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Letter from August Boeckh to Karl August Varnhagen von Ense (Berlin, 30 November 1845)

 

 

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    A. Böckh. Berlin, den 30. November 1845.

    Verehrtester Freund und Gönner!

    [Man] hat gut Ihnen kleine Gaben darbringen; man kann immer
    auf Erwiederung nach dem Maßstabe der χρυσέα χαλκείων1 rech=
    nen! Gleich nach dem Erscheinen hatte ich die Biographie2 gelesen,
    die ich nun Ihrer Güte verdanke, und Sie bewundert, wie Sie jede
    Erscheinung und jeden Charakter, die den Meisten nur als etwas Iso=
    lirtes erscheinen, in das Licht höherer Beziehungen zu stellen ver=
    stehen, und strenge Zeichnung des Eigenthümlichen mit sicherer Beurtheilung
    verbinden. Und was wäre aus diesem Preußischen Charakterbilde zu
    lernen, wenn die lernen wollten, die es nöthig haben! In wie vielen
    Rücksichten spiegelt sich in Ihrem Held unsere Zeit ab! Nur gut, daß di=
    ser nicht unter John’s Sch[eren] gerathen ist, die ihn jämmerlich zerfetzt ha=
    ben würde. Das Ganze macht auf mich den Eindruck, die Gegenwart, welche
    doch mehr Hülfsquellen für die Freimüthigkeit zu haben scheint, müßte sich
    schämen vor dem Heroismus der damaligen Naturen, denn einige Ver=
    bannte abgerechnet wagt Niemand ein freies Wort.

    Auf meine Reden legen Sie, verehrtester Gönner, und mit Ihnen Humboldt zu
    viel Gewicht. Mir scheinen sie das einzige Verdienst zu haben, daß ich durch Selbst=
    censur des Sächsischen Ministers von Falkenstein3 Ideen von Preßfreiheit ver=
    wirkliche.

    Verehrungsvoll und mit der innigsten und herzlichsten Ergebenheit ganz der Ihrige Böckh.

    Comments

    1 Boeckh zitiert aus Homers Ilias 6,236. Übersetzung: „Bronze gegen Gold“. Dieses sprichwörtlich gewordene Beispiel für einen ungleichen Tausch geht auf die Szene zurück, in der der Lykier Glaukos und der Grieche Diomedes auf dem Schlachtfeld ihre Waffen tauschen, ein goldenes gegen ein ehernes Schwert.

    2 Boeckh verzeichnet sein Exemplar von Varnhagens Hans von Held als Nr. 3310 in seinem „Katalog meiner Bücher“, S. 80.

    3 1844 wurde von Falkenstein zum Innenminister von Sachsen ernannt, trat jedoch 1848 zurück.

    Verehrtester Freund und Gönner!

    [Man] hat gut Ihnen kleine Gaben darbringen; man kann immer auf Erwiederung nach dem Maßstabe der χρυσέα χαλκείων1 rechnen! Gleich nach dem Erscheinen hatte ich die Biographie2 gelesen, die ich nun Ihrer Güte verdanke, und Sie bewundert, wie Sie jede Erscheinung und jeden Charakter, die den Meisten nur als etwas Isolirtes erscheinen, in das Licht höherer Beziehungen zu stellen verstehen, und strenge Zeichnung des Eigenthümlichen mit sicherer Beurtheilung verbinden. Und was wäre aus diesem Preußischen Charakterbilde zu lernen, wenn die lernen wollten, die es nöthig haben! In wie vielen Rücksichten spiegelt sich in Ihrem Held unsere Zeit ab! Nur gut, daß diser nicht unter John’s Sch[eren] gerathen ist, die ihn jämmerlich zerfetzt haben würde. Das Ganze macht auf mich den Eindruck, die Gegenwart, welche doch mehr Hülfsquellen für die Freimüthigkeit zu haben scheint, müßte sich schämen vor dem Heroismus der damaligen Naturen, denn einige Verbannte abgerechnet wagt Niemand ein freies Wort.

    Auf meine Reden legen Sie, verehrtester Gönner, und mit Ihnen Humboldt zu viel Gewicht. Mir scheinen sie das einzige Verdienst zu haben, daß ich durch Selbstcensur des Sächsischen Ministers von Falkenstein3 Ideen von Preßfreiheit verwirkliche.

    Verehrungsvoll und mit der innigsten und herzlichsten Ergebenheit ganz der Ihrige Böckh.

    Comments

    1 Boeckh zitiert aus Homers Ilias 6,236. Übersetzung: „Bronze gegen Gold“. Dieses sprichwörtlich gewordene Beispiel für einen ungleichen Tausch geht auf die Szene zurück, in der der Lykier Glaukos und der Grieche Diomedes auf dem Schlachtfeld ihre Waffen tauschen, ein goldenes gegen ein ehernes Schwert.

    2 Boeckh verzeichnet sein Exemplar von Varnhagens Hans von Held als Nr. 3310 in seinem „Katalog meiner Bücher“, S. 80.

    3 1844 wurde von Falkenstein zum Innenminister von Sachsen ernannt, trat jedoch 1848 zurück.