Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Lettre de Ludwig Tieck à Friedrich von Raumer (Teplitz, le 22 juin 1826)

 

 

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    Tieck an Raumer 243

    Teplitz, den 22t Juni, 1826.

    Mein geliebter Freund,

    Es ist endlich Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein Blatt von
    meiner Hand, wenn auch keinen Brief sende, denn durch so manche liebe
    Schreiben haben Sie mich schon seit so lange beschämt, die ich in der Verwirrung
    u Hast, in welcher ich lebte, immer unbeantwortet lassen mußte. Jezt
    bin ich seit wenigen Tagen hier, und denke den 21t Juli wieder in Dresden zu sein.
    Darauf, daß Sie nun nach einem Ihrer lezten Briefe nicht nach Paris im Herbste gehn
    werden, habe ich Ihnen auch noch nicht geantwortet. So sehr mich alle Ihre Plane
    interessieren und mich jedes Gelingen derselben erfreut, so macht mich doch diese Nach=
    richt nicht betrübt, denn ich rechnete nun gleich mit einiger Sicherheit darauf,
    daß Sie uns nach Dresden kommen würden. Nicht wahr, mein Freund, das ge=
    schieht nun auch? Und zwar bleiben Sie diesmal recht lange bei uns, las=
    sen es sich oben in den Stübchen gefallen, und wir arbeiten, reden und plaudern
    recht viel mit einander? Diesmal müssen Sie auch nicht swieder so wegeilen,
    wie bisher immer, sondern mir einmal einen grössern Zeitraum gönnen.
    Dann können wir doch einmal mit einigen Capiteln zu Ende kommen, die wir
    fast immer wieder abbrechen müssen. Es ist nicht zu sagen, wie viel ich an Ihr
    neueres Werk denke, und was ich alles aus ihm gelernt habe; bald geht diese, bald
    jene Gestalt meiner Imagination vorüber. Wenn es Ihnen nicht zu umständlich, oder
    selbst ängstlich wäre, würde ich recht sehr bitten, nun einmal das Ganze, so weit
    Sie es gearbeitet haben, wieder mit zu bringen; es wäre mir sehr erfreulich, für mich
    darinn zu lesen, und daß ich mit Ihnen dann einige Hauptpunkte durchginge, sie mir auch
    manches, was mir vergnüglich lehrreich und erhebend war, noch einmal vorläsen.
    Wird Ihnen das auch nicht zu viel werden? Dazu gehört aber freilich auch, daß
    Sie diesmal nicht so sehr eilen, etwas früher ankommen und etwas später
    abreisen, was Sie ja auch in den Herbstferien am ersten können. Ich weiß es
    recht gut, daß meine Freundschaft, so wie diese meine Bitte sehr egoistisch sind,
    daß Sie mir jedesmal ein grosses Opfer bringen, aber Ihre treue Freundschaft, Ihre
    Liebe, die recht im Gegentheil so ganz uneigennützig ist, hat mich schon so verwöhnt,
    daß ich immer dreister in meinen Forderungen und Erwartungen werde. Die Aussicht,
    einmal nach Berlin zu kommen, ist auch eben nicht näher gerückt, u dort würde ich doch so
    zerstreut sein, daß ich Sie verhältnismässig nur wenig sehn könnte.

    Freilich sollte ich Ihnen auch schon längst etwas zur Vergeltung ud zu Gefallen
    gethan haben, ud ich bin innigst beschämt, daß jene Rezension noch nicht fertig und
    abgedruckt ist. Ich hoffe, Sie nun recht bald, so wie ich nur nach Dresden zurück bin,
    vollenden zu können. Wenn Sie mir den Vorwurf der Schwerfälligkeit machen, so
    haben Sie vollkommen Recht: dazu das Laster des Aufschiebens. Sie glauben
    nicht, wie mich der Hamlet im̄er trifft, wenn er sich darüber Vorwürfe macht.
    Und doch habe ich keinen Mord zu begehn, u kein Reich einem Usurpator zu
    entreissen, wie jener arme Prinz. Wir sind aber darinn nach Gelegenheit alle Ham=
    lets
    , u der wahre Dichter zeichnet eben auch nur im Wundervollsten ud Selten=
    sten grade das Alltäglichste, was jedermann im̄er wieder auf sich selbst anwen=
    den kann: Mutato nomine &c – Ich habe unterdeß dem Max zu gefallen
    eine Vorrede zur Insel Felsenburg geschrieben, von der ich wohl wünschte, daß Ihnen
    die Kleinigkeit nicht mißfiele. Wenn es mir gelingt, u ich mich nicht kränker als
    bis jezt fühle, so arbeite ich hier wohl noch eine neue Novelle aus, die ich Ihnen
    dann in Dresden mittheile: die Zopfgeschichte habe ich hier schon korrigiert u
    abgesendet. Könnten Sie mir doch vom berl. Calender die Aushängebogen
    recht bald, ud nach hierher senden! Vom Solger habe ich noch mehr Aushängeb. des 2ten
    Bd. erhalten, u endlich den Prolog u noch kleineren Epilog fertig gemacht. Ich
    hielt es für überflüssig, von der Krankheitsgeschichte weitläufig zu sprechen,
    oder Stellen aus Schleierm. Rede abzudrucken, weil diese unsern Freund nur
    wenig karakterisirt. Auch ist der Band ohne das schon ausserordentlich stark
    geworden, u ich habe mit meiner Berechnung wiederum Recht gehabt. Wahrscheinl.
    wird der 2te Bd eben so stark, wenn nicht noch dicker; ich kenne nicht alle Mscpt.
    Hoffentlich wird das Buch Eindruck machen. Ich fürchte nur, Sie haben zu
    viel von mir, u was mich betrifft, in der Correspondenz stehen lassen. Ich
    ließ so viel abschreiben, um es Ihrem Urtheil anheim zu stellen. Der dritte
    Herausgeber
    ist freilich seitdem ausgeschieden. Wollen Sie denn nicht über
    diesen edlen Freund, denn ich nur wenig gekannt habe, etwas in einer klei=
    nen Vorrede zum 2ten B. sagen? Es erscheint mir, wie soll ich sagen, wie
    eine Art Pflicht. Auch davon zu sprechen, daß er, als einer der Vertrautesten
    u Aeltesten Freunde unsres Seeligen, alle dse Papiere, Briefe u Stellen
    mit ausgewählt, dß er also im eigentlichsten Sinne noch immer mit uns
    ein Herausgeber ist, wenn er uns auch verlassen hat; daß sein Urtheil also
    sehr viel gilt, da Solger ihm in Critik u Philosophie fast unbedingt
    vertraute, u Krause auch wirklich, so viel ich ihn habe kennen lernen, diese
    Dinge aus einem grossen Gesichtspunkte ansah.

    244

    Ist Ihr Buch noch nicht gedruckt, welches Sie mir vorlasen? Ich weiß
    nicht, welchen Titel Sie ihm gegeben haben. Aus diesem hoffe ich, wenn ich es
    wieder lese, recht vieles zu lernen, so wie es mir auch damals sehr lehrreich
    war. Warum haben nicht alle Menschen dasselbe Vergnügen am Lernen,
    wie ich es empfinde? Die allermeisten wehren sich recht ernsthaft dagegen.
    Nur freilich will sich auch das Lernen und Gelernte bei mir im̄er noch nicht
    abrunden, es bleibt alles nur Stückwerk, u das macht mich oft so un=
    zufrieden mit mir selber. Das muß Wollust sein, wenn der Geist so
    über alle Gebiete hinstreichen kann, u nirgend weder Lücke noch An=
    stoß findet. Dann wäre das ganze All; u Vorzeit, nur wie Fortsetzung
    meines Körpers u Gefühlvermögens. Aber alles ist Stückwerk. So
    auch, daß ich mich im̄er erst auf den Theil besinnen muß, den ich wirklich
    besitze: wenn ich so hingehe, so weiß ich gar nichts, u schon zum Besin̄en
    gehört ein Entschluß. Ist es dann aber mit dem Gewissen anders? Diese
    Abhängigkeit von der Zeit macht unser Glück u Unglück, u wir kön=
    nen uns nicht einmal vorstellen, wie es irgend einmal anders sein
    könnte. Das Wissen der Unwissenheit ist es doch nur, wohin wir es bringen
    können. – Rehbergs sind wieder in Dresden. Er ist nicht so tief, als ich
    sonst von ihm vermuthete. Die beiden alten [Ernste] sind schnell aufeinander
    gestorben. Webers Tod in London wird Sie auch betrübt haben. Man
    kann das seinige auch ein verlohrnes Leben nennen.
    Leben Sie nur wohl,
    in jedem Verstande des Wortes. Bleiben Sie mein Freund, wie ich der Ihrige.
    Die Gräfinn, Frau u Kinder1 grüssen herzlich, u alles freut sich darauf,
    Sie wieder bei uns zu sehn. Meine Grüsse an Ihre liebenswürdige Frau, so
    wie [...] Ihre Kinder, die sich meiner vielleicht nicht mehr erin̄ern werden.

    Ganz der Ihrige.

    Lud. Tieck.

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    1 Gemeint sind die zwei Töchter Dorothea und Agnes.

    2
    (Stempel: "Teplitz")

    Sr. Hochwohlgebohren des
    Regierungsrathes und Professors
    von Raumer
    in
    Berlin

    Commentaires

    2 Auf dem Blatt finden sich diverse Postvermerke.

    Teplitz, den 22t Juni, 1826.

    Mein geliebter Freund,

    Es ist endlich Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein Blatt von meiner Hand, wenn auch keinen Brief sende, denn durch so manche liebe Schreiben haben Sie mich schon seit so lange beschämt, die ich in der Verwirrung und Hast, in welcher ich lebte, immer unbeantwortet lassen mußte. Jezt bin ich seit wenigen Tagen hier, und denke den 21t Juli wieder in Dresden zu sein. Darauf, daß Sie nun nach einem Ihrer lezten Briefe nicht nach Paris im Herbste gehn werden, habe ich Ihnen auch noch nicht geantwortet. So sehr mich alle Ihre Plane interessieren und mich jedes Gelingen derselben erfreut, so macht mich doch diese Nachricht nicht betrübt, denn ich rechnete nun gleich mit einiger Sicherheit darauf, daß Sie uns nach Dresden kommen würden. Nicht wahr, mein Freund, das geschieht nun auch? Und zwar bleiben Sie diesmal recht lange bei uns, lassen es sich oben in den Stübchen gefallen, und wir arbeiten, reden und plaudern recht viel mit einander? Diesmal müssen Sie auch nicht wieder so wegeilen, wie bisher immer, sondern mir einmal einen grössern Zeitraum gönnen. Dann können wir doch einmal mit einigen Capiteln zu Ende kommen, die wir fast immer wieder abbrechen müssen. Es ist nicht zu sagen, wie viel ich an Ihr neueres Werk denke, und was ich alles aus ihm gelernt habe; bald geht diese, bald jene Gestalt meiner Imagination vorüber. Wenn es Ihnen nicht zu umständlich, oder selbst ängstlich wäre, würde ich recht sehr bitten, nun einmal das Ganze, so weit Sie es gearbeitet haben, wieder mit zu bringen; es wäre mir sehr erfreulich, für mich darinn zu lesen, und daß ich mit Ihnen dann einige Hauptpunkte durchginge, sie mir auch manches, was mir vergnüglich lehrreich und erhebend war, noch einmal vorläsen. Wird Ihnen das auch nicht zu viel werden? Dazu gehört aber freilich auch, daß Sie diesmal nicht so sehr eilen, etwas früher ankommen und etwas später abreisen, was Sie ja auch in den Herbstferien am ersten können. Ich weiß es recht gut, daß meine Freundschaft, so wie diese meine Bitte sehr egoistisch sind, daß Sie mir jedesmal ein grosses Opfer bringen, aber Ihre treue Freundschaft, Ihre Liebe, die recht im Gegentheil so ganz uneigennützig ist, hat mich schon so verwöhnt, daß ich immer dreister in meinen Forderungen und Erwartungen werde. Die Aussicht, einmal nach Berlin zu kommen, ist auch eben nicht näher gerückt, und dort würde ich doch so zerstreut sein, daß ich Sie verhältnismässig nur wenig sehn könnte.

    Freilich sollte ich Ihnen auch schon längst etwas zur Vergeltung und zu Gefallen gethan haben, und ich bin innigst beschämt, daß jene Rezension noch nicht fertig und abgedruckt ist. Ich hoffe, Sie nun recht bald, so wie ich nur nach Dresden zurück bin, vollenden zu können. Wenn Sie mir den Vorwurf der Schwerfälligkeit machen, so haben Sie vollkommen Recht: dazu das Laster des Aufschiebens. Sie glauben nicht, wie mich der Hamlet immer trifft, wenn er sich darüber Vorwürfe macht. Und doch habe ich keinen Mord zu begehn, und kein Reich einem Usurpator zu entreissen, wie jener arme Prinz. Wir sind aber darinn nach Gelegenheit alle Hamlets, und der wahre Dichter zeichnet eben auch nur im Wundervollsten und Seltensten grade das Alltäglichste, was jedermann immer wieder auf sich selbst anwenden kann: Mutato nomine &c – Ich habe unterdeß dem Max zu gefallen eine Vorrede zur Insel Felsenburg geschrieben, von der ich wohl wünschte, daß Ihnen die Kleinigkeit nicht mißfiele. Wenn es mir gelingt, und ich mich nicht kränker als bis jezt fühle, so arbeite ich hier wohl noch eine neue Novelle aus, die ich Ihnen dann in Dresden mittheile: die Zopfgeschichte habe ich hier schon korrigiert und abgesendet. Könnten Sie mir doch vom berliner Calender die Aushängebogen recht bald, und nach hierher senden! Vom Solger habe ich noch mehr Aushängebögen des 2ten Bandes erhalten, und endlich den Prolog und noch kleineren Epilog fertig gemacht. Ich hielt es für überflüssig, von der Krankheitsgeschichte weitläufig zu sprechen, oder Stellen aus Schleiermachers Rede abzudrucken, weil diese unsern Freund nur wenig karakterisirt. Auch ist der Band ohne das schon ausserordentlich stark geworden, und ich habe mit meiner Berechnung wiederum Recht gehabt. Wahrscheinlich wird der 2te Band eben so stark, wenn nicht noch dicker; ich kenne nicht alle Manuscripte. Hoffentlich wird das Buch Eindruck machen. Ich fürchte nur, Sie haben zu viel von mir, und was mich betrifft, in der Correspondenz stehen lassen. Ich ließ so viel abschreiben, um es Ihrem Urtheil anheim zu stellen. Der dritte Herausgeber ist freilich seitdem ausgeschieden. Wollen Sie denn nicht über diesen edlen Freund, denn ich nur wenig gekannt habe, etwas in einer kleinen Vorrede zum 2ten Band sagen? Es erscheint mir, wie soll ich sagen, wie eine Art Pflicht. Auch davon zu sprechen, daß er, als einer der Vertrautesten und Aeltesten Freunde unsres Seeligen, alle diese Papiere, Briefe und Stellen mit ausgewählt, daß er also im eigentlichsten Sinne noch immer mit uns ein Herausgeber ist, wenn er uns auch verlassen hat; daß sein Urtheil also sehr viel gilt, da Solger ihm in Critik und Philosophie fast unbedingt vertraute, und Krause auch wirklich, so viel ich ihn habe kennen lernen, diese Dinge aus einem grossen Gesichtspunkte ansah.

    Ist Ihr Buch noch nicht gedruckt, welches Sie mir vorlasen? Ich weiß nicht, welchen Titel Sie ihm gegeben haben. Aus diesem hoffe ich, wenn ich es wieder lese, recht vieles zu lernen, so wie es mir auch damals sehr lehrreich war. Warum haben nicht alle Menschen dasselbe Vergnügen am Lernen, wie ich es empfinde? Die allermeisten wehren sich recht ernsthaft dagegen. Nur freilich will sich auch das Lernen und Gelernte bei mir immer noch nicht abrunden, es bleibt alles nur Stückwerk, und das macht mich oft so un zufrieden mit mir selber. Das muß Wollust sein, wenn der Geist so über alle Gebiete hinstreichen kann, und nirgend weder Lücke noch Anstoß findet. Dann wäre das ganze All; und Vorzeit, nur wie Fortsetzung meines Körpers und Gefühlvermögens. Aber alles ist Stückwerk. So auch, daß ich mich immer erst auf den Theil besinnen muß, den ich wirklich besitze: wenn ich so hingehe, so weiß ich gar nichts, und schon zum Besinnen gehört ein Entschluß. Ist es dann aber mit dem Gewissen anders? Diese Abhängigkeit von der Zeit macht unser Glück und Unglück, und wir können uns nicht einmal vorstellen, wie es irgend einmal anders sein könnte. Das Wissen der Unwissenheit ist es doch nur, wohin wir es bringen können. – Rehbergs sind wieder in Dresden. Er ist nicht so tief, als ich sonst von ihm vermuthete. Die beiden alten [Ernste] sind schnell aufeinander gestorben. Webers Tod in London wird Sie auch betrübt haben. Man kann das seinige auch ein verlohrnes Leben nennen. Leben Sie nur wohl, in jedem Verstande des Wortes. Bleiben Sie mein Freund, wie ich der Ihrige. Die Gräfinn, Frau und Kinder1 grüssen herzlich, und alles freut sich darauf, Sie wieder bei uns zu sehn. Meine Grüsse an Ihre liebenswürdige Frau, so wie [an] Ihre Kinder, die sich meiner vielleicht nicht mehr erinnern werden.

    Ganz der Ihrige.

    Lud. Tieck.

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    1 Gemeint sind die zwei Töchter Dorothea und Agnes.

    Seiner Hochwohlgebohren des
    Regierungsrathes und Professors
    von Raumer
    in
    Berlin