trennung von ihrem Mann Antoine Léonard von Chézy kürzlich nach Deutschland zurückgekehrt war.

    mich irre – – mein Hausherr von vorigen winter,5 soll an Heirathen denken mit Gott weiß welchem jungen Mägdlein – wenn er an mich noch denkt, so ist es wenigstens nur um an mich nicht zu schreiben – bin ich auch gefährlich, oder was? – man hält uns hier in so schreiend[e] Zucht, daß die geselschaft aufgelöst wird – ich sehe es noch mit an6ich erwarte noch einen Brief von dir – habt ihr nichts neues mit euren Archiven – ? das geht mich bald so wenig mehr an als die Archiven des Chinesischen Keisers – habt ihr etwas, sagts mir bald – werft mir einen Knüppel zwischen die Beine – sonst K[...]7 ich Gott straf mich aus. und ihr krigt mich nie wieder zu sehen. – ich kann und mag an Bourguet nicht schreiben – mir kann noch etwas in die Quer kommen, meiner armen Schwester gehts in Parma aüsserst traurig. – ihr Mann ist abwesend, 8 ein Kind ihr an der Auszärung Todtkrank. – ihr stehen reisen bevor, Geschäfte, Gottweiß all das Elend – ruft sie mich etwa muß wohl alles übrige liegen. – übrigens bleibts dabei, ich sehe sich hier den Knaül entwirren, und laufe dann ab nach meiner Schule – – Ich habe eine achttägiche Fußreise in die Alpen gemacht – habe über all Doiniers9 Gensdárm[es] Garnisaires, colonnes mobils angetroffen –

    Commentaires

    5 Es handelt sich um Prosper de Barante, als dessen Sekretär Chamisso in Napoléon-Vendée für einige Monate tätig war, bevor er im Frühling 1811 in die Schweiz zu Madame de Staël reiste (Feudel 1988: 61 ff.).

    6 Chamisso nimmt hier vermutlich Bezug auf die Schikanen der französischen Obrigkeit, unter denen Madame de Staël und ihre Gesellschaft auch in Coppet noch litten (vgl. die Darstellung in ihren Memoiren Dix années d'exil (1818, o.D.: 91–108).

    7 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht an dieser schwer lesbaren Stelle „reiss“, dies ist zwar inhaltlich plausibel, jedoch im Schriftbild nicht zu erkennen.

    8 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht an dieser Stelle ein von Chamisso gestrichenes „und“.

    9 Diese Schreibweise von „douanier“ lehnt sich an die französische Aussprache an.

    [du] kannst in Sausure10 nachschlagen der Montblanc sei 2000 [und] 4 biß 50011 toisen12 Hoch13 – ich weiß es nicht besser. ich bin zwar in seiner Nähe gewesen – aber die Wolken lagen ihm auf den Schultern und der Schnee hing ihm tief unter dem gürtel – es ist noch überall zu früh – noch blühet der14 rododendron15 erst in den hohen Thalen, und die Lerchen Baume treiben noch nicht ihr zartes Grün auf den Höhen – der Schnee liegt noch zu tief – Diese grossen Koloßen können nur recht von fern erschaut werden – in der Nähe sind sie für den menschen wie für die Ameise nicht. – ein Paar schon16 grupirte Granitgeschiebe sind oft schöner – eben das mögt ich von den waßer fällen sagen – –

    – übrigens singt man la petite Cendrillon17 im Thale Chamonnix – im Thale Chamonnix sind – les Voyageurs ein art Thiere die zu schinden, ihr bestes erwerb ist – o der Menschen! – in die eigentliche Schweiz bin ich nicht gedrungen. – über all nur französche Zunge, französche ober Herrschaft!

    – leb wohl, mein süßer guter, – ich verliere mehr und mehr das Wort des Räthsels und mich selbst.

    Commentaires

    10 Der vorstehende Textteil befindet sich auf dem Siegelausriss, der an die untere Blattkannte geklebt wurde

    11 Der Textteil „und 4 biß 500“ befindet sich teilweise auf dem Siegelausriss.

    12 Die Toise ist eine alte Längeneinheit. Sie entsprach sechs Fuß bzw. knapp zwei Metern.

    13 Chamisso meint mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Horace-Bénédict de Saussures Werk Voyages dans les Alpes. Saussure, der den Montblanc im Jahr 1787 bestieg (Reinhardt 2011: 283), gibt darin dessen Höhe mit „2446 toises“ an (Bd. 1, 1779: 355).

    14 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „das“ statt „der“.

    15 Alpenrose.

    16 Im Druck der Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits steht „schön“ statt „schon“.

    17 Das Lied des „petite Cendrillon“ kommt im Libretto der Oper Cendrillon (1810: 16) von Charles-Gauillaume Étienne vor, der auch das Stück Les deux gendres verfasste. Chamisso übersetzte in der Schweiz Conaxa ou les Gendres dupés, das Étienne vermutlich als Vorlage für Les deux gendres diente (zu Conaxa und Les deux gendres s. den Kommentar im Brief aus Genf von Anfang 1812, Seite 1).

    a Monsieur
    Louis de La Foye
    à
    Caen
    Calvados.

    a

    a 77 20 9 70 86 90