Letters and texts:
Intellectual Berlin
around 1800

Letter from Adelbert von Chamisso to Louis de La Foye (fragment) (probably Berlin, probably May or June 1814)

 

 

Facsimile Dipl. transcription Reading text Metadata Entities XML Facsimile Dipl. transcription Reading text Metadata Entities XML
 
 

Persons mentioned in the manuscript

Groups of persons mentioned in the manuscript

    Works mentioned in the manuscript

    Places mentioned in the manuscript

    Staatsbibliothek Berlin / Manuscripts section
    Reuse subject to prior approval by Staatsbibliothek Berlin

    Download whole XML file powered by TEI

    Current page

     
    159
    97

    verarmt, einzig ihrem Gram — —
    Ich muß dir nach so langer Trennung eine
    kleine Geschichte von mir und auch von den Freunden
    entwerfen — Wie der Ruf an die
    Freiwilligen1 erscholl – ward ich in mir sehr zerissen
    und gar nicht einig was mir zu thun sei — Es nicht
    [...]länger ertragend hatte ich wirklich schon an den König geschrieben, [als]
    jede Beförderung aber abweisend ich begehrte ich bloß den
    Schießprügel zu ergreifen. — ich zeigte Hitzig,
    meinem ordentlichen Beichtvater, den schon fertigen
    Brief — er ergrim̄te sehr und tadelte mich strenge —
    Der Brief ward nicht abgeschickt. — nun konnt
    ich aber auch nicht durch unsere verödeten Hallen
    von wo alles Tüchtige freudig ausgezogen war,
    mich einsam schleppen – Hitzig sagte mir
    du must verreisen — — nun fand sich
    eben zu der Zeit, daß ein Reicher Edelmann
    der Lust an der Botanick hat und in7
    Meilen von hier im Schönen OderBruch
    Pflanzungen Amerikanischer Bäume
    einen Botanischen Garten, ein Herbarium,
    eine Bibliothek und mehre Milionen Güter
    besitzt sich nach einem jungen Gelehrten
    umsah der in die Hand an dieses alles
    den Som̄er über anlegte, — ich zog
    ich ward hinbefördert und erschien angekündigt als

    Comments

    1 Hiermit ist vermutlich der Aufruf der preußischen Regierung vom 8. Februar 1813 gemeint, freiwillige Jägerverbände, die Freikorps, zu gründen.

    ebenbürtiger Gast und Liebhaber der Botanik
    bei zu dem Herrn von Itzenplitz.2 — ich widmete
    da in freündlicher Umgebung und unter guten
    Leuten meinen Som̄er ausschließlich der Botanik
    und es ward mir so wohl als im̄er mir sein
    könnte. — Einige Klotzigkeiten des Reichthumes
    die mir nicht entgingen, wurden mir lächerlicher
    als drückend — ich spielte meine Rolle als eben=
    bürtiger Gast d[...]urch, und ließ sie ungeschickt
    ausin der ihrigen als Wirth sehr ungeschickt sein —
    sonst sehr gute Leute, nur ist es ganz ein Haus der
    Prosa — aber die Poesie und die Fabel hab ich ohnedem biß
    über die Ohren satt — — da fiel es mir dennoch
    ein, ich weiß nicht wie ein Buch und zwar ein ganz
    fabelhaftes, nehmlich eine Fabel3 zu schreiben, und ich
    kriegte es lus[...]tig genuch zu stande — es sollte nur
    ein Brief an Hitzig und Fouqué vorstellen —und
    dabei sein bewenden haben — Fouqué will es aber
    gedrukt wissen, und zwar giebt er es selber heraus —


    doch nun ein Wort von den Freünden — Fouqué
    der treue bi[d]edre wackere from̄e kunstreiche
    Ritterliche Fouqué, ist nächst Hitzig meinder
    nächstere meinem Herzen, der auf den
    mein Leben wirklich mit lehnt. — Er hat

    Comments

    2 Von Mai bis Oktober 1813 hielt sich Chamisso in Kunersdorf bei Generalintendant von Itzenplitz auf. Hier legte er u.a. ein Herbarium an und verfaßte eine botanische Abhandlung (vgl. Feudel (1988), S. 69).

    3 During the summer and autumn of 1813, Chamisso wrote Peter Schlemihl's wundersame Geschichte.

    den Feldzug freudig und ausgezeichnet mitgemacht
    – uns seh lange sehr in Sorgen [ge] erhalten, endlich 98
    schwehr erkrankt ist er vom Rheinnon plus ultra
    geziert mit dem wohlverdienten Johanniter Kreuz
    nach seiner Heimath zurücke gekehrt und dichtet
    jetzt ein großes Epos der das die Krone seiner
    Werke werden soll — Seit du unsere Litteratur
    aus den Augen verlassen hast, hat er sich wirklich
    durch den Held des Norden den Zauberring und
    Undinee zu dem ersten Range geschwungen,
    und throhnt anerkannt unter den Fürsten.
    Varhagen, der es seit einiger Zeit darauf
    anlegt eine Cariere zu machen, und eine
    Figur in der Welt zu erzwingen. Herr
    K A Var[h]nhagen von Ense sag ich ist ohne
    sonderlichen Patriotischen Antrieb, und weil
    es von ihm geheischt ward, mitgegangen
    und zwar als Russischer Rittmeiser und
    Adjudant des Generals Tettenborn den er
    auf eine nicht ganz erfreuliche Weise
    flagornirt4 und dbesingt unserer gute leise
    lebensmüde Neumann, ist als im Comissariat
    angestellt und mit — beide werden noch
    in Frankreich sitzen — für Neumann ist
    bei seiner Brauchbarkeit und Hitzigs Betriebsamkeit

    Comments

    4 Vom französischen „flagorner“: betätscheln, umschmeicheln.

    und unserem Flor zu hoffen, daß er irgendwo
    stetig angehängt werde. — Theremin ist
    hier ein beweibter angesehener Prediger —


    nun zu mir zurücke. — der Winter rief mich
    nach der Stadt zurücke und ich ward wieder, was
    ich nicht zu sein aufgehört, ein Student unserer
    uniwversität,5 ich habe Zoologie, Mineralogie
    vergleichende Anatomie geschrie getrieben —
    ich bewege mich in der Enkcykclopadie der Natur Wissen=
    schaft herum, suche mich tüchtig und tüchtiger
    zu machen, nehme bzu Zeiten das Lateinische
    wieder vor,6 arbeite auf den Museen an
    deren Aufstellung7Lichtenstein liebt mich
    und findet mich brauchbar, und kurz ich bin
    nicht ohne gegründete Hoffnung, binnen ein
    Paar Jahre, wenn eine gehlehrte Reise unter=
    nom̄en wird – wenn – wie es Plan, ist,
    junge Leute für die Mus[eee]n und den
    Botanischen Garten 8 reisen sollen. dazu ernannt
    ausgesucht werden, und mich dazu als tüchtig
    [...]dazu svor mir selber zu stehen —
    So stehts mit mir Adelf9 — Ich habe
    mich von der Spekulation zu der Erfahrung –

    Comments

    5 Chamisso studierte ab Oktober 1812 an der Berliner Universität Medizin.

    6 Chamisso nahm an einem Kolleg F. A. Wolfs an der Berliner Universität teil (vgl. Feudel (1988), S. 93).

    7 Chamisso half Lichtenstein bei der Aufstellung der Naturaliensammlungen in den Berliner königlichen Museen (vgl. Feudel (1988), S. 93).

    8 In Riegel's Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits, the phrase „und den Botanschischen Garten“ is being omitted.

    9 This salutation is the Germanized version from the Greek expression for „brother“ (αδελφός).

    verarmt, einzig ihrem Gram — — Ich muß dir nach so langer Trennung eine kleine Geschichte von mir und auch von den Freunden entwerfen — Wie der Ruf an die Freiwilligen1 erscholl – ward ich in mir sehr zerissen und gar nicht einig was mir zu thun sei — Es nicht länger ertragend hatte ich wirklich schon an den König geschrieben, [] jede Beförderung aber abweisend ich begehrte bloß den Schießprügel zu ergreifen. — ich zeigte Hitzig, meinem ordentlichen Beichtvater, den schon fertigen Brief — er ergrimmte sehr und tadelte mich strenge — Der Brief ward nicht abgeschickt. — nun konnt ich aber auch nicht durch unsere verödeten Hallen von wo alles Tüchtige freudig ausgezogen war, mich einsam schleppen – Hitzig sagte mir du must verreisen — — nun fand sich eben zu der Zeit, daß ein Reicher Edelmann der Lust an der Botanick hat und 7 Meilen von hier im Schönen OderBruch Pflanzungen Amerikanischer Bäume einen Botanischen Garten, ein Herbarium, eine Bibliothek und mehre Milionen Güter besitzt sich nach einem jungen Gelehrten umsah der die Hand an dieses alles den Sommer über anlegte, — ich ward hinbefördert angekündigt als

    Comments

    1 Hiermit ist vermutlich der Aufruf der preußischen Regierung vom 8. Februar 1813 gemeint, freiwillige Jägerverbände, die Freikorps, zu gründen.

    ebenbürtiger Gast und Liebhaber der Botanik zu dem Herrn von Itzenplitz.2 — ich widmete da in freündlicher Umgebung unter guten Leuten meinen Sommer ausschließlich der Botanik und es ward mir so wohl als immer mir sein könnte. — Einige Klotzigkeiten des Reichthumes die mir nicht entgingen, wurden mir lächerlicher als drückend — ich spielte meine Rolle als ebenbürtiger Gast durch, und ließ sie ungeschickt in der ihrigen als Wirth sein — sonst sehr gute Leute, nur ist es ganz ein Haus der Prosa — aber die Poesie und die Fabel hab ich ohnedem biß über die Ohren satt — — da fiel es mir dennoch ein, ich weiß nicht wie ein Buch und zwar ein ganz fabelhaftes, nehmlich eine Fabel3 zu schreiben, und ich kriegte es lustig genuch zu stande — es sollte nur ein Brief an Hitzig und Fouqué vorstellen —und dabei sein bewenden haben — Fouqué will es aber gedrukt wissen, und zwar giebt er es selber heraus —

    doch nun ein Wort von den Freünden — Fouqué der treue biedre wackere fromme kunstreiche Ritterliche Fouqué, ist nächst Hitzig der nächste meinem Herzen, der auf den mein Leben wirklich mit lehnt. — Er hat

    Comments

    2 Von Mai bis Oktober 1813 hielt sich Chamisso in Kunersdorf bei Generalintendant von Itzenplitz auf. Hier legte er u.a. ein Herbarium an und verfaßte eine botanische Abhandlung (vgl. Feudel (1988), S. 69).

    3 During the summer and autumn of 1813, Chamisso wrote Peter Schlemihl's wundersame Geschichte.

    den Feldzug freudig und ausgezeichnet mitgemacht – uns lange sehr in Sorgen erhalten, endlich schwehr erkrankt ist er vom Rheinnon plus ultra geziert mit dem wohlverdienten Johanniter Kreuz nach seiner Heimath zurücke gekehrt und dichtet jetzt ein großes Epos das die Krone seiner Werke werden soll — Seit du unsere Litteratur aus den Augen verlassen hast, hat er sich wirklich durch den Held des Norden den Zauberring und Undine zu dem ersten Range geschwungen, und throhnt anerkannt unter den Fürsten. Varhagen, der es seit einiger Zeit darauf anlegt eine Cariere zu machen, und eine Figur in der Welt zu erzwingen. Herr Karl August Varnhagen von Ense sag ich ist ohne sonderlichen Patriotischen Antrieb, weil es von ihm geheischt ward, mitgegangen und zwar als Russischer Rittmeiser und Adjudant des Generals Tettenborn den er auf eine nicht ganz erfreuliche Weise flagornirt4 und besingt unserer gute leise lebensmüde Neumann, ist im Comissariat angestellt und mit — beide werden noch in Frankreich sitzen — für Neumann ist bei seiner Brauchbarkeit Hitzigs Betriebsamkeit

    Comments

    4 Vom französischen „flagorner“: betätscheln, umschmeicheln.

    und unserem Flor zu hoffen, daß er irgendwo stetig angehängt werde. — Theremin ist hier ein beweibter angesehener Prediger —

    nun zu mir zurücke. — der Winter rief mich nach der Stadt zurücke und ich ward wieder, was ich nicht zu sein aufgehört, ein Student unserer universität,5 ich habe Zoologie, Mineralogie vergleichende Anatomie getrieben — ich bewege mich in der Encyclopadie der Natur Wissenschaft herum, suche mich tüchtig und tüchtiger zu machen, nehme zu Zeiten das Lateinische wieder vor,6 arbeite auf den Museen an deren Aufstellung7Lichtenstein liebt mich und findet mich brauchbar, und kurz ich bin nicht ohne gegründete Hoffnung, binnen ein Paar Jahre, wenn eine gelehrte Reise unternommen wird – wenn – wie es Plan ist, junge Leute für die Mus[eee]n und den Botanischen Garten 8 reisen sollen. dazu ausgesucht werden, und als tüchtig dazu vor mir selber zu stehen — So stehts mit mir Adelf9 — Ich habe mich von der Spekulation zu der Erfahrung –

    Comments

    5 Chamisso studierte ab Oktober 1812 an der Berliner Universität Medizin.

    6 Chamisso nahm an einem Kolleg F. A. Wolfs an der Berliner Universität teil (vgl. Feudel (1988), S. 93).

    7 Chamisso half Lichtenstein bei der Aufstellung der Naturaliensammlungen in den Berliner königlichen Museen (vgl. Feudel (1988), S. 93).

    8 In Riegel's Correspondance d'Adalbert de Chamisso, Fragments inédits, the phrase „und den Botanschischen Garten“ is being omitted.

    9 This salutation is the Germanized version from the Greek expression for „brother“ (αδελφός).