Briefe und Texte
aus dem intellektuellen
Berlin um 1800

Über den Begriff der Philosophie pp.

 

 

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1.
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128.
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Als Vorerinnerung.

Indem ich, gegen meinen frühern Plan, nur mit einem
Bruchstücke der Abhandlung hervortrete, die ich meinen
verehrtesten Lehrern zur Prüfung vorzulegen gedach=
te, bedarf es der Entschuldigung und Rechenschaft des=
wegen.

Ich hatte schon früher den Plan für die Abhandlung,
die die Aufschrift führen sollte: Ueber die Aufgabe
der Philosophie, und die Bedingungen ihrer Lösung –
mir im Allgemeinen vorgezeichnet, und dieselbe auch
in einzelnen Theilen ausgeführt: jetzt, nachdem ich E
Erlaubniß bekom̄en hatte, sie in deutscher Sprache vor=
legen zu dürfen, kam es nochnur darauf an, die ein=
zelnen Stücke derselben zu verbinden, und durch das
noch fehlende Wenige zu ergänzen. Indem ich aber
an diese Arbeit ging, zeigte sich mir bald, zeigte sich
mir bald, daß es mit dem bloßen Verbinden der Theile
nicht gethan seÿn würde. Es fehlte am Ebenmaaße
in der ganzen Darstellung, wie dies so leicht der Fall
ist, wenn das Verschiedene zu verschiedenen Zeiten gear=

2
beitet wird: Manches war zu weitläuftig ausgeführt,
Anderes zu kurz behandelt; die Hauptmomente der
ganzen Argumentation traten nicht scharf genug her=
vor und versteckten sich unter den Episoden, die oft
in den Zuschnitt des Ganzen nicht paßten: und so schien
es denn nothwendig, wenn die Abhandlung wirklich
zu einem gGanzen gedeihen sollte, eine neue Ueber=
arbeitung derselben zu versuchen. – Dies geschah
sofort; allein je weiter ich kam, desto mehr entfern=
te ich mich vonm früheren Plane, desto mehr Neues
zog sich in meinen Umkreis hinein; und ich sah
sah voraus, daß, ehe ich die neue Ausarbeitung
vollenden könnte, noch eine geraume Zeit hinge=
hen würde. Da mir nun aus andern Gründen
sehr viel daran gelegen war, die Abhandlung in
Kurzem geendigt zu sehen,1 so [...]sahe ich mich
zu meinem großen Verdruß genöthigt, auch diesen
Plan aufzugeben. Es blieb unter diesen Umstän=
den nichts übrig, als ein größeres Bruchstück der
alten Bearbeitung: welches noch am Füglichsten als
etwas für sich bestehendes angesehen werden könnte,
auszuwählen, und von dem üÜbrigen nur den Plan

Kommentare

1 Immanuel Hermann Fichte war sehr daran gelegen, seine Promotion baldmöglichst zu beenden und gegen Honorar selbst Vorlesungen zu halten. Finanziell war es nämlich nicht gut um ihn bestellt, seitdem sein Vater, Johann Gottlieb Fichte, im Jahr 1814 unerwartet gestorben war und ihn und seine Mutter beinahe mittellos zurückgelassen hatte.

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im Allgemeinen anzugeben. So wenig mich auch jetzt die
alte Form der Abhandlung befriedigt, so blieb mir doch, da
die alte neue noch nicht bis zu einem Abschnitte vorge=
rückt ist, nur die Wahl zwischen jener oder Nichts. Doch
indem ich [...]vielleicht hoffen darf, zu einer mündlichen
Prüfung zugelassen zu werden, so steht zu meiner Beru=
higung [...]mir wohl noch die Erlaubniß offen, in dem
Ueberreichten manches zu berichtigen, oder zu verthei=
digen
weiter zu begründen.2

Indem ich also wegen der großen Unvollkom̄enheit
dessen, was ich liefere, um Nachsicht bitte, werde es mir
erlaubt eine kurze Uebersicht dessen vorauszuschicken,
was dem Plane gemäß der Abhandlung gemäß, jenem
Bruchstücke vorangehen sollte.

 

Es lag mir zuförderst daran, die Aufgabe der Philo=
sophie
mit möglichster Bestim̄theit und Sicherheit festzustel=
len. Indem ich aber bedachte, wie groß der Zwiespalt
selbst darüber zu allen Zeiten unter den Philosophen
gewesen seÿ, so suchte ich dafür ein festes, leitendes Prin=
cip. Ich glaubte dies nur fi darin finden zu können,
wenn ich das ursprüngliche Geistesvermögen, mit dem
philosophirt wird, – das Erken̄en – in seinem Wesen unter=
suchte, und gleichsam selbst handeln ließe, wo sich denn zeigen
mußte, was es nothwendig anstrebe, und was es zu leisten

Kommentare

2 An der Qualität der Probeschrift entschieden die Fakultätsmitglieder, ob der Kandidat zum mündlichen Examen zugelassen werde. Im Examen wurde er dann auf die von ihm eingereichte Probe geprüft.

4.
vermöge: ich wollte mit Einem Worte die Aufgabe der Phi=
losophie aus dem Wesen des Erken̄ens selbst nach und nach
entstehen lassen. So hoffte ich am ersten alle willkür=
liche Bestim̄ungen, und vorgefaßte Meinungen zu
beseitigen, und zu einem gemeingültigen Resultate
zu gelangen. –

1. Erken̄en besteht aber im Allgemeinen im Sehen
der Nothwendigkeit seines Gegenstandes; (dies im Gegen=
satze mit der Wahrnehmung, die überall nur bei dem
Auffassen des Faktums stehen bleibt, Sehen der bloßen
Gegebenheit ist.)

2. Das Erken̄en erzeugt seinen Gegenstand durch frei=
es Denken, durchdringt ihn genetisch in seinem ganzen
Wesen; und eben dadurch, daß es ihn aus seinen ursprüng=
lichen [am Rande: TheilenBestandtheilen] entstehen läßt, ist es im Stande, die nothwendi=
gen
Bedingungen vollständig aufzuzählen, zu können, die
[am Rande: zu] seinem Wesen ausmachengehören, ein Gesetz über denselben auf=
zustellen: – gezeigt an einem Beispiele aus der Geo=
metrie.

3. Den Stoff, welchen es auf diese Weise zu behandeln
hat, liefert ihm die Erfahrung, innere sowohl als
äußere.

Indem es aber denselben frei reproducirt, kann es,
falls der gewählte Gegenstand ein [am Rande: Maaus Mannigfaltigem] zusam̄engesetzter ist,

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98.
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nach seinem jedesmaligen Zwecke gewisse [...]Bestand=
theile von ihm aussondern, und fallen lassen, – „von ihnen
abstrahiren
‟. – Das Erken̄en hat zufolge seiner Natur
freies Abstraktionsvermögen.

4. Nun findet überhaupt ein doppeltes Verhältniß des Erken̄ens
zu seinem Objekte Statt: Entweder es abstrahirt von der
Existenz desselben, und untersucht lediglich seinen Inhalt
in Hinsicht seiner Gesetzlichkeit: (wie der Geometer, der
bloß die gesetzliche nothwendigen Bedingungen eines Trian=
gels untersuchterörtert, ohne alle Rücksicht darauf, ob es [...]dergleichen
[...][am Rande: wirklich] gebe, oder nicht.)

Oder es sucht zugleich die Existenz seines Objekts zur Nothwen=
digkeit zu erheben: (X existirt nothwendig, muß seÿn, und ein
solches seyn.)

Von der ersten Art des Erken̄ens ist ein vorzügliches Beispiel
die gesam̄te Mathematik.

5. Stellt sich das Erken̄en die zweite Aufgabe – die Exi=
stenz eines X zur Nothwendigkeit zu erheben , , so bedarf es dazufür
eines Zusam̄engesetztern Verfahrens. X existirt nothwendig,
heißt, es existirt nicht an sich und durch sich, sondern wegen eines
Andern, oder durch ein Anderes: es existirt, weil weil ein Anderes
existirt. Die Existenz zur Nothwendigkeit erheben hieße also,
ein Anderes, gleichfalls schon existirendes = Y aufweisen,
aus dessen Seÿn mit Nothwendigkeit das Seÿn des X erfolgt,

6
oder Ableiten aus einem Andern. Y heißt in diesem Ver=
hältnisse der Seÿnsgrund von X, dieses das Begründete
von Y.

6. In dieser Sÿnthesis erscheint X als existirend we=
gen
Y, = nothwendig: Y dagegen, als existirend nicht we=
gen eines Andern, sondern um sein selbst willen, ur=
sprünglich
und schlechthin existirend, = absolut. Nothwen=
dig
ist also der reine Gegensatz von absolut; nothwendig
das nicht=absolute, absolut das nicht=nothwendige: Beides
Wechselbegriffe, ursprünglich liegend im gesetzlichen Ver=
fahren des Erken̄ens. (Es sind also nicht etwa den Din=
gen inhärirende Merkmale, sondern Sehweisen des Erken=
nens selber. Dies werde nicht unbeachtet gelassen!)

Zur Nothwendigkeit erheben = ableiten ist also nachwei=
sen desr nothwendigen Folge des abzuleitenden aus einem
als absolut vorausgesetzten, = in Zusam̄enhang setzen
mit einem absoluten.

7. Das unter 5 und 6 Nachgewiesene wird an ei=
nem Beispiele aus der Philosophie erläutert, und
zugleich gezeigt, daß in der letztern Art zu erken̄en
wohl vorzugsweise das Philosophiren bestehen möch=
te.

8. So viel, was die Form des Erken̄ens anbetrifft: –

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99.
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117
in Bezug auf seinen Stoff (3.) wird es ganz von selbst da=
nach streben, nicht bloß diese oder jene Thatsache aus dieser
oder jener herzuleiten, sondern ihnjenen in seiner Totalität in
sich aufzunehmen: und zwar könnte dieses nur so geschehen,
daß in einer fortlaufenden Reihe von Begründungen eines
aus dem andern [am Rande: hergeleitet würde]folgte, ( X aus Y, dieses aus Z u. s. fort,
so lange bis aAlles in diesene [am Rande: zusam̄enhängende Kette] Umkreis aufgenom̄en istwäre. – Dann
hätte das Erken̄en seine Verfahrungsweise auf seinen Stoff
vollständig angewendet, sein ganzes Vermögen verwirklicht,
wäre zu vollendeter Erken̄tniß (Wissenschaft) vorgedrungen.

Zugleich wird gezeigt, daß, wenn der Philosophie ein eigen=
thümlicher, nur ihr zukom̄ender Inhalt übrig bleiben solle, sie nur
diese vollendete Erken̄tniß seÿn könne.

Das Erken̄en strebt aber durch seine eigne Natur dies zu
werden; also es strebt durch sich selbst, die Philosophie zu
realisiren. – Einige Folgerungen daraus.

– Dies sind indeß erst die allgemeinsten Bestim̄ungen,
auf denen fortgebaut werden soll: alle Unbestim̄theiten
daher, die noch obwalten, erwarten von der Folge ihre
Aufhellung. –

9. Bei jenem Geschäfte, die Philosophie zu realisiren, wird
das Erken̄en nun also verfahren müssen. – Indem es eine Gegeben=
heit ableitet aus einer andern, setzt es diese zweite (den Seÿns=
grund) nothwendig als absolut; (vgl. 6) bliebe es nun bei [am Rande: diesem Gliede,]

8
als dem in der That Absoluten stehen, so würde es niemals
die vollendete Erken̄tniß realisiren können. Es bedarf al=
so eines andern, diese Beschränktheit der Form des Erken=
nens gleichsam ergänzenden und unschädlich machenden Prin=
cipes: dies ist die Reflexion, das Gewahrwerden des
bloßen Setzens [am Rande: des Absoluten], des Denkaktes, und das Aufheben der Ab=
solutheit dadurch. – Es ist also unverbrüchliche Maxime
des Erken̄ens, überall zu reflektiren.

10. Durch wechselseitiges Setzen eines Absoluten, und
Wiederaufheben desselben durch Reflexion (9.) wird nun
das Erken̄en im̄er höher sich erheben:, – ob in’s Unend=
liche fort, oder nicht, und was ihm hier etwa die Gränze
[am Rande: eine] Begränzung geben könne, ist die Frage. Sein Inhalt, wie
es scheint: wenn es nichts mehr zu begründen haben wird,
muß es sich wohl von selbst für vollendet halten. – Doch
gesetzt nun, es habe alle Phänomene hergeleitet aus
wenigen, oder auch nur aus Einer Thatsache, wird es sich jetzt
beruhigen können?. Diese wenigen oder diese Eine werden
zwar Deduktionspunkt für alles Übrige seÿn, selbst
aber unbegriffen bleiben: eine unbegriffene That=
sache bleibt also doch im̄er zurück, was dem Begriffe Xder
vollendeten Erken̄tniß (8.) widerspricht. (Es wird an
einem Beispiele gezeigt.)

So liegt in der Natur des Erken̄ens selber die Anfor=
derung, über den Umkreis der Thatsachen hinaus=

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[...]streben, und auch für dieses letzte Glied höhere
[...]dungen zu suchen. – Darf und kann das Er=
[...]en dies? –

[...] Zugleich erhebt sich noch eine andere Frage:
[...] Erkennen sucht überall das Absolute. Giebt es über=
[...] ein Real= (nicht bloß Schein= (s. 6.) Absolutes,
[...] wenn dies, ist es nicht vielleicht in der Reihe der That=
[...]chen selber zu suchen, wodurch dem Erkennen das miß=
[...] Aufstreben in’s Ueberfaktische erspart würde?

12. Des letzten Problems Beantwortung wird so
[...]sucht, daß wir zeigen, wie allem, was die Erfahrung
[...]biete, der Charakterder Beschränktheit, des Werdens,
Wandels und Vergehens, kurz der [am Rande: Beschränktheit und] Endlichkeit wesentlich
[...]eÿ; und daß dies insgesam̄t sich nicht nur nicht ausgleichen
[...]sse mit dem Charakter der Absolutheit, (Ewigkeit, Unwan=
[...]lbarkeit, Unbeschränktheit) sondern sogar ihm widerspre=
[...]
: Die Fakticität steht sselbst im direktesten Gegensatze
[...] dem Wesen des Absoluten.

Wenn also ein Absolutes überhaupt, so ist dies gewiß nicht
[...]mittelbare Thatsache der Erfahrung, sondern jenseits der=
[...]lben.

13. Oder es existirt gar keirn Real=Absolutes weder
[...]sseits noch jenseits der Fakticität.
Dies wird abgewiesen wegen der Unmöglichkeit einers

10
unendlichen Reihe aus einander entspringender, [...][am Rande: end= und bodenlosen Entstehens und Sichveränderns:]
allem Werdenden muß ein Seÿn, das da nicht geworden ist[...]
allem Entstehen ein Nichtentstandenes zu Grunde liegen[...]
als Grundlage und Anhalt gleichsam für das wandelnde
Existirende; denn es läßt sich weder ein Entstehen
des Wirklichen aus dem reinen Nichts gedenken, (Eri[...]=
rung an den alten Satz: ex nihilo nihil fit) n[...]
eine unendliche Reihe aus einander entspringender
Seÿnsgründe.

Also eine unwa ewige, unwandelbare Grundlage, e[...]
Realabsolutes, jenseit des Fakticitätschen (12) und zugle[...]
höchstesr und letzter Seÿnsgrund [...]Urgrund (5 [...]
9) der Fakticität.

14. Es wird bemerkt, daß jener Beisatz: das Absolu[...]
seÿ Urgrund der Fakticität Endlichkeit nicht aus sei[...]
Wesen als Absolutes abgeleitet werden könne (es ist [...]
solches allgenügsam, bedarf also schlechthin nicht des [...]=
seÿns eines zweiten außer ihm, am wenigsten d[...]
Endlichkeit) sondern einerein Rückschluß vom Fakt[...]
aus, von der Existenz der Endlichkeit, seÿ. (Sie [...]
nicht in sich selbst den letzten Grund ihres Daseÿns, s[...]=
dern im Absoluten; dieses ist also außer seinen [...]=
rakter [am Rande: als Absolutes,] noch Princip, Grund, zeugende Ursache [...]=
nes Zweiten außer ihm.) Dieser Umstand kön[...]

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für die Zukunft von Bedeutung werden.

15. Dem gemäß wäre die Aufgabe der vollendeten
Erken̄tniß (= Philosophie) dahin zu bestim̄en, [am Rande: daß sie] die Endlich=
keit
, ihrem Seÿn sowohl, als ihrem Soseÿn nach, aus ih=
rem absoluten Urgrunde vollständig herzuleiten hätte. –

Auch hier herrschen indeß noch Unbestim̄theiten, die durch
fortgesetzte Untersuchung beseitigt werden müssen.

 

16. Wenn wir uns nämlich besinnen, wie weit eigentlich
jener über das Absolute geführter Beweis (12 und 13)
reiche, so finden wir, daß dadurch nur dargethan seÿ,
es dürfe überhaupt eine höchste, letzte, absolute Grund=
lage aller Wirklichkeit [am Rande: überhaupt] nicht fehlen, daß jener Beweis
aber dieselbe sonst durchaus unbestim̄t lasse, namentlich in der Hin=
sicht, ob eine Einheit oder Mehrheit [ders] davonderselben anzuneh=
men seÿ. – Beispiele davon, wie man sich eine Mehr=
heit des Absoluten denken könne,: z. B. im Dualismus,
Urstoff und diesen belebende Urkraft (Anaxago=
ras
, vielleicht schon Thales) oder als Manichäismus.
Doch zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß die
Einheit des Absoluten gleichsam eine stillschweigende Voraus=
setzung seÿ, die sich so tief eingewurzelt finde, daß, wenn
man dargethan habe, es seÿ eine Absolutheit überhaupt
anzunehmen nothwendig, (und so weit reiche nur der kosmo=

12
logische Beweis) man ganz unbewußt auf die Behauptung
der Einheit desrselben überspringe, und auch diese aus jenem
Beweise dargethan zu haben vermeine. – Besonders
wird nun noch gezeigt, daß aus dem bloßen Begriffe
der Absolutheit es gleichfalls nicht erschlossen werden kön=
ne. – Hier zeigt sich also ein merkwürdiger Vorgriff
des Erken̄ens über die Beweise hinaus, [der] ihm sogar
gewöhnlich sogar ganz unbewußt begegnet.

17. Doch ließe sich nicht auch darüber das Nöthige durch
Beweise nachhohlen?

Indem wir einen vorläufigen Ueberschlag machen, wie
dies in’s Werk zu richten seÿ, leuchtet von selbst ein,
daß dabei an ein Ableiten durchaus nicht zu denken
seÿ: dies ist nur in dieder Sphäre der Bedingtheit möglich,
und die bloße Intention, etwas abzuleiten, heißt an
ihm eo ipso die Absolutheit leug negiren, und es
für ein Bedingtes erklären. – Wenn nundaher keine
andere Beweisführung für das Erken̄en überhaupt übrig blie=
be, als die durch Ableitung, so wäre vermöchte es über
das Absolute schlechterdings nichts zu beweisen, sondern
wäre [am Rande: darüber] zu ewiger [...]Ungewißheit ver[...][am Rande: urtheilt.]. –

Doch das Zurückschließen hat uns schon vorher Dien=
ste geleistet: (13.) der Rückschluß von der nackten
Fakticität
reichte aber nur bis zum Daseÿn eines

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Absoluten überhaupt. Also derein Schluß von der Beschaf=
fenheit
jener auf das Wesen dieses müßte versucht werden.
Und dieser scheint auch [Fortgang] Aushülfe zu versprechen; denn
wir haben schon im Allgemeinen das Absolute als den
Urgrund der Endlichkeit (14.) erkan̄t: das Begründete,
Principial ist aber nothwendig Abdruck und Nachbild seines
Principes; wir können also mit dem größten Rechte bei
der Frage nach dem Wesen des Absoluten auf die Beschaf=
fenheit der Endlichkeit verweisen.

18.) Indem wir aber auf diese hinblicken, finden wir
sie getheilt in zwei Hälften, die im direktesten Gegen=
satze
mit einander stehen, die Welt des Bewußtseÿns, und
die der Räumlichkeit, und welche, statt einen Rückschluß
auf die Einheit pp zuzulassen, ihn vielmehr schlechthin ver=
bieten
. Wie könnte aus dem Einen je eine solche Zwei=
heit hervorgehen, wie eine so totale Entgegengesetzt=
heit auf Eines zurückgeführt werden? – So würden wir
gleich Anfangs zurückgewiesen.

19. Doch noch eine ganz andere Schwierigkeit, die auch durch
diese Spaltung veranlaßt wird, ladet uns ein, nähere
Kunde von ihr zu nehmen. – Wie vermögen nämlich beide
durchaus entgegengesetzte, keines Gemeinsamen theilhafti=
ge Welten auf einander einzuwirken, was doch dieder Erfahrung
nach geschieht: wie kom̄t es namentlich das Bewußtseÿn dazu,

14
die äußere, durchaus mit ihm heterogene Welt wahrzunehmen?
– Darüber waren von jeher zweierlei Meinungen, Idea=
lismus
und Materialismus. – Dieser wird abgewiesen
als schon längst seines Irrthums überführt; jener her=
vorgezogen und in seinen verschiedenen Gestaltungen
charakterisirt;

20. Der zuerst, welcher die Vorstellungen äußerer Din=
ge unabhängig von diesen, doch übereinstim̄end mit ihnen,
im Bewußtseÿn entstehen läßt: also ein Wissen , dem be=
hauptet, dem zwar unmittelbar die objective Welt ewig unsicht=
bar bleibt, doch mit, derselben korrespondirenden Vorstel=
lungen begabt ist. DaherEs bedarf esdaher hier eines dritten, bei=
de Welten vermittelnden, und in Übereinstim̄ung bringen=
den Principes: (weßwegen vorgeschlagen wird, diesen Idealis=
mus im Allgemeinen den vermittelnden zu nen̄en.) Je=
nes dritte ist von den Philosophen verschiedentlich ausge=
führt
[am Rande: dargestellt] worden, als systema divinae assistentia und [...]
caussarum occasionalium bei De Des Cartes und
seinen Nachfolgern, De la Forge, Lamy u.s.w.: als
harmonia praestabilita durch Leibnitz und De Wolf.,
aAnders bei Malebranche. – Versuch einer Prü=
fung dieser ganzen Ansicht, und ihrer einzelnen Aus=
kunftsmittel. Die andern Mängel abgerechnet, haben
jene Philosophen doch wenigstens den Grundsatz aller For=

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121
[...]ung überschritten: Jedes so lange als möglich aus sich selbst
[...] erklären
; sie suchten zu voreilig den Grund ders Vorstel=
[...]gen
objektiväußern Wahrnehmens in einem dritten, außer dem
[...]ußtseÿn liegenden Principe, bevor sie noch versucht hatten,
[...] aus den immanenten Gesetzen des Bewußtseÿns selbst [...]zu
[...]klären. Diesen Weg schlug Kant ein, der auch vorzüg=
[...] dadurch dem Idealismus eine [ent ]entscheidende Revo=
[...]tion bereitete, daß er bewies, der Raum könne [...]nichts
[...]objektives seÿn, sondern seÿ lediglich subjektive Bedin=
[...]ung des äußern Wahrnehmens. So wurde mit Einem Ma=
[...] die ganze Sphäre der objektiven WirklichkeitWelt hinüber=
[...]ezogen in die Subjektivität, und indem im Verfolge der
Untersuchung noch eine Bestim̄ung nach der andern zum
Subjektiven herübertrat, schmolz die Objektivität im̄er
[...]ehr zusam̄en, und blieb nur noch übrig als [...]durchaus unbe
[...]n̄tes, und unerken̄bares X, genan̄t Ding an sich. – Ich
[...]mühe mich zu zeigen, daß auch hier der Idealismus noch nicht
[...]hen bleiben könne, sondern höhere Anforderungen zu ma=
[...]en habe. – –

21. Doch gesetzt nun, es wäre erhärtet, daß die Sinnenwelt
durchaus nur Bild, nur Erscheinung seÿ, so daß also auf eine
[...]hrhaft zweite, selbstständige Welt nicht mehr zu rechnen
[...]äre, sondern wir es bloß mit dem Wissen in seinen ver=
[...]iedenen Ramifikationen zu thun hätten, sind wir

16
dadurch besser in den Stand gesetzt worden zu dem Rück=
schlusse, (17) den wir beabsichtigen? Es scheint nicht: die F[...]=
ticität hat sich in ihrem Wesen zwar vereinfacht, doch d[...]
Schluß auf das Absolute bleibt noch im̄er gleich unthunlic[...]

22. Warum? Nichts schien sicherer und natürlicher
als der Schluß von dem Begründeten auf seinen [...]
Wie kön̄t’ er uns [...] dennoch mislingen? – Es find[...]
sich, daß wir eigentlich noch ganz ununtersucht gelassen ob
und in welchem Sinne das Absolute Urgrund der En[...]=
keit genan̄t werden könne, und inwiefern die Endlich[...]
Begründetes von jenem. Es muß daher vor allen Di[...]
um einen solchen Rückschluß möglich zu machen, das [...]=
hältniß von jener zu diesem genau und evident [...]=
gestellt seÿn: dies ist aber die Aufgabe der Ph[...]=
sophie, (vgl. 15.) welche aber nicht eher realisirt [...]=
den kann, bis das Erken̄en dem Absoluten einen [...]=
stim̄ten Charakter zugesichert hat. Also wir treib[...]
uns hier inim einem Zirkel herum.

Das Zurückschließen (17. fin.) ist daher unter diesen Um=
ständen durchaus unzureichendlänglich; das Erken̄en ist also [...]
schlechthin nicht im Stande, durch Beweise über die E[...]=
heit oder Mehrheit des Absoluten etwas auszumachen.

23. Vergleichung unseres Resultats mit dem Kan=
tischen
: – dessen Widerlegung ders cosmologischen

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136
122
und physikotheologischen Beweises hauptsächlich darauf hinausläuft
daß Er nachweist, wie sie im Verfolge in den ontologi=
schenüberspringen, dessen Gültigkeit Er schon im Allgemei=
nen vernichtet hatte, überspringen, d. h. von dem Bewei=
se eines lLetzten und Höchsten überhaupt auf die Behaup=
tung Eines, des allerrealsten [am Rande: alle Bedingungen in sich vereinigenden] Wesens.3 Kant also sagt:
Der Beweis für das ObjektiDaseÿn eines allerrealsten We=
sens seÿ unmöglich: wir: ob Einheit oder Mehrheit des
Absoluten, d. h. ob die letzten Gründe aller Realität
[...] Einem Wesen vereinigt, oder an mehrere vertheilt seÿen,
seÿ durch Beweise nicht zu erhärten. Im Wesentlichen [am Rande: also] würde
unser Resultat mit dem Kantischen wohl übereinstim̄en.

24. So ist eigentlich keine Philosophie möglich; denn dem
Erken̄en ist es versagt, sich über die Fakticität zu erheben:
der eigentliche Kern und das[am Rande: Mittelpunkt] [...]der Spe=
kulation, die endlichen Dinge in ihrem Verhältnisse zum
Absoluten zu begreifen, bleibt ihm für im̄er ver=
schlossen
unzugänglich.

 

25. Doch um so mehr verdient Aufmerksamkeit jene
unmittelbare Voraussetzung der Einheit, (16.) je mehr
wir gesehen haben, daß sie sich nicht auf verborgenen
Beweisen beruhe. Und sie hat auch stets, nur ihnen selbst
unbewußt, auf alle Philosophen gewirkt: denn wie wäre

Kommentare

3 Immanuel Hermann Fichte bezieht sich auf KrV A 592/B 620-A 631/B 659.

18
es sonst begreiflich, daß man den gewöhnlichen Beweisen
für das Daseÿn Gottes so lange Zutrauen schenken, sie
für wirklich beweisend halten konnte? – Man war schon
vorher überzeugt, und trug nun, da man diese unmittel=
bare Ueberzeugung gern unterstützt [am Rande: und gesichert] sahe, diese auf die
Kraft der vermeintlichen Beweise über: hätten dagegen
diese jene Einsicht erst erwecken und sichern sollen,
so wäre wohl kein Einziger befriedigt davon gegangen.
– Sie erscheint als ein unmittelbares Axiom des Erken̄ens,
indem sie sich ohne Weiteres als das allein wahre aufdringt,
und dem Gegentheile nicht einmal problematisch Raum
verstattet: die Mehrheit des Absoluten wird durchaus und
unbedingt verworfen, und die Einheit unbedingt behauptet,
ohne daß die Eine widerlegt, nochoder die Andere bewiesen wer=
den kann.

Mit wie inniger Ueberzeugungskraft uns daher jene
unmittelbare Einsicht auch durchdringen mag, für die
Philosophie scheint sie dennoch unbrauchbar, weil es ihr
im̄er an gültigen, rein rationalen Beweisen fehlt.

26. Doch – könnte man sagen – der Beweise bedarf
es erst da, wo über etwas Unbekan̄tes entschieden festgesetzt,
oder über Zweifelhaftes entschieden werden soll. Wäre
es daher nicht völlig überflüssig, auch dafür noch Beweise
suchen zu wollen, woran schon sonst Niemand zwei=
felt,

19
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137
123
und unverantwortlich, falls es deren nicht giebt, sich der
Ungewißheit zu überlassen, und alle [am Rande: Hoffnungen und Plane]Plane einer festen
Erken̄tniß aufzugeben?

27. Doch, da dies alles noch nicht entscheidet, – heben wir die
Sache in einen erweiterten Gesichtskreis: Beweisen über=
haupt ist lediglich Identificiren mit einem schon im Voraus
Wahren und Gewissen, – kann also nur ein bedingt=Wahres
an das Licht fördern; die Kraft der Beweise ist erst eine
mitgetheilte, eine aus der zweiten Hand. Dies macht nothwendig
ein unmittelbar und durch sich selbst und eigene Kraft Wahres
und Gewisses, und es ist nur die Frage, wo ein solches zu finden
seÿ. – Offenbar in der Region der Unbedingtheit, [...]Absolut=
heit; denn das in seinem Seÿn bedingte wird auch im Erken̄en
als bedingt, als ableitbar, seine Gewißheit aus einem höheren [am Rande: empfangend]
schöpfend, erscheinen müssen. Das Absolute dagegen, eben weil
es dies ist, kann nur erkan̄t werden in einer die Gewiß=
heit aus sich selbst schöpfenden Einsicht, ebenso wie es selbst
in sich selbst die Quelle seines Daseÿns hat. Und alles An=
dere kann nur darum gewiß seÿn, weil dieses gewiß ist:
Dies das durch sich Evidente, und dem Andern erst die
Evidenz mittheilende.

28. So liegt also im Begriffe absoluter Erken̄tniß selbst
schon die Nothwendigkeit auszugehen von einem ursprüng=
lich Wahren. Untergeordnete Erken̄tnisse können, eben weil

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sie dies sind, können anfangen von einem Lehrsatze,
der anderweitig bewiesen, ihnen zum Stützpunkte dient, und
so in allen Theilen [...]strenger Beweisbarkeit Anspruch
machen Bewiesenheit sich rühmen; Philosophie nicht, eben weil
sie höchste Erken̄tniß ist.

29. Ein solches durch sich Gewisse finden wir nun in
der Idee der Einheit des Absoluten, die, weder ableitbar
noch durch Zurückschließen zu finden, wie gefordert, den
Stempel der Wahrheit in sich selbst trägt.

– Idee der Einheit des Absoluten, ohne allen weitern qua=
litativen Beisatz, – eines ausdurch sich selbst seÿenden, allge=
nugsamen, höchstvollkom̄enen Daseÿns.

30. Doch, indem diese Einsicht zwar erweckt und durch
Geistesbildung gekräftigt, nicht aber schlechthin Unver=
mögenden oder Uebelwollenden aufgezwungen und
andemonstrirt werden kann, so bleibt die Philosophie in ih=
rer wissenschaftlichen Form wenigstens mangelhaft, und
[bleibt] ist Anfällen des Skepticismus ausgesetzt, der ihr
vorwerfen kann, daß sie in allen Theilen auf strenge
Demonstration nicht Anspruch zu machen habe, nicht in
sich abgerundete Wissenschaft seÿ. Und inwiefern er Recht
habe, wissen wir. Sie muüßte daher suchen, durch einen
Vergleich sich vormit ihm sich sicher zu stellen. Dem streng
Beweisbaren gemäß sollte sie in Unentschiedenheit

21
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124
bleiben über die Absolutheit. (22 fin.) Entsagt sie dieser [am Rande: Unentschiedenheit]
aus irgend einem Grunde, so kann sie streng beweisen, daß
sie nur die Einheit annehmen könne, indem diese hin=
reiche
, und mehr als Ein Absolutes anzunhmehmen – die
innere Unbestim̄theit davon abgerechnet, – durchaus willkür=
lich
seÿ, und über die Befugniß des Beweises hinausgehe; daß
also wenigstens als subjektive [...]Voraussetzung die
der Einheit die einzig mögliche seÿ.

301. So ließe sich die Philosophie aus einem doppelten Stand=
punkte betrachten: Dem Skepticismus gegenüber, in Rück=
sicht der formalen Beweisbarkeit spricht sie von der Einheit
des Absoluten nur als einer subjektiven Voraussetzung,
um philosophiren zu können; beweist aber zugleich, daß, wenn
einer Annahme Raum gestattet werde, diese die einzig
mögliche seÿ: dem Skepticismus dagegen [...]gesteht sie [am Rande: das Recht]
Erlaubniß zu, in seiner Unentschiedenheit zu verharren. –
Absehend aber von der bloßen Form, und überwältigt
von der inneren EinsichtUeberzeugung, herrscht sie dogmatisch, allen Zwei=
fel ausschließend, und jede Ungewißheit niederschlagend;
gerade das, was sie vorher Annahme, Voraussetzung nan̄=
te, und was es auf diesemjenem Standpunkte auch allerdings
nur war, wird ihr nun das Gewisseste, Evidenste, die
Quelle, aus der sie alle andere Wahrheit ableitet. –

32. Aber gerade dadurch, daß sie mit dem Skepticismus

22
sich also abfindet, erwehrt sie auch äußerlich sich seiner auf
das Beste. Wäre sie, wie die früheren Dogmatiker, be=
müht gewesen, das Daseÿn Gottes zu erweisen, so hätte Er
triumphirend sie der Irrthümer, der Ungründlichkeit
überweisen, und ihr Gebäude zerstören können: jetzt,
indem sie von falschen Anmaßungen absteht, und ihm
im Voraus schon einen ehrenvollen Platz sich gegenü=
ber einräumt, vernichtet sie ihn gerade dadurch; wie
jedes negative, nur auf Zerstören berechnete Princip,
sobald es keinen Widerstand findet, von selbst in Nichts
vergeht. Er kann ihrem Beginnen nicht mehr schaden,
weil sie im Voraus auf ihn rechnete, hat also schlechthin
kein Interesse mehr, seiner eigenen innern Einsicht,
der logischen Beweisbarkeit zu Liebe, Hohn zu sprechen.

 

32. Nach 15 besteht die Aufgabe der Philosophie in der
Ableitung der Endlichkeit aus dem Absoluten. – Doch wo=
raus abgeleitet werden soll, das muß in freiem Den=
ken reproducirt, in seinem Wesen genetisch durch=
drungen werden; es muß also im Voraus schon (durch
Erfahrung) dem Erken̄en bekan̄t seÿn, und gleichsam sein
Eigenthum seÿn, mit dem es frei schalten kann.

Hier scheitert also das Unternehmen der Philoso=
phie abermals: aus dem Absoluten kann nicht abge=

23
107.
139
125
leitet werden, weil Es, durchaus überfaktisch, sein in seinem
innern Wesen völlig verborgen und unsichtbar bleibt, und
nur negativ – durch Abzug aller endlichen Bestim̄ungen
von Ihm – zu charakterisiren ist.

33. Sonach bleibt auch für die Philosophie schlechthin un=
begreiflich
, warum das Absolute nicht in sich selbst bleibe, son=
dern Grund werde eines zweiten, nicht=Absoluten, der Endlich=
keit: (vgl. auch besonders 14.) es ist dies nur als ursprüng=
liches Faktum zu nehmen. – Doch unbenom̄enDagegen bleibt es dem
Erken̄en unbenom̄en, das Wie dieses Grundseÿns des Ab=
soluten, oder des Hervorgehens der Endlichkeit aus jenem zu
bestim̄en; (ob es als Schöpfung, oder als Emanation pp zu
denken seÿ.) Und so modificirt sich die Aufgabe der Philoso=
phie dahin, daß sie, ausgehend von dem [...]Faktum der Zwei=
heit
, das Verhältniß desr Endlichkeit zum Absoluten zu bestim̄en,
oder, da wir im Allgemeinen früher das Absolute als Ur=
grund
der Endlichkeit charakterisirten, festzusetzen hätte,
in welchem Sinne dies zu denken seÿ

34. Dies wäre die höchste Aufgabe, die das Erken̄en sich
stellen kann, sonach auch erster und [...]vorzüglichster Ge=
genstand der Philosophie, und zugleich das Wichtigste und Wissens=
würdigste in allem Wissen, indem die Fragen, die sonst
auch dasvom höchsten Interesse [...]sind, weil sie das Heiligste
unseres Gemüths angehen, erst hier, in der Tiefe und
aus dem Urquell aller Realität befriedigende Lösung

24
[...]erhalten können. So möchte die Philosophie nicht bloß einer,
an sich auch nicht verwerflichen Wisbegier Aufschluß geben,
sondern selbst das höchste praktische Interesse haben.

35. Wenn wir früher als die Aufgabe der Philosophie fanden, die End=
lichkeit ihrem Seÿn und Soseÿn nach aus dem Absoluten abzuleiten,
so hat sich dieses freilich als unmöglich [am Rande: gezeigt]gefunden, indem im Absoluten
niemals ein Deduktionspunkt sich finden lasse. Dagegen wäre die
Frage, ob statt dessen die Ableitung nicht aus der Bestim̄ung des
Verhältnisses zwischen beiden Theilen (33) gelingen könne; („weil
„das Absolute in diesem Sinne Grund ist der Endlichkeit, so folgt da=
„raus, daß letztere so u so beschaffen seÿn müsse, u dergl.„ – ) so daß
der Deduktionspunkt nur in einer niederen,ern, dem denken zugänglichen
Region gesucht würde. – Mit Absicht drücken wir indessen uns da=
rüber nur problematisch aus, indem dies erst aus der wirklichen Be=
stim̄ung jenes Verhältnisses sich ergeben kann, [...]d. h. wenn der er=
ste Theil der Aufgabe der Philosophie schon [...]vollzogen ist, also
vorläufig und im Allgemeinen darüber sich nichts bestim̄en läßt.

36. Wird aber das Absolute gedacht, und alles Ernstes gedacht, so erscheint
Es ganz von selbst als das allein seÿende, [...]als in sich umfassend und er=
schöpfend alle Existenz
. Es ist das Allgenugsame, Allvollkom̄ne, ohne Bedürf=
niß eines Andern, ohne Mangel und Beraubung irgend einer Art: die
ganze Fülle der Realität ist in Ihm; was bliebe noch übrig für ein
Anderes außer Ihm? Wie vermöchte Ers überhaupt aus sich herauszugehen [um]
einem Zweiten Daseÿn zu geben? Vielmehr ist in Ihm Alles, was seÿn kan̄,
erschöpft und vollendet; Es umfaßt und verschlingt gleichsam alles unter=
geordnete Existirende, so wie die Sonne im Aufgange alle kleineren Ge=
stirne überstrahlt. – Nur Gott ist, und außer Ihm nichts.

Indem aber das Erken̄en diesen Satz ausspricht, zeigt sich ihm die Fakticität
in ihrem, dem Charakter ders Absolutheit[am Rande: Absoluten] durchaus entgegengesetzten Wesen,
und dadurch die Aufgabe, das Daseÿn dieses dem Anschein nach Nicht=
absoluten
zu erklären, und auszugleichen mit jener Wahrheit, die ihm
so lebendig geworden ist: – den Widerspruch zwischen Erken̄tniß und Er=
fahrung
aufzulösen, entweder dadurch, daß es die dem Absoluten wider=
sprechende Form der Endlichkeit dennoch mit Jenem ausgleicht, oder, falls
dies nicht gelingen sollte, daß es einen umfassendern Satz an die Stelle des
obigen setzt. – Hieran schließt sich nun der folgende (IV) Abschnitt:

25
108
140
126
IV. Vom Verhältnisse der Endlichkeit
zum Absoluten.

[...]5. Es wäre eben so ungründlich als undankbar, wenn wir bei
[...] bevorstehenden Untersuchung nicht zu Rathe zögen, und gleichsam
[...]s zum Leiter und Stützpunkte machten, was die vorigen Zeiten
[...] dieser Hinsicht geleistet haben. Doch je man̄igfaltiger hier die Mei=
nungen sind, um desto mehr thut Vorsicht in der Wahl und Entscheidung
Noth. Und Ees muß wohl in dieser [am Rande: Beurtheilung]Beobachtung4 vorzüglich der Grundsatz beobachtet
werden, überall streng die Beweisbarkeit zu prüfen, und jede Behauptung,
die ohne einen solchen strengen Beweis aufgeführt wird, sofort in
Beschlag zu nehmen.
Zum Letzteren – dem Behaupten ohne eigentlichen Beweis –
wird man hier vorzüglich eingeladen, wo das Erkennen, welches nur mit
großen Anstrengungen und durch Umschweife zu einem festen Ziele
gelangt, der Einbildungskraft willig Spielraum vergön̄t, die, grade
hier, wo kaum Erfahrung sie Lügen strafen kann, an ihrem Platze, ohne
große Mühe nach Lieblingsmeinungen und Vorurtheilen die Sache entscheidet.

86. Der ursprüngliche Maasstab, den die menschliche Vernunft an das
[...]esen der Gottheit anlegt, ist, daß sie dieselbe als unendlich erhaben
[...]ber alles Irdische und Sichtbare anerkennt. Bevor sie sich aber bescheidet
[...]ber das innere Wesen des Absoluten Etwas erken̄en zu wollen, bevor
[...]e – was erst bei größerer Reife [am Rande: des philosophischen [...]]und einem höhern Grade von Beson̄en=
[...]t erwartet werden kan̄ – alles Irdische und Endliche Ihm abspricht,
[...]rmag sie Es nur zu denken, als in höherm Grade und größerer
[...]ollendung irdische Eigenschaften an sich tragend
. Je niedriger aber
[...] Mensch, je niedriger die Gegenstände, in die derselbe die Realität
[...]t, desto niedriger wird auch seine Idee der Gottheit ausfallen müssen.
[...] wird sie ihm auf der ersten Stufe der Kultur als ein Wesen im
[...]ume, mit vollendetern Organen, und mit übermenschlichen Kräften –
[...] auch Leidenschaften – ausgerüstet erscheinen müssen. Doch der Mensch
[...]delt sich, und mit ihm auch sein Geschöpf, seinder Begriff von Gott; er
[...]n̄t bald für das hHöchste, was die Endlichkeit darbietet, die Tugend, die
[...]it, die Vernunft, und so wird jener als die höchste Weisheit, die unbe=
[...]kteste Freiheit und Allmacht, kurz, als die höchste Potenz jeder edlern
[...]skraft erkan̄t; edler zwar, und würdiger, aber doch bleibt es im̄er

Kommentare

4 Die Seiten 25-64 der Promotionsschrift stammen nicht von der Hand Immanuel Hermann Fichtes, sondern von der eines Abschreibers. Fichte nahm in der Abschrift allerdings Korrekturen vor, die in dieser Edition wiedergegeben werden. Zudem verdeutlichte er auf jeder der genannten Seiten einzelne Buchstaben - zum Beispiel setzte er über viele der vom Abschreiber geschriebenen Umlaute Pünktchen und zeichnete in einigen Fällen das große D nach, das beim Abschreiber selten eindeutig vom kleinen d zu unterscheiden ist. Diese Eingriffe werden der Leserlichkeit halber nicht wiedergegeben.

26
dasselbe – wenigstens unphilosophische – Princip, – ein Gestalten nach eig[...]
Bilde, Anthropomorphismus, wie dies sehr bezeichnend genan̄t worden.

87. Indem das Absolute ins Bewußtseyn tritt, und der Endlichkeit [...]
sich entgegensetzt, erscheint es in dieser Entgegensetzung ursprünglich a[...]=
grund derselben, und kan̄ nicht anders erscheinen. Es ist dies ein Beis[...]
zwar nicht im Wesen des Absoluten als solchem liegt, wohl aber in [...]
Verknüpfung, in welcher es imdem Erken̄en erscheintsich darstellt. Wie nun jener [...]
ziemlich unbestim̄te Begriff des Urgrundseyns nach den eben (86) [...]=
ten Principien gedeutet werden müsse, liegt am Tage. Der Mensch [...]
bildet, producirt nach Zwecken, und nach bestim̄ten Vorbildern; wa[...]
auch Gott? Er nur auf unendlich vollkomnere Weise; daher sein P[...]
um so vollendeter seyn mußte. So ist Er, in den ersten Anfängen [...]
Philosophie, Ordner und Erbauer der Welt (δημιουργὸς τοῦ ὅλου[...]
stets mehr oder weniger klar die Idee eines ursprünglichen Stoffes (υληx)
materies) für jene Bearbeitung, einer Urmaterie neben dem Absolu[...]=
raustrat. [am Rande: So führt diese Ansicht nothwendig auf einen Dualismus.–]

88. Doch eine solche Zweiheit befriedigt nicht; aus ganz von selbst en[...]
Frage: woher denn nun jener Urstoff selber? Und man konnte in d[...]
Zusam̄enhange vor der Hand um die Antwort nicht verlegen seyn: [...]
nicht bloß Baumeister und Ordner der Welt seyn, indem sodan̄ die Frei[...]
Schaffens, seine Allmacht durch die Tauglichkeit des Stoffes beschrän[...]
und so die Welt nicht sein freies Produkt, sondern das Erzeugniß [...]
Kräfte seyn würde: [am Rande: vielmehr fordert der Begriff der
Allmacht anznehmen, daß er unbe=
schränkt Alles aus sich erscha erzeugt
habe.
]
so führt diese Ansicht nothwendig auf einen [...]
der durchaus dem innern Wesen der Vernunft widerstrebt. Es muß[...]
zunächst die Behauptung aufkom̄en, daß aAlles in Gott seinen Ursp[...]
und so entstand die Idee einer Schöpfung aus Nichts.xx)

89. Abgerechnet nun die innere Unbestimtheit und Unverständ[...]
Begriffes des Schaffens, und die Unmöglichkeit eines Erzeugens aus [...]
so liegt doch außerdem ein Anthropomorphismus zu Tage, der etwas d[...]
des Absoluten schlechthin widerstreitendes behauptet. Gott handelt, v[...]
und, da nichts aAnderes Grund dieser Veränderung seyn kann, er entsch[...]
selbst dazu, zufolge einer freien Willensbestimmung, und geht auf [...]

x) die spätere philosophische Bedeutung dieses Wortes hat vielleicht die auch [...]
gehörende Stelle des Platonischen Timäus (p. 385. bip.) verlanlaßt: [...]
τέκλονες das Holz (ὔλην) bearbeiten, so bildet der δημιουγὸς aus de[...]
das Man̄igfaltige: Ueberhaupt bildet dieser Dialog – er mag nun den höch[...]
Gipfel Platonischer Spekulation über diesen Punkt enthalten, oder nicht – [...]=
mensten u geistvollsten Beleg zu der oben erwähnten Ansicht.

xx) Es läßt sich über jene Meinung nicht viel reden, noch weniger sie k[...]

25
109.
143
127
Zu S. 27.

[...]Aus Versehen des Abschreibers ist der Anfang
[§] fehlerhaft abgefaßt; er muß lauten wie
[...] – Ueberhaupt bitten wir wegen der Un=
[...]it diesers Theils der Abschrift, und der an=
[...]achlässigkeiten u.s.w., die ganz unerwartet
[...] unsere Schuld eintraten, um die gütige
[...] der Leser.)

[...] Doch alle diese, theils unerwiesenen, theils
[...]enden Behauptungen mußten bald Verdacht
[...] und so wurde dem Absoluten schon von den
[...]etesten Philosophen des Alterthums das,
[...] allein zukom̄t, ein unveränderliches Behar=
[...]cirt. Je mehr sie nun hierbei gründlich
[...]en verfuhren, desto größer wurde ihre
[...]t in Hinsicht des zweiten Punktes: die
[...]urfte nicht als unabhängig vom Absoluten,
[...]us sich, durch sich=Seÿendes dastehen; es kehrte
[...] dringender die Anforderung zurück, dieser
[...]endwie einen Ursprung aus dem Absoluten
[...]. – Doch wie kann in dem durch sich Befrie=
[...]vollkom̄nen zugleich eine Tendenz gedacht
[...] den Umkreis seines Seÿns hinauszustreben,

seine Im̄anenz in Emanenz zu verwande[...]=
sen besteht ja eben darin, daß der gan[...]
seiner Möglichkeit gleich ursprünglich [...]
Rückhalt wirklich ist; (sein Wesen invol[...]=
len auch das Seÿn) ein Vermögen zu [...]
kann ihm daher nie zugeschrieben werden[...] [...].
Entstehen eines Zweiten aus Ihm in jedem [...] [...]=
lich, indem es dem Charakter der Vo[...]=
solutheit widerspricht. – Dennoch könnte [...]

27
110
141
128

[...]en Zustande – dem nicht schaffenden – in dem entgegengesetzten,
[...]den über; er verändert sich wesentlich, was seinem Charakter der
[...]barkeit und Unveränderlichkeit widerspricht: Er ist, wie er einmal ist,
[...]em Seyn kan̄ in alle Ewigkeit nichts nNeues hinzukom̄en.

[...] unerwiesenen und sich widersprechenden Behauptungen mußten
[...]s solche erkan̄t, und dem Absoluten das, was ihm allein zukom̄en
[...]nveränderliches Beharren, vindicirt worden. Den̄och durfte die
[...] unabhängig von ihm, als ein zweites Absolutes dastehen; es
[...] um so dringender das Bedürfniß zurück, dieser irgend wie ihren
aus dem Absoluten anzuweisen. Doch wie vermag jemals aus dem
[...]lendeten, Vollkomnen, durch sich Befriedigten irgend etwas heraus=
[...]

wie vermag überhaupt etwas zweites neben Jenen da zu seyn?
[...] die Einheit zur Zweiheit werden? EntwederEs müßte [eben ]durch jenes
[...]ndeln in die Zweiheit [am Rande: wenn es nicht schon außerdem Unsinn wäre] dem Absoluten eine neue Realität erwachsen,

xx)

xx) weil sie, völlig schwankend und verschwim̄end, eine Menge Deu=
[...]läßt, und nur einer festen Thesis eine eben so bestim̄te Antithesis
[...]stellt werden kan̄. Will man indessen in einem festen Denken sich
[...]rständlich machen, so kom̄t man alsdann im̄er wieder auf jenen Stoff
[...] die Unterlage der nachmaligen Erzeugung; und so wurde selbst das
[...] Spinozsa sagt, gleichsam wieder der Einbildungskraft gleichsam wieder ein solcher Stoff
[...]at.

[...] auf umfassendere Sätze, die wir hier auszuführen keinen Anstand nehmen. –
[...]ichtiges Gesetz des Denkens, daß es einer jeden Wirklichkeit eine feste und
[...]nde Grundlage voraussetzen muß, die, selbst nie geworden, allem
[...] allen Veränderungen in ihr einen Anhalt giebt. Nun hat die Phi=
[...]ei große Hälften zu Gegenständen ihrer Betrachtung: Gott, und die
[...] jener von dieser ausgesondert, und ihr gegenübergestellt, etwa als [...]d Erzeuger derselben, so ist, um das Daseyn der Welt sich zu erklären,
[...] ewige Grundlage für ihre Existenz für das Denken unvermeidlich;
[...]fang aus dem reinen Nichts erscheint völlig widersinnig; und
[...]ne Zweiheit der Urprincipien [am Rande: (87 und 88.)] einen tiefern Sinn [am Rande: als wir aAnfangs glaubten.]; es liege ihr ein
[...]es Gesetz[am Rande: Denkgesetz] zu Grunde. – Wäre dagegen Gott als im̄anentes Princip
[...]dacht (wie im Spinosischen Systeme), so tritt er selbst an die Stelle
[...]es, der der Welt schon vorläufig ihre Wirklichkeit sichern soll, und
[...]tlich nichts weiter als dieser, an welchem das Denken die verschiedenen
[...] aufreicht; das Unveränderliche, Beharlrliche in der Veränderung,
[...]ubstanz des Spinosa.

28
welche Annahme aber in sich selbst einen Widerspruch enthält. Das Absol[...]
als Beharrendes, Vollendetes, keines andern außer ihm bedürfendes [...]=
tet: ein Vermögen zu etwas Neuem kann ihm also durchaus nicht zug[...]

werden, denn dies setzt einen Mangel, eine noch nicht vollendete R[...]
in Ihm voraus. Sein Wesen als Absolutes besteht aber eben darin, [...]
ganze Inbegriff seiner Möglichkeit gleich ursprünglich und ohne Rückhal[...]
ist (sein Wesen involvirt in allen Theilen auch das Seyn) und so ist e[...]
Entspringen aus ihm in jedem Sinne ewig unmöglich, durchaus [...]
Dennoch konnten jene Philosophen diesen Gedanken nicht entbehren, wei[...]
sonst die Endlichkeit ein zweites Absolutes geworden wäre. Hier m[...]
unter solchen Umständen ein kühner Sprung des Denkens aus der Verl[...]
retten: nicht aus irgendeinem Mangel, der nachher ergänzt wird, [...]
in Zweiheit über; dies ist klar; aber wie wäre es, wenn man das G[...]
aufnähme, ein Zuviel, ein Uebermaaß der Realität; so flöße es [...]
unwillkührlich über, und aus sich heraus, – aus eigener Fülle, wie ei[...]=
strömendes Gefäß: welcher Gedanke doch ohne Zweifel würdiger und [...]=
sener ist der Größe des höchstens Wesens, als alle andern! Würdiger ge[...]
auch sin̄reicher, wenn gleich nicht weniger unstatthaft, als alle frühere[...]=
thesen; denn er widerspricht eben so sehr dem Begriffe der Allgenugs[...]
die entgegengesetzte Meinung. Jenen Gedanken übrigens – des unwil[...]
Ueberströmens aus innerer Fülle
– äußert nicht [am Rande: undeutlich]unwillkührlich der [...]=
praesentant der Emanationsansicht, den wir sogleich nen̄en werden.

91. So kon̄te, da man kein anderes Mittel sah, für die Endlichkei[...]
zukom̄enden Charakter der Nichtabsolutheit zu retten – so konnte n[...]
bleiben, als jenen, wie es schien, unvermeidlichen Widerspruch [...]
durch Vergleichungen und Bilder sich und andern in Etwas aus den [...]
rücken, oder wohl gar zu verdecken; – was freilich nicht anders als [...]=
merei genan̄t werden kan̄, wie dasjenige Verfahren mit Recht he[...]
durch Bilder ausgeschmückt werden soll, was ein klares Denken nicht [...]
Hier mußte nunkonnte bald die Vergleichung mit dem Ausstrahlen eines [...]
Körpers, der, ohne in seinem innern Wesen sich im mindesten zu än[...]
allen Seiten hin Licht verbreitet – als das passendste, und die Idee a[...]
metaphysicirende Bild erscheinen; zu dem entstand dadurch der Vor[...]
man auf diese Weise unmerklich den Gedanken an eine Genesis [...]=
soluten über die Seite schaffen konnte; [...]das Licht ist unzertren[...]
Ausstrahlen, was sich passend auf das Absolute übertragen ließ; und [...]
nach und nach die Vergleichung an die Stelle der Sache selbst [am Rande: : das Absolute wurde ihnen
das Urlicht, die Welt seine ewige
Ausstrahlung!
]
mMan trug [...]
schwärmenden und verworrenen Gedanken, während man eine tief[...]
Erken̄tniß zu besitzen glaubte.

29
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142
129

[...]noch wurde durch die Emanationstheorie ein großer und wichtiger
[...] Wahrheit näher gewon̄en, und sie verdient deswegen allerdings
[...]zeichnung vor den früher erwähnten Vorstellungsarten. Ihr ist
[...]ute wenigstens ruhender und unwandelbarer Urgrund der Endlichkeit;
[...] nicht Product eines Wollens oder einer besondern Thätigkeit Gottes,
[...]anz von selbst u durch seine bloße Existenz entfließt sie ihm, und
[...]ird in seinem In̄ern nicht wesentlich dadurch geändert.

[...]orzüglich merkwürdig und Aufmerksamkeit erregend wird jene
[...]r durch den tiefen Geist eines Mannes, der sie mit seltenem Scharf=
[...] Ideenreichthum bearbeitete, und der als ihr Wortführer und Reprae=
[...]ier nicht übergangen werden darf – durch Plotinus, den Neuplatoniker.
[...]ömmigkeit, ungemeine Denkkraft, Witz und Bilderfülle, und eine
[...]rnswürdige Gewandtheit, Allem, was mit seinen Ansichten sich nicht
[...]gen scheint, dennoch eine ihm günstige Seite abzugewin̄en, zeichnen
[...]llen seinen Vorgängern aus, und machen ihn vollkom̄en würdig, die
[...] Selbstdenker des Alterthums zu schließen. Ueberall belebt seine
[...] ein kühner gewaltiger Geist, der auf jedem Schritte neue Bahnen bricht,
[...] Gedanken neue Aussichten eröffnet, dem allenthalben die Sprache
[...] wirdist für die Fülle seiner Ideen, und das Gebiet der Erkentnisse zu
[...] seine umfassenden Ansichten; diese Welt reicht ihm nicht aus; er er=
[...]eue, und schmükt und belebt sie durch seine reiche Einbildungskraft;
[...][am Rande: Alles dies] doch keinesweges ohne eine gewisse Methode
[...]maticität![absprechen.] Im̄er sin̄t sein rastloser Geist auf neue Wen=
[...] und Hypothesen, um die schwierigsten Probleme der Vernunft entscheidend
[...] ja man könnte behaupten, daß fast alle Systeme, die späterhin be=
[...]worden, aus solchen verstreuten Andeutungen und Winken sich
[...]ln ließen, und so machen seine Schriften gewiß das anregendste
[...] für Philosophen aus. Nur Schade, daß dieses durch die elende Beschaffen=
[...]xtes, der von Fehlern und Auslassungen wim̄elt, und durch die
[...]liche Concentration und Dunkelheit [am Rande: seiner]der Schreibart, so sehr erschwert
[...]üm̄ert wird. Möge auch Ihm unser Zeitalter zu einem vollkom̄nen
[...]ehen aus der Nacht der Vergessenheit verhelfen!

[...]ächst muß man ihm zugestehen, daß er die höchste Aufgabe der Philosophie
[...] Schärfe und Tiefe gefaßt habe, wie vor ihm noch keiner, nach ihm
[...]. Es ist daher gewiß auch für den gegenwärtigen Zusam̄enhang
[...]dig zu zusehen, wie derselbe jene Aufgabe dargestellt, und aus seiner
[...]meinen schon charakterisirten Denkart zu lösen versucht hat. Uebel ist
[...] daß er keine fortlaufende, systematische Darstellung hinterlassen hat;

30
manches ist uns wenigstens dadurch dunkel geblieben, was ohne Zw[...]
sodann aufgeklärt wäreworden wäre. Doch auf der andern Seite ist er d[...]
uns so theuer, weil er, [...]nicht gefesselt durch eine systematische Form, in [...]
Abhandlungen seinem Geiste freien Spielraum vergönnen konn[...]
diesen verehren wir, nicht sein System.

95. Das Charakteristische seinesr SystemsPhilosophie ist nun zuförderst die un[...]
Anschauung des Absoluten
, die ihm an der Spitze aller anderweitigen [...]=
suchungen steht, und die wesentlichste Bedingung alles Philosophirens [...]
läßt sich üaber dieselbe, seiner Meinung nach, nicht lehren, noch sonst [am Rande: Etwas ]mitth[...]
sondern ein Jeder muß sich selbstthätig zu ihr erheben [am Rande: muß sie besitzen; und] [Auch auch ist][...][...]
letzte Staffel der Erken̄tniß und der Stetigkeit zugleich, – das Höchste[...]
Mensch besitzen kann, erreicht. Hier können nun die Lehrbücher der Gesch[...]
Philosophie gewöhnlich nicht umhin, ihr tiefes Bedauern an den Tag zu [...]
über die Transcendenz und heillose Schwärmerei des Mannes. – Warum[...]
er nichts erschleicht, nichts Irdisches und Endliches jener Idee hinzumischt[...]
mehr zu wissen vorgiebt, als er wissen kan̄, so kön̄en wir jene Vor[...]
nicht theilen. Und grade dadurch, weil er nicht, wie andere Philosophen [...]
Umweg der Beweise nim̄t, sondern aufrichtig und ohne Umschweife a[...]
einzig übrig bleibende Quelle jener Erken̄tniß hinweiset, grade dadurch [...]
wie lebendig u kräftig in ihm jene unmittelbare Ueberzeugung ge[...]
habe, da er nirgend für nöthig findet, Etwas, das einem Beweise äh[...]
zu ihrer Bekräftigung hinzuzusetzen. Dabei warnt er [...]drücklich [...]
keine von der Endlichkeit entlehnte Vorstellungsart jenem Gedanken [...]=
mischen, und zieht mit großer Genauigkeit alle der Relation und de[...]=
lichen angehörenden Begriffe von ihm ab. Das Absolute, sagt er, hat [...]
Größe noch Gestalt, ist weder in Bewegung noch in Ruhe; auch Vernunft [...]
Seele kan̄ ihm nicht beigelegt werden; es ist das an sich Einfache u Beg[...]
und über alles Endliche durchaus erhaben. x) Wahrlich, wenn er in diesem P[...]

x) S. Ennead. VI.L. IX. p. 760. C. D. (ed. Basil. 1580.) – ibid. p. [...]
γεννητικὰ γὰρ ἡ τοῦ ἑνὸς φύσις οὖσα τῶν πάντων οὐδέν εζιν [...]
οὔτε οὖν τὶ, οὔτε ποιὸν, οὔτε ποσὸν, οὔτε νοῦν, οὔτε ψυχὴν, [...]
κινούμενον, οὐδ ἑζῶς· οὐκ ἐν τόπῳ, οὐκ ἐν χρόνῳ, ἀλλα [...]
αὑτὸ[...], μονοειδὲς, μᾶλλον δὲ ἀνείδεον, πρὸ εἴδους ὅν παν[...]
κινήσεως, πρὸ ζάσεως. Dies ist eine von den hervorstechenden Stellen[...]
bezeugt die ganze Abhandlung, aus der jene Stelle genom̄en ist. An ander[...]
wo er nicht mit dieser Abstraktion zu reden scheint, muß man dies, da er s[...]=
verholen seine wahre Meinung an den Tag gelegt hat, wohl der kühnen Bil[...]
seiner Sprache zuschreiben.

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130
[...] Schwärmer gewesen wäre, wie er gewöhnlich dargestellt wird,
[...] hier sich nicht so rein erhalten von allem Anthropomorphisiren,
[...] die nüchternsten Philosophen oft nicht entsagen konnten.

[...] fahren fort in jener Exposition: Das Absolute ist in sich vollen=
[...] vollkom̄en; es bedarf drum keines anderen, noch strebt es nach
[...]enn es ist alles, was es seyn kan̄; es vermag zu seinem Wesen
[...] nichts Neues hinzuzukom̄en.

[...]ie vermochte aus dem Einen, wie wir dasselbe beschrieben haben,
[...]twas Anderes, eine Man̄igfaltigkeit und Vielheit ihr Daseyn zu
[...]? Warum blieb jenes nicht in ihm selbst, sondern floß über in eine
[...]n̄igfaltigekeit
, wie wir siees in den Thatsachen erblicken, und die wir[am Rande: welches wir]
[...] Einheit eben zurückzuführen bestrebt sind? x). (Wir sehen, wie
[...] geistreich er die Aufgabe der Philosophie erfasset hatte: sein Denken
[...] Absoluten befriedigt und verloren; und ihn beschäftigte nun eine
[...]dere Frage; das Daseyn der Welt war ihm das große Räthsel, welches
[...]friedigung störte, jene Klarheit der Betrachtung trübte, und erst mit
[...] entstand überhaupt das Bedürfniß einer Philosophie, durch den Widerstreit
[...]ischen reiner Erken̄tniß, und unmittelbarer Erfahrung. (vgl 75 u 76.)
[...] die richtige Antwort nicht gefunden habe, ist schon oben angedeutet: doch
[...] verdient erinnert zu werden, daß er sie unter seinen Umständen nicht
[...]inden kon̄te, wo er die Welt noch als zweites, vom Absoluten verschiedenes,
[...]ch aber nicht selbst absolutes, sondern in Jenem auf irgend eine Weise sei=
[...]rsprung habendes ansah. Denn, damit wir uns vorgreifen, eine gründliche
[...]rchgreifende Antwort auf jene Frage konnte vor der Hand nur im kühnen
[...][ben] jenes Gegensatzes, und der Tren̄ung der beiden Glieder, im Identificiren
[...]ben, im Spinosismus mit Einem Worte, gefunden werden. Und dieser
[...]ke scheint auch manchmal nicht undeutlich ihn ergriffen zu haben, doch nicht
[...]ndig, um bleibende Wurzel bei ihm zu schlagen. Eine Stelle wenigstens,
[...]ch Ten̄emann nachweist, spricht dies auf das deutlichste aus: Enn. VI. L. II. p
[...]A. ὅλως δὲ ἴσως οὐδε τὸ ἓν φατέον αἴτιον τοῖς ἄλλοις εἶναι, ἀλλ’ οἷον
[...]ὠτοῦ, καὶ οἷον ζοιχῦα αὐτοῦ, καὶ πάντα μίαν φύσιν, μεριτομένην τοῖς
[...] ἐπινοίαις· κ. τ. λ· Deutlicher und schärfer kan̄ nun wohl nicht das eigentliche
[...] und der Kern des Spinosismus ausgesprochen werden, als es in diesen

x) Enn. V. L. I. c. 6. p. 486. A. Ἐπιποθεῖ(ἡ ψυχὴ) δέ εντὸ θρυλλούμενον δή
καὶ παρὰ τοῖς πάχα σοφοῖς, πῶς ἐξ ἑνὸς τοιούτου ὂντος, οἷον λεέγόομενον
[...]ἶναι, ὑπόζασιν ἐχεν ὁτιοῦν, εἴτε πλῆδος, εἴτε δυὰς εἴτε ἁριθμιὸς, ἀλλ’
[...]μεινεν ἐκεῖνο ο’ ἑαυτοῦ· τοσοῦτο δὲ πλῆθος εξ ερρύη, ὅ ὁρᾶται ἔν τοῖς
ἀνάγειν δὲ αὐτὸ πρὸς ἐκεῖνο ἀξιοῦμεν.

32
wenigen Worten geschehen.)

97. Bei dieser Ableitung des Man̄igfaltigen aus dem Absoluten, fährt er [...]
sey es ferne von uns, an eine Genesis in der Zeit zu denken, sondern ma[...]
fest die Begriffe der Ursache und der Ordnung (τά ξεως )der Reihenfolge [...]
Denken) der verschiedenen Glieder.

Wenn durch irgend eine Veränderung etwas aus ihm entstände, so wär[...]
schon das dritte in der Reihe, nicht das zweite; den̄ die Veränderung wäre s[...]
als das zweite mitzuzählen. Bleiben wir nun bei letzterem stehen, so mu[...]
dieses, als zweites eben, hervorgehen aus dem Absoluten ohne irgendeine [...]
Wollen, kurz Veränderung einer Art von Seiten des letztern
; wäre es [...]
würde jenes eo ipso dadurch das dritte seyn, nicht das zweite.x) So verfäh[...]
wenigstens künstlich und scheinbar [am Rande: gründlich]: um die Frage zu umgehen, wie überh[...]
Hervorgehen eines Zweiten aus dem Einen in irgend einem Sinne mög[...]
denkbar sey, behauptet er ohne weiteres: es ist faktisch ein solches, und d[...]
nun, daß, weil es das Zweite neben dem Absoluten sei, es auch nothwe[...]
ihm ohne irgend eine Veränderung desselben hervorgehen müsse: es ist mi[...]
Worte eine Erschleichung.

98. Dieses Hervorgehen ohne jede Veränderung des Absoluten, setzt er weiter [...]=
ander, ist nur als eine Umstrahlung zu denken, die das Absolute, bleiben[...]
ist, umgiebt, so wie das Licht die Sonne von sich aus sendet, ohne selbst d[...]
ihrem Wesen verändert zu werden xx) Diesen Gedanken sucht er nun ferne[...]
folgende Theorie zu rechtfertigen: Alles, solange es in seiner Existenz ve[...]
aus der ihm inne wohnenden Kraft einem andern außer sich Daseyn, w[...]
sich wie das Nachbild zu jenem, als dem Urbilde verhält: dies zeigt das [...]
welches seine Wärme, der Schnee, welcher Kälte nach außen mittheilt; bes[...]
beweisen dies auch die duftenden Dinge. So erzeugt jedes Vollkom̄ene E[...]
aber seinem Range und Werthe nach geringer ist, als das Erzeugende. D[...]=
menste aber (das Absolute eben selber) erzeugt entweder Nichts, – oder das V[...]=
teste nach ihm xxx)

x) Enn. V. L. I. p.487. [B.] C. ἐκποδῶν δὲ ἡμῶνἡμῖν ἔζω γένεσις ἡ ἐν χρόνῳ, τὸν λό[...]
τῶν ἀὲι ὄντων ποιουμένοις· τῷ δὲ λόγῳ τὴν γένεσιν προσάπτοντ[...]ας αὐτοῖς, [...]
τάξεως αὐτοῖς ἀποδώσειν · τὸ οὖν γενόμενον ἐκεῖθεν, οὐ κινηθέντος φα[...]=
γνεοθαι· εἰ γὰρ κινηθέντος αὐτοῦ τὶ γίγνοιτο, τρῖτον ἁπ’ ἐκείνου τό γιγνόμε[...]
τὴν γένεσιν ἂν γίγνοιτο, καὶ οὐ δεύτερον· δεῖ οὖν ἁκινήτου ὄντος εἴ τι[...]
μετ’ αὐτὸ, οὐ προςνεύσαντος, οὐδέ βουληθέντος, οὐδέ ὅλως κινηθέντος ὑπος[...]

xx) ibid. πῶς οὗν καὶ τὶ δεῖ νοῆσαι περὶ ἐκεῖνο μένον; περίλαμψιν ἐξ αὐτοῦ μ[...]
τοῦ δὲ μένουτος, οἷον ἡλίου τό περὶ αὐτοῦ λαμπρὸν, ὥσπερ περίθεον.

xxx) – καὶ πάντα τὰ ὄντα ἕως μένει, ἐκ τῆς αὐτῶν οὐσίας περὶ αὐτὰ πρὸς τὸ ἔξω[...]
τῆς παρούσης δυνάμεως δίδωσιν αὐτῶν ἐξηςτημώην ὑπόζασιν, εἰκόνα οὖσα[...]
αρχετύπων ὧν εξέφυ· πῦρ μὲν τὴν παρ’ αὐτοῦ θερμότητα, καὶ χιὼν οὐκ εἴσωμ[...]
ψυχρὸν κατέχει, μάλιζα δέ ὅσα εὐώδη μαρτυρεῖ τοῦτο [am Rande: – καὶ]καὶ πάντα, ὅσα ἤδη[...]
γεννᾶ, τό δέ ἄει τέλειον, ἄει καὶ α[...]διον γεννᾶ, καὶ ἐλαττον [...] ἑαυτοῦ γεννᾶ
χρὴ περὶ τοῦ τελειοτάτω λέγειν; μηδὲν ἀπ’ αὐτοῦ, ἢ τὰ μέγιζα μετ’ αὐτοῦ.

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113
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131
[...] einer andern Stelle, wo er dieselbe Frage erhebt nach dem Ursprunge
[...] aus dem allgenugsamen Absoluten, erklärt er es als ein Ueberflie=
[...]ern, gleichsam übervollen göttlichen Realität (Enn. V. L. II. c. 1.)
[...] ihm eine bildliche Wendung an die Stelle des Denkens durch reine
[...]kan̄ man ihn bei dieser Vergleichung wohl nicht ganz von dem Ge=
[...] eine wahrhafte Genesis aus Gott lossprechen; wenigstens wäre das
[...] gewählt.)

[...] nachdem eigentlich die Hauptsache abgethan, kön̄en wir, rascheren Schrittes
[...]end, nur die einzelnen Hauptmomente seiner Ansicht heraus heben [das]Das
[...] nächst dem Absoluten ist die Vernunft; (νοῦς) denn diese schaut lediglich
[...], und begehrt allein desselben.

[...]chste Frage, die sich ihm auf dringt, ist nun die, wie aus dem schlechthin Ein=
[...] je eine Manigfaltigkeit entstehen kön̄e
? – Die Vernunft besteht ihrem
[...] nach offenbar im Denken; dieses erfordert unmittelbar eine Zweiheit,
[...]des und gedachtes, Subject = Objectivität, und so hätte sich die ursprüngliche
[...]heit schon in eine Duplicität verwandelt. – Aber ferner, die Vernunft,
[...]ß sie existirt, kan̄ in keinem Augenblicke unterlassen, lebendig, thätig
[...] d. h. wirklich zu denken; so muß sie, wegen ihrer nie ruhenden Lebendigkeit,
[...] verschiedene Objecte sich vorstellen, da das Fixirtseyn auf Einem Gegenstande
[...]ch eine Ertödtung des Bildens seyn würde: und so wird sie nothwendig zumdie
[...]gerin einer Man̄igfaltigkeit; den̄ in diesem ganzen Systeme giebt es kein
[...]es Erzeugen, als das Sichvorstellen, das Bilden.

[...]fft die Vernunft auf diese Weise von selbst den Raum, als die Sphäre ihrer
[...]ung: denn Denken ist nichts anderes als ein successives Schreiten von einem
[...]te zum andern. DochIndessen ist hier noch nicht an den wahren Raum, und die gewöhnliche
[...]gung zu denken, vielmehr ist jener nur davon das Vorbild; den̄ es ist ein
[...]theorem dieser Philosophie, daß die Vernunftwelt das Vorbild sei der sin̄lichen.
[...] [...][am Rande: Gedanke] ist nun sin̄reich genug! Das Nebeneinander der man̄igfaltigen Objecte,
[...] Vernunft stets denkend (gleichsam sich bewegend) erzeugt, giebt das Vorbild
[...] Nebeneinander der sinnlichen Objecte, und der von Einem Gegenstande zum
[...] fortlaufenden Bewegung im Raume. Die Vernunft also ist der Schöpfer
[...]llem; und zwar durch bloßes Denken
. Hier nähert sich Plotin den Ansichten
[...]menius und Philon, denen der λόγος, das als das ewiges Ebenbild der in
[...]borgenen Gottheit, Schöpfer der Welt war,; und daher auch die Vorwürfe, die
[...]genossen dem Plotin machten, daß er des Numenius Schriften beraubt habe.5

[...] Die Welt der Vernunft ist das Muster der sin̄lichen Welt: wir kön̄en drum
[...]kehrt von dem Wesen der letztern auf die Beschaffenheit jener schließen; auch
[...] wird seyn ein Him̄el mit Sternen besäet, und eine Erde und Wasser und Luft,
[...]benden Geschöpfen begabt, doch alles hier im höchsten Glanze, und größter
[...]m̄enheit. – Alles in dieser Vernunftwelt Enthaltene muß ferner, da es
[...]urch den Raum getren̄t ist, durch seine in̄re Eigenthümlichkeit, durch seine

Kommentare

5 Philosophen Griechenlands beschuldigten Plotin, er habe bei Numenios abgeschaut. Porphyrios berichtet ausführlich über die Plagiatsvorwürfe in: Vita Plotini, 17, 1–21, 23.

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besondere Gestalt und Form unterschieden werden. Wo Form ist, da be[...]
zuförderst einer durch die Form erst zu gestaltenden Grundlage, ein[...]
an̄ehmenden Gemeinschaftlichen. Dies hieß [am Rande: wäre gleichsam die Materie
für die Vernunftwelt; und so wärestim̄te
auch in diesem Punkte jene mit der
der sinnlichen überein.
]
nunMaterie; und so war st[...]
diesem Punkte die Vernunftwelt mit der sin̄lichen homogen in [Über][...]

101. Nach dem früher angeführten Theorem, daß alles Vollkom̄ne [...]
Vollkom̄nes erzeuge, bringt die Vernunft durch dieselbe Art des Ausf[...]
welche sie selbst aus dem Absoluten hervorgegangen, die Seele (ψυχή) [...]
auch der letztern Wesen besteht im lebendigen und thätigen Denken, d[...]
niedern Grade: es bleibt nicht stehen bei dem reinen Schauen, sondern [...]
außen thätig, stellt seine Objecte äußerlich dar, wodurch sie ein vermisch[...]
getrübtes Seyn erhalten. Warum die ψυχη ihre Anschauungen gr[...]
darstellen müsse, davon läßt sich der Grund aus anderweitigen A[...]
einsehen. Ein schwaches Bilden muß, um sein Product nicht wieder zu [...]
es gleichsam zu befestigen, zu realisiren, in einer äußern Gesta[...]
suchen; was wir bei Knaben sehen, welche, zu den rein im Geiste [...]
intellectuellen Beschäftigungen zu träge und zu schwach, sich auf H[...]
Künste legen. – Woher nun aber der Stoff, der erfordert wird für die äuß[...]
jener Produktionen? Strömt das Eine vermöge seiner innern Real[...]
heraus, und findet das Gleiche statt bei den also entsprungenen S[...]
mit allmähliger Verminderung der in̄ern Realität, so muß es irgend [...]
geben, aus dem nichts Neues mehr erfolgen kan̄, weil die Realität [...]
bis auf das Äußerste vermindert hat: dies ist die Materie, die eben [...]
unbestim̄t und formlos, indessen wenigstens Bestim̄barkeit übrig [...]
und so ist sie die dritte Abstufung der Efulgurationen des Absolu[...]
keine mehr möglich ist. – Durch die Thätigkeit (ἐνεργεια) der Seele ents[...]
andere Seelen als Arten der Einen, eben so wie auch die Vernunft sich [...]
Man̄igfaltigkeit von Individuen spaltet: von jenen – den Th[...]
sind einige auf das Obere, die Vernunft gerichtet, die höhere menschliche [...]=
keit, andere sind niedriger in unendlichen Abstufungen; die untere ist [...]
Materie inwohnende und sie gestaltende Kraft. So ist die Natur nich[...]
als eine solche Seele, und Theil der allgemeinen alles umfassenden [...]
kan̄ daher nie unterlassen, thätig anzuschauen, d. h. zu produciren; [...]
Producte sind eben die mannigfaltigen sich uns darbietenden sinn[...]=
tungen; alle die verschiedenen Erscheinungen der Natur sind nichts als [...]=
gen jener Weltseele. Die Individuen dagegen sind wiederum nichts [...]
Theile und Spaltungen der ψυχη, in sich verschieden durch das klarere [...]
Vermögen anzuschauen. – Alle übrige Folgerungen aus diesen Sätzen, [...]
seine in vieler Hinsicht merkwürdige Theorie über den Ursprung des B[...]
kleines Vorbild der nachher so berühmten Leibnitzischen Theodic[è]äe ist, m[...]

35
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132
[...] Indessen scheint doch selbst diese kurze Erwähnung hinlänglich,
[...] daß es ihm, bei allem Abentheuerlichen und Willkührlichen,
[...]weges an einer gewissen Methode und Konsequenz gefehlt habe;
[...] aber durchaus wacker und höchst achtungswerth gewesen sey,
[...]sophischen Geist beurkunde.

 

[...] die vVernunft, im̄er mehr ihre Erken̄tnisse läuternd, und im̄er
[...] Gefundene prüfend, von einer Stufe der Einsicht zur andern fortge=
[...] den niedrigsten Hypothesen, die noch eng verschmolzen waren mit
[...] und den herrschenden Religionen, läuterte sie sich nach und nach
[...]derte zu gereifteren, wenn auch nicht befriedigeren Ansichten: Jetzt –
[...]nssysteme – stand die Sache auf der Spitze: dieses mußte früher
[...] Wendepunkt einer ganz neuen Ansicht für die Spekulation werden.
[...] Seite war eingesehen, daß das Absolute der Erken̄tniß uns als ein
[...]wandelbares Wirkliche erscheinen kön̄e, an dem ein Werden oder
[...]end einer Art durchaus widersprechend sey: von der andern Seite
[...] lebhafteste Bedürfniß, der Endlichkeit dennoch irgendwie ein
[...] aus dem Absoluten anzuweisen; durch ein klares und beson̄enes
[...] sich darauf keine Antwort finden, denn es enthält einen Wider=
[...]0.), und so mußte man durch einen unbewiesenen Gedanken –
[...]ahme eines Sichlosreißens, eines unwillkührlichen Entfließens
[...] – sich aus der Verlegenheit zu retten suchen.

[...] gerade des wegen, weil eines Theils die Philosophie in diesem Systeme
[...]fahren ist, andern Theils aber sich arge Inkonsequenzen hat zu
[...]m̄en lassen – grade des wegen mußte der nächste Schritt, den sie
[...] ihrer Entwicklung zu thun hatte, um so schneller erfolgen. Als
[...] Worte schrieb: Doch wie vermochte aus dem Einen irgendein anderes,
[...]faltigkeit ihr Daseyn zu bekom̄en (S. 96.), da stellte sich ihm der
[...]de Punkt, da war es der Moment, wo er, wenn er scharf und klar die
[...]keit jener Verwandlung eingesehen hatte, entschieden jeden Uebergang,
[...]hafte, und ernstlich gemeinte Zweiheit, jedes Jenseits und Disseits
[...]erfen sollen, und sowodurch er der Begründer eines ganz neuen, vorher durchauchs
[...]denen Systems geworden wäre. Hier erforderte es die Konsequenz,
[...] Schlage die der Philosophie so unheilbringende Trennung aufzuheben:
[...] Ausfließen des Endlichen aus dem Absoluten denkbar; es ist überhaupt
[...], sondern lediglich Einheit: Eins ist Alles, u Alles ist Eins.

[...] nächste Stufe, die die Spekulation ersteigen mußte, wo sie einen
[...]den konnte. Plotinus gewan̄ diese Einsicht nicht; wenigstens vermochte
[...] ihr festzusetzen; und so mußte dieser bedeutende Schritt seinen

36

Nachkom̄en überlassen bleiben.

Anmerkung. S. Jakobis Briefe über Spinosa. S. 223. II. die [...]
Philosophie ist, als Philosophie, nichts anderes, als unetwickelter, oder [...]=
ner Spinosismus.

104. Wir betrachten die Sache zugleich noch von einem allgemeinen [...]
Wir haben im Vorhergehenden das Verhältniß des Absoluten zur [...]
zur Faktizität ganz im aAllgemeinen dadurch bezeichnet, daß Je[...]=
grund, das höchste Princip von dieser sey. Bisher begnügten wir uns mit [...]=
meinern Bezeichnung, es im̄er noch aufschiebend, jenen Begriff einer [...]
Prüfung zu unterwerfen. Doch muß schon jetzt aus dem oben Ges[...]
daß an den gewöhnlichen Sinn, den man mit jener Bezeichnung verb[...]
aus sich frei erzeugende Kraft) hier nicht zu denken sey: S. 89. 90. [...]=
wiesen worden, daß überhaupt ein Entspringen irgend einer Art aus [...]
durchaus unstatthaft sey.

In welchem übrig bleibenden Sinne vermöchte Es also nun doch Grund [...]

Wenn die Endlichkeit durch das Absolute wäre, so wäre dieses durchaus [...]
daß unmittelbar, und in Einem unabtren̄lichen Momente mit sein[...]
Seyn, aber durch seine Existenz herbeigeführt und bedingt, jene Endlich[...]
Das Absolute müßte nicht eigentlich innerhalb seiner schon vollende[...]
Grund seyn der Faktizität: (dies bleibt, man mag es sich denken, wie [...]=
dersprechend) sondern sein Seyn selbst müßte jene unmittelbar bei [...]
so wie der Körper – nicht den Schatten erzeugt, entstehen läßt aus [...]
vollendeten Daseyn, sondern unmittelbar und unzertrennlich von ihm [...]=
tet istwird, unzertren̄lich ist von ihm.

105. Es trete unsere Meinung durch Hervorhebung des Gegensatze[...]=
fer heraus:

Wir können von Grundseyn in einem doppelten, durchaus versch[...]
Sinne sprechen: Etwas erzeugt, erschafft ein anderes innerhalb [...]
fertigen Seyns, durch gewisse Gesetze bestim̄t, oder auch nach ein[...]=
worfenen Vorbilde, wie die Natur Produkte hervorbringterzeugt, [...]
freithätig [am Rande: hervorbringt]arbeitet. Diesen Sinn, den der gewöhnliche Verstand [...]
jenem Worte verbindet, haben wir schon bestim̄t vom Absolu[...]=
sondert. Drum bleibt für dieses nur der zweite entlegenere, a[...]
Sinn übrig: Es ist bedingendes für die Endlichkeit; durch sein [...]
seines Wesens auch jene schlechthin mitgesetzt. Schon früher [...]
auf dieses Verhältniß aufmerksam, und drückten es durch [...]
aus: Wenn Y ist, so ist dadurch auch X gesetzt: (13 u 15, 3.) also [...]=
telbares Bedingtseyn des zweiten Gliedes durch das erste; exis[...]
folgt daraus auch die Existenz des zweiten. Nur so wäre das Be[...]

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der Endlichkeit durch das Absolute zu denken; drum wäre dies das einzige Ver=
hältniß, welches die Erken̄tniß, nüchtern und besonnen, zwischen beiden fest
setzen kön̄te. Die Endlichkeit würde dadurch in̄ig verschmolzen mit dem Absoluten;
wäre wesentlicher und integrirender Bestandtheil für dasselbe, Bedingung
ohne welche nicht – für sein Daseyn, denn für seine Existenz [am Rande: wurde]wird ja zugleich die
der Endlichkeit gefordert. So wäre jede Trenung, jede Spaltung aufgehoben;
Alles bildete nur Eines, – Ein organisches Ganze.

106. Und so können wir auch hier, durch bloße Erwägung dessen, was Grundseyn,
vom Absoluten aus gesagt, heißen könne, zurück auf jene alte allbekan̄te Lehre:
Daß alles nur Eines sey, (ἓν καὶ πᾶν, in dem Sinne von ἓν = πᾶν) daß alle
Man̄igfaltigkeit gleichmäßig nur Accidenz des Einen Absoluten sey; daß über=
haupt und überall wahrhaft nur Eines existire in allem Existirenden, nicht
aber Zweiheit und Sonderung irgendeiner Art statt finde: – kein außerweltlicher
Gott, keine außergöttliche Welt, dies der nervus dieser ganzen Ansicht! – welche
Lehre, wiewohl man̄igfaltig bearbeitet, und bald im mystischen, bald im wissen=
schaftlichen Gewande dargestellt, doch von Keinem – weder in älterer, noch in neuerer
Zeit – mit dieser Konsequenz, Kühnheit, fast zwingender Ueberzeugungskraft,
und siegendem Scharfsinne ausgeführt worden ist, wie von Benedict Spinosa.
An diesen, und an dessen Darstellungen hätten wir uns demnach zu wenden, wenn
wir diese Ansicht prüfen, und urtheilen wollten, ob bei ihr die Erken̄tniß sich beru=
higen, und hier die Akten für geschlossen erklären könne. Sey es damit indeß,
wie es wolle, so hat sich doch schon gezeigt, daß jene Ansicht, wen̄ vielleicht auch [am Rande: nicht die letzte und Alles vollendende, – ]
[...] den̄och eine von den nothwendig zu ersteigenden Stufen sey, welche die
Philosophie eine Zeitlang behaupten, oder, falls sie Rückschritte gethan haben
sollte, wieder einnehmen müsse.

107. Liesse sich nun aus überzeugenden Gründen darthun, daß dies die einzig
mögliche Lösung, die einzige Antwort sey, die der Philosophie auf die an sie ge=
stellte Frage (S. 76 u 77) übrig bleibt, so kan̄ man nicht daher Gründe ent=
nehmen, jene Antwort nicht gelten zu lassen, weil etwa die anderweitigen
Resultate dabei nicht zum erfreulichsten aus fallen, weil z.B. Freiheit als
Täuschung hinweggeleugnet, Selbständigkeit der Person als Irrthum verworfen
wird, weil die Idee einer milden väterlichen Weltregierung, die so wohlthätig
und beruhigend das Gemüth umfängt, in ein unbeugsames Weltgesetz, ein
unausweichbares Fatum sich verwandelt. Man hat die Erken̄tniß [am Rande: einmal] über jene
Gegenstände befragt, hat sie drum als gültige Richterin, als Klarheit und Ge=
wisheit gewähren kön̄end, anerkan̄t, und so ihr versprochen, ihrer unumwundenen
Antwort mit Resignation entgegen zu sehen. Und wahrlich ein schlechtes Mittel
ist es, vorgegen unerfreulichen Wahrheiten, [...][am Rande: vor ihnen] die Augen zu verschließen;
als ob aus dem Nichtsehen auch das Nichtseyn erfolge.

38

108. Zunächst also zur nähern Erörterung der Spinosischen Lehre, deren große
Vorzüge vor den anderen uns bekan̄ten Ansichten wir indessen schon ken̄en.
Jedoch kom̄t es [...]hier auf eine nähere Ken̄tniß derselben an, so wie auf genauere
Prüfung des Ganges der Demonstration, und seiner Methode überhaupt, zu der
wir uns jetzt anschicken. Es liegt derselben zu Grunde das erste Buch seiner
Ethik, de Deo überschrieben.

109. I. Alles, was ist, besteht entweder aus Substanzen, oder aus Eigenschaften
derselben
.

Substanz heißt nach Spinosa dasjenige, was in sich selbst ein vollendetes Ganze
bildet: eine zu einem organischen Ganzen, zu einer geschlossenen Synthesis
verbundene Man̄igfaltigkeit. Sie ist daher nichts Besonderes außer ihren Ac=
cidenzen, sondern lediglich ihr Inbegriff, ihr Band. (Daß dies der wahre Sin̄ sey,
den Spinosa mit jener Bezeichnung verbindet, erhellt nicht sowohl aus Defin 3,
die dunkel und vieldeutig ist, als aus dem Sinne des ganzen Systems, und aus
seiner stets wiederhohlten Versicherung, daß ihm die Substanz nichts außer und
neben ihren Eigenschaften sey, z. B. Epist. XXVII. p Gerade
dieses Verhältniß zu fassen, darauf kom̄t zum richtigen Verständniß dieses Systems
alles an.

Eigenschaften (Attribute) dagegen sind eben jene Man̄igfaltigkeiten, die das qua=
litative
Wesen der Substanz ausmachen. Defin. 4.

Jener unterstrichene Satz wird in der Spinosischen Sprache auch so ausgedrückt: Alles,
was ist, ist entweder in sich, oder an einem Andern (Grunds. 1., der große Anfechtungen
erlitten hat, weil man nicht recht einsah, wie er zu verstehen sey, und noch [...]
wie er einen Grundsatz abgeben kön̄e. Wie wir ihn dargestellt haben, wird er mehr
Eingang finden kön̄en, den̄ er enthält allerdings eine feste, keines weitern Beweises
bedürfende Wahrheit. [am Rande: (Man könnte ihn auch also ausdrük=
ken: Alles, was ist, ist entweder Theil
eines Ganzen
, oder selbst ein Ganzes.)
]

110. II. Zwei Substanzen, die von verschiedene Eigenschaften haben, haben durchaus
nichts mit einander gemein
: den̄ jede ist nichts, als der Inbegriff ihrer Eigenschaften.
(Prop. 2.)

111. III. Dinge, die mit einander nichts gemein haben, können auch nicht eines des andern
Grund seyn
: (Prop. 3 Dieser Satz braucht nicht zugegeben zu werden, wenigstens nicht
aus dem für ihn geführten Beweise: dieser beruht darauf, daß ganz gleiche Sub=
stanzen nicht von einander unterschieden werden kön̄ten. Prop. 4 u 5. Sp. berief
sich also hier, wie Leibnitz, auf den Satz des Nichtzuunterscheidenden.) Es
kön̄te ebenfalls als Axiom gelten, und ist eigentlich schon enthalten in Grunds. [...].)
Darum, und weil es nicht zwei oder mehrere Substanzen derselben Natur geben
kann
, (Prop. 5. Dieser Satz braucht nicht zugegeben zu werden, wenigstens nicht aus
dem für ihr geführten Beweise: dieser beruht darauf, daß ganz gleiche Substanzen
nicht von einander unterschieden werden könnten. Prop. 4 u 5. Sp. berief sich also
hier, wie Leibnitz auf den Satz des Nichtzuunterscheidenden.) so kan̄ eine

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134
Substanz nicht von einer andern hervorgebracht werden (Prop. 6.) Also: eine Substanz
ist überhaupt nicht ein durch ein andres hervorzubringendes, sondern unmittelbar
caussa sui. (Vgl besonders Coroll ad Prop. 6.)

112. IV. Zum Wesen der Substanz gehört ihr Daseyn. Beweis. Sie ist (III) caussa sui,
ihr Wesen schließt daher (nach Defin. 1.) nothwendig das Daseyn in sich (Prop. 7.)

Dieser Beweis beruht hauptsächlich auf Defin. 1. welche also lautet: Unter caussa sui
verstehe ich das, dessen Wesen zugleich das Daseyn in sich schließt.
Diese Bezeichnung
scheint etwas willkührlich, man sieht nicht sogleich, wie die Definition auf das Definitum
paßt: außerdem kön̄te man ihm auf den ersten Anblick antworten: nen̄st du
jenes caussa sui, so kan̄ diese Definition durchaus auf kein mögliches Wesen ange=
wendet werden; denn es existirt schlechthin Nichts, aus dessen bloßem Begriffe [am Rande: oder Wesen] schon
das Daseyn nothwendig erfolgte, das nicht auch als nicht seyend gedacht werden
kön̄te. Doch ohne Zweifel meinte er es anders, und tiefer. Ein Wesen, das da in
seiner Existenz von keinem andern abhängt, durch ein Anderes in keiner Art bedingt
seyn kan̄, das absolut ist [am Rande: mit Einem Worte], ist eben darum zu denken als nicht geworden, und nicht
werdend, als ohne Anfang und ohne Ende in seiner Existenz verharrend: kein
Zeitmoment, in welchem es nicht als seyend zu setzen wäre! – Dadurch hat er
indessen für das wirkliche, objective Daseyn eines solchen Wesens noch nichts ge=
won̄en: er ist nur zu dem Schlusse berechtigt, daß, falls ein solches Wesen existire,
es nothwendig nicht geworden, u nicht werdend, überhaupt unvergänglich und
unveränderlich sey. [am Rande: Er kann, im Falle des Daseyns ei
nes solchen, eine gewisse Beschaffenheit
seines Seyns (die Ewigkeit) behaupten.
]
Das wirkliche Daseyn davon, auf welches jener Schluss aufge=
baut wird,
hätte aber entweder aus unmittelbarer Erfahrung, oder durch einen
gültigen Rückschluß besonders erhärtet werden müssen. Eben so verhält es sich
auch mit dem Beweise des obigen Satzes. Sp. denkt sich eine zu einem organischen
Ganzen geschlossene Man̄igfaltigkeit – eine Substanz: er hatte behauptet, und mag
auch bewiesen haben, daß diese nicht durch ein anderes hervorgebracht seyn kön̄e,
sondern nothwendig in sich selbst Grund ihres Daseyns sey. Dadurch ist er aber nur
zu dem Schlusse berechtigt: Wen̄ eine solche Substanz wirklich existirt (faktisch),
so ist sie nicht durch ein Anderes hervorgebracht, sondern ist absolut – selbst Grund
ihres Daseyns. Keinesweges ist er aber berechtigt, zu dem Satze fortzuschreiten:
Weil sie, wenn sie existirt, caussa sui ist, darum existirt sie nothwendig, kan̄
nicht nicht existiren. Es ist schon oben aus dem in̄ern Wesen des Erken̄ens bewiesen
worden, daß durch reines Denken, durch bloße Begriffe durchaus keine Wirklichkeit
zu erschwingen sey; daß man hiezu nothwendig auf dem Boden der Erfahrung
fussen müsse. Dennoch trachtet grade der Spinosische Beweis darnach, durch den reinen
Begriff der caussa sui hierin etwas auszurichten.

Wir gehen indessen, da durch die Einwendungen gegen jenen Beweis das System selbst
gar nicht angegriffen ist, mit vorläufiger Annahme des obigen [Satzes], weiter fort.

113. V. Jede Substanz ist nothwendig unendlich (Prop. 8.) Denn, da es nicht mehrere
gleicher Natur geben kan̄, (III) und solche, die mit einander nichts gemein haben,

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auch sich nicht begränzen – einschränken können: (Defin. 2.) so ist eine jede
Substanz uneingeschränkt, unbegränzt, unendlich; (weil endlich nach Defin. 2.
dasjenige genan̄t wird, was durch ein anderes von gleicher Natur begränzt werden
kan̄, z. B. ein Körper heißt endlich, weil wir uns im̄er einen größern denken
kön̄en.) Es ist weiter nichts bewiesen, als daß dieselbe Realität nicht vertheilt
seyn kön̄e an zwei Substanzen, sondern nur Einer zukom̄e. Dann wäre dieser
Satz ja aber seinem Wesen nach schon enthalten in Prop 5? (S. III.)

114. VI. Jede Eigenschaft der Substanz muß aus sich begriffen werden. (Prop. 10.)
Die Substanz ist ein Inbegriff von man̄igfaltigen (also ungleichartigen) Eigen=
schaften (I.). Aus einander lassen dieselben sich darum nicht herleiten, sondern
sie müssen unmittelbar und aus sich selbst begriffen werden. Die Absicht, die
Sp. bei diesem Satze hat, ist folgende: Im vorhergehenden hat er bewiesen, daß
dieselben Eigenschaften nicht an verschiedene Substanzen vertheilt seyn kön̄en
(III u V.). Jetzt soll darauf aufmerksam gemacht werden, daß auch verschiedene
Eigenschaften Einer Substanz zukom̄en kön̄en. Im Gegentheil: Je mehr Realität
einer Substanz [am Rande: zuzuschreiben ist]zukom̄t, desto mehr Eigenschaften hat sie auch – als Eine Substanz.
(S. Prop. 9 u Schol. ad Prop. 10.)

 

115. Dies sind nun eigentlich nur die Präliminarien, die leisen Vorbereitungen zu
großen Entscheidungen gewesen: es ist nur ganz im Allgmeinen von dem
Wesen der Substanzen gesprochen worden, von dem Verhältnisse derselben zu
ihren Attributen, und zu einander, falls es nehmlich deren mehrere geben
sollte. Von einem realen Seyn dagegen, von einer objectiven Vorhandenheit
war noch gar nicht die Rede, und nur zur Vorbereitung wurde der Satz auf=
gestellt: daß das Wesen der Substanz zugleich Daseyn involvire, gegen dessen
Gültigkeit wir einige Erinnerungen gemacht haben.

Um desto entscheidender bricht er jetzt hervor, desto umfassender und wichtiger ist
der folgende Satz, durch welchen – genau berechnet – nicht weniger als die Nothwen=
digkeit des Daseyns Gottes sam̄t der Welt, mit allen ihren Realitäten von der
kleinsten bis zur größten – in Einem Schlage bewiesen werden soll:

116. VII. Gott, oder die aus unendlichen Attributen bestehende Substanz, deren
jede ein ewiges und unendliches Seyn ausdrückt
(S. Defin. 6.) ist nothwendig
da
(Prop. [...]11.). Es war daher auch wohl [am Rande: vorzüglich] nöthig, daß dieser einträgliche Satz gehörig
fest [werde]stehe, und dazu sollen Drei Beweise dienen, die ihm nachfolgen.

Entkleiden wir indessen jenen Satz von der Spinosischen Terminologie, so bleibt die
Behauptung, daß Gott, als der Inbegriff aller Realität u Vollkom̄enheit als das
allerrealste Wesen, nothwendig existire. So steht Er hier auf demselben Punkte
mit welchem andere Philosophien gewöhnlich anfangen, und auch Ihm dienten –
wie schon gesagt – die vorausgeschickten Sätze nur als Vorbereitungen; erst
von hier aus geht eigentlich das System selber an, da hier zuerst von einer Wirk=

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lichkeit, von einem objectiven Daseyn gesprochen wird. – Doch offenbar steht er bei
dem Beweise, den er zu führen gedenkt, im Nachtheile: er muß ihn aus dem reinen
Begriffe
führen, weil er an die Erfahrung gar nicht irgend wie angeknüpft hat;
er bleibt auf den ontologischen beschränkt, von dem wir schon im Allgemein
wissen, daß er nicht leisten kan̄, was er verspricht.

117. Der erste Beweis ist in apagogischer Form abgefaßt: Wer den Satz läugnen
sollte, müßte sich denken, daß Gott nicht existire. Daraus würde folgen, daß sein
Wesen kein Daseyn involvire. Da dieses nun ungereimt ist (Prop. 7.) so, u s.w.
Also, wer das Daseyn Gottes läugnete, würde überhaupt ein solches läugnen, durch
dessen Wesen zugleich auchf sein Daseyn geschlossen werden müßte: dies ist der
eigentliche nervus des Beweises. Jene Behauptung ist nun keinesweges ungereimt,
vielmehr möchte das Gegentheil dergleichen bei sich führen; der Beweis fällt
[...] selbst zusam̄en [...]Doch Aus dem bloßen Begriffe einer Sache kan̄ man nur
auf bestim̄te Eigenschaften, auf eine gewisse Beschaffenheit derselben schließen,
wie z. B. aus dem Charakter der Aseität auf ein unbedingtes, unverän=
derliches
, und ewiges Daseyn: die Wirklichkeit gehört aber gar nicht zu den Eigen=
schaften, den qualitativen Bestim̄ungen einer Sache, sondern ist eine besondere
Klasse, eine Kategorie, in welche der Begriff mit allen seinen Bestim̄ungen erst
eingetragen wird, – oder auch nicht, worüber also nicht aus dem bloßen Begriffe
heraus entschieden werden kan̄. Darin, daß man diesen Unterschied so leicht
übersieht, möchte aber eben der Schein des ontologischen Beweises liegen, und der
Zauber, mit dem er noch im̄er ganz unversehens den nicht Vorsichtigen umstrickt:
er fordert auf, ein allerrealstes Wesen, den Inbegriff aller Vollkom̄enheit zu
denken: , nur,nun, fährt er fort, dazu gehört doch auch die Existenz, die da offenbar zur
Vermehrung der Vollkom̄enheit des Wesens etwas beiträgt; du würdest also
ein jenem Begriffe wWidersprechendes behaupten, wenn du seine Existenz leugnetest,
es nicht zu gleich als existirend annähmest. Die Form des Schlusses geht ganz un=
tadelhaft einher, und man weiß um so weniger, wie man sich seiner erwehren,
oder ihn angreifen soll.

118. Der zweite Beweis der obigen Proposition scheint mir sogar selbst wieder
zwei Demonstrationen in sich zu enthalten, und so gewissermaßen in zwei
Abschnitte zu zerfallen, von denen der erste eigentlich nur die Variation
des vorgehhergehenden (117) ist, der andere zu viel, und darum auch nicht das
Gehörige beweisen zu wollen scheint. Ich lege meine Meinung deutlicher dar.

119. Von jedem Dinge, sagt er, muß ein Grund angegeben werden, entweder,
warum es existirt, oder warum nicht. Dieser muß aber entweder im Wesen
des Dinges selber, oder außer demselben liegen. Der Grund, warum ein viereckiger
Zirkel nicht da ist, liegt ganz allein in seinem Wesen; er ist unmöglich, er
enthält einen Widerspruch. Auf der andern Seite erfolgt unmittelbar das Daseyn

42
der Substanz [am Rande: schon unmittelbar] aus ihrem bloßen Wesen; siedies involvirt nehmlich das Daseyn, S.
Prop. 7. (Nun da ist sie ja wieder, die nothwendig existirende Substanz
und mit ihr das nothwendige Daseyn Gottes: Es ist nach den obigen Prae=
missen alles bewiesen, was bewiesen werden sollte, und ich sehe nicht ein,
warum noch ein Wort dazu zu setzen nöthig seyn solltewäre!) Dagegen das Daseyn eines Triangels oder Kreises fließt nicht aus seinem bloßen We=
sen, sondern aus der Ordnung der Natur. In dieser muß ein Grund liegen,
warum entweder der Triangel da ist, oder warum es unmöglich ist, daß er
existirt. Daraus folgt aber, daß dasjenige nothwendig da sey, wovon
kein Grund vorhanden ist, welcher sein Daseyn hinderte
. Wenn es daher keinen
Grund giebt, der Gott da zu seyn hindert, so muß daraus geschlossen werden,
daß er nothwendig existire. Schleießlich wird nun noch bewiesen, daß ein
solcher, Gottes Daseyn aufhebender Grund weder außer ihm, noch in seinem
Wesen liegen könne: außer ihm nicht, weil eine Substanz verschiedener Na=
tur, da sie nichts mit ihm gemein hätte (Prop. 2.) sein Daseyn weder setzen,
noch aufheben könnte: in ihm noch weniger, da ja sein Wesen unmittelbar
schon Daseyn involvirt.

120. Wen̄ der Satz: daß dasjenige nothwendig da sey, wovon kein Grund vorhan=
den ist, der sein Daseyn hinderte, eine allgemein gültige Wahrheit enthält; so
muß er auch wahr bleiben, wen̄ man ihn auf ein anderes Beispiel, von dem
dasselbe gilt, anwendet: Man denke sich also die Sphinx, oder noch besser – ein
ganz neues, mit den übrigen Thiergattungen nichts gemein habendes lebendes
Wesen, so läßtließe sich aus denselben Praemissen die Nothwendigkeit seines Daseyns
erweisen. Der Grund, welcher sein Daseyn hinderte, müßte entweder außer
ihm liegen, oder in seinem eigenen Wesen. Außer ihm nicht, denn durch Etwas,
das mit ihm nichts gemein hat, kann sein Daseyn weder gesetzt noch aufgeho=
ben werden: in ihm selbst auch nicht, denn nur dan̄ hebt das Wesen das Daseyn
auf, wen̄ es etwas sich selbst widersprechendes enthält; der Begriff der Sphinx dagegen enthält nichts dergleichen; es giebt schlechthin keinen Grund, welcher ihre
Wirklichkeit verhindern könnte. – Sollen wir [nur ]diese beiden Folgerungen
aus jenem Satze an̄ehmen – den̄ es scheint doch die Eine eben so viel Recht zu
haben, als die andere? – Ich wenigstens bin entschlossen, sie beide fahren zu
lassen. Eben darum aber kan̄ es auch nicht die wahre Meinung Spinosa’s
seyn, obgleich die Worte also lauten! Es bleibt daher nichts übrig, als anzuneh=
men, daß mit demjenigen, wovon es keinen Grund giebt, der sein Daseyn hin=
derte, im eingeschränkteren Sinne das gemeint sey, wovon einen äußern Grund
anzunehmen völlig widersprechend wäre, welches eine Bedingtheit durch ein an=
deres durchaus abweist, das Aussichselbstseyende, das Absolute; und bei diesem,
würde nun gesagt, sey das Daseyn schlechthin nothwendig, und so müsse Gott

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existiren, weil ihm jener Charakter zukom̄e. Warum muß den̄ nun das
Unbedingte nothwendig existiren? Dafür bleibt kein anderer Grund übrig, als
der schon oben mehrmals gebrauchte: weil das Wesen der Aseität – (der Substanz)
zugleich Daseyn involvire. Dan̄ ist es jadies aber [ja ]gar kein neuer Beweis, wie
uns versprochen wurde, sondern es ist der alte, und anders angekleidet;
und der lange Umweg hätte uns unvermuthet an den vorigen Platz zurück=
geführt: auch hier stände und fiele alles mit dem Satze, daß das Wesen der
Substanz nothwendig Daseyn involvire

Anmerk. Ich gestehe, daß ich nicht ohne [am Rande: die größte] Schüchternheit auf das so eben Geschriebene
zurückblicke; den̄ es betrifft die Hauptstelle eines Werks, dessen Urheber man
als den größten Denker und beson̄ensten philosophischen Künstler verehrt. Doch
habe ich jenen Beweis mehr als einmal mit aller mir möglichen Aufmerk=
samkeit durchgerechnet, und – ich kan̄ nichts Anderes, als das Angegebene darin
finden.

121. Die Argumentation des dritten Beweises geht im Wesentlichen also einher:
Nichtseynkön̄en ist Mangel, Unvermögen; dagegen Seynkön̄en ist Vermögen,
wie an sich klar ist. Da nun, was faktisch vorhanden ist, endliche Dinge sind, so
wären diese vermögender, mächtiger, als das absolut Unendliche, welches un=
gereimt ist. Also, wen̄ endliche Dinge wirklich sind, muß um so mehr auch das
Absolute wirklich seyn.

Eine neue Beweisart schiene auf den ersten Anblick dies [...]allerdings zu
seyn; den̄ es wird hier der reine Gedanke verlassen, und irgendwie fester
Fuß gefaßt in der unmittelbaren Erfahrung, die eine faktische Wirklichkeit
herbeiliefern muß. Es kom̄t indessen Alles an auf den Rückschluß, der auf
diese Faktizität aufgebaut wird.

Wir halten uns zunächst an die Praemisse, aus welcher der Schluß erfolgen soll:
Nichtseynkönnen ist Unvermögen, Seynkön̄en ist Vermögen, wie an sich klar ist.
Ein Nichtseynkön̄en kan̄ nur von demjenigen ausgesagt werden, dessen Begriff
einen Widerspruch in sich enthält, z. B. ein viereckiger Kreis, ein zweiseitigesr
Triangel; das eben darum gar keinen klaren Gedanken, keine bestim̄te Vorstellung
zuläßt.x) Grade des wegen muß man aber auch allem dem ein Seynkön̄en zuschreiben,
welches keinen solchen Widerspruch enthält, sondern ein klarer, in allen Theilen
ausgebildeter und in sich übereinstim̄ender Begriff ist: die Bedingungen der Wirk=
lichkeit sind eben nicht verletzt. Aber eben darum, weil dieses Seynkön̄en so weit
ausgedehnt werden muß, so trägt es, wenn man es einem Begriffe zuschreibt, zur  

x) Ein solcher Widerspruch ist nichts weiter, als das Setzen eines Gedankens, und das gleichzeitige
Wiederaufheben desselben durch einen entgegengesetzen, ein Ansatz zu einem Begriffe,
der, nicht ausgedacht, einem mit ihm nicht verträglichen Platz macht. Also nicht
einmal im Gebiete des Denkens kan̄ man einen solchen Begriff wirklich nennen,. [um]
[wieviel weniger drum ihm] außerdem irgendeine Wirklichkeit zuschreiben.

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Belehrung über dessen wahre Wirklichkeit durchaus nichts bei.

Dies ist indessen außerwesentlich, und nur einen nicht gut gewählten Ausdruck
(das Seynkön̄nen) treffend, denn es ist nachher nicht vom bloßen Seynkönnen,
was, wie schon gezeigt, auf das wirkliche Seynkönnen weitern Schluß erlauben
würde, sondern vom wirklichen Existiren die Rede. Der nervus des Beweises
beruht darauf: die Eigenschaft zu existiren ist eine Realität, Vollkom̄enheit an
Etwas; dagegen der Mangel jener Eigenschaft ist Unvollkom̄enheit, Man=
gelhaftigkeit: kom̄t nun schon einem endlichen Dinge diese Realität zu, um
wievielmehr muß nicht das allervollkom̄enste dieselbe besitzen; Gott, oder
das allerrealste Wesen existirt also ganz gewis! Man sieht schon, was wir
wieder an diesem Beweise auszusetzen haben werden, das, was wir auch
schon gegen die Gültigkeit der frühern einwandten: es beruht derselbe wie=
derum darauf, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft sey, die zur Vermehrung
der Realität eines Dinges etwas beiträgt; und so ist Sp. auch dazu gekom̄en,
den Satz auf eine nicht ganz verständliche Weise also auszudrücken: Seynkön̄en
(die Eigenschaft zu existiren) ist Vermögen, das Gegentheil – Mangel, Beraubung.
Jenes vorausgesetzt (was aber eben nicht vorausgesetzt werden kan̄, weil es
[am Rande: sich anders verhält]falsch ist,) ist der darauf gebaute Schluß ganz richtig; wen̄ einem endlichen
Dinge eine Realität zukom̄t, darf sie dem allerrealsten Wesen offenbar
nicht fehlen, das indeß bei diesem Schlusse – wohlgemerkt! – schon als existirend
vorausgesetzt wird. – Also auch hier, sehen wir, ist derselbe Umstand im Spiele
gewesen, der schon die frühern Beweise für uns unstatthaft machte: auch
dieser fußt auf dem Satze, daß das allerrealste Wesen nothwendig auch die
Eigenschaft des Daseyns an sich tragen müsse. Spinosa bleibt nach wie vor bei dem
Beweise aus dem reinen Gedanken stehen, denn, daß er die faktischen Dinge
mit hinein zieht, ändert nichts an ihmdemselben, und er hätte füglich sich dies ersparen
kön̄en:. aAnstatt zu schließen: Eine Eigenschaft, die die Endlichkeit hat, muß
doch auch dem absolut Unendlichen zukom̄en, – hätte er einfach sagen kön̄en, wie
früher: Gott ist nur als Inbegriff aller Realität zu denken, dazu gehört auch die
Existenz, also ist er nur als existirend zu denken.

Wir sehen also, wie es mit diesem aus der Erfahrung geführten Beweise
(wie Sp. ihn im Schol zu diesem Satze nen̄t) stehe: es ist gleichfalls nur der
Eine, selbige, ontologische, der hier mit einem neuen Zierrathe geschmükt er=
scheint: wir glauben drei Beweise zu zählen, indem wir doch nur Einen haben
der bald so, bald anders eingekleidet für einen neuen ausgegeben wird: und
auch dieser Eine leistet nicht, was er verspricht.

 
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122. Obgleich nun Spinosa in dem Beweise seiner Proporsition (VII) uns nicht Genüge
gethan, und wir uns daher gegen die Annahme seiner Einen Substanz sträuben
kön̄ten, so kan̄ es uns doch erlaubt seyn, die Sache selbst anzunehmen, obwohl uns
ihre Beweise nicht gefallen. Denn ein anderes ist die Vertheidigung einer Wahrheit,
ein anderes die Wahrheit selbst; wenn jene auch ungenügend scheinen sollte, kan̄
man dieser darum doch den vollen Beifall geben; und wir haben [ja ]schon im
Vorhergehenden zu zeigen uns bemüht, welche Vorzüge die Spinosische Ansicht
vor allen ihr vorausgegangenen habe. Wir kön̄ten daher wohl Gründe haben,
unbesorgt für die Tüchtigkeit der Sache auch jenen Satz anzunehmen, und, auf
ih[m]n gestüzt, der Argumentation Sp. weiter zu folgen.

123 (VIII) Da außer Gott, oder der unendlichen Substanz, eine andere weder existiren,
noch gedacht werden kan̄
(Prop. 14): indem Er der Inbegriff aller Realität ist, eine
zweite Substanz also – wenigstens zum Theil – ihm gleich seyn müßte, dieses aber
(III) absurd ist[;]) und da ferner die Eine Substanz sich in eine Mehrheit derselben nicht
verwandeln kan̄
, oder nicht theilbar ist, (Prop. 12. u 13x)) so ist das Hauptgesetztheorem
des Spinosischen Systems, aus dem das übrige folgt, und in dem jenes eigentlich
enthalten ist, bewiesen: Alles was ist, ist in Gott, und ohne ihn kan̄ nichts seyn noch
gedacht werden
(Prop. 15.).

124. Es sey uns erlaubt von diesem hellen Licht= und Gipfelpunkte aus, bevor
wir zur besondern Anwendung herabsteigen, eine allgemeinere Deutung dieser
ganzen philosophischen Ansicht aus jenem Satze hier hinzu zu fügen.

Die gewöhnlichen, bisher angeführten Philosophien gingen insgesam̄t gleich bei ihrem
ersten Schritte von einer Tren̄ung in entgegengesetzte Hälften aus: Gott ist ihnen
ein besonderes, von der Endlichkeit völlig ausgeschiedenes; sein Seyn ist schon
an und für sich durchaus fertig und vollkom̄en, ehe noch die Endlichkeit zu ihm
tritt, die darum zu Gottes Seyn völlig entbehrt werden kan̄, und in ihrer Existenz
als durchaus zufällig erscheint. Aus dieser Ansicht nun, die indessen, wie bereits
nachgewiesen, der Vernunft die erste und ursprünglichste seyn mußte, entstanden
die unauflöslichen Schwierigkeiten bei der Frage nach dem Grunde des Daseyns
der Endlichkeit, und dem Wie ihres Ursprungs. Die jetzt angeführte Philosophie dagegen,  

x) Der Beweis – wen̄ es anders dafür noch eines Beweises bedarf, daß Etwas durch sich
selbst nicht in das Entgegengesetzte sich verwandeln kan̄, geht so einher: wäre die
unendliche Substanz theilbar, so müßten ihre Theile entweder das Wesen der unendlichen
Substanz behalten, oder nicht; (sie würde sich ersten Falls gleichsam wiederhohlen:)
dann gäbe es mehrere Substanzen derselben Natur, was (III) ungereimt ist. Im
andern Falle dagegen würde die absolute Substanz zu seyn aufhören kön̄en, welches
eben so ungereimt istwäre.

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– und darin besteht eben ihr Vorzug in speculativer Hinsicht – verwirft eben
so ursprünglich jene Zweiheit, jenes besondre und vollendete Seyn des Absoluten
außer und neben der Endlichkeit, zu welchem diese erst auf eine unbegreifliche
Weise hinzuträte: ihr ist wahrhaft und im eigentlichen Sinne nur Eines, das
Absolute, und die Endlichkeit, fern davon, etwas besonderes, irgendwie von
Gott ausgeschiedenes zu seyn, ist selbst in Gott, hat selbst den unmittelbar=
sten Theil an dem göttlichen Seyn, folgt schlechthin aus dem gesetzlichen Wesen
Gottes, und wird durch dieses im Daseyn erhalten. Und so ist den̄ der Inbegriff alles
des Wirklichen, das uns umgiebt, das wir mit der Erfahrung im weitesten und
allgemeinsten Sinne umfassen kön̄en, gleichmäßig nur Accidenz der Einen
göttlichen Substanz; diese Substanz ist aber selbst nicht etwas irgendwie von
ihren Accidenzen verschiedenes, (109) sondern ist nur ihre Verknüpfung, ihr
Band, ihr zu einem organischen Ganzen verbundener Inbegriff. So fällt freilich das eigentlich Schwierige – die Frage nach dem Ursprunge der
Endlichkeit in dieser Philosophie von selbst hinweg; für sie ist diese Frage gar
nicht da, weil sie durch einen kühnen Schwerdtstreich das Schwierigkeiterregen=
de – die Zweiheit – ausgetilgt hat. Und so ist den̄ wohl erklärt, wie und in
welchem Sinne wir den unterscheidenden Charakter einer ganz eigenthümlichen
philosophischen Ansicht in dem oben aufgezeichneten Satze: Alles was ist,
ist in Gott
, finden kon̄ten

 

125. In den folgenden Sätzen bemühet sich Spinosa nun, nach den schon bekan̄ten
allgemeinen Praemissen den Zusam̄enhang der endlichen Dinge mit dem Ab=
soluten begreiflich zu machen. – Wir stellen zuerst seine Argumentation
möglichst treu dar, und fügen sodan̄ unsere Bemerkungen und Einwürfe dazu. 126. IX. Aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur muß Unendliches auf
unendliche Art (d. i. alles was der unendliche Verstand fassen kan̄) folgen
(Prop. 16)
– dieser fast seltsam ausgedrückte Satz ist nichts weiter, als nähere Bestim̄ung
des vorhergehenden, (15), indem zugleich darauf aufmerksam gemacht wird,
daß eine Unendlichkeit von Affektionen der Substanz gesetzt sey. –

Beweis. Je mehr Realität einer Sache zukom̄t, desto mehr Eigenschaften sind
ihr zuzuschreiben, der höchsten Realität also schlechthin unendliche Eigenschaften
(Defin. 6.) deren jede in ihrer Art ein unendliches Wesen ausdrückt. So muß
aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur Unendliches auf unendliche
Weise folgen, d. h. alles, was von einem unendlichen Verstande gedacht
werden kann, muß der göttlichen Substanz zugeschrieben werden, als aus
ihrem göttlichen Wesen hervorgehend.

Folgerung. Also ist Gott die hervorbringende Ursache aller Dinge, die nur
in aller Unendlichkeit hin gedacht werden können.

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Hieran schließt sich der folgende (17) Satz:

127. Gott handelt nach den Gesetzen seiner Natur, ohne von etwas Anderem
bestim̄t zu werden
. Dies ist für sich selbst klar, indem es das Wesen der Absolutheit
schlechthin aufheben würde, bei Gott an ein Bestim̄twerden durch ein Anderes zu
denken. Doch schiebt sich hier plötzlich ein Ausdruck ein, auf den wir aufmerksam
machen müssen: Gott handelt? Davon hat im Vorhergehenden noch schlechterdings
nichts verlautet: Wir haben ihn nach den vorigen Sätzen erkan̄t als Substanz
unendlicher, gleich ihm ewiger und unvergänglicher Eigenschaften, deren jede
wieder ihre man̄igfaltigen Bestim̄ungen (modos) in sich enthalten mochte,
die offenbar eben so ewig und unveränderlich seyn müßten, wie die Eigenschaften,
denen sie angehören. Hier kon̄te drum durchaus nicht von einem Handeln,
Wirken Gottes, oder überhaupt nur von irgend einer Veränderung und Werden
in seinem innern Wesen die Rede seyn, vielmehr mußte man das Widersprechende
und Ungereimte dieser Annahme einsehen. Schon im Coroll. [...]I. ad Propos. 16
sprach Sp davon, daß Gott wirkende und hervorbringende Ursache aller Dinge
sey. Doch dies konnte man, ohne nicht die unterstrichenen Worte pedantisch zu
drücken, nur also verstehen, daß Gott überhaupt und im Allgemeinen Existential=
grund alles Vorhandenen sey; mußte aber erwarten, daß die Möglichkeit der
Entstehung endlicher Dinge und eines Werdens überhaupt noch besonders abgeleitet
werden würde. Statt dessen ist ganz unverhofterwartet von einem Handeln Gottes
die Rede, welches um so befremdlicher ist, da man sich von demselben an dieser
[...]lle noch gar keine klare und feste Vorstellung machen, sondern nur im
Allgemeinen erken̄en kan̄, daß hier ein Werden in das Seyn des Absoluten
eingeschoben werden soll. Vielleicht finden sich indessen in dem folgenden
Gründe, die die Veranlassung dazu, und die Absicht dabei genugsam erklären!

128. Es ist hier zugleich von einem Gesetze der göttlichen Natur die Rede,
welches so anstößig geworden ist, zumal, da er im Scholion zu diesem Satze
nachdrücklich und eifrig dagegen protestirt, Gott Freiheit im gewöhnlichen Sinne
zuzuschreiben[am Rande: , und gar hart diejenigen an=
redet, die eine solche behaupten.
]
So w[a]erfen seine Gegner hinwiederum ihm vor, daß er Gott zer=
reiße und zerspalte in ein Bestim̄endes (das Gesetz selbst) u in ein Bestim̄tes – das
Wesen Gottesselber, in Princip und Principiat. Doch unserer Meinung nach wird
[...]durch ihm Unrecht gethan, und seine Meinung nicht mit gehörigemr ScharfsinnSchärfe
gefaßt, sondern mit dem oberflächlichen Blicke des Gegners, der sich begnügt,
seinem Feinde irgend eine scheinbare Blöße abgelauscht zu haben. Alles Wirkliche
ist unmittelbar ein Positives = a seyendes, und alles –a durchaus negirendes.
Folgen aus diesem ursprünglichen Charakter = a nun noch ferner die Betandtheile = bcd,

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so kan̄ jenes Etwas, so gewiß es grade diesen Charakter an sich trägt, nicht in
irgend einer Rücksicht seÿn = –abcd, sondern ihm kan̄ nur das zu geschrieben
werden, was außerd[...]em aus diesem Charakter folgt. Diese innere unwandel=
bare Bestim̄theit seines Wesens, die nicht überschritten werden darf, weil das
Ding dadurch ein anderes werden würde, darf nun allerdings Gesetz jenes Dinges
genan̄t werden, ohne daß dadurch an ein besonderes, vom Dinge selbst verschiede=
nes
Gesetz gedacht werden dürfte. Gesetz und Ding sind ohne Tren̄ung, in Einem
Schlage, ja sie sind selbst Eines und dasselbe, und die Tren̄ung geschieht nur im
Denken, welches den reinen Begriff und die Sache selbst auseinander hält, und
sich entgegenstellt.

129. X. Gott ist die im̄anente, nicht aber die vorübergehende Ursache der
Dinge
(Prop 18.). Der Beweis beruht auf dem uns schon bekan̄ten allgemeinen
Satze: Alles, was ist, ist in Gott. Nur dadurch vermag überhaupt etwas zu existiren,
daß es durch die göttliche Natur gesetzt ist; diese ist der Schöpfer und Träger alles
Existirenden, und ließe ein Ding diese fahren, so fiele es heraus aus dem Umkreise
des göttlichen Seyns, so wäre dies der Moment seiner Vernichtung. Die Dinge werden
nach Sp.nNur durch unmittelbaren göttlichen Beistand [am Rande: werden alle Dinge nach Sp.] im Daseyn erhalten. Und
so ist dieser Satz characteristi[r]sch für die Spinozische Lehre im Gegensatze mit den
gewöhnlichen Schöpfungstheorien, die eine Art von Selbständigkeit der Dinge nach
vollendeter Schöpfung zu behaupten scheinen, bis sie etwa hernach wieder dereine ver=
bessernden Hand Gottes [am Rande: gelten lassen.]bedürfen. Uebrigens ist hier der Punkt, wo der Zusam̄en=
hang des Spinosa mit seinem Vorgänger Des [C]Cartes [am Rande: am deutlichsten] hervortritt, der zuerst [...]
fortdauerndes Schaffen der Dinge, einen nie aufhörenden göttlichen Beistand
(assistentia Dei) behauptete, und so den Grundstein für das System des konsequen=
teren Spinosa legte. Und in der That, eine Schöpfung der Dinge angenom̄en, bleibt
als einzig haltbarer Gedanke nur ein fortdauerndes Schaffen stehen, und dieses
wieder streng begründet, führt geraden Weges zum Spinosismus. So zeigt sich auch
von dieser Seite das schon oben behauptete: daß alle frühern Philosophien con
sequent verfolgt, nur in der Spinosischen Theorie enden könnten, und daß
diese als Gipfelpunkt und letztes Ziel alles bisherigen Philosophirens anzusehen
sey.

130. Wir haben den jetzt behandelten Abschnitt der Ethik im Allgemeinen so
charakterisirt, daß in ihm der Zusam̄enhang der endlichen Dinge mit der abso[...]
unendlichen Natur der göttlichen Substanz erörtert werden solle. Sp. kom̄t nun
dadurch seinem Zwecke im fFolgenden näher, daß er das Wesen der göttlichen
Substanz in Beziehung auf ihre Attribute und modi genauer entwickelt.

131. XI. Gott, oder alle Attribute Gottes sind ewig (Prop. 19.). Mit Gottes

49.
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Wesen ist zugleich sein Daseyn gesetzt: er ist aber nichts, als der Inbegriff seiner Attribute;
von diesen gilt also unmittelbar dasselbe, was von Gott gilt, weil sie Gottes
Seyn eigentlich ausmachen. Sie sind drum schlechthin im Daseyn, kön̄en nicht nicht
existiren, sind ewig. – Daran schließt sich Prop. 20. Gottes Daseyn (Existenz) und
Wesen sind eines und dasselbe. Alle seine möglichen, durch sein Wesen geforderten
Attribute existiren schlechthin, also der ganze Inbegriff seines Wesens ist im Daseyn:
sein Wesen und Daseyn ist schlechthin übereinstim̄end. Es ist der bündigste
Beweis des schon früher von uns in unserm Namen aufgestellten Satzes: Gottes
Wirklichkeit sey schlechthin gleich seiner Möglichkeit.

132. Hieraus ergiebt sich als 2tes Corollar der wichtige Satz: Gott, oder alle
Attribute desselben sind unveränderlich.
Sein Wesen ist zugleich, und ohne allen
Rückhalt existirend; veränderte sich etwas in ihm nur im Geringsten, so müßte
Gottes Wesen sich ändern, Er ein anderer werden, welches ungereimt ist.

Hier also noch die bestim̄teste Behauptung der Unwandelbarkeit, Nichtgenesis
des Absoluten. Um so neugieriger muß man auf die Wendung werden, durch
welche nun das Princip des Wandels, der Genesis, der Endlichkeit (denn, wie Jjeder
sieht, dies ist Eins!) dem Gegentheile eingefügt werden soll.

133. Spinosa tritt der Sache näher:

XII. (Prop. 21 u 22.) Was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributes
folgt, ist, vermöge dieses Attributs selbst, ewig und unendlich
; und: was aus
einer Modification eines göttlichen Attributs mit Nothwendigkeit folgt, ist
ebenfalls ewig und unendlich.

Anmerk. Endlich nen̄t Sp. dasjenige, was durch ein Ding gleicher Art begränzt
wird, z. B. ein bestim̄ter Gedanke, der ja, gleichsam innerhalb eines gemein=
schaftlichen
Gebietes liegend, genau begränzt wird von einem andern, eben
so bestim̄ten; kurz, was nicht einen umfassenden Allgemeinbegriff ausdrückt.
Unendlich dagegen heißt dem Sp.Spinosa, was eben ein solches allgemeines Gebiet bezeichnet,
eine ewige Form ist für endliche Dinge. Uebrigens kan̄ der Sin̄ dieser Terminologie
vollständig erst dan̄ eingesehen werden, wen̄ man die Anwendung auf wirkliche
Gegenstände, wie sie das Spinosische System macht, trken̄en kennen lernt. Wille
und Verstand z. B. sind die modi des absoluten Attributs Gottes, des Denkens;
sie sind aber die ewigen unwandelbaren Formen für die in dieses Gebiet
gehörenden Endlichkeiten, indem die bestim̄ten Gedanken alle entweder
in das Gebiet des Verstandes (intellectus) oder des Willens gehören. Unendlich
heißen diese beiden Formen, weil sie, die ideelle Thätigkeit abgerechnet, zu der
sie beide gehören, nichts mit einander gemein haben, sich nicht gegenseitig

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begränzen kön̄en; endlich – die bestim̄ten, in eine dieser Formen eintretenden
Gedanken darum, weil sie allerdings unter sich ein gemeinschaftliches haben,
gleichsam auf Einem Gebiete neben einander da stehen, und nur durch ihren
Inhalt verschieden sind.

134. Beweis. 1) Das aus dem absoluten Wesen eines göttlichen Attributs fol=
gende ist nothwendig unendlich. – Denke Dir das Gegentheil, daß also aus dem
Attribute eine endliche Modifikation nothwendig erfolge, z. B. aus dem un=
endlichen Denken ein endlicher Gedanke (= X). Endlichkeit entstehet nur durch
Begränzung; hier müßte aber offenbar das Denken selbst das Begränzende
seyn, in welchem also offenbar die Modifikation X nicht enthalten wäre.
Es läßt sich drum ein Denken annehmen, aus dessen nothwendiger Natur
X nicht folgte. Dies widerspricht aber der Voraussetzung. Drum muß X,
eben weil es aus der nothwendigen Natur des Attributs folgt, und drum
jenem nicht fehlen darf, nicht weggedacht werden kan̄, unendlich seyn W. D. E.

2.) Das aus dem Wesen eines Attributs folgende ist schlechthin ewig. Dies geht
schon aus dem Vorhergehenden hervor: So gewiß nehmlich X unzertren̄lich
ist von dem göttlichen Attribute, dieses aber, als das Wesen Gottes ausma=
chend, schlechthin existirt, so muß auch X eine ewige Dauer zugeschrieben
werden. W. D. Z. W.

3.) Eben so wird auch der Beweis des Satzes geführt: daß, was aus jenereiner Modi=
fikation eines göttlichen Attributs mit Nothwendigkeit folge, ewig und
unendlich seyn müsse.

4.) Prop. 23 enthält die Umkehrung der beiden vorhergehenden Sätze: E[...]
nothwendig und unendlich existirender modus muß nothwendig erfolgen
entweder unmittelbar aus einem göttlichen Attribute, oder wenigstens aus
einer gesetzlichen Modifikation jenes Attributs.

135. Wen̄ wir überlegen, was von Sp. durch die bisher vorgetragenen Sätze er=
wiesen sey, so möchte sich dieses auf folgenden Lehrsatz zurückführen lassen: Alles,
was da existirt, folgt aus der gesetzlichen Natur Gottes,
ist darum nothwendig
ewig
, und in̄erlich unveränderlich, in keinem seiner Theile nicht oder anders seyn
kön̄end, als es ist.

vVon einer Ableitung der endlichen Dinge ist also im Bisherigen durchaus keine
Spur, auch zeigt sich kein Anknüpfungspunkt, von welchem aus dieselbe vor sich
gehen kön̄te.

Wir folgen indessen auch ferner noch der Leitung des Philosophen.

136. XII. Das Wesen der von Gott erschaffenen Dinge involvirt nicht zugleich ihr Daseyn.
Den̄ nur das, was caussa sui ist (Defin. 1.) ist zugleich auch nothwendig da (Prop 24.)
Dieser Satz kan̄, bei aller Einfachheit, zu manchen Deutungen und sogar Misver=

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122.
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140
ständnissen Anlaß geben. Dasjenige, dessen Wesen auch als nicht existirend ge=
dacht werden kan̄, nen̄t man gewöhnlich zufällig; es existirt, aber es kön̄te eben
so gut auch nicht existiren. So soll es nun sich mit den von Gott geschaffenen
Dingen verhalten. Von Gott geschaffene Dinge; – warum dieser schwankende,
in die Spinosische Terminologie gar nicht passende Ausdruck? Er kan̄ nur bedeuten:
durch die gesetzliche Natur Gottes herbeigeführte Dinge. Doch diese sind eben darum,
weil sie dies sind, nicht als zufällig zu betrachten; sie gehören zum gesetzlichen
Wesen Gottes, und sind deswegen allerdings nur (Prop. 20. XI.) als daseyend
zu denken. Alle Zufälligkeit, alles Auchnichtseynkön̄en ist hier schlechthin ausgetilgt,
und das ist grade das cCharacteristische dieser ganzen philosophischen Ansicht, alles
Existirende zu machen zu einem durch das Wesen Gottes schlechthin gefoderten,
drum nicht nicht seyn kön̄enden, so gewiß Gott selber ist.

Also dies kan̄ der Sinn jenes Satzes nicht seyn; er könnte drum nur so verstanden
werden: daß das Wesen aller endlichen Dinge als bloßes Wesen und isolirt
betrachtet, nicht nothwendig auch das Daseyn fordere, sondern daß bloß beim
Wesen Gottes, weil dieser, als das allerrealste, auch die Eigenschaft des
Daseyns haben müsse, von unmittelbarer Existenz die Rede seyn kön̄e. Dan̄
wäre ja aber der Inhalt dieses Satzes eine längst abgetha[ne]ne s Sache, indem
dies schon von selbst aus den Sätzen über das allerrealste Wesen hervorgieng,
und man am wenigsten einsieht, wie das hierher gehöre, da jener Satz durch
das Nachherige ganz außer Kraft getreten: Alles was ist, ist in Gott, gehört
zu seinem Wesen; dieses involvirt aber unmittelbar auch das Daseyn. (Prop.
25. 20. XI.) [am Rande: u. s. w.] Um darauf das Corollar zu bauen: daß Gott nicht bloß Ursache
sey, daß die Dinge zu existiren anfangen, sondern auch daß sie fortdauern,
schien Er jenes Satzes auch nicht zu bedürfen, den̄ diese Wahrheit ist wohl schon
in Prop. 18 enthalten (Gott ist nicht bloß vorübergehende, sondern im̄anente
Ursache der Dinge.
). Mögen Andere diese Schwierigkeit lösen, und nicht also,
daß sie auf die Absicht einer Erschleichung rathen, als ob Sp. dadurch die Art
seiner Verknüpfung der endlichen Dinge mit dem Absoluten dem ersten Blicke
hätte entziehen, und sie annehmlicher machen wollen.

137. XIII. Gott ist nicht nur Ursache der Existenz, sondern auch des Wesens der Dinge.
Was ist, ist durch Gottes gesetzliche Natur, (XI) darum auch das Wesen, die innere
[...]schaffenheit der Dinge. (Prop. 25.)

Corollar. Die einzelnen Dinge sind nichts anderes als Modifikationen göttlicher
Attribute, durch welche die letztern auf eine bestim̄te Weise ausgedrückt werden.
(Z. B. das allgemeine, unendliche Attribut, Denken, wird auf eine bestim̄te Weise
in einem besondern einzelnen Gedanken ausgedrückt; der Sinn ist also klar.)
Der Beweis soll aus Prop. 15 und Defin. 5. erfolgen. Letztere lautet: Unter

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Modus verstehe ich die Affektionen der Substanz, oder das, was in einem
andern ist, wodurch es auch begriffen wird. – Nun ist zwar dadurch erklärt,
was die einzelnen Dinge, wen̄ sie einmal angenom̄en werden, nach
dem Spinosischen Systeme bedeuten müssen; aber [...]man hätte doch, bevor
man von ihnen spricht, eine Ableitung derselben, eine Nachweisung ihrer
Möglichkeit und Nothwendigkeit erwarten sollen; wen̄ man aber dieses
im gegenwärtigen Corollar suchen sollte, so würde man vergebens suchen.
Die einzelnen Dinge werden faktisch angenom̄en, und nun aus den bisherigen
Praemissen gedeutet, was sie seyn kön̄en. Mehr ist hier nicht geleistet.

138. Aus dem vorhergehenden Satze folgt nun: Ein Ding, das bestim̄t ist, etwas
zu wirken, ist von Gott so bestim̄t; durch sich selbst kan̄ es sich weder zum Wirken
bestim̄en, noch diese ihm von Gott gegebene Bestim̄ung aufheben.
(Prop. 26 u
27.) Diese Sätze sind bloß eine bestim̄te Anwendung des vorhergehenden (25)
Satzes, und bedürfen drum keines besondern Beweises.

139. Wir kom̄en nun zu einem allentscheidenden Satze, auf dem nicht weniger als
die Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit des ganzen Systems beruht. Wir haben nehmlich
schon früher die Aufmerksamkeit darauf zu lenken nicht erm ermangelt, auf
welche Art Spinosa die endlichen Dinge, oder, was dem Wesen nach einerley ist,
das Werden, den Wandel und Wechsel mit der ewigen, unwandelbaren, in
keinem ihrer Theile sich verändernden göttlichen Substanz vereinigen werde. Bisher
fand sich darüber kein Aufschluß: Doch jetzt sind wir an der Stelle, wo er sich ergeben
muß.

140. XIV. Jedes Einzelne, oder jede Sache, die endlich ist, und ein bestim̄tes D[...]
hat
(quae finita est, et determinatam habet existentiam) kan̄ weder existiren,
noch zum Wirken bestim̄t werden, sie werde denn von einer andern Ursache
zum Seyn und Wirken bestim̄t, welche auch endlich ist, und ein bestim̄tes Daseyn
hat, und wiederum, diese vermag auch unter keiner andern Bedingung zu existiren,
als wen̄ sie von einer andern, gleichfalls endlichen Ursache zum Seyn und
Wirken bestim̄t ist, und so fort ins Unendliche.

Beweis. Was zum Seyn und Wirken bestim̄t ist, ist von Gott also bestim̄t (Prop. 26
und Corol ad Prop. 24.) Aber was endlich ist, und ein bestim̄tes Daseyn hat, kan̄
nicht durch das absolute Wesen eines göttlichen Attributs hervorgebracht werden;
den̄ daraus folgt nur Unendliches und Ewiges (Prop. 21) Es mußte also aus
Gott, oder einem Attribute desselben folgen, inwiefern dieses im Zustande
einer gewissen Modification betrachtet wird: denn außer der Substanz und
deren Modifikationen giebt es nichts, und diese sind nichts anderes, als die
Affektionen der göttlichen Attribute. Aus Gott oder einer Eigenschaft desselben,
inwiefern diese durch eine ewige und unendliche Modifikation bestim̄t ist, kon̄te
es auch nicht folgen (nach Prop. 22.) Debuit (ich führe hier bei diesem entscheiden=
den

53
123.
155.
141
Wendepunkte der ganzen Argumentation die eigenen Worte des Schriftstellers
an) debuit ergo sequi, vel ad existendum et operandum determinari
a Deo, vel aliquo eius attributo, quatenus modificatum est modificatione,

quae finita est, et determinatam habet existentiam. W. D. E. W.

Ferner muß diese Ursache oder dieser modus (aus eben dem Grunde, aus welchem
der erste Theil dieses Satzes bewiesen istx)) wieder von eine[m]r andern Eendlichen
und ein bestim̄tes Daseyn habenden Ursache oder modus bestim̄t seyn, und
diese abermals von einer gleichfalls endlichen; und so geht die Reihe der
aus einander entspringenden Endlichkeiten nothwendig ins Unendliche fort.

Wir nehmen gleich den folgenden (29) Satz hinzu, um so diesen Abschnitt kürzer
zu endigen:

Es giebt überall nichts Zufälliges, sondern Alles ist durch die Nothwendigkeit
der göttlichen Natur bestim̄t auf eine gewisse Art da zu seyn, und zu wirken.

Den Beweis kan̄ Jeder aus dem Bisherigen sich leicht selber führen; wir bemerken
nur, daß weder hier, noch irgendwo im Vorhergehenden ein Wirken eines
Dinges abgeleitet, oder nur überhaupt nachgewiesen worden ist, wie ein solches
möglich sey. Es ist wieder nur eine aus der Erfahrung entnom̄ene Eigenschaft
gewisser endlicher Dinge, die hier als ein ganz allgemeines und umfassendes aufgestellt
worden ist.

 

141. So wäre den̄ das Geheimniß von dem Verhältnisse der endlichen Dinge
zum Absoluten mit einem Male durch jenen einzigen Lehrsatz an das Licht
gezogen, und so die Aufgabe aller Philosophie glücklich gelöst. Die Endlichkeit,
das Werden, ist nicht irgendwie entsprungen, hervorgegangen aus der unwan=
delbaren Natur Gottes, sondern ist gleich ursprünglich neben derselben da, auch
nicht als ein zweites, dem Absoluten heterogenes Princip, sondern als eine von
dessen ursprünglichen durch sein gesetzliches Wesen schlechthin geforderten
Seynsformen.

Die Verknüpfung jener beiden Urformen des göttlichen Seyns ist aber eine solche:
Ein endliches Ding ist nothwendig eine bestim̄te Modifikation der göttlichen Natur;
denn aAlles, was ist, u. s. w. (Prop. 15.). Es kan̄, als endliches, aber weder aus
einem unendlichen Attribute Gottes noch aus einer unendlichen Modifikation
desselben folgen; (Prop. 21 u 22.) Drum kan̄ es nur hervorgehen aus einer
gleichfalls endlichen Modifikation; bei dieser findet dasselbe stStatt, und so
weist ins Unendliche hin jedes Einzelne auf ein Vorhergehendes zurück;  

x) Den̄ gingen sie hervor aus einem unendlichen Attribute, oder einer unendlichen
Modifikation eines solchen, so müßten auch sie unendlich und ewig seyn; drum
kön̄en sie nur durch eine gleichfalls endliche Ursache hervorgebracht seyn, u. s. w.

54
die Reihe der Endlichkeiten hat nie angefangen, den̄ sie kan̄ nie anfangen.
Die göttlichen Attribute sind gleich ursprünglich auch durch endliche Modifikatio=
nen bestim̄t.

142. So hat Spinosa auf das glücklichste den Widerspruch gemieden, in
welchen alle früheren Phlilosophien ohne Ausnahme verfallen sind, um
den Ursprung des Wandels aus dem schlechthin Wandellosen nachzuwei=
sen nachzuweisen, oder auch nur auf eine haltbare Weise zu erklären.
Nach ihm giebt es keinen solchen Ursprung; das Wandellose ist nicht
das erste, und alleinige, aus dem sich gleichsam zufällig der Wandel
als ein zweites et entwickelte, sondern das Wandellose ist selbst
ursprünglich zugleich auch das Wandelnde; Werden und Bestehen ist in
Einem vereinigt durch dies gesetzliche Wesen desselben: Gott ist selbst
das sich verändernde in̄erhalb unwandelbarer Schranken; und den
Inbegriff aller dieser Veränderungen in ihrer ganzen unendlichen In=
tension und Extension macht aus Ein organisches Ganze, Ein All, in
jedem seinem Theile vorausbestim̄t und herbeigeführt durch die nothwen=
dige Natur des göttlichen Seyns: es ist dies gleichsam der unendliche Lebens=
lauf
Gottes.

143. Sind wir nun mit Spinosa soweit vorgedrungen, und hat er das
bisher bewiesene in der That über uns gewon̄en, so ist er im Übri=
gen unangreifbar: der Grundstein seines Systems ist gelegt, die Formen,
die alles Vorhandene umfassen sollen, sind gegeben, und er hat nun
nur hineinzusehen in die Erfahrung, und aufzunehmen, was sich dort
findet, um sein todtes Gerüst lebendig auszuschmüken. Hier zeigt
sich nun die bekan̄te Spaltung in die räumliche Welt, und in die des
Bewußtseyns: alles faktische gehört in die eine, oder die andere die=
ser beiden Klassen, eine dritte giebt es nicht; und so sind den̄ diese
die beiden Hauptaccidenzen, oder, nach Sp. Sprache, die ursprünglichen
Attribute der göttlichen Substanz – unendliche Ausdehnung (extensio
infinita
) und unendliches Denkenx) (cogitatio infinita)

 

x) In der Wahl obigen Ausdrucks zur Bezeichnung der zweiten Sphäre ist Sp,
unsers Erachtens, nicht glücklich gewesen: er will damit offenbar die all=
gemeine umfassende ideelle Thätigkeit bezeichnen, die allen Modifikationen
des Bewußtseyns zu Grunde liegt, und die, nach Abzug alles Besondern, als
das allen Gemeinschaftliche zurückbleibt, wie die allgemeine Ausdehnung für
die andere Sphäre, nach Abstraktion von allem G[...]Körperlichen übrig bleibt.
Doch von jenem unendlichen Denken kan̄ man sich durchaus keinen bestim̄ten Be=
griff machen; es trägt gar keinen fixirten Charakter an sich; es ist dadurch gar

55
124.
156
142

144. Aber dies sind nur die allgemeinsten Abstraktionen, bei denen nicht
stehen geblieben werden kan̄; er geht drum weiter in der Beobachtung, und
findet für jene beiden Hälften wieder Unterabtheilungen (modi), für
die des Denkens, die ungleichartigen ideellen Thätigkeiten, Willen und
Verstand (voluntas et intellectus). Unter dem letztern befaßt er alles
Objectiviren, sey es durch Wahrnehmung, oder in freier Einbildungskraft, welches
wieder Abtheilungen geben würde, die er indessen nicht ins Einzelne ver=
folgt hat. Das erste, der Wille, umfaßt ihm dagegen das ganze Gebiet der
Gemüthsaffektionen (Liebe, Begierde, Haß, u. s. w. S. Ethic I. Prop. 31.)
Für die Sphäre der Ausdehnung sind Ruhe und Bewegung die Unterabtheilungen.

145. Doch d[as]ies sind im̄er nur leere Begriffe, durch Abstraktion gefunden,
dies ist noch nicht das Wirkliche, Thatsächliche. Die göttlichen Attribute sind aber
nicht nur durch ewige Modifikationen bestim̄t, sondern auch durch solche, die
ihr Wesen auf eine bestim̄te und endliche Art ausdrücken (cCorol ad Prop. 25.)
So giebt es auf der einen Seite bestim̄te Ideen, die zugleich zu einer von den
beiden angegebenen (144) Klassen des Denkens gehören müssen, zum
Willen, oder zum Verstande: (den̄ dies sind die unmittelbaren Bestim̄ungen
des göttlichen Attributs, die zu seinem Seyn nicht fehlen dürfen (Prop. 21.
Ethic. I.) und auf der andern Seite, als bestim̄te modi der allgemeinen
Ausdehnung, begränzte Körper (Ethic II. Defin. 1.) die wieder unter eine
von den beiden hieher gehörenden Unterabtheilungen fallen müssen.
Diese endlichen Bestim̄ungen entwickeln sich aber im̄er aus schon vorherge=
gangenen ähnlichen Endlichkeiten, und so geht diese Reihe des Wandels und
Wechsels neben dem Gleichbleibenden ohne Anfang und Ende ihren gesetz=
lichen Gang. Jene Attribute und ewigen Modifikationen – als das Wandel=
lose – sind gleichsam die Urformen, in die der werdende Gott sich hineinge=
stattet, die ursrünglichen Kategorien, innerhalb deren er lebt, und sich
bewegt: und so hat Spinosa auf das glücklichste den Wandel mit den Un=
wandelbaren zu vereinigen und zu verschmelzen gewußt, indem jedes
nur in der Vereinigung da zu seyn vermag, indem beide Principien nur
zusam̄en ein Lebendiges ausmachen.

146. Man hat gefragt, ob nach Sp. Meinung jenen unendlichen Attributen
und Modifikationen außer und vor den einzelnen Dingen noch ein
besonderes Daseyn zukom̄e, indem er doch zuerst nur von Ausdehnung und   x)

x) nicht eine bestim̄te Grundeigenschaft herausgehoben, die wie die Ausdehnung dem Körper=
lichen, also eben dem Geistigen gemein wäre. Diese allumfassende Eigenschaft
für die Sphäre des Bewußtseyns ist das Sichsehen, das Eine, allen näherne Bestim̄un=
gen des Wissens in sich vereinigende Ich, nach obiger Vergleichung, wahrhaft der
allgemeine Raum alles Geistigen zu nen̄en! Vgl. 44.

56.
Denken im Allgemeinen spreche, sie abgesondert hinstelle, sodan̄ aber erst
die einzelnen Dinge hinzu treten lasse. Dies wäre ein großes Misver=
ständniß seiner Lehre. Ausdehnung, Wille, Verstand, u. s. w. für sich
allein genom̄en, sind durchaus nur leere Begriffe, die, als das uUmfassen=
de und gGemeingültige im philosophischen Denken freilich eher seyn mögen,
als die einzelnen in ihr Gebiet gehörenden Endlichkeiten: in der Wirklich=
keit ist beides ursprünglich vereinigt und unzertren̄lich; Ruhe und Bewegung
giebt es nur an den bestim̄ten Körpern: Denken nur, inwiefern es sich
in bestim̄ten Ideen ausspricht; für sich allein ist es nichts als eine leere
Abstraktion. S. Jakcobis Briefe über Spinosa. S. 174-79 u 188.

147. Und um nun alles zusam̄enzufassen: – Alle Begebenheiten – in der
Geister= wie in der Körper=Welt, von dem geringfügigsten Faktum bis
zur entscheidensten That gehören gleichmäßig und auf dieselbe Weise
zur werdenden Natur Gottes, und erfolgen mit Nothwendigkeit und aus sei=
nem gesetzlichen Wesen. Nichts derselben ist zufällig, so oder anders seyn
kön̄end, sondern Alles ist gesetzlich vorausbestim̄t; und, wenn Eines ver=
geht
, und einem andern Entstehenden Platz macht, so geschieht dies nach
demselben Gesetze, und kon̄te nicht unterbleiben: es liegt eben im noth=
wendigen Werden der göttlichen Natur. So endet dieses System in dem
vollendetsten Fatalismus; es ist eine vorausbestim̄te Harmonie [am Rande: im strengsten Sinne], nach
der Alles einhergeht, eine unendliche Reihe von Zuständen, wo der eine
mit absoluter Nothwendigkeit sich stets aus dem andern entwickelt.
Spinosa stim̄t demnach im Wesentlichen mit Leibnitz überein, wodurch des
letzteren berühmter Ausspruch: Wären keine Monaden, so hätte Sp. Recht6
in sein wahres Licht gestellt wird.

Deswegen treffen aber auch alle Einwendungen, die gegen den Fatalismus
gemacht werden können, auch das System des Spinosa. Indessen kan̄ er mit
Recht auf seine Principien zurückweisen, und behaupten, daß aus ihnen sich
kein anderes Resultat ergebe, noch ergeben könne; daß sonach jene Einwen=
dungen, wen̄ sie nicht die Praemissen treffen, an den Folgerungen daraus
kraftlos abprallen müssen. Drum würde man hier freilich zurückgewiesen,
und müßte seine Einwürfe, wen̄ man deren hat, unmittelbar auf die Princi=
pien, die im Anfange aufgestellten Sätze, richten.

148. Bis so weit die Charakteristik des Spinosischen Systems, und der philosophischen
Ansicht überhaupt, welche jede Zweiheit, jede Entgegensetzung des Absoluten und
Endlichen entschieden verwirft. Die merkwürdigen und zum Theil überraschenden
Folgerungen, die Sp. noch ferner aus dem obigen herleitet, übergehen wir, als
herausfallend aus dem Umkreise unsers gegenwärtigen Bedürfnisses.

 

Kommentare

6 Leibniz, Gottfried Wilhelm: »Aus den Briefen von Leibniz an Bourguet. Leibniz an Bourguet. Dezember 1714.« In: Ders.: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Bd. 2, Hamburg 1996, S. 639-648; hier: S. 642.

57.
125.
157
143

149. Zuförderst ist uns durch obige Auseinandersetzung recht klar geworden das
eigentliche philosophische [am Rande: Verfahren]Versehenfahren des Spinosa. Er stellt auf und beweist gewisse
allgemeine Sätze, die, an sich ganz leer, erst durch ihre Anwendung einen bestim̄ten
Sinn und Inhalt bekom̄en. Das üÜbrige besteht lediglich im Beobachten des in
der Faktizität vorhandenen, und im Anwenden desselben und Unterordnen
unter die vorausgeschickten Sätze. Gottes ursprüngliche Attribute sind Ausdehnung
und Denken, den̄ die unmittelbare Beobachtung zeigt ja diese Doppelheit;. Woher
weiß ferner Sp., daß es ein Werden giebt? Nicht aus irgend einer Deduktion,
sondern es ist dies Thatsache, aus welcher er den Rückschluß macht, daß auch dies
ewige Form der göttlichen Substanz sey. Nach dem, was wir im vorigen fanden,
besteht aber die Aufgabe der Philosophie darin, die Thatsachen zu erken̄en, d. h. aus
den höchsten Principien heraus sie in ihrem Grunde, nach ihrem Warum zu begrei=
fen. Und nur das zeigte sich als Philosophie, dem diese Aufgabe durchgreifend
und vollständig zu lösen gelingen würde. – Hier geschieht nun von dem allen
Nichts; ja es verräth sich nicht einmal die Absicht, diese Obliegenheit der Philosophie
zu berücksichtigen. Warum grade diese ursprünglichen Attribute, und nicht
andere, oder mehrere der absoluten Substanz zukom̄en, bleibt durchaus unerklärt;
daß das Werden nirgends abgeleitet worden, haben wir schon erinnert, und
so geht es herab bis auf die [eingelosten] Bestim̄ungen, die alle lediglich aus
der Erfahrung durch Abstraktion gefunden werden. Spinosas ganzes philosophisches[am Rande: Philosophiren]
Verfahren, um es mit Einem Worte auszusprechen, ist nichts, als ein nach
bestimten Grundsätzen einhergehendes, einen gewissen Grundgedanken
durchführendes Beobachten.
Das einzige, was er leistet, ist, daß er den Grundsatz,
– daß nur Eines sey, und alles Andere in diesem – mit der größten Konsequenz
durch=, und alle Phänomene als solche darauf zurückführt. Nirgends aber geht
er aus dem Standpunkte der Beobachtung heraus, und versucht abzuleiten.

150. Auf diesen Umstand könnten wir nun allerdings die Behauptung gründen, daß jenem Systeme, möge es auch das konsequenteste seyn, der Name einer
Philosophie nicht zukom̄en könne, weil wir aus dem Wesen des Erken̄ens
bewiesen zu haben glauben, daß Philosophie überhaupt nur auf dem
Standpunkte des Begründens, Ableitens möglich sey. So könnten wir,
genau zu reden, dasselbe nur ein Denksystem nen̄en, keinesweges aber
Philosophie! Doch was würde uns sonst diese engherzige Unterscheidung helfen?
An sich kan̄ jener Umstand gar nicht zur Widerlegung jenes Systems gereichen,
indem es ja behaupten kön̄te, daß eine andere Philosophie unmöglich bleibe,
und daß es unvernünftig sey, höhere Ansprüche an das Erkennen machen zu
wollen; und erst dan̄ könnten wir diese Entschuldigung verwerfen, wen̄ wir
eine andere Philosophie wirklich auf zu weisen vermöchten, die, bei gleicher

58.
Gründlichkeit im Übrigen, auch dieses Verlangen befriedigte, und so durch
die That die Behauptung von der Unmöglichkeit jener Befriedigung wi=
derlegte. Wen̄ wir daher nicht aus andern Gründen die Unzulänglichkeit
des Spinosischen Systems nachgewiesen hätten, wäre indessen gar keine
Ursach vorhanden, uns um eine andere Philosophie Mühe zu geben, [ja,]
den̄ diese befriedigte völlig die Vernunft: ja, um die Sache völlig auszugleichen,
wir kon̄ten Gründe kennen, nach welchen der Standpunkt der Beobachtung,
den Spinosa eingenom̄en hat, aus seinem einmal gefaßten Plane heraus
als durchaus konsequent erscheinen müßte.

Drum bleibt ein vorläufiges Urtheil über den Werth dieses Systems freilich un=
möglich; es könnte darüber nur entschieden werden aus einer tiefern und
genauern Betrachtung seiner auszeichnenden Grundzüge, zu welcher wir
uns jetzt anschicken.

151. Wir beginnen damit, daß wir den Beweis des 28sten Satzes, durch den die
endlichen Dinge in die Reihe eingeführt und mit dem Absoluten verknüpft
werden sollten, recht zu verstehen suchen. Es ist wohl keinem aufmerksa=
men Leser bei diesem Punkte der Spinosischen Argumentation ein gewisser
Sprung entgangen, und dennoch kön̄en wir demjenigen, der unsere Darstellung
derselben mit dem Originale zu vergleichen nicht Lust oder Gelegenheit hätte,
versichern, daß kein wichtiges Glied der Folgerung übergangen ist. Dies
kön̄te einigen Verdacht erregen; und da es zugleich die wichtigste, und ei=
gentlich entscheidende Stelle seines Systemes betrifft, so ladet dieser Um=
stand um so mehr zu einer nähern Untersuchung des Verhältnisses und
Zusam̄enhanges jenes Satzes mit dem vorhergehenden ein.

152. Wir rekapituliren in dieser Absicht den Inhalt vom 20sten Satze an. 1.) Daseyn und Wesen Gottes sind schlechthin übereinstim̄end: Alles, was im Um=
fange seines Wesens liegt, existirt auch in Einem Schlage: Nichts, das da
zurückbliebe im Nichtseyn, oder das erst nachher hinzukäme. – Dies folgt
unmittelbar aus dem Wesen der Absolutheit, und bedarf eigentlich keines weitern
Beweises.

2.) Eben deswegen aber ist Er durchaus unveränderlich in seinem Seyn; und
Alles, was da irgend Theil hat an diesem Seyn, ist eben darum, weil es Theil
hat, gleichfalls ewig und unveränderlich, d. h. weder der Existenz noch dem
innern Wesen nach, einem Wandel unterworfen.

3.) Es kan̄ in keinem Sinne im ganzen Bereiche des göttlichen Seyns Etwas entstehen
sich [am Rande: innerlich][innerlich] verändern, oder vergehen.

153. Dies vorausgeschickte Allgemeine laßt uns nun anwenden!

Gott ist die Eine Substanz, außer welcher Nichts. Dieselbe führt unmittelbar
bei sich die ursprünglichen Attribute, welche, so gewis sie nichts anderes sind,

59.
126.
158
144
als das Wesen der göttlichen Substanz selbst (Vgl. 109. I.) am Charkater der
Nichtgenesis und der Unveränderlichkeit Theil haben müssen.

154. Aus dem Wesen der Attribute folgen aber schlechthin, sind also unzer=
trennlich
mit ihnen verbunden gewisse Modi, nähere Bestim̄ungen derselben. –
Zwar wird der synthetische Zusam̄enhang zwischen beiden nicht bewiesen,
sondern nur behauptet; das thut indessen hier nichts zur Sache. – Drum auch
diese
modi haben aus demselben Grunde Theil an der unwandelbaren und
unveränderlichen Natur Gottes, sind frei von aller Genesis, wie Er.

155. Dasselbe ist zu behaupten von dem, was etwa wiederum aus der noth=
wendigen Natur jener ursprünglichen Modificationen erfolgen sollte;
den̄ auch dies steht ja im synthetischen Zusam̄enhange mit einem durch
Gottes Wesen Gesetzten, von Gottes Seyn uUnzertren̄lichen.
(Vgl. Prop. 20. 21. u 22.)

156. Und – um nun Alles zusam̄enzufassen: durch das gesetzliche Wesen Gottes
sind gewisse Attribute gesetzt; (A-B) aus diesen erfolgen wiederum
Unterbestim̄ungen (ab-dcd;), diese mögen abermals andere nothwendige
Eigenschaften an sich tragen (αβγ-δεζ), und so ist es klar, daß alle diese
Bestimmungen von A bis Z, weil sie insgesamt unmittelbar und mittelbar
durch Gottes Seyn gesetzt sind, schlechthin nothwendig, – ewig, unveränderlich
seyn müssen: ein Wandel irgendeiner Art, und in irgendeinem Sinne
ist schlechthin unmöglich innerhalb dieses ganzen Umkreises.

157. Wir gewinnen sonach für das Spinosische System den allgemeinen Satz:
Alles aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur unmittelbar oder mittelbar
folgende schließt jedes Werden aus.

So weit hiermit im Reinen, müssen wir weiter sehen, wie es dem Spinosa gelingen
könne, hier ein Werden einzuschieben, welches, wie wir soeben gesehen, dieser
ganzen Sphäre schlechthin widerspricht
.

158. Ueber die Räthselhaftigkeit des 24sten Satzes haben wir uns schon ge=
äussert. Sie tritt hier um somehr heraus, da aus dem von Sp unmittelbar
vorher bBewiesenen einleuchtet, daß alles aus der Nothwendigkeit der
göttlichen Natur Erfolgende (und etwas anderes kan̄, wie gezeigt worden,
der Ausdruck: von Gott erschaffen in jenem Satze nicht bedeuten,) ewig
und unveränderlich sey, daß also im Spinosischen Systeme wenigstens jener
Satz gewis keine Anwendung finden könne. Vgl. 136. XII.

 

Also unter dieser Figur vorzustellen: A-B / ab-cd / αβγ-δεζ7. Die göttliche Substanz wäre nun
nicht noch etwas besonderes, außer und neben dieser Man̄igfaltigkeit, sondern eben nur
der Inbegriff, das organische und geschlossene Ganze, welches diese Theile ausmachen!

Kommentare

7 Die Buchstaben A-B / ab-cd / αβγ-δεζ stehen im Manuskript untereinander.

60

159. Zunächst wird in der Reihenfolge der Sätze noch darauf aufmerk=
sam gemacht, daß, wenn eines der durch die göttliche Natur gesetzten
Dinge z. b. ein Wirkendes sey, es durch Gott dazu bestim̄t sey, daß drum diese
Eigenschaft weder durch das Ding selbst, noch durch ein anderes vernichtet wer=
den könne. Eine Einschiebung, die hier gerade an der Stelle ist, weil Spinosa
aus jenem Wirken das Band binden will, welches die endlichen Dinge an
einander reiht, und so sie überhaupt möglich macht.

160. Seine ferneren Schlüsse, um die Endlichkeit auf eine haltbare Weise
dem Bisherigen anzufügen, gehen also einher: – wobei wir bitten, seinen
oben (140. XIV.) wörtlich von uns angeführten Beweis zu vergleichen.
Endliche Dinge mit Wandel und Wechsel existiren; das lehrt die Erfahrung.
Es bleibt daher nur die Frage, wie sie sich ausgleichen und vereinigen lassen
mit dem Charakter der Ewigkeit und Unveränderlichkeit alles aus der gött=
lichen Natur Erfolgenden
(156.), der von Ihm im Vorhergehenden so nach=
drücklich behauptet worden ist.

161. Der einfache Schluß, wie er aus jenen Praemissen von selbst sich zu ergeben
scheint, wäre freilich folgender. Alles was ist, ist in Gott: was in Gott ist,
oder das durch die Nothwendigkeit seiner Natur gGesetzte ist ewig, und unver=
änderlich: drum, wen̄ endliche Dinge sind, so sind sie in Gott, sind also ewig
und unveränderlich, sonach nicht endlich. So widerspräche das Faktum der Theorie;
diese wäre drum falsch!

Diesem verderblichen Schlusse muß nun durch einen Nebenweg ausgewichen
ausgewichen werden, oder Alles fällt dahin! Ob dieser gefunden, und ob er
glücklich gewählt sey, wird sich sogleich zeigen.

162. So viel ist indessen klar, daß jene endlichen Dinge aus der absoluten Natur
eines göttlichen Attributs nicht erfolgen (nicht unzertren̄liche Bestandtheile des=
selben (154) seyn) können, denn, was daraus folgt, ist ewig und unveränder=
lich
. Eben so wenig können sie aber erfolgen aus einer nothwendigen Modi=
fikation
eines Attributs; den̄ auch dieses führt nur Ewiges und Unveränder=
liches bei sich. (155.), und wen̄ Du die Reihe von Bestim̄ungen nochsoweit
verlängerst, wen̄ Du auch Modifikationen der Modifikationen von den
Modifikationen annähmest, so würde die letzte Potenz derselben eben so ewig
und unveränderlich seyn müssen, als es die erste war.

16[2]3. Wenn drum weder aus einem ewigen Attribute, noch aus irgend
einer ewigen Modifikation je ein Endliches hervorzugehen vermag; so
bleibt nichts übrig, als daß das Endliche eben erfolge aus einer (gleichfalls)
endlichen Modifikation eines ewigen Attributs; und, da diese endliche Modi=
fikation eben auch nichts anderes ist als das vorher endliches Ding genan̄te,
(Vgl. Coroll ad. Prop 25), hier drum dasselbe stattfindet, so muß diese

61
127.
159.
145
wieder erfolgen aus einer andern endlichen Modifikation; und so bewirkt
denn eine Endlichkeit die andere in einer unendlichen, weder einen Anfang
habenden (den̄ ein Entstehen aus dem Unwandelbaren bleibt im̄er gleich un=
möglich) noch je enden kön̄enden Reihe (den̄ im̄er wird noch eine bewirkende
Endlichkeit übrig bleiben, die ein Neues hervorbringt.)

163. Was hat Sp. indessen durch jenes überraschende Argument eigentlich für
sein System gewon̄en?

Wir erwarteten nicht, daß er die Endlichkeit ableiten würde aus dem in̄ern
Wesen des Absoluten: theils paßt dies nicht in seine einmal gefaßtewählte Methode,
nur zu beobachten, theils aber ist es unmöglich, weil alles aus dem Wesen
des Absoluten Deducirte eben deswegen zugleich auch als ewig, also dem
Charakter der Endlichkeit widersprechend zu setzen ist. Dagegen durften
wir voraussetzen, daß, wen̄ auch von der Zweiheit als einer gegebenen
ausgegangen wird, doch wenigstens der Zusamenhang, die Verbindung
jener beiden entgegengesetzten Seynsformen in Gott nachgewiesen
werden würde. – Es ist Eine Substanz behauptet, der da zukom̄en sollen
zwei entgegengesetzte, sich gegenseitig aufhebende Formen: trotz dieser
Entgegengesetztheit in sich selbst soll sie den̄och Eine bleiben. So entsteht
natürlich die Frage, wie diese Einheit zu bewahren sey, wie die Zerrissenheit
die aus jenem in ihr behaupteten Gegensatze hervorzugehen scheint, vermieden
werde, wie eine synthetische Vereinigung jener streitender Glieder möglich sey..
Dies ist also der Punkt, über den Sp. eine Antwort schuldig ist.

164. Jedoch wie lautet dieselbe? – Endliches – beweist er uns – kan̄ nicht aus
Ewigem erfolgen; den̄ was daraus hervorgeht, ist nothwendig selbst ewig.
Endliches kan̄ drum nur aus gleichfalls Endlichem erfolgen: es muß Bewirktes
seyn einer andern Endlichkeit. So scheint es freilich; allein wie paßt den̄
diese Antwort auf die an ihn gestellte Frage? Er soll uns erklären, wie das
Endliche mit dem ewigen Wesen Gottes zusam̄enhange, und damit verträglich
sey: statt dessen leitet er es her aus einer andern Endlichkeit. [Doch ]dDadurch
ist noch nichts gewon̄en; wir wiederhohlen noch im̄er dieselbe Frage: woher wieder
dieses Endliche? Die gleiche Antwort: aus einem andern Endlichen, und so [ins]
Unbedingte fort. So haben wir zwar eine unendliche Reihe auseinanderfolgender
Endlichkeiten, aber noch ist keine Vereinigungspunkt entdeckt mit dem Ewigen
und Unwandelbaren selbst [am Rande: ist noch nicht endeckt]: es wird uns sogar im Gegentheile im̄er schwerer
einzusehen, wie eine solche Vereinigung je zu Stande kom̄en solle. Das Werdende
kan̄ sich nur aus einem andern Werdenden entwickeln; aus dem Ewigen nim̄er;

62
es ist also eine zweite, von jenem streng ausgeschiedene, ihren eigenen Gang
gehende Welt. Die Spaltung ist daher durch jenen Beweis erst recht herausgehoben –
ja bewiesen und begründet. Beide Sphären tren̄t eine ungeheure, nie zu ver=
bindende Kluft! Denkt man zudem noch zurück an den früher aufgestellten
Satz (157), daß alles aus der göttlichen Natur Erfolgende ewig und unver=
änderlich
sey, so fällt das Werdende vollends heraus aus der Sphäre des
Absoluten, ist eo ipso als außer Gott zu denken; und eine Vereinigung
beider Formen unter Eine Substanz erscheint als durchaus widersin̄igprechend.

165 So steht es indessen nach Spinosas Meinung keinesweges! Er hat allerdings
gesucht jene Kluft auszufüllen: doch soll dies geschehen, es sollen alle
Schwierigkeiten, die wir soeben herauszuheben uns bemühten, beseitigt wer=
den eigentlich – nur durch ein Wort! Statt nämlich zu sagen ein endliches
Ding kan̄ nur aus einem andern endlichen Dinge erfolgen, bedient er sich
folgender Wendung: das endliche Ding – da es weder aus einem ewigen Attri=
bute
, noch aus einer ewigen Modifikation desselben hervorgehen kan̄ – muß
aus einer endlichen Man̄igfaltigkeitodifikation eines ewigen Attributs erfolgen, diese
wiederum aus einer andern endlichen Mannigfaltigkeit, und so ins Unendliche.
So verwandeln sich die einzelnen Dinge in endliche Modifikationen, was
um so unverdächtiger erscheinen kan̄, da Sp. suchen mußte, Alles auf seine
Termnologie zurückzuführen, und er in dieser eben nichts ken̄t, als Attribute
und Modifikationen (Affectionen[am Rande: Modi (Affektionen], (Vgl. Defin 5) der Substanz.

166. Bisher hörten wir freilich, daß, was aus der Natur eines Attributs erfolge,
schlechthin ewig etc sey, woraus hervorzugehen schien, daß alle nur möglichen
modi, so gewiß sie nicht zufällig sind, sondern im innern Wesen ihrer
Attribute gegründet, ewig etc seyn müßten; und Sp. hat im Vorhergehen=
den wahrlich nichts gethan, um diese Meinung uns zu benehmen. Jetzt er=
fahren wir es anders, – freilich nicht durch einen, dies Neue besonders auf=
stellenden und beweisenden Lehrsatz, sondern ganz beiläufig, und fast un=
vermerkt – : die ewigen Attribute führen zwei Klassen von Modifikationen
bei sich, ewige, die da unveränderlich dieselben begleiten, endliche, die da nur
auf eine bestim̄te und begränzte Weise das Wesen der Attribute ausdrücken,
und werdend und vergänglich sind.

167. Falls nun Sp., seine früheren Sätze ergänzend, wirklich bewiese, oder
falls es sonst beweisbar wäre, daß auch endliche Modifikationen aus der
Natur ewiger Attribute erfolgen, hätte sein System dadurch an Festigkeit
gewon̄en, wäre die Einheit, die uns zu fehlen schien (164) in der That herge=
stellt? – Allerdings. Nun wäre wirklich bewiesen, was vorher nur behauptet

63
128.
160
146
war: die Endlichkeit erschiene nun wirklich als die nothwendige Form, in welche
nach bestim̄ten Gesetzen die ewigen Attribute Gottes sich hineingestalten müssen,
als die unzertrennliche Begleiterin der unwandelbaren Natur Gottes: Endlichkeit
und Ewigkeit wären in der That auf das innigste verschmolzen,: diese nothwendig
begleitet von endlichen, ihr Wesen auf eine bestim̄te Art ausdrückenden modis,
die da entstehen und vergehen nach einem ewigen, alle diese Veränderungen
vorausbestim̄enden
Gesetze; (eben die harmonia praestabilita, mit der wir
es schon früher verglichen.) – jene ,nicht überschreitend die Schranken, die ihr durch
das unwandelbare Wesen Gottes gesetzt sind, sondern im̄er nur innerhalb
derselben, als in ihren Urformen sich bewegend, so daß auch von dieser Seite
keine Lücke in der verheißenen Vereinigung bleibt.

So wäre also in diesem Falle die Einheit [...] [hergestellt, und ]die Haupt=
aufgabe aller Philosophie, das Verhältniß des Endlichen zum Absoluten zu
bestim̄en, gründlich und für alle Zeiten gelöst.

168. Man sieht demnach, daß das Fundament, auf dem hier alles beruht, mit
dem das ganze System steht oder fällt, in der Zulässigkeit endlicher Modifikationen
liegt, und wir haben uns zu allernächst nach dem Beweise für dieselbe zu erkundigen.

169. Diesen ist er bisher uns noch schuldig geblieben, und auch im fFolgenden
finden wir nirgend eine Spur von ihm: – und anders kann es auch nicht seyn,
denn ers ist schlechthin unbeweisbar, wie wir bald sehen werden.

(Der Ordnung der Sätze nach hätte Sp. jenen Beweis schon einfügen müssen
nach Prop. 22, wo er erweist, daß das aus einer ewigen und unendlichen
Modifikation eErfolgende gleichfalls ewig, etc. sey; da hätte er sofort auf=
stellen sollen den Satz: dasjenige dagegen, was aus einer endlichen Modi=
fikation eines ewigen Attributs folgt, muß gleichfalls endlich seyn. Geschah
dies vielleicht darum nicht, weil er sah, daß aus ewigen Attributen eigentlich
nur ewige Modi erfolgen kön̄en, und daß endliche daher unmöglich seyen?
Doch konnte er die letztern nicht entbehren, weil außerdem seine Theorie unvoll=
ständig bleibt. Drum hat er auch dazugethan, daß wenigstens durch die Stellung
der Worte in diesen Sätzen Raum übrig bleibe für die Einschiebung endlicher
modi; denn in Prop. 22. drückt er sich also aus: Was aus einem Attribute
folgt, inwiefern dieses auf eine gewisse Weise nothwendig und unendlich
modificirt ist, das muß gleichfalls nothwendig und unendlich seyn, – offenbar,
um durch dieses Inwiefern einem andern Inwiefern Platz zu lassen (Inwiefern
dagegen ein Attribut endlich modificirt ist, u. s. w.)

170. Doch – kon̄te er denken – was bedarf es dafür noch eines mühsamen apriorischen
Beweises, was die unmittelbare Erfahrung uns darbietet. Es giebt ja faktisch endliche
Dinge modi: drum sind wir zu dem Rückschlusse ermächtigt, daß auch dergleichen

64
modi (nicht bloß ewige) nothwendig erfolgen müssen aus dem in̄ern Wesen
Gottes und seiner Attribute. Sie sind, drum müssen sie seyn, da Alles was
da ist, mit Nothwendigkeit aus der ewigen Natur Gottes folgt; und nach ihrer
Möglichkeit noch zu fragen, wäre völlig widersinnigüberflüssig [am Rande: ja unstatthaft!]. So kon̄te Sp. noch im̄er
auch ohne apriorischen Beweis durch den Rückschluß vom Faktum aus seine Lehre
genugsam gesichert glauben; und es fehlt uns daher auch hier noch ein triftiger,
und entscheidender Einwand gegen jenes System.

171. Doch wie, wen̄ wir unsers Theils zu erweisen vermöchten, daß endliche modi
nach den bisherigen Praemissen durchaus unmöglich seyen, und daß ihre An̄ahme
den früher von Sp. selbst aufgestellten Sätzen widerspreche
? Wir haben schon
gezeigt, wie auf jenen die Gültigkeit der ganzen Lehre beruhe. Fallen sie drum
diese hinweg, so möchte auch wohl für das System selbst der Hauptstützpunkt
weggezogen seyn; den̄ die verheißene Vereinigung des Endlichen und Ewigen
in der Einen Substanz, auf die alles ankom̄t, könnte sich nicht bewähren.

172. Versuchen wir sofort, die eben von uns aufgestellte Behauptung zu er=
weisen!

Es wird zweckmäßig seyn, in dieser Absicht an einen schon aus dem Vorigen
bekan̄ten Satz anzuknüpfen, den wir hier nur etwas verändert aufstellen:
(Vgl. 152, 3 u 157.)

Alles durch die göttliche Natur unmittelbar oder mittelbar gesetzte ist schlechthin
nothwendig, kan̄ nicht nicht seyn.

Und Spinosa ist es wenigstens nicht, der diesen Satz leugnete. Wir können daher,
seines Einverständnisses versichert, von demselben ausgehen.

1723. Wie möchten nun endliche modi mit jenem Satze sich aus=
gleichen lassen?

Modus überhaupt ist Fortbestim̄ung des allgemeinen We=
sens eines Attributes, aber eine nothwendige, vom Attribu=
te unabtren̄liche, in seinem Wesen gegründete. (Es giebt – um
es an einem Beispiele zu zeigen – kein Denken überhaupt, son=
dern nur ein Denken als Wille oder als Verstand, in einer von
diesen beiden Bestim̄ungen.) Jene endlichen modi sonach müß=
ten auf dieselbe Weise erfolgen aus dem nothwendigen We=
sen der Attribute, wären also mittelbar durch die göttliche Natur
gesetzt. [am Rande: (Daß dies so seÿ, daß nach Spinosa
sich also die Nothwendigkeit der in̄ern Na=
tur Gottes auch auf die einzelnen End=
lichkeiten erstrecke, und daß daher die Ein=
würfe, die wir darauf bauen, sein Sÿstem
treffen, darüber verweisen wir der Kür=
ze wegen auf 178 im Folgenden.)
]

174. Nehmet nun an einen solchen endlichen modus = a, der

65
129.
161.
147
demnach entstanden ist, und unter gewissen Bedingungen auch wie=
der vergeht. Jetzt wird er schlechthin gefordert durch das Wesen des=
jenigen Attributes, welches er auf eine bestim̄te Art ausdrückt;
(vgl. Coroll ad Prop. 25.) vor seiner Entstehung dagegen
nicht, und nach seinem Vergehen gleichfalls nicht; da ist vielmehr
sein Nichtseÿn nothwendig, um dem Daseÿn eines andern mo=
dus = b
Platz zu lassen, bis auch diesem seine Zeit abgelau=
fen ist.

Wenn aber durch das Wesen eines Attributes mit gleicher Noth=
wendigkeit einmal Etwas gefordert wird, und ein anderes
Mal nicht, so ist dieses Attribut offenbar selbst im Zustande ei=
ner Veränderung, eines Werdens
.

Nehmen wir also endliche modi an, so ist davon unzer=
tren̄lich die Konsequenz, daß auch die Attribute, der jedesmaligen
Beschaffenheit der endlichen Modifikationen gemäß, sich in sich selbst
verändern müssen; und jenes, die endlichen modi vorausbestim=
mende Gesetz (167) wäre eben nichts anderes, als die successi=
ve Veränderung[am Rande: Veränderlichkeit]
der innern Beschaffenheit der Attribute selbst. So wäre das innerste und unmittelbarste Wesen Gottes
selber als dem Wandel unterworfen anzusehen.

175. Doch dies widerspricht allen vorhergegangenen Sätzen,
und ist an sich schon ungereimt.

Wenn wir dagegen, wie wir müssen, bei der festen Behauptung
der Unwandelbarkeit Gottes stehen bleiben, so folgt daraus von
selbst und entschieden die Unmöglichkeit eines jeden Werdens und
Wandels auch in dem, was Spinosa Modifikationen nen̄t.
Folgt der modus a jetzt mit Nothwendigkeit aus dem in̄ern

66
Wesen eines Attributs, so fand dies auch vorher Statt, und in der
Folge wird es nicht anders seÿn: das Attribut ist ein ewiges und
unveränderliches; die Sÿnthesis mit a also ebenfalls, weil a
aus dem innern Wesen des Attributes hervorgeht.

176. Wir haben daher hier die Wahl zwischen zwei entgegen=
gesetzten Ansichten: – eine dritte, bei den die Mitte haltende,
giebt es nicht! – Entweder wir schließen von dem Faktum
der endlichen Dinge zurück auf endliche modi göttlicher
Attribute, was uns nicht verwehrt werden kann: so ist, der Kon
sequenz nach alle Unveränderlichkeit im Wesen Gottes aus
getilgt, Er selbst zieht durchweg endliche Natur an: – Oder
wir steigen (wie der Philosoph eigentlich soll) unbeküm̄ert
um die Fakticität aus den von Spinosa aufgestellten Prä=
missen folgernd herab, so bleibt uns nichts übrig, als ent=
schieden jedes Werden und die ganze Endlichkeit hinweg=
zuläugnen (Alles, was ist, folgt aus der ewigen Natur
Gottes: es folgt also seit Ewigkeit daraus, ein Entstehen
und Sichverändern ist unmöglich,
u. s. w.)

Beides ist gleich ungereimt, und im Schließen den=
noch gleich konsequent.

177. Es bleibt daher auch nach den Sätzen, die Spinosa
seinem Sÿsteme zu Grunde legt, bei einer Zweiheit, einer
Spaltung in entgegengesetzte Hälften; und wenn wir vorher
die künstliche und glückliche Verschmelzung derselben, wie sie
noch keinem Philosophen gelungen seÿ, rühmten und bewunderten,

67
130.
162.
148
so scheint sich dies nach den jetzt erlangten Ansichten modi=
ficiren zu [l ]müssen. Er hat eigentlich gar nicht geleistet, was
er versprochen: die Spaltung, die er austilgen wollte, ist ge=
blieben, ja sie tritt erst hier erst recht scharf hervor, und zeigt
sich in ihrer ganzen Kraft.

(178. Wer da etwa, bei Ueberlegung unserer Einwürfe, meinen sollte,
wir hätten den wahren Sinn Spinosa‘s nur nicht richtig erfaßt, und be=
hauptete, daß wir Ihm namentlich mit der Annahme einesr, alle
Veränderungen der Endlichkeit vorausbestim̄enden Nothwendigkeit in Gott
(denn darauf stützen sich unsere Einwürfe vorzüglich; vgl. 173 u folg.)
Unrecht gethan haben, der erinnere sich an Prop. 29. und 33 cum Schol.
1. des ersten Buches, wo noch ausdrücklich herausgehoben und besonders bewiesen
wird, daß alles Existirende (sonach auch jedes einzelne Endliche) aus der
Nothwendigkeit der göttl. Natur erfolge, und daß es nicht anders und in
einer andern Ordnung hervorgebracht seÿn könne, – kurz, daß alle Zufällig=
keit
(vid. Schol. citat.) durchaus verban̄t seÿ. Noch mehr, – er er=
innere sich an die Theorie von dem Zusam̄enhange des Geistes mit
dem Körper, von der Entstehung der Vorstellungen u. s. w., [...]
die Spinosa im Folgenden vorträgt, und er wird finden, wie sehr
derselbe auf jene, – wie wir es nan̄ten, – vorausbestim̄te Harmonie ge=
rechnet habe, ja daß darauf gerade nicht weniger denn Alles beruhe.)

179. Doch wenn wir unsere Einwendungen als nur irgend
gegründet ansehen, so muß doch diezu allernächst eFrage[am Rande: uns selbst][am Rande: die Frage entstehen,]
darin bestehen gefragt werden, woher es kom̄e, daß Spinosa
selbst sie nicht auch eingesehenanerkan̄t, und ihnen entgegen [...]seÿ, zumal, da sie so einfach und in die
Augen fallend scheinen? Wenn wir dies Phänomen nicht
zu erklären zu vermögen, so kann unser Mistrauen gegen unsere
Einwendungen nicht groß genug seÿn, und wir sollten dann

68
eher unsere geprüfteste Ueberzeugung in Zweifel ziehen, als
dadurch irgendetwas gegen einen Spinosa ausgerichtet
zu haben glauben.

Eigentlich istliegt die Antwort auf jene Frage schon in den obi
gen Expositionen, – wenigstens angedeutet: doch seÿ es uns –
gewisser Maaßen zu unserer eigenen Rechtfertigung – erlaubt,
sie hier weitläuftiger auseinander zu setzen.

180. Er war der erste, der ein jedes Entstehen des [...]=
lichen aus dem Absoluten, jeden Uebergang von Einheit
in Zweiheit (mochte man es nun als Schöpfung oder als Ema=
nation, oder unter sonst einem Namen oder Bilde sich vor=
stellen) entschieden als unphilosophisch verwarf; und dies
ist der große Fortschritt, den für alle Zeiten die Philo=
sophie diesem unsterblichen Geiste verdankt.

Indem Ihm nun nichts übrig zu bleiben schien, als vollkom̄ene
Einheit zu behaupten, und weil Er gerade dadurch die Philoso=
phie ihrem so lange oft verfehlten Ziele zuzuführen mein=
te, so mochte jede andere Rücksicht sich Ihm leicht verdunkeln.
Es ging auch Ihm wohl, wie es so oft geht: – der Glanz der
neuen Idee, die siegende Evidenz Seiner Entdeckung im Ge=
gensatze mit den andern Philosophien, verbarg, Ihn blen=
dend, Ihm die Schwierigkeiten, die auch mit der neuen
Theorie verbunden waren, oder verursachte wenigstens, daß
Er siedieselben nicht mit ganzer Kraft aufsuchte.

1821. Alles, was ist, ist in Gott, und nichts Zweites
neben Ihm
– dies die neue und die Haupt=Einsicht, die

69
131.
163
149
Ihn gleichsam überwältigte, der Er alles unterordnen mußte. –
Doch was in Gott und durch sein Wesen ist, ist ewig und un=
wandelbar. – Auch diese Folgerung blieb Ihm nicht verbor=
gen
unbekan̄t. – Wie konnte sich denn aber die zunächst lie=
gende Konsequenz Ihm verbergen: daß, wenn sich dieses
so verhalte, Alles vom Größten bis zum Geringsten,
ewig pp seÿn müsse, daß ein Werden [am Rande: auchnach diesen Prämissen] daher gar nicht Statt
finden könne? – Er blieb, wie wir wissen, durchaus nur
beim Beobachten stehen, und war überall nur bemüht, die
Phänomene seinen Grundsätzen unterzuordnen: so mußte
er auch vor allen Dingen das Werden richtig zu ver=
stehen, und mit seinen Voraussetzungen auszugleichen su=
chen. Alles, was ist, ist in Gott; – daher ewig und unverän=
derlich: nun ist faktisch ein Werden; drum gehört dieses
[...] zum Wesen Gottes
, ist eine seiner Existentialfor=
men: es ist sonach auch ewig, ohne Anfang, ohne Ende;
und so behauptete Er völlig konsequent eine unendliche Reihe
von aus einander erfolgenden Endlichkeiten. Die Un=
veränderlichkeit
, die in der Thesis gleichfalls noch behauptet
worden war, mußte freilich noch weichen; doch dies konn=
te sie auch, denn sie wurde ja von dem, aus dem Fak=
tum
entnom̄enen Werden von selbst aufgehoben.

Anmerkung. Jene Schlußweise, durch die Spinosa aAlles
leistete (es ist faktisch ein Werden, drum ist es in Gott
und ewig pp) hat in ihrer ganzen Kraft erst Jacobi heraus=

70
gehoben in seiner meisterhaften Darstellung der Spino=
sischen
Lehre. (S. dessen Briefe ü. d. L. d. Sp.
S. 168. § I. II. III. IV.) Ueberhaupt hat Er zuerst den
Nebel zertheilt, der auf jener großen Gestalt ruhte.
Ihm verdankt das Zeitalter die erneuerte Aufmerk=
samkeit auf den verrufenen und halb verschollenen
Weisen: und so ist der neue Aufschwung, den die Philoso=
phie dem erneuerten Studium dieses Philosophen ver=
dankt, eigentlich Jak Jacobis Werk, so wenig Er
auch sonst dazu Veranlassung geben wollte. –

182. Um nun Alles in einen einzigen Gegensatz
zusam̄enzudrängen:

Er schließt – zu frühzeitig sich der Beobachtung überlassend:
Alles, was ist, ist in Gott: es sind endliche Dinge; drum
sind endliche auch endliche modi, als die ursprüng[...]
und ewigen Begleiter des unwandelbaren [...]
Gottes.

Wir – rein a priori die Prämissen verfolgend – : Al=
les in Gott seÿende ist ewig pp: ist daher ein Werden, und
Vergehen von Etwas (Endlichkeit überhaupt) möglich? Ant=
wort: Nein, es wäre dies widersprechendein Widerspruch, und
würde den so eben behaupteten Satz aufheben.

Er, das Faktum als solches aufnehmend: Wir, vor allen
Dingen nach seiner Möglichkeit fragend, und so die Un=
möglichkeit
desselben, nach Spinosa’s Voraussetzungen, be=
weisend

71
132
164
150

So lag in Seiner Methode überall nur zu beobachten, die nothwen=
dige Folge, daß Ihm die schwache Seite Seiner Lehre verborgen
bleiben mußte.

183. Und in der That, überspringt man mit Ihm jene vor=
läufige Frage nach der Möglichkeit des Werdens, stellt man sich über=
haupt mit Ihm auf den Standpunkt der bloßen Beobachtung; so kann
nicht konsequenter fortgeschlossen werden, als von Ihm geschehen
ist: greift Sein Gegner nicht diesen Posten an, so wird er
am Übrigen sein Heil wohl vergebens versuchen! Seine
Widerlegung liegt – so zu sagen – gar nicht innerhalb Seines
Sÿstems und Seiner Schlußreihe – denn Seiner philosophischen
Kunst wird wohl Niemand Bewunderung versagen – sondern außer=
halb
derselben in einem von Jenem gar nicht berücksichten
Umstande. Und daher kom̄t es auch, daß man, einmal in
Seinen Gesichtspunkt gestellt, so in ihm sich festsetzen und
[...]en kann, daß man demjede Einwendung in Nichts ver=
[schwin]det, und man dem [...]Zaubernetze kaum zu ent=
rinnen vermag. So mußte die hohe Ueberzeugung von
der Wahrheit sSeiner Lehre, die Er so oft und so kräftig an
den Tag legt, Ihm selber allerdings beiwohnen. Und –
alles jenes abgerechnet – [Seine ]Ethik [...]welch’ ein Werk [...]
ist seine Ethik außerdem! Welche dialektische Kunst,
welch’ ein Ineinandergreifen aller Theile, wie in einem
[...]ndigen Organismus, wie viel originale, Alles um=
gestaltende Ansichten! Als philosophisches Kunstwerk zum
wenigsten wird es allen Zeiten zum Muster und Vorbilde
dienen können.

184. Bleibt es nun freilich dabei, daß Spinosa, um völlig

72.
konsequent zu seÿn, eigentlich ein jedes Werden hätte abläug=
nen sollen, – so wie er kühnlich die Freiheit des Willens hin
wegläugnete, weil sie mit seinen Ansichten unverträglich
war, – so hättewäre Er mit Einem Worte ungefähr auf die
Behauptungen der Eleaten zurückkom̄en sollengekom̄en, die eine
jede Veränderung als unmöglich, und die Sinne, die derglei=
chen doch darbieten, als täuschend verwerfen, und allein der
Vernunfteinsicht Realität beimaßen: und diese wären, so
seltsam es auch klingen mag, ungleich konsequenter gewe=
sen als Spinosa! Doch dadurch erst hätte der Widerstreit
zwischen Spekulation und Erfahrung vollends denseinen Gipfel erreicht;
hier könnte drum die Philosophie am allerwenigsten sich be=
ruhigenx); sie müßte, mit Verzichtleistung auf jede Lösung,
sich der vollendeten Skepsis hingeben, oder einen andern,
noch unbetretenen Weg, der allein noch übrig seÿn [...]=
te, einschlagen.

 

(Mit Fortsetzung.)

 

x) Und daher auch das Bedürfniß der Eleaten nach einem, dem un=
mittelbar Thatsächlichen besser entsprechenden Sÿsteme neben
jener Vernunfteinsicht: so wird schon dem Xenophanes eine em=
pirische Lehre zugeschrieben, worin Erde und Wasser eine große
Rolle gespielt haben sollen. Vom Parmenides ist diese Zwie=
fachheit
indessen gewiß: das die eine Ansicht hatte das Seÿn,
die andere den Schein zum Gegenstande; daher das [...]
Lehre enthaltende Gedicht zwei Theile enthielt: τὰ [...]
νοήτ[...] und τὰ πρὸς δόξαν. (S. Fülleborns Beiträ=
ge
pp 6tes ? 7tes Stück, wo die Fragmente dieses Werkes,
und das andere zur Ken̄tniß jenes höchst merkwürdigen Phi=
losophen Nöthige gesam̄elt ist.)  

a Als Vorerinnerung.

Indem ich, gegen meinen frühern Plan, nur mit einem Bruchstücke der Abhandlung hervortrete, die ich meinen verehrtesten Lehrern zur Prüfung vorzulegen gedachte, bedarf es der Entschuldigung und Rechenschaft deswegen.

Ich hatte schon früher den Plan für die Abhandlung, die die Aufschrift führen sollte: Ueber die Aufgabe der Philosophie, und die Bedingungen ihrer Lösung – mir im Allgemeinen vorgezeichnet, und dieselbe auch in einzelnen Theilen ausgeführt: jetzt, nachdem ich Erlaubniß bekommen hatte, sie in deutscher Sprache vorlegen zu dürfen, kam es nur darauf an, die einzelnen Stücke derselben zu verbinden, und durch das noch fehlende Wenige zu ergänzen. Indem ich aber an diese Arbeit ging, zeigte sich mir bald, , daß es mit dem bloßen Verbinden der Theile nicht gethan seyn würde. Es fehlte am Ebenmaaße in der ganzen Darstellung, wie dies so leicht der Fall ist, wenn das Verschiedene zu verschiedenen Zeiten gear=

a 1.

a beitet wird: Manches war zu weitläuftig ausgeführt, Anderes zu kurz behandelt; die Hauptmomente der ganzen Argumentation traten nicht scharf genug hervor und versteckten sich unter den Episoden, die oft in den Zuschnitt des Ganzen nicht paßten: und so schien es denn nothwendig, wenn die Abhandlung wirklich zu einem Ganzen gedeihen sollte, eine neue Ueberarbeitung derselben zu versuchen. – Dies geschah sofort; allein je weiter ich kam, desto mehr entfernte ich mich vom früheren Plane, desto mehr Neues zog sich in meinen Umkreis hinein; und ich sah voraus, daß, ehe ich die neue Ausarbeitung vollenden könnte, noch eine geraume Zeit hingehen würde. Da mir nun aus andern Gründen sehr viel daran gelegen war, die Abhandlung in Kurzem geendigt zu sehen,1 so sahe ich mich zu meinem großen Verdruß genöthigt, auch diesen Plan aufzugeben. Es blieb unter diesen Umständen nichts übrig, als ein größeres Bruchstück der alten Bearbeitung, welches noch am Füglichsten als etwas für sich bestehendes angesehen werden könnte, auszuwählen, und von dem Übrigen nur den Plan

a 2

Kommentare

1 Immanuel Hermann Fichte war sehr daran gelegen, seine Promotion baldmöglichst zu beenden und gegen Honorar selbst Vorlesungen zu halten. Finanziell war es nämlich nicht gut um ihn bestellt, seitdem sein Vater, Johann Gottlieb Fichte, im Jahr 1814 unerwartet gestorben war und ihn und seine Mutter beinahe mittellos zurückgelassen hatte.

a im Allgemeinen anzugeben. So wenig mich auch jetzt die alte Form der Abhandlung befriedigt, so blieb mir doch, da die neue noch nicht bis zu einem Abschnitte vorgerückt ist, nur die Wahl zwischen jener oder Nichts. Doch indem ich vielleicht hoffen darf, zu einer mündlichen Prüfung zugelassen zu werden, so steht zu meiner Beruhigung mir wohl noch die Erlaubniß offen, in dem Ueberreichten manches zu berichtigen, oder weiter zu begründen.2

Indem ich also wegen der großen Unvollkommenheit dessen, was ich liefere, um Nachsicht bitte, werde es mir erlaubt eine kurze Uebersicht dessen vorauszuschicken, was dem Plane der Abhandlung gemäß, jenem Bruchstücke vorangehen sollte.

 

Es lag mir zuförderst daran, die Aufgabe der Philosophie mit möglichster Bestimmtheit und Sicherheit festzustellen. Indem ich aber bedachte, wie groß der Zwiespalt selbst darüber zu allen Zeiten unter den Philosophen gewesen sey, so suchte ich dafür ein festes, leitendes Princip. Ich glaubte dies nur darin finden zu können, wenn ich das ursprüngliche Geistesvermögen, mit dem philosophirt wird, – das Erkennen – in seinem Wesen untersuchte, und gleichsam selbst handeln ließe, wo sich denn zeigen mußte, was es nothwendig anstrebe, und was es zu leisten

a 3

Kommentare

2 An der Qualität der Probeschrift entschieden die Fakultätsmitglieder, ob der Kandidat zum mündlichen Examen zugelassen werde. Im Examen wurde er dann auf die von ihm eingereichte Probe geprüft.

a vermöge: ich wollte mit Einem Worte die Aufgabe der Philosophie aus dem Wesen des Erkennens selbst nach und nach entstehen lassen. So hoffte ich am ersten alle willkürliche Bestimmungen, und vorgefaßte Meinungen zu beseitigen, und zu einem gemeingültigen Resultate zu gelangen. –

1. Erkennen besteht aber im Allgemeinen im Sehen der Nothwendigkeit seines Gegenstandes; (dies im Gegensatze mit der Wahrnehmung, die überall nur bei dem Auffassen des Faktums stehen bleibt, Sehen der bloßen Gegebenheit ist.)

2. Das Erkennen erzeugt seinen Gegenstand durch freies Denken, durchdringt ihn genetisch in seinem ganzen Wesen; und eben dadurch, daß es ihn aus seinen ursprünglichen Bestandtheilen entstehen läßt, ist es im Stande, die nothwendigen Bedingungen vollständig aufzuzählen, die zu seinem Wesen gehören, ein Gesetz über denselben aufzustellen: – gezeigt an einem Beispiele aus der Geometrie.

3. Den Stoff, welchen es auf diese Weise zu behandeln hat, liefert ihm die Erfahrung, innere sowohl als äußere.

Indem es aber denselben frei reproducirt, kann es, falls der gewählte Gegenstand ein aus Mannigfaltigem zusammengesetzter ist,

a 4.

a nach seinem jedesmaligen Zwecke gewisse Bestandtheile von ihm aussondern, und fallen lassen, – „von ihnen abstrahiren‟. – Das Erkennen hat zufolge seiner Natur freies Abstraktionsvermögen.

4. Nun findet überhaupt ein doppeltes Verhältniß des Erkennens zu seinem Objekte Statt: Entweder es abstrahirt von der Existenz desselben, und untersucht lediglich seinen Inhalt in Hinsicht seiner Gesetzlichkeit: (wie der Geometer, der bloß die nothwendigen Bedingungen eines Triangels erörtert, ohne alle Rücksicht darauf, ob es dergleichen wirklich gebe, oder nicht.)

Oder es sucht zugleich die Existenz seines Objekts zur Nothwendigkeit zu erheben: (X existirt nothwendig, muß seyn, und ein solches seyn.)

Von der ersten Art des Erkennens ist ein vorzügliches Beispiel die gesammte Mathematik.

5. Stellt sich das Erkennen die zweite Aufgabe – die Existenz eines X zur Nothwendigkeit zu erheben , so bedarf es dafür eines Zusammengesetztern Verfahrens. X existirt nothwendig, heißt, es existirt nicht an sich und durch sich, sondern wegen eines Andern, oder durch ein Anderes: es existirt, weil ein Anderes existirt. Die Existenz zur Nothwendigkeit erheben hieße also, ein Anderes, gleichfalls schon existirendes = Y aufweisen, aus dessen Seyn mit Nothwendigkeit das Seyn des X erfolgt,

a 5

a oder Ableiten aus einem Andern. Y heißt in diesem Verhältnisse der Seynsgrund von X, dieses das Begründete von Y.

6. In dieser Synthesis erscheint X als existirend wegen Y, = nothwendig: Y dagegen, als existirend nicht wegen eines Andern, sondern um sein selbst willen, ursprünglich und schlechthin existirend, = absolut. Nothwendig ist also der reine Gegensatz von absolut; nothwendig das nicht-absolute, absolut das nicht-nothwendige: Beides Wechselbegriffe, ursprünglich liegend im gesetzlichen Verfahren des Erkennens. (Es sind also nicht etwa den Dingen inhärirende Merkmale, sondern Sehweisen des Erkennens selber. Dies werde nicht unbeachtet gelassen!)

Zur Nothwendigkeit erheben = ableiten ist also nachweisen der nothwendigen Folge des abzuleitenden aus einem als absolut vorausgesetzten, = in Zusammenhang setzen mit einem absoluten.

7. Das unter 5 und 6 Nachgewiesene wird an einem Beispiele aus der Philosophie erläutert, und zugleich gezeigt, daß in der letztern Art zu erkennen wohl vorzugsweise das Philosophiren bestehen möchte.

8. So viel, was die Form des Erkennens anbetrifft: –

a 6

a in Bezug auf seinen Stoff (3.) wird es ganz von selbst danach streben, nicht bloß diese oder jene Thatsache aus dieser oder jener herzuleiten, sondern jenen in seiner Totalität in sich aufzunehmen: und zwar könnte dieses nur so geschehen, daß in einer fortlaufenden Reihe von Begründungen eines aus dem andern hergeleitet würde, X aus Y, dieses aus Z und so fort, so lange bis Alles in diese zusammenhängende Kette aufgenommen wäre. – Dann hätte das Erkennen seine Verfahrungsweise auf seinen Stoff vollständig angewendet, sein ganzes Vermögen verwirklicht, wäre zu vollendeter Erkenntniß (Wissenschaft) vorgedrungen.

Zugleich wird gezeigt, daß, wenn der Philosophie ein eigenthümlicher, nur ihr zukommender Inhalt übrig bleiben solle, sie nur diese vollendete Erkenntniß seyn könne.

Das Erkennen strebt aber durch seine eigne Natur dies zu werden; also es strebt durch sich selbst, die Philosophie zu realisiren. – Einige Folgerungen daraus.

– Dies sind indeß erst die allgemeinsten Bestimmungen, auf denen fortgebaut werden soll: alle Unbestimmtheiten daher, die noch obwalten, erwarten von der Folge ihre Aufhellung. –

9. Bei jenem Geschäfte, die Philosophie zu realisiren, wird das Erkennen nun also verfahren müssen. – Indem es eine Gegebenheit ableitet aus einer andern, setzt es diese zweite (den Seynsgrund) nothwendig als absolut; (vergleiche 6) bliebe es nun bei diesem Gliede,

a 7

a als dem in der That Absoluten stehen, so würde es niemals die vollendete Erkenntniß realisiren können. Es bedarf also eines andern, diese Beschränktheit der Form des Erkennens gleichsam ergänzenden und unschädlich machenden Principes: dies ist die Reflexion, das Gewahrwerden des bloßen Setzens des Absoluten, des Denkaktes, und das Aufheben der Absolutheit dadurch. – Es ist also unverbrüchliche Maxime des Erkennens, überall zu reflektiren.

10. Durch wechselseitiges Setzen eines Absoluten, und Wiederaufheben desselben durch Reflexion (9.) wird nun das Erkennen immer höher sich erheben: – ob in’s Unendliche fort, oder nicht, und was ihm hier etwa eine Begränzung geben könne, ist die Frage. Sein Inhalt, wie es scheint: wenn es nichts mehr zu begründen haben wird, muß es sich wohl von selbst für vollendet halten. – Doch gesetzt nun, es habe alle Phänomene hergeleitet aus wenigen, oder auch nur aus Einer Thatsache, wird es sich jetzt beruhigen können?. Diese wenigen oder diese Eine werden zwar Deduktionspunkt für alles Übrige seyn, selbst aber unbegriffen bleiben: eine unbegriffene Thatsache bleibt also doch immer zurück, was dem Begriffe der vollendeten Erkenntniß (8.) widerspricht. (Es wird an einem Beispiele gezeigt.)

So liegt in der Natur des Erkennens selber die Anforderung, über den Umkreis der Thatsachen hinaus=

a 8

a [zu]streben, und auch für dieses letzte Glied höhere [Begrün]dungen zu suchen. – Darf und kann das Er[kenn]en dies? –

[11.] Zugleich erhebt sich noch eine andere Frage: [Das] Erkennen sucht überall das Absolute. Giebt es über[haupt] ein Real- (nicht bloß Schein- (siehe 6.) Absolutes, [und] wenn dies, ist es nicht vielleicht in der Reihe der That[sa]chen selber zu suchen, wodurch dem Erkennen das miß[liche] Aufstreben in’s Ueberfaktische erspart würde?

12. Des letzten Problems Beantwortung wird so [ver]sucht, daß wir zeigen, wie allem, was die Erfahrung [dar]biete, der Charakter, des Werdens, Wandels und Vergehens, kurz der Beschränktheit und Endlichkeit wesentlich [s]ey; und daß dies insgesammt sich nicht nur nicht ausgleichen [la]sse mit dem Charakter der Absolutheit, (Ewigkeit, Unwan[de]lbarkeit, Unbeschränktheit) sondern sogar ihm widerspre[che]: Die Fakticität steht selbst im direktesten Gegensatze [zu] dem Wesen des Absoluten.

Wenn also ein Absolutes überhaupt, so ist dies gewiß nicht [un]mittelbare Thatsache der Erfahrung, sondern jenseits der[se]lben.

13. Oder es existirt gar kein Real-Absolutes weder [die]sseits noch jenseits der Fakticität. Dies wird abgewiesen wegen der Unmöglichkeit eines

a 9

a end- und bodenlosen Entstehens und Sichveränderns: allem Werdenden muß ein Seyn, das da nicht geworden ist[,] allem Entstehen ein Nichtentstandenes zu Grunde liegen[,] als Grundlage und Anhalt gleichsam für das wandelnde Existirende; denn es läßt sich weder ein Entstehen des Wirklichen aus dem reinen Nichts gedenken, (Eri[nne]rung an den alten Satz: ex nihilo nihil fit) n[och] eine unendliche Reihe aus einander entspringender Seynsgründe.

Also eine ewige, unwandelbare Grundlage, e[in] Realabsolutes, jenseit des Faktischen (12) und zugle[ich] höchster und letzter Seynsgrund – Urgrund (5 [und] 9) der Fakticität.

14. Es wird bemerkt, daß jener Beisatz: das Absolu[te] sey Urgrund der Endlichkeit nicht aus sei[nem] Wesen als Absolutes abgeleitet werden könne (es ist [als] solches allgenügsam, bedarf also schlechthin nicht des [Da]seyns eines zweiten außer ihm, am wenigsten d[er] Endlichkeit) sondern ein Rückschluß vom Fakt[um] , von der Existenz der Endlichkeit, sey. (Sie [hat] nicht in sich selbst den letzten Grund ihres Daseyns, s[on]dern im Absoluten; dieses ist also außer seinen [Cha]rakter als Absolutes, noch Princip, Grund, zeugende Ursache [ei]nes Zweiten außer ihm.) Dieser Umstand kön[nte]

a 10

a für die Zukunft von Bedeutung werden.

15. Dem gemäß wäre die Aufgabe der vollendeten Erkenntniß (= Philosophie) dahin zu bestimmen, daß sie die Endlichkeit, ihrem Seyn sowohl, als ihrem Soseyn nach, aus ihrem absoluten Urgrunde vollständig herzuleiten hätte. –

Auch hier herrschen indeß noch Unbestimmtheiten, die durch fortgesetzte Untersuchung beseitigt werden müssen.

 

16. Wenn wir uns nämlich besinnen, wie weit eigentlich jener über das Absolute geführter Beweis (12 und 13) reiche, so finden wir, daß dadurch nur dargethan sey, es dürfe eine höchste, letzte, absolute Grundlage aller Wirklichkeit überhaupt nicht fehlen, daß jener Beweis aber dieselbe sonst durchaus unbestimmt lasse, namentlich in der Hinsicht, ob eine Einheit oder Mehrheit derselben anzunehmen sey. – Beispiele davon, wie man sich eine Mehrheit des Absoluten denken könne: zum Beispiel im Dualismus, Urstoff und diesen belebende Urkraft (Anaxagoras, vielleicht schon Thales) oder als Manichäismus. Doch zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Einheit des Absoluten gleichsam eine stillschweigende Voraussetzung sey, die sich so tief eingewurzelt finde, daß, wenn man dargethan habe, es sey eine Absolutheit überhaupt anzunehmen nothwendig, (und so weit reiche nur der kosmo=

a 11

a logische Beweis) man ganz unbewußt auf die Behauptung der Einheit derselben überspringe, und auch diese aus jenem Beweise dargethan zu haben vermeine. – Besonders wird nun noch gezeigt, daß aus dem bloßen Begriffe der Absolutheit es gleichfalls nicht erschlossen werden könne. – Hier zeigt sich also ein merkwürdiger Vorgriff des Erkennens über die Beweise hinaus, [der] ihm gewöhnlich sogar ganz unbewußt begegnet.

17. Doch ließe sich nicht auch darüber das Nöthige durch Beweise nachhohlen?

Indem wir einen vorläufigen Ueberschlag machen, wie dies in’s Werk zu richten sey, leuchtet von selbst ein, daß dabei an ein Ableiten durchaus nicht zu denken sey: dies ist nur in der Sphäre der Bedingtheit möglich, und die bloße Intention, etwas abzuleiten, heißt an ihm eo ipso die Absolutheit negiren, und es für ein Bedingtes erklären. – Wenn daher keine andere Beweisführung für das Erkennen überhaupt übrig bliebe, als die durch Ableitung, so vermöchte es über das Absolute schlechterdings nichts zu beweisen, sondern wäre darüber zu ewiger Ungewißheit verurtheilt.. –

Doch das Zurückschließen hat uns schon vorher Dienste geleistet: (13.) der Rückschluß von der nackten Fakticität reichte aber nur bis zum Daseyn eines

a 12

a Absoluten überhaupt. Also ein Schluß von der Beschaffenheit jener auf das Wesen dieses müßte versucht werden. Und dieser scheint auch Aushülfe zu versprechen; denn wir haben schon im Allgemeinen das Absolute als den Urgrund der Endlichkeit (14.) erkannt: das Begründete, Principial ist aber nothwendig Abdruck und Nachbild seines Principes; wir können also mit dem größten Rechte bei der Frage nach dem Wesen des Absoluten auf die Beschaffenheit der Endlichkeit verweisen.

18.) Indem wir aber auf diese hinblicken, finden wir sie getheilt in zwei Hälften, die im direktesten Gegensatze mit einander stehen, die Welt des Bewußtseyns, und die der Räumlichkeit, und welche, statt einen Rückschluß auf die Einheit perge perge zuzulassen, ihn vielmehr schlechthin verbieten. Wie könnte aus dem Einen je eine solche Zweiheit hervorgehen, wie eine so totale Entgegengesetztheit auf Eines zurückgeführt werden? – So würden wir gleich Anfangs zurückgewiesen.

19. Doch eine ganz andere Schwierigkeit, die auch durch diese Spaltung veranlaßt wird, ladet uns ein, nähere Kunde von ihr zu nehmen. – Wie vermögen nämlich beide durchaus entgegengesetzte, keines Gemeinsamen theilhaftige Welten auf einander einzuwirken, was doch der Erfahrung nach geschieht: wie kommt namentlich das Bewußtseyn dazu,

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a die äußere, durchaus ihm heterogene Welt wahrzunehmen? – Darüber waren von jeher zweierlei Meinungen, Idealismus und Materialismus. – Dieser wird abgewiesen als schon längst seines Irrthums überführt; jener hervorgezogen und in seinen verschiedenen Gestaltungen charakterisirt;

20. Der zuerst, welcher die Vorstellungen äußerer Dinge unabhängig von diesen, doch übereinstimmend mit ihnen, im Bewußtseyn entstehen läßt: also ein Wissen behauptet, dem zwar unmittelbar die objective Welt ewig unsichtbar bleibt, doch mit derselben korrespondirenden Vorstellungen begabt ist. Es bedarf daher hier eines dritten, beide Welten vermittelnden, und in Übereinstimmung bringenden Principes: (weßwegen vorgeschlagen wird, diesen Idealismus im Allgemeinen den vermittelnden zu nennen.) Jenes dritte ist von den Philosophen verschiedentlich dargestellt worden, als systema divinae assistentia und [...] caussarum occasionalium bei Des Cartes und seinen Nachfolgern, De la Forge, Lamy und so weiter: als harmonia praestabilita durch Leibnitz und Wolf. Anders bei Malebranche. – Versuch einer Prüfung dieser ganzen Ansicht, und ihrer einzelnen Auskunftsmittel. Die andern Mängel abgerechnet, haben jene Philosophen doch wenigstens den Grundsatz aller For=

a 14

a [sch]ung überschritten: Jedes so lange als möglich aus sich selbst [zu] erklären; sie suchten zu voreilig den Grund des äußern Wahrnehmens in einem dritten, außer dem [Bew]ußtseyn liegenden Principe, bevor sie noch versucht hatten, [es] aus den immanenten Gesetzen des Bewußtseyns selbst zu [er]klären. Diesen Weg schlug Kant ein, der auch vorzüg[lich] dadurch dem Idealismus eine entscheidende Revo[lu]tion bereitete, daß er bewies, der Raum könne nichts []objektives seyn, sondern sey lediglich subjektive Bedin[g]ung des äußern Wahrnehmens. So wurde mit Einem Ma[le] die ganze Sphäre der objektiven Welt hinüber[g]ezogen in die Subjektivität, und indem im Verfolge der Untersuchung noch eine Bestimmung nach der andern zum Subjektiven herübertrat, schmolz die Objektivität immer [m]ehr zusammen, und blieb nur noch übrig als durchaus unbe[ka]nntes, und unerkennbares X, genannt Ding an sich. – Ich [be]mühe mich zu zeigen, daß auch hier der Idealismus noch nicht [ste]hen bleiben könne, sondern höhere Anforderungen zu ma[ch]en habe. – –

21. Doch gesetzt nun, es wäre erhärtet, daß die Sinnenwelt durchaus nur Bild, nur Erscheinung sey, so daß also auf eine [wa]hrhaft zweite, selbstständige Welt nicht mehr zu rechnen [w]äre, sondern wir es bloß mit dem Wissen in seinen ver[sch]iedenen Ramifikationen zu thun hätten, sind wir

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a dadurch besser in den Stand gesetzt worden zu dem Rückschlusse, (17) den wir beabsichtigen? Es scheint nicht: die F[ak]ticität hat sich in ihrem Wesen zwar vereinfacht, doch d[er] Schluß auf das Absolute bleibt noch immer gleich unthunlic[h.]

22. Warum? Nichts schien sicherer und natürlicher als der Schluß von dem Begründeten auf seinen [Grund.] Wie könnt’ er uns dennoch mislingen? – Es find[et] sich, daß wir eigentlich noch ganz ununtersucht gelassen ob und in welchem Sinne das Absolute Urgrund der En[dlich]keit genannt werden könne, und inwiefern die Endlich[keit] Begründetes von jenem. Es muß daher vor allen Di[ngen] um einen solchen Rückschluß möglich zu machen, das [Ver]hältniß von jener zu diesem genau und evident [sicher]gestellt seyn: dies ist aber die Aufgabe der Ph[ilo]sophie, (vergleiche 15.) welche aber nicht eher realisirt [wer]den kann, bis das Erkennen dem Absoluten einen [be]stimmten Charakter zugesichert hat. Also wir treib[en] uns hier im Zirkel herum.

Das Zurückschließen (17. finis) ist daher unter diesen Umständen durchaus unzulänglich; das Erkennen ist also schlechthin nicht im Stande, durch Beweise über die E[in]heit oder Mehrheit des Absoluten etwas auszumachen.

23. Vergleichung unseres Resultats mit dem Kantischen: – dessen Widerlegung des cosmologischen

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a und physikotheologischen Beweises hauptsächlich darauf hinausläuft daß Er nachweist, wie sie im Verfolge in den ontologischen, dessen Gültigkeit Er schon im Allgemeinen vernichtet hatte, überspringen, das heißt von dem Beweise eines Letzten und Höchsten überhaupt auf die Behauptung Eines, des allerrealsten alle Bedingungen in sich vereinigenden Wesens.3 Kant also sagt: Der Beweis für das Daseyn eines allerrealsten Wesens sey unmöglich: wir: ob Einheit oder Mehrheit des Absoluten, das heißt ob die letzten Gründe aller Realität [in] Einem Wesen vereinigt, oder an mehrere vertheilt seyen, sey durch Beweise nicht zu erhärten. Im Wesentlichen also würde unser Resultat mit dem Kantischen wohl übereinstimmen.

24. So ist eigentlich keine Philosophie möglich; denn dem Erkennen ist es versagt, sich über die Fakticität zu erheben: der eigentliche Kern und Mittelpunkt der Spekulation, die endlichen Dinge in ihrem Verhältnisse zum Absoluten zu begreifen, bleibt ihm für immer unzugänglich.

 

25. Doch um so mehr verdient Aufmerksamkeit jene unmittelbare Voraussetzung der Einheit, (16.) je mehr wir gesehen haben, daß sie nicht auf verborgenen Beweisen beruhe. Und sie hat auch stets, nur ihnen selbst unbewußt, auf alle Philosophen gewirkt: denn wie wäre

a 17

Kommentare

3 Immanuel Hermann Fichte bezieht sich auf KrV A 592/B 620-A 631/B 659.

a es sonst begreiflich, daß man den gewöhnlichen Beweisen für das Daseyn Gottes so lange Zutrauen schenken, sie für wirklich beweisend halten konnte? – Man war schon vorher überzeugt, und trug nun, da man diese unmittelbare Ueberzeugung gern unterstützt und gesichert sahe, diese auf die Kraft der vermeintlichen Beweise über: hätten dagegen diese jene Einsicht erst erwecken und sichern sollen, so wäre wohl kein Einziger befriedigt davon gegangen. – Sie erscheint als unmittelbares Axiom des Erkennens, indem sie sich ohne Weiteres als das allein wahre aufdringt, und dem Gegentheile nicht einmal problematisch Raum verstattet: die Mehrheit des Absoluten wird durchaus und unbedingt verworfen, und die Einheit unbedingt behauptet, ohne daß die Eine widerlegt, oder die Andere bewiesen werden kann.

Mit wie inniger Ueberzeugungskraft uns daher jene unmittelbare Einsicht auch durchdringen mag, für die Philosophie scheint sie dennoch unbrauchbar, weil es ihr immer an gültigen, rein rationalen Beweisen fehlt.

26. Doch – könnte man sagen – der Beweise bedarf es erst da, wo etwas Unbekanntes festgesetzt, oder über Zweifelhaftes entschieden werden soll. Wäre es daher nicht völlig überflüssig, auch dafür noch Beweise suchen zu wollen, woran schon sonst Niemand zweifelt,

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a und unverantwortlich, falls es deren nicht giebt, sich der Ungewißheit zu überlassen, und alle Hoffnungen und Plane einer festen Erkenntniß aufzugeben?

27. Doch, da dies alles noch nicht entscheidet, – heben wir die Sache in einen erweiterten Gesichtskreis: Beweisen überhaupt ist lediglich Identificiren mit einem schon im Voraus Wahren und Gewissen, – kann also nur ein bedingt-Wahres an das Licht fördern; die Kraft der Beweise ist erst eine mitgetheilte, eine aus der zweiten Hand. Dies macht nothwendig ein unmittelbar und durch sich selbst und eigene Kraft Wahres und Gewisses, und es ist nur die Frage, wo ein solches zu finden sey. – Offenbar in der Region der Unbedingtheit, Absolutheit; denn das in seinem Seyn bedingte wird auch im Erkennen als bedingt, als ableitbar, seine Gewißheit aus einem höheren empfangend , erscheinen müssen. Das Absolute dagegen, eben weil es dies ist, kann nur erkannt werden in einer die Gewißheit aus sich selbst schöpfenden Einsicht, ebenso wie es selbst in sich selbst die Quelle seines Daseyns hat. Und alles Andere kann nur darum gewiß seyn, weil dieses gewiß ist: Dies das durch sich Evidente, und dem Andern erst die Evidenz mittheilende.

28. So liegt also im Begriffe absoluter Erkenntniß selbst schon die Nothwendigkeit auszugehen von einem ursprünglich Wahren. Untergeordnete Erkenntnisse können, eben weil

a 19

a sie dies sind, anfangen von einem Lehrsatze, der anderweitig bewiesen, ihnen zum Stützpunkte dient, und so in allen Theilen strenger Bewiesenheit sich rühmen; Philosophie nicht, eben weil sie höchste Erkenntniß ist.

29. Ein solches durch sich Gewisse finden wir nun in der Idee der Einheit des Absoluten, die, weder ableitbar noch durch Zurückschließen zu finden, wie gefordert, den Stempel der Wahrheit in sich selbst trägt.

– Idee der Einheit des Absoluten, ohne allen weitern qualitativen Beisatz, – eines durch sich selbst seyenden, allgenugsamen, höchstvollkommenen Daseyns.

30. Doch, indem diese Einsicht zwar erweckt und durch Geistesbildung gekräftigt, nicht aber schlechthin Unvermögenden oder Uebelwollenden aufgezwungen und andemonstrirt werden kann, so bleibt die Philosophie in ihrer wissenschaftlichen Form wenigstens mangelhaft, und ist Anfällen des Skepticismus ausgesetzt, der ihr vorwerfen kann, daß sie in allen Theilen auf strenge Demonstration nicht Anspruch zu machen habe, nicht in sich abgerundete Wissenschaft sey. Und inwiefern er Recht habe, wissen wir. Sie müßte daher suchen, durch einen Vergleich mit ihm sich sicher zu stellen. Dem Beweisbaren gemäß sollte sie in Unentschiedenheit

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a bleiben über die Absolutheit. (22 finis) Entsagt sie dieser Unentschiedenheit aus irgend einem Grunde, so kann sie streng beweisen, daß sie nur die Einheit annehmen könne, indem diese hinreiche, und mehr als Ein Absolutes anzunehmen – die innere Unbestimmtheit davon abgerechnet, – durchaus willkürlich sey, und über die Befugniß des Beweises hinausgehe; daß also wenigstens als subjektive Voraussetzung die der Einheit die einzig mögliche sey.

31. So ließe sich die Philosophie aus einem doppelten Standpunkte betrachten: Dem Skepticismus gegenüber, in Rücksicht der formalen Beweisbarkeit spricht sie von der Einheit des Absoluten nur als einer subjektiven Voraussetzung, um philosophiren zu können; beweist aber zugleich, daß, wenn einer Annahme Raum gestattet werde, diese die einzig mögliche sey: dem Skepticismus dagegen gesteht sie das Recht zu, in seiner Unentschiedenheit zu verharren. – Absehend aber von der bloßen Form, und überwältigt von der inneren Ueberzeugung, herrscht sie dogmatisch, allen Zweifel ausschließend, und jede Ungewißheit niederschlagend; gerade das, was sie vorher Annahme, Voraussetzung nannte, und was es auf jenem Standpunkte auch allerdings nur war, wird ihr nun das Gewisseste, Evidenste, die Quelle, aus der sie alle andere Wahrheit ableitet. –

32. Aber gerade dadurch, daß sie mit dem Skepticismus

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a sich also abfindet, erwehrt sie auch äußerlich sich seiner auf das Beste. Wäre sie, wie die früheren Dogmatiker, bemüht gewesen, das Daseyn Gottes zu erweisen, so hätte Er triumphirend sie der Irrthümer, der Ungründlichkeit überweisen, und ihr Gebäude zerstören können: jetzt, indem sie von falschen Anmaßungen absteht, und ihm im Voraus schon einen ehrenvollen Platz sich gegenüber einräumt, vernichtet sie ihn gerade dadurch; wie jedes negative, nur auf Zerstören berechnete Princip, sobald es keinen Widerstand findet, von selbst in Nichts vergeht. Er kann ihrem Beginnen nicht mehr schaden, weil sie im Voraus auf ihn rechnete, hat also schlechthin kein Interesse mehr, seiner eigenen innern Einsicht, der logischen Beweisbarkeit zu Liebe, Hohn zu sprechen.

 

32. Nach 15 besteht die Aufgabe der Philosophie in der Ableitung der Endlichkeit aus dem Absoluten. – Doch woraus abgeleitet werden soll, das muß in freiem Denken reproducirt, in seinem Wesen genetisch durchdrungen werden; es muß also im Voraus schon (durch Erfahrung) dem Erkennen bekannt , gleichsam sein Eigenthum seyn, mit dem es frei schalten kann.

Hier scheitert also das Unternehmen der Philosophie abermals: aus dem Absoluten kann nicht abge=

a 22

a leitet werden, weil Es, durchaus überfaktisch, in seinem innern Wesen völlig verborgen und unsichtbar bleibt, und nur negativ – durch Abzug aller endlichen Bestimmungen von Ihm – zu charakterisiren ist.

33. Sonach bleibt auch für die Philosophie schlechthin unbegreiflich, warum das Absolute nicht in sich selbst bleibe, sondern Grund werde eines zweiten, nicht-Absoluten, der Endlichkeit: (vergleiche auch besonders 14.) es ist dies nur als ursprüngliches Faktum zu nehmen. – Dagegen bleibt es dem Erkennen unbenommen, das Wie dieses Grundseyns des Absoluten, oder des Hervorgehens der Endlichkeit aus jenem zu bestimmen; (ob es als Schöpfung, oder als Emanation perge perge zu denken sey.) Und so modificirt sich die Aufgabe der Philosophie dahin, daß sie, ausgehend von dem Faktum der Zweiheit, das Verhältniß der Endlichkeit zum Absoluten zu bestimmen, oder, da wir im Allgemeinen früher das Absolute als Urgrund der Endlichkeit charakterisirten, festzusetzen hätte, in welchem Sinne dies zu denken sey

34. Dies wäre die höchste Aufgabe, die das Erkennen sich stellen kann, sonach auch erster und vorzüglichster Gegenstand der Philosophie, und zugleich das Wichtigste und Wissenswürdigste in allem Wissen, indem die Fragen, die sonst auch vom höchsten Interesse sind, weil sie das Heiligste unseres Gemüths angehen, erst hier, in der Tiefe und aus dem Urquell aller Realität befriedigende Lösung

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a erhalten können. So möchte die Philosophie nicht bloß einer, an sich auch nicht verwerflichen Wisbegier Aufschluß geben, sondern selbst das höchste praktische Interesse haben.

35. Wenn wir früher als die Aufgabe der Philosophie fanden, die Endlichkeit ihrem Seyn und Soseyn nach aus dem Absoluten abzuleiten, so hat sich dieses freilich als unmöglich gezeigt, indem im Absoluten niemals ein Deduktionspunkt sich finden lasse. Dagegen wäre die Frage, ob statt dessen die Ableitung nicht aus der Bestimmung des Verhältnisses zwischen beiden Theilen (33) gelingen könne; („weil „das Absolute in diesem Sinne Grund ist der Endlichkeit, so folgt da„raus, daß letztere so und so beschaffen seyn müsse, und dergleichen„ – ) so daß der Deduktionspunkt nur in einer niederern, dem denken zugänglichen Region gesucht würde. – Mit Absicht drücken wir indessen uns darüber nur problematisch aus, indem dies erst aus der wirklichen Bestimmung jenes Verhältnisses sich ergeben kann, das heißt wenn der erste Theil der Aufgabe der Philosophie schon vollzogen ist, also vorläufig und im Allgemeinen darüber sich nichts bestimmen läßt.

36. Wird aber das Absolute gedacht, und alles Ernstes gedacht, so erscheint Es ganz von selbst als das allein seyende, als in sich umfassend und erschöpfend alle Existenz. Es ist das Allgenugsame, Allvollkommne, ohne Bedürfniß eines Andern, ohne Mangel und Beraubung irgend einer Art: die ganze Fülle der Realität ist in Ihm; was bliebe noch übrig für ein Anderes außer Ihm? Wie vermöchte Es überhaupt aus sich herauszugehen [um] einem Zweiten Daseyn zu geben? Vielmehr ist in Ihm Alles, was seyn kann, erschöpft und vollendet; Es umfaßt und verschlingt gleichsam alles untergeordnete Existirende, so wie die Sonne im Aufgange alle kleineren Gestirne überstrahlt. – Nur Gott ist, und außer Ihm nichts.

Indem aber das Erkennen diesen Satz ausspricht, zeigt sich ihm die Fakticität in ihrem, dem Charakter des Absoluten durchaus entgegengesetzten Wesen, und dadurch die Aufgabe, das Daseyn dieses dem Anschein nach Nichtabsoluten zu erklären, und auszugleichen mit jener Wahrheit, die ihm so lebendig geworden ist: – den Widerspruch zwischen Erkenntniß und Erfahrung aufzulösen, entweder dadurch, daß es die dem Absoluten widersprechende Form der Endlichkeit dennoch mit Jenem ausgleicht, oder, falls dies nicht gelingen sollte, daß es einen umfassendern Satz an die Stelle des obigen setzt. – Hieran schließt sich nun der folgende (IV) Abschnitt:

a 24

a IV. Vom Verhältnisse der Endlichkeit zum Absoluten.

[8]5. Es wäre eben so ungründlich als undankbar, wenn wir bei [der] bevorstehenden Untersuchung nicht zu Rathe zögen, und gleichsam [un]s zum Leiter und Stützpunkte machten, was die vorigen Zeiten [in] dieser Hinsicht geleistet haben. Doch je mannigfaltiger hier die Meinungen sind, um desto mehr thut Vorsicht in der Wahl und Entscheidung Noth. Und es muß wohl in dieser Beurtheilung4 vorzüglich der Grundsatz beobachtet werden, überall streng die Beweisbarkeit zu prüfen, und jede Behauptung, die ohne einen solchen strengen Beweis aufgeführt wird, sofort in Beschlag zu nehmen. Zum Letzteren – dem Behaupten ohne eigentlichen Beweis – wird man hier vorzüglich eingeladen, wo das Erkennen, welches nur mit großen Anstrengungen und durch Umschweife zu einem festen Ziele gelangt, der Einbildungskraft willig Spielraum vergönnt, die, grade hier, wo kaum Erfahrung sie Lügen strafen kann, an ihrem Platze, ohne große Mühe nach Lieblingsmeinungen und Vorurtheilen die Sache entscheidet.

86. Der ursprüngliche Maasstab, den die menschliche Vernunft an das [W]esen der Gottheit anlegt, ist, daß sie dieselbe als unendlich erhaben [ü]ber alles Irdische und Sichtbare anerkennt. Bevor sie sich aber bescheidet [ü]ber das innere Wesen des Absoluten Etwas erkennen zu wollen, bevor [si]e – was erst bei größerer Reife und einem höhern Grade von Besonnen[hei]t erwartet werden kann – alles Irdische und Endliche Ihm abspricht, [ve]rmag sie Es nur zu denken, als in höherm Grade und größerer [V]ollendung irdische Eigenschaften an sich tragend. Je niedriger aber [der] Mensch, je niedriger die Gegenstände, in die derselbe die Realität [sieh]t, desto niedriger wird auch seine Idee der Gottheit ausfallen müssen. [So] wird sie ihm auf der ersten Stufe der Kultur als ein Wesen im [Ra]ume, mit vollendetern Organen, und mit übermenschlichen Kräften – [aber] auch Leidenschaften – ausgerüstet erscheinen müssen. Doch der Mensch [wan]delt sich, und mit ihm auch sein Geschöpf, der Begriff von Gott; er [erke]nnt bald für das Höchste, was die Endlichkeit darbietet, die Tugend, die [Freihe]it, die Vernunft, und so wird jener als die höchste Weisheit, die unbe[schrän]kteste Freiheit und Allmacht, kurz, als die höchste Potenz jeder edlern [Geiste]skraft erkannt; edler zwar, und würdiger, aber doch bleibt es immer

a 25

Kommentare

4 Die Seiten 25-64 der Promotionsschrift stammen nicht von der Hand Immanuel Hermann Fichtes, sondern von der eines Abschreibers. Fichte nahm in der Abschrift allerdings Korrekturen vor, die in dieser Edition wiedergegeben werden. Zudem verdeutlichte er auf jeder der genannten Seiten einzelne Buchstaben - zum Beispiel setzte er über viele der vom Abschreiber geschriebenen Umlaute Pünktchen und zeichnete in einigen Fällen das große D nach, das beim Abschreiber selten eindeutig vom kleinen d zu unterscheiden ist. Diese Eingriffe werden der Leserlichkeit halber nicht wiedergegeben.

a dasselbe – wenigstens unphilosophische – Princip, – ein Gestalten nach eig[enem] Bilde, Anthropomorphismus, wie dies sehr bezeichnend genannt worden.

87. Indem das Absolute ins Bewußtseyn tritt, und der Endlichkeit [als solcher] sich entgegensetzt, erscheint es in dieser Entgegensetzung ursprünglich a[ls Ur]grund derselben, und kann nicht anders erscheinen. Es ist dies ein Beis[atz, der] zwar nicht im Wesen des Absoluten als solchem liegt, wohl aber in [der] Verknüpfung, in welcher es dem Erkennen sich darstellt. Wie nun jener [allgemeine,] ziemlich unbestimmte Begriff des Urgrundseyns nach den eben (86) [eröffne]ten Principien gedeutet werden müsse, liegt am Tage. Der Mensch [ordnet,] bildet, producirt nach Zwecken, nach bestimmten Vorbildern; wa[rum nicht] auch Gott? Er nur auf unendlich vollkomnere Weise; daher sein P[rodukt auch] um so vollendeter seyn mußte. So ist Er, in den ersten Anfängen [der] Philosophie, Ordner und Erbauer der Welt (δημιουργὸς τοῦ ὅλου[.) was] stets mehr oder weniger klar die Idee eines ursprünglichen Stoffes (υληx) materies) für jene Bearbeitung, einer Urmaterie neben dem Absolu[ten he]raustrat. So führt diese Ansicht nothwendig auf einen Dualismus.–

88. Doch eine solche Zweiheit befriedigt nicht; ganz von selbst en[tsteht die] Frage: woher denn nun jener Urstoff selber? Und man konnte in d[iesem] Zusammenhange vor der Hand um die Antwort nicht verlegen seyn: [Gott soll] nicht bloß Baumeister und Ordner der Welt seyn, indem sodann die Frei[heit seines] Schaffens, seine Allmacht durch die Tauglichkeit des Stoffes beschrän[kt werde] und so die Welt nicht sein freies Produkt, sondern das Erzeugniß [zweier] Kräfte seyn würde: vielmehr fordert der Begriff der Allmacht anznehmen, daß er unbeschränkt Alles aus sich erzeugt habe. Es muß[te daher] zunächst die Behauptung aufkommen, daß Alles in Gott seinen Ursp[rung hat,] und so entstand die Idee einer Schöpfung aus Nichts.xx)

89. Abgerechnet nun die innere Unbestimtheit und Unverständ[lichkeit des] Begriffes des Schaffens, und die Unmöglichkeit eines Erzeugens aus [Nichts,] so liegt doch außerdem ein Anthropomorphismus zu Tage, der etwas d[em Wesen] des Absoluten schlechthin widerstreitendes behauptet. Gott handelt, v[ollführt alles] und, da nichts Anderes Grund dieser Veränderung seyn kann, er entsch[ließt – sich] selbst dazu, zufolge einer freien Willensbestimmung, und geht auf [diese Weise, ]

a 26

x) die spätere philosophische Bedeutung dieses Wortes hat vielleicht die auch [sonst hierher] gehörende Stelle des Platonischen Timäus (pagina 385. bipontina) verlanlaßt: [Sowie das] τέκλονες das Holz (ὔλην) bearbeiten, so bildet der δημιουγὸς aus de[m Vorliegenden] das Mannigfaltige: Ueberhaupt bildet dieser Dialog – er mag nun den höch[sten und letzten] Gipfel Platonischer Spekulation über diesen Punkt enthalten, oder nicht – [den vollkom]mensten und geistvollsten Beleg zu der oben erwähnten Ansicht.

xx) Es läßt sich über jene Meinung nicht viel reden, noch weniger sie k[unstmäßig widerlegen,]

a Zu Seite 27.

[(]Aus Versehen des Abschreibers ist der Anfang [§] fehlerhaft abgefaßt; er muß lauten wie [...] – Ueberhaupt bitten wir wegen der Un[leserlichke]it dieses Theils der Abschrift, und der an[deren N]achlässigkeiten und so weiter, die ganz unerwartet [ohne] unsere Schuld eintraten, um die gütige [Umsicht] der Leser.)

[90.] Doch alle diese, theils unerwiesenen, theils [sich widersprech]enden Behauptungen mußten bald Verdacht [erwecken] und so wurde dem Absoluten schon von den [...]etesten Philosophen des Alterthums das, [was ihm] allein zukommt, ein unveränderliches Behar[ren vindi]cirt. Je mehr sie nun hierbei gründlich [...]en verfuhren, desto größer wurde ihre [...]t in Hinsicht des zweiten Punktes: die [Welt d]urfte nicht als unabhängig vom Absoluten, [a]us sich, durch sich-Seyendes dastehen; es kehrte [um so] dringender die Anforderung zurück, dieser [irg]endwie einen Ursprung aus dem Absoluten [anzuweisen]. – Doch wie kann in dem durch sich Befrie[digten, All]vollkommnen zugleich eine Tendenz gedacht [werden, über] den Umkreis seines Seyns hinauszustreben,

a 25

seine Immanenz in Emanenz zu verwande[ln. Sein We]sen besteht ja eben darin, daß der gan[ze Inbegriff] seiner Möglichkeit gleich ursprünglich [und ohne allen] Rückhalt wirklich ist; (sein Wesen invol[virt in allen Thei]len auch das Seyn) ein Vermögen zu [etwas Neuem] kann ihm daher nie zugeschrieben werden[, und] [...]. Entstehen eines Zweiten aus Ihm in jedem [Sinne] [...]lich, indem es dem Charakter der Vo[llendeten Ab]solutheit widerspricht. – Dennoch könnte [und so weiter]

a

[aus dem Ein]en Zustande – dem nicht schaffenden – in dem entgegengesetzten, [den schaffen]den über; er verändert sich wesentlich, was seinem Charakter der [Unwandel]barkeit und Unveränderlichkeit widerspricht: Er ist, wie er einmal ist, [und zu sein]em Seyn kann in alle Ewigkeit nichts Neues hinzukommen.

xx)

a 27

xx) weil sie, völlig schwankend und verschwimmend, eine Menge Deu[tungen zu]läßt, und nur einer festen Thesis eine eben so bestimmte Antithesis [entgegenge]stellt werden kann. Will man indessen in einem festen Denken sich [die Sache ve]rständlich machen, so kommt man alsdann immer wieder auf jenen Stoff [zurück, als] die Unterlage der nachmaligen Erzeugung; und so wurde das [Nichts selbst, wie] Spinosa sagt, der Einbildungskraft gleichsam wieder ein solcher Stoff [das Substr]at.

[Dies führt] auf umfassendere Sätze, die wir hier auszuführen keinen Anstand nehmen. – [Es ist ein w]ichtiges Gesetz des Denkens, daß es einer jeden Wirklichkeit eine feste und [gleichbleibe]nde Grundlage voraussetzen muß, die, selbst nie geworden, allem [Werden und] allen Veränderungen in ihr einen Anhalt giebt. Nun hat die Phi[losophie zw]ei große Hälften zu Gegenständen ihrer Betrachtung: Gott, und die [Welt. Wie] jener von dieser ausgesondert, und ihr gegenübergestellt, etwa als [Schöpfer un]d Erzeuger derselben, so ist, um das Daseyn der Welt sich zu erklären, [eine solche] ewige Grundlage für ihre Existenz für das Denken unvermeidlich; [denn ihr An]fang aus dem reinen Nichts erscheint völlig widersinnig; und [so hätte je]ne Zweiheit der Urprincipien (87 und 88.) einen tiefern Sinn als wir Anfangs glaubten.; es liege ihr ein [Allgemein]es Denkgesetz zu Grunde. – Wäre dagegen Gott als immanentes Princip [der Welt ge]dacht (wie im Spinosischen Systeme), so tritt er selbst an die Stelle [jenes Stoff]es, der der Welt schon vorläufig ihre Wirklichkeit sichern soll, und [er ist eigen]tlich nichts weiter als dieser, an welchem das Denken die verschiedenen [Accidenzen] aufreicht; das Unveränderliche, Beharrliche in der Veränderung, [die Eine S]ubstanz des Spinosa.

a Dennoch konnten jene Philosophen diesen Gedanken nicht entbehren, wei[l ihnen] sonst die Endlichkeit ein zweites Absolutes geworden wäre. Hier m[ußte nun] unter solchen Umständen ein kühner Sprung des Denkens aus der Verl[egenheit] retten: nicht aus irgendeinem Mangel, der nachher ergänzt wird, [geht Es] in Zweiheit über; dies ist klar; aber wie wäre es, wenn man das G[egentheil] aufnähme, ein Zuviel, ein Uebermaaß der Realität; so flöße es [gleichsfalls] unwillkührlich über, und aus sich heraus, – aus eigener Fülle, wie ei[n über]strömendes Gefäß: welcher Gedanke doch ohne Zweifel würdiger und [angemes]sener ist der Größe des höchstens Wesens, als alle andern! Würdiger ge[wiß, und] auch sinnreicher, wenn gleich nicht weniger unstatthaft, als alle frühere[n Hypo]thesen; denn er widerspricht eben so sehr dem Begriffe der Allgenugs[amkeit, als] die entgegengesetzte Meinung. Jenen Gedanken übrigens – des unwil[lkührlichen] Ueberströmens aus innerer Fülle – äußert nicht undeutlich der [Hauptre]praesentant der Emanationsansicht, den wir sogleich nennen werden.

91. So konnte, da man kein anderes Mittel sah, für die Endlichkei[t den ihr] zukommenden Charakter der Nichtabsolutheit zu retten – n[ichts übrig] bleiben, als jenen, wie es schien, unvermeidlichen Widerspruch durch Vergleichungen und Bilder sich und andern in Etwas aus den [Augen zu] rücken, oder wohl gar zu verdecken; – was freilich nicht anders als [Schwär]merei genannt werden kann, wie dasjenige Verfahren mit Recht he[ißt, wo] durch Bilder ausgeschmückt werden soll, was ein klares Denken nicht [verträgt.] Hier konnte bald die Vergleichung mit dem Ausstrahlen eines [leuchtenden] Körpers, der, ohne in seinem innern Wesen sich im mindesten zu än[dern, nach] allen Seiten hin Licht verbreitet – als das passendste, und die Idee a[m meisten] metaphysicirende Bild erscheinen; zu dem entstand dadurch der Vor[theil, daß] man auf diese Weise unmerklich den Gedanken an eine Genesis [aus dem Ab]soluten über die Seite schaffen konnte; das Licht ist unzertren[nlich von seinem] Ausstrahlen, was sich passend auf das Absolute übertragen ließ; und [so trat] nach und nach die Vergleichung an die Stelle der Sache selbst : das Absolute wurde ihnen das Urlicht, die Welt seine ewige Ausstrahlung! Man trug [sich mit einem] schwärmenden und verworrenen Gedanken, während man eine tief[e und erhabene] Erkenntniß zu besitzen glaubte.

a 28

a

[92. Den]noch wurde durch die Emanationstheorie ein großer und wichtiger [Schritt der] Wahrheit näher gewonnen, und sie verdient deswegen allerdings [eine Aus]zeichnung vor den früher erwähnten Vorstellungsarten. Ihr ist [das Absol]ute wenigstens ruhender und unwandelbarer Urgrund der Endlichkeit; [diese ist] nicht Product eines Wollens oder einer besondern Thätigkeit Gottes, [sondern g]anz von selbst und durch seine bloße Existenz entfließt sie ihm, und [er selber w]ird in seinem Innern nicht wesentlich dadurch geändert.

[93. V]orzüglich merkwürdig und Aufmerksamkeit erregend wird jene [Ansicht abe]r durch den tiefen Geist eines Mannes, der sie mit seltenem Scharf[sinne und] Ideenreichthum bearbeitete, und der als ihr Wortführer und Reprae[sentant h]ier nicht übergangen werden darf – durch Plotinus, den Neuplatoniker. [Innige Fr]ömmigkeit, ungemeine Denkkraft, Witz und Bilderfülle, und eine [bewunde]rnswürdige Gewandtheit, Allem, was mit seinen Ansichten sich nicht [zu vertra]gen scheint, dennoch eine günstige Seite abzugewinnen, zeichnen [ihn vor a]llen seinen Vorgängern aus, und machen ihn vollkommen würdig, die [Reihe der] Selbstdenker des Alterthums zu schließen. Ueberall belebt seine [Schriften] ein kühner gewaltiger Geist, der auf jedem Schritte neue Bahnen bricht, [mit jedem] Gedanken neue Aussichten eröffnet, dem allenthalben die Sprache [zu arm] ist für die Fülle seiner Ideen, und das Gebiet der Erkentnisse zu [enge für] seine umfassenden Ansichten; diese Welt reicht ihm nicht aus; er er[baut sich n]eue, und schmükt und belebt sie durch seine reiche Einbildungskraft; Alles dies doch keinesweges ohne eine gewisse Methode [und Syste]maticität! Immer sinnt sein rastloser Geist auf neue Wen[dungen] und Hypothesen, um die schwierigsten Probleme der Vernunft entscheidend [zu lösen;] ja man könnte behaupten, daß fast alle Systeme, die späterhin be[rühmt ge]worden, aus solchen verstreuten Andeutungen und Winken sich [entwicke]ln ließen, und so machen seine Schriften gewiß das anregendste [Studium] für Philosophen aus. Nur Schade, daß dieses durch die elende Beschaffen[heit des Te]xtes, der von Fehlern und Auslassungen wimmelt, und durch die [eigenthüm]liche Concentration und Dunkelheit seiner Schreibart, so sehr erschwert [und verk]ümmert wird. Möge auch Ihm unser Zeitalter zu einem vollkommnen [Wiedererst]ehen aus der Nacht der Vergessenheit verhelfen!

[94. Zun]ächst muß man ihm zugestehen, daß er die höchste Aufgabe der Philosophie [mit einer] Schärfe und Tiefe gefaßt habe, wie vor ihm noch keiner, nach ihm [nur wenige]. Es ist daher gewiß auch für den gegenwärtigen Zusammenhang [merkwür]dig zu sehen, wie derselbe jene Aufgabe dargestellt, und aus seiner [im allge]meinen schon charakterisirten Denkart zu lösen versucht hat. Uebel ist [es freilich,] daß er keine fortlaufende, systematische Darstellung hinterlassen hat;

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a manches ist uns wenigstens dadurch dunkel geblieben, was ohne Zw[eifel] sodann aufgeklärt worden wäre. Doch auf der andern Seite ist er d[arum] uns so theuer, weil er, nicht gefesselt durch eine systematische Form, in [einzelnen] Abhandlungen seinem Geiste freien Spielraum vergönnen konn[te; und] diesen verehren wir, nicht sein System.

95. Das Charakteristische seiner Philosophie ist nun zuförderst die un[mittelbare] Anschauung des Absoluten, die ihm an der Spitze aller anderweitigen [Unter]suchungen steht, und die wesentlichste Bedingung alles Philosophirens [ist. Es] läßt sich aber dieselbe, seiner Meinung nach, nicht lehren, noch sonst mitth[eilen,] sondern ein Jeder muß sich selbstthätig zu ihr erheben muß sie besitzen; und [in ihr ist die] letzte Staffel der Erkenntniß und der Stetigkeit zugleich, – das Höchste[, was der] Mensch besitzen kann, erreicht. Hier können nun die Lehrbücher der Gesch[ichte der] Philosophie gewöhnlich nicht umhin, ihr tiefes Bedauern an den Tag zu [legen] über die Transcendenz und heillose Schwärmerei des Mannes. – Warum[? Wenn] er nichts erschleicht, nichts Irdisches und Endliches jener Idee hinzumischt[, nicht] mehr zu wissen vorgiebt, als er wissen kann, so können wir jene Vor[würfe] nicht theilen. Und grade dadurch, weil er nicht, wie andere Philosophen [den] Umweg der Beweise nimmt, sondern aufrichtig und ohne Umschweife a[uf die] einzig übrig bleibende Quelle jener Erkenntniß hinweiset, grade dadurch [zeigt er] wie lebendig und kräftig in ihm jene unmittelbare Ueberzeugung ge[...] habe, da er nirgend für nöthig findet, Etwas, das einem Beweise äh[nlich sähe] zu ihrer Bekräftigung hinzuzusetzen. Dabei warnt er [...]drücklich [davor,] keine von der Endlichkeit entlehnte Vorstellungsart jenem Gedanken [einzu]mischen, und zieht mit großer Genauigkeit alle der Relation und de[m End]lichen angehörenden Begriffe von ihm ab. Das Absolute, sagt er, hat [weder] Größe noch Gestalt, ist weder in Bewegung noch in Ruhe; auch Vernunft [und] Seele kann ihm nicht beigelegt werden; es ist das an sich Einfache und Beg[rifflose] und über alles Endliche durchaus erhaben. x) Wahrlich, wenn er in diesem P[unkte]

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x) Siehe Enneade VI.L. IX. pagina 760. C. D. (editio Basilae 1580.) – ibidem pagina [760. I.] γεννητικὰ γὰρ ἡ τοῦ ἑνὸς φύσις οὖσα τῶν πάντων οὐδέν εζιν [αυτων·] οὔτε οὖν τὶ, οὔτε ποιὸν, οὔτε ποσὸν, οὔτε νοῦν, οὔτε ψυχὴν, [οὐδε] κινούμενον, οὐδ ἑζῶς· οὐκ ἐν τόπῳ, οὐκ ἐν χρόνῳ, ἀλλα [το καθ’] αὑτὸ, μονοειδὲς, μᾶλλον δὲ ἀνείδεον, πρὸ εἴδους ὅν παν[τος, πρὸ] κινήσεως, πρὸ ζάσεως. Dies ist eine von den hervorstechenden Stellen[; dasselbe] bezeugt die ganze Abhandlung, aus der jene Stelle genommen ist. An ander[m Orte,] wo er nicht mit dieser Abstraktion zu reden scheint, muß man dies, da er s[o un]verholen seine wahre Meinung an den Tag gelegt hat, wohl der kühnen Bil[dlichkeit] seiner Sprache zuschreiben.

a [ein irrer] Schwärmer gewesen wäre, wie er gewöhnlich dargestellt wird, [er hätte] hier sich nicht so rein erhalten von allem Anthropomorphisiren, [dem auch] die nüchternsten Philosophen oft nicht entsagen konnten.

[96. Wir] fahren fort in jener Exposition: Das Absolute ist in sich vollen[det und] vollkommen; es bedarf drum keines anderen, noch strebt es nach [Etwas, d]enn es ist alles, was es seyn kann; es vermag zu seinem Wesen [durchaus] nichts Neues hinzuzukommen.

[Doch w]ie vermochte aus dem Einen, wie wir dasselbe beschrieben haben, [irgend e]twas Anderes, eine Mannigfaltigkeit und Vielheit ihr Daseyn zu [bekommen]? Warum blieb jenes nicht in ihm selbst, sondern floß über in ein [solche Ma]nnigfaltige, wie wir es in den Thatsachen erblicken, und welches wir [auf jene] Einheit eben zurückzuführen bestrebt sind? x). (Wir sehen, wie [tief und] geistreich er die Aufgabe der Philosophie erfasset hatte: sein Denken [war im] Absoluten befriedigt und verloren; und ihn beschäftigte nun eine [ganz an]dere Frage; das Daseyn der Welt war ihm das große Räthsel, welches [jene Be]friedigung störte, jene Klarheit der Betrachtung trübte, und erst mit [diesem] entstand überhaupt das Bedürfniß einer Philosophie, durch den Widerstreit [eben zw]ischen reiner Erkenntniß, und unmittelbarer Erfahrung. (vergleiche 75 und 76.) [Daß er] die richtige Antwort nicht gefunden habe, ist schon oben angedeutet: doch [zugleich] verdient erinnert zu werden, daß er sie unter seinen Umständen nicht [wohl f]inden konnte, wo er die Welt noch als zweites, vom Absoluten verschiedenes, [demna]ch aber nicht selbst absolutes, sondern in Jenem auf irgend eine Weise sei[nen U]rsprung habendes ansah. Denn, damit wir uns vorgreifen, eine gründliche [und du]rchgreifende Antwort auf jene Frage konnte vor der Hand nur im kühnen [...][ben] jenes Gegensatzes, und der Trennung der beiden Glieder, im Identificiren [dersel]ben, im Spinosismus mit Einem Worte, gefunden werden. Und dieser [Gedan]ke scheint auch manchmal nicht undeutlich ihn ergriffen zu haben, doch nicht [so lebe]ndig, um bleibende Wurzel bei ihm zu schlagen. Eine Stelle wenigstens, [die au]ch Tennemann nachweist, spricht dies auf das deutlichste aus: Enneade VI. L. II. pagina [...]A. ὅλως δὲ ἴσως οὐδε τὸ ἓν φατέον αἴτιον τοῖς ἄλλοις εἶναι, ἀλλ’ οἷον []ὠτοῦ, καὶ οἷον ζοιχῦα αὐτοῦ, καὶ πάντα μίαν φύσιν, μεριτομένην τοῖς [] ἐπινοίαις· κ. τ. λ· Deutlicher und schärfer kann nun wohl nicht das eigentliche [Wesen] und der Kern des Spinosismus ausgesprochen werden, als es in diesen

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x) Enneade V. L. I. c. 6. pagina 486. A. Ἐπιποθεῖ(ἡ ψυχὴ) δέ τὸ θρυλλούμενον δή καὶ παρὰ τοῖς πάχα σοφοῖς, πῶς ἐξ ἑνὸς τοιούτου ὂντος, οἷον λέγομεν []ἶναι, ὑπόζασιν ἐχεν ὁτιοῦν, εἴτε πλῆδος, εἴτε δυὰς εἴτε ἁριθμιὸς, ἀλλ’ []μεινεν ἐκεῖνο ο’ ἑαυτοῦ· τοσοῦτο δὲ πλῆθος εξ ερρύη, ὅ ὁρᾶται ἔν τοῖς ἀνάγειν δὲ αὐτὸ πρὸς ἐκεῖνο ἀξιοῦμεν.

a wenigen Worten geschehen.)

97. Bei dieser Ableitung des Mannigfaltigen aus dem Absoluten, fährt er [fort,] sey es ferne von uns, an eine Genesis in der Zeit zu denken, sondern ma[n halte] fest die Begriffe der Ursache und der Ordnung (τά ξεως der Reihenfolge [im] Denken) der verschiedenen Glieder.

Wenn durch irgend eine Veränderung etwas aus ihm entstände, so wär[e dieses] schon das dritte in der Reihe, nicht das zweite; denn die Veränderung wäre s[elbst] als das zweite mitzuzählen. Bleiben wir nun bei letzterem stehen, so mu[ß doch] dieses, als zweites eben, hervorgehen aus dem Absoluten ohne irgendeine [Neigung,] Wollen, kurz Veränderung einer Art von Seiten des letztern; wäre es [anders, so] würde jenes eo ipso dadurch das dritte seyn, nicht das zweite.x) So verfäh[rt er nun] wenigstens künstlich und scheinbar gründlich: um die Frage zu umgehen, wie überh[aupt ein] Hervorgehen eines Zweiten aus dem Einen in irgend einem Sinne mög[lich und] denkbar sey, behauptet er ohne weiteres: es ist faktisch ein solches, und d[emonstrirt] nun, daß, weil es das Zweite neben dem Absoluten sei, es auch nothwe[ndig aus] ihm ohne irgend eine Veränderung desselben hervorgehen müsse: es ist mi[t Einem] Worte eine Erschleichung.

98. Dieses Hervorgehen ohne jede Veränderung des Absoluten, setzt er weiter [ausein]ander, ist nur als eine Umstrahlung zu denken, die das Absolute, bleiben[d, was es] ist, umgiebt, so wie die Sonne das Licht von sich aus sendet, ohne selbst d[avon in] ihrem Wesen verändert zu werden xx) Diesen Gedanken sucht er nun ferne[r durch] folgende Theorie zu rechtfertigen: Alles, solange es in seiner Existenz ve[rharrt, giebt] aus der ihm inne wohnenden Kraft einem andern außer sich Daseyn, w[elches] sich wie das Nachbild zu jenem, als dem Urbilde verhält: dies zeigt das [Feuer,] welches seine Wärme, der Schnee, welcher Kälte nach außen mittheilt; bes[onders] beweisen dies auch die duftenden Dinge. So erzeugt jedes Vollkommene E[twas, das] aber seinem Range und Werthe nach geringer ist, als das Erzeugende. D[as Vollkom]menste aber (das Absolute eben selber) erzeugt entweder Nichts, – oder das V[ollende]teste nach ihm xxx)

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x) Enneade V. L. I. pagina487. [B.] C. ἐκποδῶν δὲ ἡμῖν ἔζω γένεσις ἡ ἐν χρόνῳ, τὸν λό[λογον περι] τῶν ἀὲι ὄντων ποιουμένοις· τῷ δὲ λόγῳ τὴν γένεσιν προσάπτοντας αὐτοῖς, [αιτιας καὶ] τάξεως αὐτοῖς ἀποδώσειν τὸ οὖν γενόμενον ἐκεῖθεν, οὐ κινηθέντος φα[τεον γι] γνεοθαι· εἰ γὰρ κινηθέντος αὐτοῦ τὶ γίγνοιτο, τρῖτον ἁπ’ ἐκείνου τό γιγνόμε[νον μετα] τὴν γένεσιν ἂν γίγνοιτο, καὶ οὐ δεύτερον· δεῖ οὖν ἁκινήτου ὄντος εἴ τι[δευτερον] μετ’ αὐτὸ, οὐ προςνεύσαντος, οὐδέ βουληθέντος, οὐδέ ὅλως κινηθέντος ὑπος[ηναι αυτο]

xx) ibidem πῶς οὗν καὶ τὶ δεῖ νοῆσαι περὶ ἐκεῖνο μένον; περίλαμψιν ἐξ αὐτοῦ μ[εν, ἐξ] τοῦ δὲ μένουτος, οἷον ἡλίου τό περὶ αὐτοῦ λαμπρὸν, ὥσπερ περίθεον.

xxx) – καὶ πάντα τὰ ὄντα ἕως μένει, ἐκ τῆς αὐτῶν οὐσίας περὶ αὐτὰ πρὸς τὸ ἔξω[] τῆς παρούσης δυνάμεως δίδωσιν αὐτῶν ἐξηςτημώην ὑπόζασιν, εἰκόνα οὖσα[] αρχετύπων ὧν εξέφυ· πῦρ μὲν τὴν παρ’ αὐτοῦ θερμότητα, καὶ χιὼν οὐκ εἴσωμ[] ψυχρὸν κατέχει, μάλιζα δέ ὅσα εὐώδη μαρτυρεῖ τοῦτο – καὶ πάντα, ὅσα ἤδη[] γεννᾶ, τό δέ ἄει τέλειον, ἄει καὶ α[...]διον γεννᾶ, καὶ ἐλαττον [...] ἑαυτοῦ γεννᾶ χρὴ περὶ τοῦ τελειοτάτω λέγειν; μηδὲν ἀπ’ αὐτοῦ, ἢ τὰ μέγιζα μετ’ αὐτοῦ.

a [(späterhin an] einer andern Stelle, wo er dieselbe Frage erhebt nach dem Ursprunge [der Endlichkeit] aus dem allgenugsamen Absoluten, erklärt er es als ein Ueberflie[ßen der inn]ern, gleichsam übervollen göttlichen Realität (Enneade V. L. II. c. 1.) [kurz immer tritt] ihm eine bildliche Wendung an die Stelle des Denkens durch reine [Begriffe. Außerdem ]kann man ihn bei dieser Vergleichung wohl nicht ganz von dem Ge[danken an] eine wahrhafte Genesis aus Gott lossprechen; wenigstens wäre das [Bild schlecht] gewählt.)

[99. Jetzt,] nachdem eigentlich die Hauptsache abgethan, können wir, rascheren Schrittes [fortschreit]end, nur die einzelnen Hauptmomente seiner Ansicht heraus heben Das [Zweite] nächst dem Absoluten ist die Vernunft; (νοῦς) denn diese schaut lediglich [jenes an], und begehrt allein desselben.

[Die nä]chste Frage, die sich ihm auf dringt, ist nun die, wie aus dem schlechthin Ein[fachen] je eine Manigfaltigkeit entstehen könne? – Die Vernunft besteht ihrem [Wesen] nach offenbar im Denken; dieses erfordert unmittelbar eine Zweiheit, [denken]des und gedachtes, Subject = Objectivität, und so hätte sich die ursprüngliche [Einfach]heit schon in eine Duplicität verwandelt. – Aber ferner, die Vernunft, [so gewi]ß sie existirt, kann in keinem Augenblicke unterlassen, lebendig, thätig [zu seyn,] das heißt wirklich zu denken; so muß sie, wegen ihrer nie ruhenden Lebendigkeit, [immer] verschiedene Objecte sich vorstellen, da das Fixirtseyn auf Einem Gegenstande [eben au]ch eine Ertödtung des Bildens seyn würde: und so wird sie nothwendig die [Erzeu]gerin einer Mannigfaltigkeit; denn in diesem ganzen Systeme giebt es kein [ander]es Erzeugen, als das Sichvorstellen, das Bilden.

[So scha]fft die Vernunft auf diese Weise von selbst den Raum, als die Sphäre ihrer [Beweg]ung: denn Denken ist nichts anderes als ein successives Schreiten von einem [Objec]te zum andern. Indessen ist hier noch nicht an den wahren Raum, und die gewöhnliche [Bewe]gung zu denken, vielmehr ist jener nur davon das Vorbild; denn es ist ein [Haupt]theorem dieser Philosophie, daß die Vernunftwelt das Vorbild sei der sinnlichen. [Jener] Gedanke ist nun sinnreich genug! Das Nebeneinander der mannigfaltigen Objecte, [die die] Vernunft stets denkend (gleichsam sich bewegend) erzeugt, giebt das Vorbild [des] Nebeneinander der sinnlichen Objecte, und der von Einem Gegenstande zum [andern] fortlaufenden Bewegung im Raume. Die Vernunft also ist der Schöpfer [von A]llem; und zwar durch bloßes Denken. Hier nähert sich Plotin den Ansichten [des Nu]menius und Philon, denen der λόγος, als ewiges Ebenbild der in [sich ver]borgenen Gottheit, Schöpfer der Welt war; und daher auch die Vorwürfe, die [die Zeit]genossen dem Plotin machten, daß er des Numenius Schriften beraubt habe.5

[100.] Die Welt der Vernunft ist das Muster der sinnlichen Welt: wir können drum [umge]kehrt von dem Wesen der letztern auf die Beschaffenheit jener schließen; auch [in ihr] wird seyn ein Himmel mit Sternen besäet, und eine Erde und Wasser und Luft, [mit le]benden Geschöpfen begabt, doch alles hier im höchsten Glanze, und größter [Vollko]mmenheit. – Alles in dieser Vernunftwelt Enthaltene muß ferner, da es [nicht d]urch den Raum getrennt ist, durch seine innre Eigenthümlichkeit, durch seine

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Kommentare

5 Philosophen Griechenlands beschuldigten Plotin, er habe bei Numenios abgeschaut. Porphyrios berichtet ausführlich über die Plagiatsvorwürfe in: Vita Plotini, 17, 1–21, 23.

a besondere Gestalt und Form unterschieden werden. Wo Form ist, da be[darf es] zuförderst einer durch die Form erst zu gestaltenden Grundlage, ein[es die Form] annehmenden Gemeinschaftlichen. Dies wäre gleichsam die Materie für die Vernunftwelt; und so stimmte auch in diesem Punkte jene mit der der sinnlichen überein. ;

101. Nach dem früher angeführten Theorem, daß alles Vollkommne [aus sich ein niederes] Vollkommnes erzeuge, bringt die Vernunft durch dieselbe Art des Ausf[lusses, durch] welche sie selbst aus dem Absoluten hervorgegangen, die Seele (ψυχή) [hervor:] auch der letztern Wesen besteht im lebendigen und thätigen Denken, d[och in einem] niedern Grade: es bleibt nicht stehen bei dem reinen Schauen, sondern [es ist nach] außen thätig, stellt seine Objecte äußerlich dar, wodurch sie ein vermisch[tes und] getrübtes Seyn erhalten. Warum die ψυχη ihre Anschauungen gr[ade äußerlich] darstellen müsse, davon läßt sich der Grund aus anderweitigen A[ndeutungen] einsehen. Ein schwaches Bilden muß, um sein Product nicht wieder zu [verlieren,] es gleichsam zu befestigen, zu realisiren, in einer äußern Gesta[lt hinzustellen] suchen; was wir bei Knaben sehen, welche, zu den rein im Geiste [bleibenden, bloßen] intellectuellen Beschäftigungen zu träge und zu schwach, sich auf H[andwerke und] Künste legen. – Woher nun aber der Stoff, der erfordert wird für die äuß[ere Darstellung] jener Produktionen? Strömt das Eine vermöge seiner innern Real[ität aus sich] heraus, und findet das Gleiche statt bei den also entsprungenen S[ubstanzen, und] mit allmähliger Verminderung der innern Realität, so muß es irgend [ein letztes] geben, aus dem nichts Neues mehr erfolgen kann, weil die Realität [in ihm sich] bis auf das Äußerste vermindert hat: dies ist die Materie, die eben [darum voll] unbestimmt und formlos, indessen wenigstens Bestimmbarkeit übrig [behalten muß] und so ist sie die dritte Abstufung der Efulgurationen des Absolu[ten, nach der] keine mehr möglich ist. – Durch die Thätigkeit (ἐνεργεια) der Seele ents[tehen aber] andere Seelen als Arten der Einen, eben so wie auch die Vernunft sich [in sich eine] Mannigfaltigkeit von Individuen spaltet: von jenen – den Th[eilen der] sind einige auf das Obere, die Vernunft gerichtet, die höhere menschliche [Denkthätig]keit, andere sind niedriger in unendlichen Abstufungen; die untere ist [die der] Materie inwohnende und sie gestaltende Kraft. So ist die Natur nich[ts anderes] als eine solche Seele, und Theil der allgemeinen alles umfassenden [jene] kann daher nie unterlassen, thätig anzuschauen, das heißt zu produciren; [und diese] Producte sind eben die mannigfaltigen sich uns darbietenden sinn[lichen Gestal]tungen; alle die verschiedenen Erscheinungen der Natur sind nichts als [Anschauun]gen jener Weltseele. Die Individuen dagegen sind wiederum nichts [anderes als] Theile und Spaltungen der ψυχη, in sich verschieden durch das klarere [oder dunklere] Vermögen anzuschauen. – Alle übrige Folgerungen aus diesen Sätzen, [namentlich] seine in vieler Hinsicht merkwürdige Theorie über den Ursprung des B[ösen, die ein] kleines Vorbild der nachher so berühmten Leibnitzischen Theodicäe ist, m[üssen wir]

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a [hier übergehen.] Indessen scheint doch selbst diese kurze Erwähnung hinlänglich, [um zu sehen,] daß es ihm, bei allem Abentheuerlichen und Willkührlichen, [dennoch keines]weges an einer gewissen Methode und Konsequenz gefehlt habe; [daß sein Streben] aber durchaus wacker und höchst achtungswerth gewesen sey, [und recht philo]sophischen Geist beurkunde.

 

[102. So wird] die Vernunft, immer mehr ihre Erkenntnisse läuternd, und immer [strenger das] Gefundene prüfend, von einer Stufe der Einsicht zur andern fortge[trieben: von] den niedrigsten Hypothesen, die noch eng verschmolzen waren mit [den Mythen] und den herrschenden Religionen, läuterte sie sich nach und nach [durch Jahrhun]derte zu gereifteren, wenn auch nicht befriedigeren Ansichten: Jetzt – [im Emanatio]nssysteme – stand die Sache auf der Spitze: dieses mußte früher [oder später der] Wendepunkt einer ganz neuen Ansicht für die Spekulation werden. [Auf der Einen] Seite war eingesehen, daß das Absolute der Erkenntniß uns als ein [durchaus un]wandelbares Wirkliche erscheinen könne, an dem ein Werden oder [Wandel irg]end einer Art durchaus widersprechend sey: von der andern Seite [entstand das] lebhafteste Bedürfniß, der Endlichkeit dennoch irgendwie ein [Entspringen] aus dem Absoluten anzuweisen; durch ein klares und besonnenes [Denken ließ] sich darauf keine Antwort finden, denn es enthält einen Wider[spruch (Seite 9]0.), und so mußte man durch einen unbewiesenen Gedanken – [durch die Ann]ahme eines Sichlosreißens, eines unwillkührlichen Entfließens [der Endlichkeit] – sich aus der Verlegenheit zu retten suchen.

[103. Aber] gerade des wegen, weil eines Theils die Philosophie in diesem Systeme [gründlich ver]fahren ist, andern Theils aber sich arge Inkonsequenzen hat zu [Schulden ko]mmen lassen – grade des wegen mußte der nächste Schritt, den sie [auf der Bahn] ihrer Entwicklung zu thun hatte, um so schneller erfolgen. Als [Plotinius die] Worte schrieb: Doch wie vermochte aus dem Einen irgendein anderes, [eine Mannig]faltigkeit ihr Daseyn zu bekommen (Seite 96.), da stellte sich ihm der [entscheiden]de Punkt, da war der Moment, wo er, wenn er scharf und klar die [Unmöglich]keit jener Verwandlung eingesehen hatte, entschieden jeden Uebergang, [jede wahr]hafte, und ernstlich gemeinte Zweiheit, jedes Jenseits und Disseits [hätte verw]erfen sollen, wodurch er der Begründer eines ganz neuen, vorher durchauchs [nicht vorhan]denen Systems geworden wäre. Hier erforderte es die Konsequenz, [mit Einem] Schlage die der Philosophie so unheilbringende Trennung aufzuheben: [es ist kein] Ausfließen des Endlichen aus dem Absoluten denkbar; es ist überhaupt [keine Zweiheit], sondern lediglich Einheit: Eins ist Alles, und Alles ist Eins.

[Dies war die] nächste Stufe, die die Spekulation ersteigen mußte, wo sie einen [Ruhepunkt fin]den konnte. Plotinus gewann diese Einsicht nicht; wenigstens vermochte [er nicht sich in] ihr festzusetzen; und so mußte dieser bedeutende Schritt seinen

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Nachkommen überlassen bleiben.

Anmerkung. Siehe Jakobis Briefe über Spinosa. Seite 223. II. die [Kabbalistische] Philosophie ist, als Philosophie, nichts anderes, als unetwickelter, oder [neu verworre]ner Spinosismus.

104. Wir betrachten die Sache zugleich noch von einem allgemeinen [Standpunkte.] Wir haben im Vorhergehenden das Verhältniß des Absoluten zur [Erkenntniß und] zur Faktizität ganz im Allgemeinen dadurch bezeichnet, daß Je[nes der Seyns]grund, das höchste Princip von dieser sey. Bisher begnügten wir uns mit [dieser allge]meinern Bezeichnung, es immer noch aufschiebend, jenen Begriff einer [strengern] Prüfung zu unterwerfen. Doch muß schon jetzt aus dem oben Ges[agten klar seyn,] daß an den gewöhnlichen Sinn, den man mit jener Bezeichnung verb[indet (schaffen] aus sich frei erzeugende Kraft) hier nicht zu denken sey: Seite 89. 90. [91, wo be]wiesen worden, daß überhaupt ein Entspringen irgend einer Art aus [dem Absoluten] durchaus unstatthaft sey.

In welchem übrig bleibenden Sinne vermöchte Es also nun doch Grund [genannt zu werden.]

Wenn die Endlichkeit durch das Absolute wäre, so wäre dieses durchaus [also zu denken] daß unmittelbar, und in Einem unabtrennlichen Momente mit sein[em – des Absoluten –] Seyn, aber durch seine Existenz herbeigeführt und bedingt, jene Endlich[keit existirt.] Das Absolute müßte nicht eigentlich innerhalb seiner schon vollende[ten Existenz] Grund seyn der Faktizität: (dies bleibt, man mag es sich denken, wie [man will, wi]dersprechend) sondern sein Seyn selbst müßte jene unmittelbar bei [sich führen,] so wie der Körper – nicht den Schatten erzeugt, entstehen läßt aus [seinem schon] vollendeten Daseyn, sondern unmittelbar von ihm [...]tet wird, unzertrennlich ist von ihm.

105. Es trete unsere Meinung durch Hervorhebung des Gegensatze[s noch schär]fer heraus:

Wir können von Grundseyn in einem doppelten, durchaus versch[iedenen] Sinne sprechen: Etwas erzeugt, erschafft ein anderes innerhalb [seines schon] fertigen Seyns, durch gewisse Gesetze bestimmt, oder auch nach ein[em frei ent]worfenen Vorbilde, wie die Natur Produkte erzeugt, [und der Mensch] freithätig hervorbringt. Diesen Sinn, den der gewöhnliche Verstand [allein mit] jenem Worte verbindet, haben wir schon bestimmt vom Absolu[ten ausge]sondert. Drum bleibt für dieses nur der zweite entlegenere, a[bstraktere] Sinn übrig: Es ist bedingendes für die Endlichkeit; durch sein [Seyn ist zu Folge] seines Wesens auch jene schlechthin mitgesetzt. Schon früher [machten wir] auf dieses Verhältniß aufmerksam, und drückten es durch [die Formel] aus: Wenn Y ist, so ist dadurch auch X gesetzt: (13 und 15, 3.) also [ein unmit]telbares Bedingtseyn des zweiten Gliedes durch das erste; exis[tirt dieses, so] folgt daraus auch die Existenz des zweiten. Nur so wäre das Be[gründetseyn]

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a der Endlichkeit durch das Absolute zu denken; drum wäre dies das einzige Verhältniß, welches die Erkenntniß, nüchtern und besonnen, zwischen beiden fest setzen könnte. Die Endlichkeit würde dadurch innig verschmolzen mit dem Absoluten; wäre wesentlicher und integrirender Bestandtheil für dasselbe, Bedingung ohne welche nicht – für sein Daseyn, denn für seine Existenz wurde ja zugleich die der Endlichkeit gefordert. So wäre jede Trenung, jede Spaltung aufgehoben; Alles bildete nur Eines, – Ein organisches Ganze.

106. Und so können wir auch hier, durch bloße Erwägung dessen, was Grundseyn, vom Absoluten aus gesagt, heißen könne, zurück auf jene alte allbekannte Lehre: Daß alles nur Eines sey, (ἓν καὶ πᾶν, in dem Sinne von ἓν = πᾶν) daß alle Mannigfaltigkeit gleichmäßig nur Accidenz des Einen Absoluten sey; daß überhaupt und überall wahrhaft nur Eines existire in allem Existirenden, nicht aber Zweiheit und Sonderung irgendeiner Art statt finde: – kein außerweltlicher Gott, keine außergöttliche Welt, dies der nervus dieser ganzen Ansicht! – welche Lehre, wiewohl mannigfaltig bearbeitet, und bald im mystischen, bald im wissenschaftlichen Gewande dargestellt, doch von Keinem – weder in älterer, noch in neuerer Zeit – mit dieser Konsequenz, Kühnheit, fast zwingender Ueberzeugungskraft, und siegendem Scharfsinne ausgeführt worden ist, wie von Benedict Spinosa. An diesen, und an dessen Darstellungen hätten wir uns demnach zu wenden, wenn wir diese Ansicht prüfen, und urtheilen wollten, ob bei ihr die Erkenntniß sich beruhigen, und hier die Akten für geschlossen erklären könne. Sey es damit indeß, wie es wolle, so hat sich doch schon gezeigt, daß jene Ansicht, wenn vielleicht auch nicht die letzte und Alles vollendende, – dennoch eine von den nothwendig zu ersteigenden Stufen sey, welche die Philosophie eine Zeitlang behaupten, oder, falls sie Rückschritte gethan haben sollte, wieder einnehmen müsse.

107. Liesse sich nun aus überzeugenden Gründen darthun, daß dies die einzig mögliche Lösung, die einzige Antwort sey, die der Philosophie auf die an sie gestellte Frage (Seite 76 und 77) übrig bleibt, so kann man nicht daher Gründe entnehmen, jene Antwort nicht gelten zu lassen, weil etwa die anderweitigen Resultate dabei nicht zum erfreulichsten aus fallen, weil zum Beispiel Freiheit als Täuschung hinweggeleugnet, Selbständigkeit der Person als Irrthum verworfen wird, weil die Idee einer milden väterlichen Weltregierung, die so wohlthätig und beruhigend das Gemüth umfängt, in ein unbeugsames Weltgesetz, ein unausweichbares Fatum sich verwandelt. Man hat die Erkenntniß einmal über jene Gegenstände befragt, hat sie drum als gültige Richterin, als Klarheit und Gewisheit gewähren könnend, anerkannt, und so ihr versprochen, ihrer unumwundenen Antwort mit Resignation entgegen zu sehen. Und wahrlich ein schlechtes Mittel ist es, gegen unerfreulicheWahrheiten, vor ihnen die Augen zu verschließen; als ob aus dem Nichtsehen auch das Nichtseyn erfolge.

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108. Zunächst also zur nähern Erörterung der Spinosischen Lehre, deren große Vorzüge vor den anderen uns bekannten Ansichten wir indessen schon kennen. Jedoch kommt es hier auf eine nähere Kenntniß derselben an, so wie auf genauere Prüfung des Ganges der Demonstration, und seiner Methode überhaupt, zu der wir uns jetzt anschicken. Es liegt derselben zu Grunde das erste Buch seiner Ethik, de Deo überschrieben.

109. I. Alles, was ist, besteht entweder aus Substanzen, oder aus Eigenschaften derselben.

Substanz heißt nach Spinosa dasjenige, was in sich selbst ein vollendetes Ganze bildet: eine zu einem organischen Ganzen, zu einer geschlossenen Synthesis verbundene Mannigfaltigkeit. Sie ist daher nichts Besonderes außer ihren Accidenzen, sondern lediglich ihr Inbegriff, ihr Band. (Daß dies der wahre Sinn sey, den Spinosa mit jener Bezeichnung verbindet, erhellt nicht sowohl aus Definitio 3, die dunkel und vieldeutig ist, als aus dem Sinne des ganzen Systems, und aus seiner stets wiederhohlten Versicherung, daß ihm die Substanz nichts außer und neben ihren Eigenschaften sey, zum Beispiel Epistula XXVII. p Gerade dieses Verhältniß zu fassen, darauf kommt zum richtigen Verständniß dieses Systems alles an.

Eigenschaften (Attribute) dagegen sind eben jene Mannigfaltigkeiten, die das Wesen der Substanz ausmachen. Definitio 4.

Jener unterstrichene Satz wird in der Spinosischen Sprache auch so ausgedrückt: Alles, was ist, ist entweder in sich, oder an einem Andern (Grundsatz 1., der große Anfechtungen erlitten hat, weil man nicht recht einsah, wie er zu verstehen sey, und noch [weniger] wie er einen Grundsatz abgeben könne. Wie wir ihn dargestellt haben, wird er mehr Eingang finden können, denn er enthält allerdings eine feste, keines weitern Beweises bedürfende Wahrheit. (Man könnte ihn auch also ausdrükken: Alles, was ist, ist entweder Theil eines Ganzen, oder selbst ein Ganzes.)

110. II. Zwei Substanzen von verschiedene Eigenschaften , haben durchaus nichts mit einander gemein: denn jede ist nichts, als der Inbegriff ihrer Eigenschaften. (Propositio. 2.)

111. III. Dinge, die mit einander nichts gemein haben, können auch nicht eines des andern Grund seyn: (Propositio 3 Es könnte ebenfalls als Axiom gelten, und ist eigentlich schon enthalten in Grundsatz [...].) Darum, und weil es nicht zwei oder mehrere Substanzen derselben Natur geben kann, (Propositio 5. Dieser Satz braucht nicht zugegeben zu werden, wenigstens nicht aus dem für ihr geführten Beweise: dieser beruht darauf, daß ganz gleiche Substanzen nicht von einander unterschieden werden könnten. Propositio 4 und 5. Spinosa berief sich also hier, wie Leibnitz auf den Satz des Nichtzuunterscheidenden.) so kann eine

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a Substanz nicht von einer andern hervorgebracht werden (Propositio 6.) Also: eine Substanz ist überhaupt nicht ein durch ein andres hervorzubringendes, sondern unmittelbar caussa sui. (Vergleiche besonders Corollarium ad Propositio 6.)

112. IV. Zum Wesen der Substanz gehört ihr Daseyn. Beweis. Sie ist (III) caussa sui, ihr Wesen schließt daher (nach Definitio 1.) nothwendig das Daseyn in sich (Propositio 7.)

Dieser Beweis beruht hauptsächlich auf Definitio 1. welche also lautet: Unter caussa sui verstehe ich das, dessen Wesen zugleich das Daseyn in sich schließt. Diese Bezeichnung scheint etwas willkührlich, man sieht nicht sogleich, wie die Definition auf das Definitum paßt: außerdem könnte man ihm auf den ersten Anblick antworten: nennst du jenes caussa sui, so kann diese Definition durchaus auf kein mögliches Wesen angewendet werden; denn es existirt schlechthin Nichts, aus dessen bloßem Begriffe oder Wesen schon das Daseyn nothwendig erfolgte, das nicht auch als nicht seyend gedacht werden könnte. Doch ohne Zweifel meinte er es anders, und tiefer. Ein Wesen, das da in seiner Existenz von keinem andern abhängt, durch ein Anderes in keiner Art bedingt seyn kann, das absolut ist mit Einem Worte, ist eben darum zu denken als nicht geworden, und nicht werdend, als ohne Anfang und ohne Ende in seiner Existenz verharrend: kein Zeitmoment, in welchem es nicht als seyend zu setzen wäre! – Dadurch hat er indessen für das wirkliche, objective Daseyn eines solchen Wesens noch nichts gewonnen: er ist nur zu dem Schlusse berechtigt, daß, falls ein solches Wesen existire, es nothwendig nicht geworden, und nicht werdend, überhaupt unvergänglich und unveränderlich sey. Er kann, im Falle des Daseyns eines solchen, eine gewisse Beschaffenheit seines Seyns (die Ewigkeit) behaupten. Das wirkliche Daseyn davon hätte aber entweder aus unmittelbarer Erfahrung, oder durch einen gültigen Rückschluß besonders erhärtet werden müssen. Eben so verhält es sich auch mit dem Beweise des obigen Satzes. Spinosa denkt sich eine zu einem organischen Ganzen geschlossene Mannigfaltigkeit – eine Substanz: er hatte behauptet, und mag auch bewiesen haben, daß diese nicht durch ein anderes hervorgebracht seyn könne, sondern nothwendig in sich selbst Grund ihres Daseyns sey. Dadurch ist er aber nur zu dem Schlusse berechtigt: Wenn eine solche Substanz wirklich existirt (faktisch), so ist sie nicht durch ein Anderes hervorgebracht, sondern ist absolut – selbst Grund ihres Daseyns. Keinesweges ist er aber berechtigt, zu dem Satze fortzuschreiten: Weil sie, wenn sie existirt, caussa sui ist, darum existirt sie nothwendig, kann nicht nicht existiren. Es ist schon oben aus dem innern Wesen des Erkennens bewiesen worden, daß durch reines Denken, durch bloße Begriffe durchaus keine Wirklichkeit zu erschwingen sey; daß man hiezu nothwendig auf dem Boden der Erfahrung fussen müsse. Dennoch trachtet grade der Spinosische Beweis darnach, durch den reinen Begriff der caussa sui hierin etwas auszurichten.

Wir gehen indessen, da durch die Einwendungen gegen jenen Beweis das System selbst gar nicht angegriffen ist, mit vorläufiger Annahme des obigen [Satzes], weiter fort.

113. V. Jede Substanz ist nothwendig unendlich (Propositio 8.) Denn, da es nicht mehrere gleicher Natur geben kann, (III) und solche, die mit einander nichts gemein haben,

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a auch sich nicht begränzen – einschränken können: (Definitio 2.) so ist eine jede Substanz uneingeschränkt, unbegränzt, unendlich; (weil endlich nach Definitio 2. dasjenige genannt wird, was durch ein anderes von gleicher Natur begränzt werden kann, zum Beispiel ein Körper heißt endlich, weil wir uns immer einen größern denken können.) Es ist weiter nichts bewiesen, als daß dieselbe Realität nicht vertheilt seyn könne an zwei Substanzen, sondern nur Einer zukomme. Dann wäre dieser Satz ja aber seinem Wesen nach schon enthalten in Propositio 5? (Siehe III.)

114. VI. Jede Eigenschaft der Substanz muß aus sich begriffen werden. (Propositio 10.) Die Substanz ist ein Inbegriff von mannigfaltigen (also ungleichartigen) Eigenschaften (I.). Aus einander lassen dieselben sich darum nicht herleiten, sondern sie müssen unmittelbar und aus sich selbst begriffen werden. Die Absicht, die Spinosa bei diesem Satze hat, ist folgende: Im vorhergehenden hat er bewiesen, daß dieselben Eigenschaften nicht an verschiedene Substanzen vertheilt seyn können (III und V.). Jetzt soll darauf aufmerksam gemacht werden, daß auch verschiedene Eigenschaften Einer Substanz zukommen können. Im Gegentheil: Je mehr Realität einer Substanz zuzuschreiben ist, desto mehr Eigenschaften hat sie auch – als Eine Substanz. (Siehe Propositio 9 und Scholium ad Propositio 10.)

 

115. Dies sind nun eigentlich nur die Präliminarien, die leisen Vorbereitungen zu großen Entscheidungen gewesen: es ist nur ganz im Allgmeinen von dem Wesen der Substanzen gesprochen worden, von dem Verhältnisse derselben zu ihren Attributen, und zu einander, falls es nehmlich deren mehrere geben sollte. Von einem realen Seyn dagegen, von einer objectiven Vorhandenheit war noch gar nicht die Rede, und nur zur Vorbereitung wurde der Satz aufgestellt: daß das Wesen der Substanz zugleich Daseyn involvire, gegen dessen Gültigkeit wir einige Erinnerungen gemacht haben.

Um desto entscheidender bricht er jetzt hervor, desto umfassender und wichtiger ist der folgende Satz, durch welchen – genau berechnet – nicht weniger als die Nothwendigkeit des Daseyns Gottes sammt der Welt, mit allen ihren Realitäten von der kleinsten bis zur größten – in Einem Schlage bewiesen werden soll:

116. VII. Gott, oder die aus unendlichen Attributen bestehende Substanz, deren jede ein ewiges und unendliches Seyn ausdrückt (Siehe Definitio 6.) ist nothwendig da (Propositio 11.). Es war daher auch wohl vorzüglich nöthig, daß dieser einträgliche Satz gehörig fest stehe, und dazu sollen Drei Beweise dienen, die ihm nachfolgen.

Entkleiden wir indessen jenen Satz von der Spinosischen Terminologie, so bleibt die Behauptung, daß Gott, als der Inbegriff aller Realität und Vollkommenheit als das allerrealste Wesen, nothwendig existire. So steht Er hier auf demselben Punkte mit welchem andere Philosophien gewöhnlich anfangen, und auch Ihm dienten – wie schon gesagt – die vorausgeschickten Sätze nur als Vorbereitungen; erst von hier aus geht eigentlich das System selber an, da hier zuerst von einer Wirk=

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a lichkeit, von einem objectiven Daseyn gesprochen wird. – Doch offenbar steht er bei dem Beweise, den er zu führen gedenkt, im Nachtheile: er muß ihn aus dem reinen Begriffe führen, weil er an die Erfahrung gar nicht irgend wie angeknüpft hat; er bleibt auf den ontologischen beschränkt, von dem wir schon im Allgemein wissen, daß er nicht leisten kann, was er verspricht.

117. Der erste Beweis ist in apagogischer Form abgefaßt: Wer den Satz läugnen sollte, müßte sich denken, daß Gott nicht existire. Daraus würde folgen, daß sein Wesen kein Daseyn involvire. Da dieses nun ungereimt ist (Propositio 7.) so, und so weiter. Also, wer das Daseyn Gottes läugnete, würde überhaupt ein solches läugnen, durch dessen Wesen zugleich auf sein Daseyn geschlossen werden müßte: dies ist der eigentliche nervus des Beweises. Doch Aus dem bloßen Begriffe einer Sache kann man nur auf bestimmte Eigenschaften, auf eine gewisse Beschaffenheit derselben schließen, wie zum Beispiel aus dem Charakter der Aseität auf ein unbedingtes, unveränderliches, und ewiges Daseyn: die Wirklichkeit gehört aber gar nicht zu den Eigenschaften, den qualitativen Bestimmungen einer Sache, sondern ist eine besondere Klasse, eine Kategorie, in welche der Begriff mit allen seinen Bestimmungen erst eingetragen wird, – oder auch nicht, worüber also nicht aus dem bloßen Begriffe heraus entschieden werden kann. Darin, daß man diesen Unterschied so leicht übersieht, möchte aber eben der Schein des ontologischen Beweises liegen, und der Zauber, mit dem er noch immer ganz unversehens den nicht Vorsichtigen umstrickt: er fordert auf, ein allerrealstes Wesen, den Inbegriff aller Vollkommenheit zu denken: nun, fährt er fort, dazu gehört doch auch die Existenz, die da offenbar zur Vermehrung der Vollkommenheit des Wesens etwas beiträgt; du würdest also ein jenem Begriffe Widersprechendes behaupten, wenn du seine Existenz leugnetest, es nicht zu gleich als existirend annähmest. Die Form des Schlusses geht ganz untadelhaft einher, und man weiß um so weniger, wie man sich seiner erwehren, oder ihn angreifen soll.

118. Der zweite Beweis der obigen Proposition scheint mir sogar selbst wieder zwei Demonstrationen in sich zu enthalten, und so gewissermaßen in zwei Abschnitte zu zerfallen, von denen der erste eigentlich nur die Variation des vorhergehenden (117) ist, der andere zu viel, und darum auch nicht das Gehörige beweisen zu wollen scheint. Ich lege meine Meinung deutlicher dar.

119. Von jedem Dinge, sagt er, muß ein Grund angegeben werden, entweder, warum es existirt, oder warum nicht. Dieser muß aber entweder im Wesen des Dinges selber, oder außer demselben liegen. Der Grund, warum ein viereckiger Zirkel nicht da ist, liegt ganz allein in seinem Wesen; er ist unmöglich, er enthält einen Widerspruch. Auf der andern Seite erfolgt das Daseyn

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a der Substanz schon unmittelbar aus ihrem bloßen Wesen; dies involvirt nehmlich das Daseyn, Siehe Propositio 7. (Nun da ist sie ja wieder, die nothwendig existirende Substanz und mit ihr das nothwendige Daseyn Gottes: Es ist nach den obigen Praemissen alles bewiesen, was bewiesen werden sollte, und ich sehe nicht ein, warum noch ein Wort dazu zu setzen nöthig wäre!) Dagegen das Daseyn eines Triangels oder Kreises fließt nicht aus seinem bloßen Wesen, sondern aus der Ordnung der Natur. In dieser muß ein Grund liegen, warum entweder der Triangel da ist, oder warum es unmöglich ist, daß er existirt. Daraus folgt aber, daß dasjenige nothwendig da sey, wovon kein Grund vorhanden ist, welcher sein Daseyn hinderte. Wenn es daher keinen Grund giebt, der Gott da zu seyn hindert, so muß daraus geschlossen werden, daß er nothwendig existire. Schließlich wird nun noch bewiesen, daß ein solcher, Gottes Daseyn aufhebender Grund weder außer ihm, noch in seinem Wesen liegen könne: außer ihm nicht, weil eine Substanz verschiedener Natur, da sie nichts mit ihm gemein hätte (Propositio 2.) sein Daseyn weder setzen, noch aufheben könnte: in ihm noch weniger, da ja sein Wesen unmittelbar schon Daseyn involvirt.

120. Wenn der Satz: daß dasjenige nothwendig da sey, wovon kein Grund vorhanden ist, der sein Daseyn hinderte, eine allgemein gültige Wahrheit enthält; so muß er auch wahr bleiben, wenn man ihn auf ein anderes Beispiel, von dem dasselbe gilt, anwendet: Man denke sich also die Sphinx, oder noch besser – ein ganz neues, mit den übrigen Thiergattungen nichts gemein habendes lebendes Wesen, so ließe sich aus denselben Praemissen die Nothwendigkeit seines Daseyns erweisen. Der Grund, welcher sein Daseyn hinderte, müßte entweder außer ihm liegen, oder in seinem eigenen Wesen. Außer ihm nicht, denn durch Etwas, das mit ihm nichts gemein hat, kann sein Daseyn weder gesetzt noch aufgehoben werden: in ihm selbst auch nicht, denn nur dann hebt das Wesen das Daseyn auf, wenn es etwas sich selbst widersprechendes enthält; der Begriff der Sphinx dagegen enthält nichts dergleichen; es giebt schlechthin keinen Grund, welcher ihre Wirklichkeit verhindern könnte. – Sollen wir diese beiden Folgerungen aus jenem Satze annehmen – denn es scheint doch die Eine eben so viel Recht zu haben, als die andere? – Ich wenigstens bin entschlossen, sie beide fahren zu lassen. Eben darum aber kann es auch nicht die wahre Meinung Spinosa’s seyn, obgleich die Worte also lauten! Es bleibt daher nichts übrig, als anzunehmen, daß mit demjenigen, wovon es keinen Grund giebt, der sein Daseyn hinderte, im eingeschränkteren Sinne das gemeint sey, wovon einen äußern Grund anzunehmen völlig widersprechend wäre, welches eine Bedingtheit durch ein anderes durchaus abweist, das Aussichselbstseyende, das Absolute; und bei diesem, würde nun gesagt, sey das Daseyn schlechthin nothwendig, und so müsse Gott

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a existiren, weil ihm jener Charakter zukomme. Warum muß denn nun das Unbedingte nothwendig existiren? Dafür bleibt kein anderer Grund übrig, als der schon oben mehrmals gebrauchte: weil das Wesen der Aseität – (der Substanz) zugleich Daseyn involvire. Dann ist dies aber gar kein neuer Beweis, wie uns versprochen wurde, sondern es ist der alte, und anders angekleidet; und der lange Umweg hätte uns unvermuthet an den vorigen Platz zurückgeführt: auch hier stände und fiele alles mit dem Satze, daß das Wesen der Substanz nothwendig Daseyn involvire

Anmerkung. Ich gestehe, daß ich nicht ohne die größte Schüchternheit auf das so eben Geschriebene zurückblicke; denn es betrifft die Hauptstelle eines Werks, dessen Urheber man als den größten Denker und besonnensten philosophischen Künstler verehrt. Doch habe ich jenen Beweis mehr als einmal mit aller mir möglichen Aufmerksamkeit durchgerechnet, und – ich kann nichts Anderes, als das Angegebene darin finden.

121. Die Argumentation des dritten Beweises geht im Wesentlichen also einher: Nichtseynkönnen ist Mangel, Unvermögen; dagegen Seynkönnen ist Vermögen, wie an sich klar ist. Da nun, was faktisch vorhanden ist, endliche Dinge sind, so wären diese vermögender, mächtiger, als das absolut Unendliche, welches ungereimt ist. Also, wenn endliche Dinge wirklich sind, muß um so mehr auch das Absolute wirklich seyn.

Eine neue Beweisart schiene auf den ersten Anblick dies allerdings zu seyn; denn es wird hier der reine Gedanke verlassen, und irgendwie fester Fuß gefaßt in der unmittelbaren Erfahrung, die eine faktische Wirklichkeit herbeiliefern muß. Es kommt indessen Alles an auf den Rückschluß, der auf diese Faktizität aufgebaut wird.

Wir halten uns zunächst an die Praemisse, aus welcher der Schluß erfolgen soll: Nichtseynkönnen ist Unvermögen, Seynkönnen ist Vermögen, wie an sich klar ist. Ein Nichtseynkönnen kann nur von demjenigen ausgesagt werden, dessen Begriff einen Widerspruch in sich enthält, zum Beispiel ein viereckiger Kreis, ein zweiseitiger Triangel; das eben darum gar keinen klaren Gedanken, keine bestimmte Vorstellung zuläßt.x) Grade des wegen muß man aber auch allem dem ein Seynkönnen zuschreiben, welches keinen solchen Widerspruch enthält, sondern ein klarer, in allen Theilen ausgebildeter und in sich übereinstimmender Begriff ist: die Bedingungen der Wirklichkeit sind eben nicht verletzt. Aber eben darum, weil dieses Seynkönnen so weit ausgedehnt werden muß, so trägt es, wenn man es einem Begriffe zuschreibt, zur  

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x) Ein solcher Widerspruch ist nichts weiter, als das Setzen eines Gedankens, und das gleichzeitige Wiederaufheben desselben durch einen entgegengesetzen, ein Ansatz zu einem Begriffe, der, nicht ausgedacht, einem mit ihm nicht verträglichen Platz macht. Also nicht einmal im Gebiete des Denkens kann man einen solchen Begriff wirklich nennen.

a Belehrung über dessen wahre Wirklichkeit durchaus nichts bei.

Dies ist indessen außerwesentlich, und nur einen nicht gut gewählten Ausdruck (das Seynkönnnen) treffend, denn es ist nachher nicht vom bloßen Seynkönnen, was, wie schon gezeigt, auf das wirkliche Seynkönnen weitern Schluß erlauben würde, sondern vom wirklichen Existiren die Rede. Der nervus des Beweises beruht darauf: die Eigenschaft zu existiren ist eine Realität, Vollkommenheit an Etwas; dagegen der Mangel jener Eigenschaft ist Unvollkommenheit, Mangelhaftigkeit: kommt nun schon einem endlichen Dinge diese Realität zu, um wievielmehr muß nicht das allervollkommenste dieselbe besitzen; Gott, oder das allerrealste Wesen existirt also ganz gewis! Man sieht schon, was wir wieder an diesem Beweise auszusetzen haben werden, das, was wir auch schon gegen die Gültigkeit der frühern einwandten: es beruht derselbe wiederum darauf, daß die Wirklichkeit eine Eigenschaft sey, die zur Vermehrung der Realität eines Dinges etwas beiträgt; und so ist Spinosa auch dazu gekommen, den Satz auf eine nicht ganz verständliche Weise also auszudrücken: Seynkönnen (die Eigenschaft zu existiren) ist Vermögen, das Gegentheil – Mangel, Beraubung. Jenes vorausgesetzt (was aber eben nicht vorausgesetzt werden kann, weil es sich anders verhält) ist der darauf gebaute Schluß ganz richtig; wenn einem endlichen Dinge eine Realität zukommt, darf sie dem allerrealsten Wesen offenbar nicht fehlen, das indeß bei diesem Schlusse – wohlgemerkt! – schon als existirend vorausgesetzt wird. – Also auch hier, sehen wir, ist derselbe Umstand im Spiele gewesen, der schon die frühern Beweise für uns unstatthaft machte: auch dieser fußt auf dem Satze, daß das allerrealste Wesen nothwendig auch die Eigenschaft des Daseyns an sich tragen müsse. Spinosa bleibt nach wie vor bei dem Beweise aus dem reinen Gedanken stehen, denn, daß er die faktischen Dinge mit hinein zieht, ändert nichts an demselben, und er hätte füglich sich dies ersparen können. Anstatt zu schließen: Eine Eigenschaft, die die Endlichkeit hat, muß doch auch dem absolut Unendlichen zukommen, – hätte er einfach sagen können, wie früher: Gott ist nur als Inbegriff aller Realität zu denken, dazu gehört auch die Existenz, also ist er nur als existirend zu denken.

Wir sehen also, wie es mit diesem aus der Erfahrung geführten Beweise (wie Spinosa ihn im Scholium zu diesem Satze nennt) stehe: es ist gleichfalls nur der Eine, selbige, ontologische, der hier mit einem neuen Zierrathe geschmükt erscheint: wir glauben drei Beweise zu zählen, indem wir doch nur Einen haben der bald so, bald anders eingekleidet für einen neuen ausgegeben wird: und auch dieser Eine leistet nicht, was er verspricht.

 

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a

122. Obgleich nun Spinosa in dem Beweise seiner Proposition (VII) uns nicht Genüge gethan, und wir uns daher gegen die Annahme seiner Einen Substanz sträuben könnten, so kann es uns doch erlaubt seyn, die Sache selbst anzunehmen, obwohl uns ihre Beweise nicht gefallen. Denn ein anderes ist die Vertheidigung einer Wahrheit, ein anderes die Wahrheit selbst; wenn jene auch ungenügend scheinen sollte, kann man dieser darum doch den vollen Beifall geben; und wir haben schon im Vorhergehenden zu zeigen uns bemüht, welche Vorzüge die Spinosische Ansicht vor allen ihr vorausgegangenen habe. Wir könnten daher wohl Gründe haben, unbesorgt für die Tüchtigkeit der Sache auch jenen Satz anzunehmen, und, auf ihn gestüzt, der Argumentation Spinosas weiter zu folgen.

123 (VIII) Da außer Gott, oder der unendlichen Substanz, eine andere weder existiren, noch gedacht werden kann (Propositio 14: indem Er der Inbegriff aller Realität ist, eine zweite Substanz also – wenigstens zum Theil – ihm gleich seyn müßte, dieses aber (III) absurd ist) und da ferner die Eine Substanz sich in eine Mehrheit derselben nicht verwandeln kann, oder nicht theilbar ist, (Propositio 12. und 13x)) so ist das Haupttheorem des Spinosischen Systems, aus dem das übrige folgt, und in dem jenes eigentlich enthalten ist, bewiesen: Alles was ist, ist in Gott, und ohne ihn kann nichts seyn noch gedacht werden (Propositio 15.).

124. Es sey uns erlaubt von diesem hellen Licht- und Gipfelpunkte aus, bevor wir zur besondern Anwendung herabsteigen, eine allgemeinere Deutung dieser ganzen philosophischen Ansicht aus jenem Satze hier hinzu zu fügen.

Die gewöhnlichen, bisher angeführten Philosophien gingen insgesammt gleich bei ihrem ersten Schritte von einer Trennung in entgegengesetzte Hälften aus: Gott ist ihnen ein besonderes, von der Endlichkeit völlig ausgeschiedenes; sein Seyn ist schon an und für sich durchaus fertig und vollkommen, ehe noch die Endlichkeit zu ihm tritt, die darum zu Gottes Seyn völlig entbehrt werden kann, und in ihrer Existenz als durchaus zufällig erscheint. Aus dieser Ansicht nun, die indessen, wie bereits nachgewiesen, der Vernunft die erste und ursprünglichste seyn mußte, entstanden die unauflöslichen Schwierigkeiten bei der Frage nach dem Grunde des Daseyns der Endlichkeit, und dem Wie ihres Ursprungs. Die jetzt angeführte Philosophie dagegen,  

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x) Der Beweis – wenn es anders dafür noch eines Beweises bedarf, daß Etwas durch sich selbst nicht in das Entgegengesetzte sich verwandeln kann, geht so einher: wäre die unendliche Substanz theilbar, so müßten ihre Theile entweder das Wesen der unendlichen Substanz behalten, oder nicht; (sie würde sich ersten Falls gleichsam wiederhohlen:) dann gäbe es mehrere Substanzen derselben Natur, was (III) ungereimt ist. Im andern Falle dagegen würde die absolute Substanz zu seyn aufhören können, welches eben so ungereimt wäre.

a – und darin besteht eben ihr Vorzug in speculativer Hinsicht – verwirft eben so ursprünglich jene Zweiheit, jenes besondre und vollendete Seyn des Absoluten außer und neben der Endlichkeit, zu welchem diese erst auf eine unbegreifliche Weise hinzuträte: ihr ist wahrhaft und im eigentlichen Sinne nur Eines, das Absolute, und die Endlichkeit, fern davon, etwas besonderes, irgendwie von Gott ausgeschiedenes zu seyn, ist selbst in Gott, hat selbst den unmittelbarsten Theil an dem göttlichen Seyn, folgt schlechthin aus dem gesetzlichen Wesen Gottes, und wird durch dieses im Daseyn erhalten. Und so ist denn der Inbegriff alles des Wirklichen, das uns umgiebt, das wir mit der Erfahrung im weitesten und allgemeinsten Sinne umfassen können, gleichmäßig nur Accidenz der Einen göttlichen Substanz; diese Substanz ist aber selbst nicht etwas irgendwie von ihren Accidenzen verschiedenes, (109) sondern ist nur ihre Verknüpfung, ihr Band, ihr zu einem organischen Ganzen verbundener Inbegriff. So fällt freilich das eigentlich Schwierige – die Frage nach dem Ursprunge der Endlichkeit in dieser Philosophie von selbst hinweg; für sie ist diese Frage gar nicht da, weil sie durch einen kühnen Schwerdtstreich das Schwierigkeiterregende – die Zweiheit – ausgetilgt hat. Und so ist denn wohl erklärt, wie und in welchem Sinne wir den unterscheidenden Charakter einer ganz eigenthümlichen philosophischen Ansicht in dem oben aufgezeichneten Satze: Alles was ist, ist in Gott, finden konnten

 

125. In den folgenden Sätzen bemühet sich Spinosa nun, nach den schon bekannten allgemeinen Praemissen den Zusammenhang der endlichen Dinge mit dem Absoluten begreiflich zu machen. – Wir stellen zuerst seine Argumentation möglichst treu dar, und fügen sodann unsere Bemerkungen und Einwürfe dazu. 126. IX. Aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur muß Unendliches auf unendliche Art (das ist alles was der unendliche Verstand fassen kann) folgen (Propositio 16) – dieser fast seltsam ausgedrückte Satz ist nichts weiter, als nähere Bestimmung des vorhergehenden, (15), indem zugleich darauf aufmerksam gemacht wird, daß eine Unendlichkeit von Affektionen der Substanz gesetzt sey. –

Beweis. Je mehr Realität einer Sache zukommt, desto mehr Eigenschaften sind ihr zuzuschreiben, der höchsten Realität also schlechthin unendliche Eigenschaften (Definitio 6.) deren jede in ihrer Art ein unendliches Wesen ausdrückt. So muß aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur Unendliches auf unendliche Weise folgen, das heißt alles, was von einem unendlichen Verstande gedacht werden kann, muß der göttlichen Substanz zugeschrieben werden, als aus ihrem göttlichen Wesen hervorgehend.

Folgerung. Also ist Gott die hervorbringende Ursache aller Dinge, die nur in alle Unendlichkeit hin gedacht werden können.

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a

Hieran schließt sich der folgende (17) Satz:

127. Gott handelt nach den Gesetzen seiner Natur, ohne von etwas Anderem bestimmt zu werden. Dies ist für sich selbst klar, indem es das Wesen der Absolutheit schlechthin aufheben würde, bei Gott an ein Bestimmtwerden durch ein Anderes zu denken. Doch schiebt sich hier plötzlich ein Ausdruck ein, auf den wir aufmerksam machen müssen: Gott handelt? Davon hat im Vorhergehenden noch schlechterdings nichts verlautet: Wir haben ihn nach den vorigen Sätzen erkannt als Substanz unendlicher, gleich ihm ewiger und unvergänglicher Eigenschaften, deren jede wieder ihre mannigfaltigen Bestimmungen (modos) in sich enthalten mochte, die offenbar eben so ewig und unveränderlich seyn müßten, wie die Eigenschaften, denen sie angehören. Hier konnte drum durchaus nicht von einem Handeln, Wirken Gottes, oder überhaupt nur von irgend einer Veränderung und Werden in seinem innern Wesen die Rede seyn, vielmehr mußte man das Widersprechende und Ungereimte dieser Annahme einsehen. Schon im Corollarium I. ad Propositio 16 sprach Spinosa davon, daß Gott wirkende und hervorbringende Ursache aller Dinge sey. Doch dies konnte man, ohne nicht die unterstrichenen Worte pedantisch zu drücken, nur also verstehen, daß Gott überhaupt und im Allgemeinen Existentialgrund alles Vorhandenen sey; mußte aber erwarten, daß die Möglichkeit der Entstehung endlicher Dinge und eines Werdens überhaupt noch besonders abgeleitet werden würde. Statt dessen ist ganz unerwartet von einem Handeln Gottes die Rede, welches um so befremdlicher ist, da man sich von demselben an dieser [Ste]lle noch gar keine klare und feste Vorstellung machen, sondern nur im Allgemeinen erkennen kann, daß hier ein Werden in das Seyn des Absoluten eingeschoben werden soll. Vielleicht finden sich indessen in dem folgenden Gründe, die die Veranlassung dazu, und die Absicht dabei genugsam erklären!

128. Es ist hier zugleich von einem Gesetze der göttlichen Natur die Rede, welches so anstößig geworden ist, zumal, da er im Scholion zu diesem Satze nachdrücklich und eifrig dagegen protestirt, Gott Freiheit im gewöhnlichen Sinne zuzuschreiben, und gar hart diejenigen anredet, die eine solche behaupten. So werfen seine Gegner hinwiederum ihm vor, daß er Gott zerreiße und zerspalte in ein Bestimmendes (das Gesetz selbst) und in ein Bestimmtes – das Wesen Gottes, in Princip und Principiat. Doch unserer Meinung nach wird [da]durch ihm Unrecht gethan, und seine Meinung nicht mit gehöriger Schärfe gefaßt, sondern mit dem oberflächlichen Blicke des Gegners, der sich begnügt, seinem Feinde irgend eine scheinbare Blöße abgelauscht zu haben. Alles Wirkliche ist unmittelbar ein Positives = a seyendes, und alles –a durchaus negirendes. Folgen aus diesem ursprünglichen Charakter = a nun noch ferner die Betandtheile = bcd,

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a so kann jenes Etwas, so gewiß es grade diesen Charakter an sich trägt, nicht in irgend einer Rücksicht seyn = –abcd, sondern ihm kann nur das zu geschrieben werden, was außerdem aus diesem Charakter folgt. Diese innere unwandelbare Bestimmtheit seines Wesens, die nicht überschritten werden darf, weil das Ding dadurch ein anderes werden würde, darf nun allerdings Gesetz jenes Dinges genannt werden, ohne daß dadurch an ein besonderes, vom Dinge selbst verschiedenes Gesetz gedacht werden dürfte. Gesetz und Ding sind ohne Trennung, in Einem Schlage, ja sie sind selbst Eines und dasselbe, und die Trennung geschieht nur im Denken, welches den reinen Begriff und die Sache selbst auseinander hält, und sich entgegenstellt.

129. X. Gott ist die immanente, nicht aber die vorübergehende Ursache der Dinge (Propositio 18.). Der Beweis beruht auf dem uns schon bekannten allgemeinen Satze: Alles, was ist, ist in Gott. Nur dadurch vermag überhaupt etwas zu existiren, daß es durch die göttliche Natur gesetzt ist; diese ist der Schöpfer und Träger alles Existirenden, und ließe ein Ding diese fahren, fiele es heraus aus dem Umkreise des göttlichen Seyns, so wäre dies der Moment seiner Vernichtung. Nur durch unmittelbaren göttlichen Beistand werden alle Dinge nach Spinosa im Daseyn erhalten. Und so ist dieser Satz characteristisch für die Spinozische Lehre im Gegensatze mit den gewöhnlichen Schöpfungstheorien, die eine Art von Selbständigkeit der Dinge nach vollendeter Schöpfung zu behaupten scheinen, bis sie etwa hernach wieder eine verbessernde Hand Gottes gelten lassen. Uebrigens ist hier der Punkt, wo der Zusammenhang des Spinosa mit seinem Vorgänger Des Cartes am deutlichsten hervortritt, der zuerst [ein] fortdauerndes Schaffen der Dinge, einen nie aufhörenden göttlichen Beistand (assistentia Dei) behauptete, und so den Grundstein für das System des konsequenteren Spinosa legte. Und in der That, eine Schöpfung der Dinge angenommen, bleibt als einzig haltbarer Gedanke nur ein fortdauerndes Schaffen stehen, und dieses wieder streng begründet, führt geraden Weges zum Spinosismus. So zeigt sich auch von dieser Seite das schon oben behauptete: daß alle frühern Philosophien consequent verfolgt, nur in der Spinosischen Theorie enden könnten, und daß diese als Gipfelpunkt und letztes Ziel alles bisherigen Philosophirens anzusehen sey.

130. Wir haben den jetzt behandelten Abschnitt der Ethik im Allgemeinen so charakterisirt, daß in ihm der Zusammenhang der endlichen Dinge mit der abso[luten] unendlichen Natur der göttlichen Substanz erörtert werden solle. Spinosa kommt nun dadurch seinem Zwecke im Folgenden näher, daß er das Wesen der göttlichen Substanz in Beziehung auf ihre Attribute und modi genauer entwickelt.

131. XI. Gott, oder alle Attribute Gottes sind ewig (Propositio 19.). Mit Gottes

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a Wesen ist zugleich sein Daseyn gesetzt: er ist aber nichts, als der Inbegriff seiner Attribute; von diesen gilt also unmittelbar dasselbe, was von Gott gilt, weil sie Gottes Seyn eigentlich ausmachen. Sie sind drum schlechthin im Daseyn, können nicht nicht existiren, sind ewig. – Daran schließt sich Propositio 20. Gottes Daseyn (Existenz) und Wesen sind eines und dasselbe. Alle seine möglichen, durch sein Wesen geforderten Attribute existiren schlechthin, also der ganze Inbegriff seines Wesens ist im Daseyn: sein Wesen und Daseyn ist schlechthin übereinstimmend. Es ist der bündigste Beweis des schon früher von uns in unserm Namen aufgestellten Satzes: Gottes Wirklichkeit sey schlechthin gleich seiner Möglichkeit.

132. Hieraus ergiebt sich als 2tes Corollar der wichtige Satz: Gott, oder alle Attribute desselben sind unveränderlich. Sein Wesen ist zugleich, und ohne allen Rückhalt existirend; veränderte sich etwas in ihm nur im Geringsten, so müßte Gottes Wesen sich ändern, Er ein anderer werden, welches ungereimt ist.

Hier also noch die bestimmteste Behauptung der Unwandelbarkeit, Nichtgenesis des Absoluten. Um so neugieriger muß man auf die Wendung werden, durch welche nun das Princip des Wandels, der Genesis, der Endlichkeit (denn, wie jeder sieht, dies ist Eins!) dem Gegentheile eingefügt werden soll.

133. Spinosa tritt der Sache näher:

XII. (Propositio 21 und 22.) Was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributes folgt, ist, vermöge dieses Attributs selbst, ewig und unendlich; und: was aus einer Modification eines göttlichen Attributs mit Nothwendigkeit folgt, ist ebenfalls ewig und unendlich.

Anmerkung. Endlich nennt Spinosa dasjenige, was durch ein Ding gleicher Art begränzt wird, zum Beispiel ein bestimmter Gedanke, der ja, gleichsam innerhalb eines gemeinschaftlichen Gebietes liegend, genau begränzt wird von einem andern, eben so bestimmten; kurz, was nicht einen umfassenden Allgemeinbegriff ausdrückt. Unendlich dagegen heißt dem , was eben ein solches allgemeines Gebiet bezeichnet, eine ewige Form ist für endliche Dinge. Uebrigens kann der Sinn dieser Terminologie vollständig erst dann eingesehen werden, wenn man die Anwendung auf wirkliche Gegenstände, wie sie das Spinosische System macht, kennen lernt. Wille und Verstand zum Beispiel sind die modi des absoluten Attributs Gottes, des Denkens; sie sind aber die ewigen unwandelbaren Formen für die in dieses Gebiet gehörenden Endlichkeiten, indem die bestimmten Gedanken alle entweder in das Gebiet des Verstandes (intellectus) oder des Willens gehören. Unendlich heißen diese beiden Formen, weil sie, die ideelle Thätigkeit abgerechnet, zu der sie beide gehören, nichts mit einander gemein haben, sich nicht gegenseitig

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a begränzen können; endlich – die bestimmten, in eine dieser Formen eintretenden Gedanken darum, weil sie allerdings unter sich ein gemeinschaftliches haben, gleichsam auf Einem Gebiete neben einander da stehen, und nur durch ihren Inhalt verschieden sind.

134. Beweis. 1) Das aus dem absoluten Wesen eines göttlichen Attributs folgende ist nothwendig unendlich. – Denke Dir das Gegentheil, daß also aus dem Attribute eine endliche Modifikation nothwendig erfolge, zum Beispiel aus dem unendlichen Denken ein endlicher Gedanke (= X). Endlichkeit entstehet nur durch Begränzung; hier müßte aber offenbar das Denken selbst das Begränzende seyn, in welchem also offenbar die Modifikation X nicht enthalten wäre. Es läßt sich drum ein Denken annehmen, aus dessen nothwendiger Natur X nicht folgte. Dies widerspricht aber der Voraussetzung. Drum muß X, eben weil es aus der nothwendigen Natur des Attributs folgt, und drum jenem nicht fehlen darf, nicht weggedacht werden kann, unendlich seyn Was Das Erste.

2.) Das aus dem Wesen eines Attributs folgende ist schlechthin ewig. Dies geht schon aus dem Vorhergehenden hervor: So gewiß nehmlich X unzertrennlich ist von dem göttlichen Attribute, dieses aber, als das Wesen Gottes ausmachend, schlechthin existirt, so muß auch X eine ewige Dauer zugeschrieben werden. Was Das Zweite Wäre.

3.) Eben so wird auch der Beweis des Satzes geführt: daß, was aus einer Modifikation eines göttlichen Attributs mit Nothwendigkeit folge, ewig und unendlich seyn müsse.

4.) Propositio 23 enthält die Umkehrung der beiden vorhergehenden Sätze: E[...] nothwendig und unendlich existirender modus muß nothwendig erfolgen entweder unmittelbar aus einem göttlichen Attribute, oder wenigstens aus einer gesetzlichen Modifikation jenes Attributs.

135. Wenn wir überlegen, was von Spinosa durch die bisher vorgetragenen Sätze erwiesen sey, so möchte sich dieses auf folgenden Lehrsatz zurückführen lassen: Alles, was da existirt, folgt aus der gesetzlichen Natur Gottes, ist darum nothwendig ewig, und innerlich unveränderlich, in keinem seiner Theile nicht oder anders seyn könnend, als es ist.

Von einer Ableitung der endlichen Dinge ist also im Bisherigen durchaus keine Spur, auch zeigt sich kein Anknüpfungspunkt, von welchem aus dieselbe vor sich gehen könnte.

Wir folgen indessen auch ferner noch der Leitung des Philosophen.

136. XII. Das Wesen der von Gott erschaffenen Dinge involvirt nicht zugleich ihr Daseyn. Denn nur das, was caussa sui ist (Definitio 1.) ist zugleich auch nothwendig da (Propositio 24.) Dieser Satz kann, bei aller Einfachheit, zu manchen Deutungen und sogar Misver=

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a ständnissen Anlaß geben. Dasjenige, dessen Wesen auch als nicht existirend gedacht werden kann, nennt man gewöhnlich zufällig; es existirt, aber es könnte eben so gut auch nicht existiren. So soll es nun sich mit den von Gott geschaffenen Dingen verhalten. Von Gott geschaffene Dinge; – warum dieser schwankende, in die Spinosische Terminologie gar nicht passende Ausdruck? Er kann nur bedeuten: durch die gesetzliche Natur Gottes herbeigeführte Dinge. Doch diese sind eben darum, weil sie dies sind, nicht als zufällig zu betrachten; sie gehören zum gesetzlichen Wesen Gottes, und sind deswegen allerdings nur (Propositio 20. XI.) als daseyend zu denken. Alle Zufälligkeit, alles Auchnichtseynkönnen ist hier schlechthin ausgetilgt, und das ist grade das Characteristische dieser ganzen philosophischen Ansicht, alles Existirende zu machen zu einem durch das Wesen Gottes schlechthin gefoderten, drum nicht nicht seyn könnenden, so gewiß Gott selber ist.

Also dies kann der Sinn jenes Satzes nicht seyn; er könnte drum nur so verstanden werden: daß das Wesen aller endlichen Dinge als bloßes Wesen und isolirt betrachtet, nicht nothwendig auch das Daseyn fordere, sondern daß bloß beim Wesen Gottes, weil dieser, als das allerrealste, auch die Eigenschaft des Daseyns haben müsse, von unmittelbarer Existenz die Rede seyn könne. Dann wäre ja aber der Inhalt dieses Satzes eine längst abgethane Sache, indem dies schon von selbst aus den Sätzen über das allerrealste Wesen hervorgieng, und man am wenigsten einsieht, wie das hierher gehöre, da jener Satz durch das Nachherige ganz außer Kraft getreten: Alles was ist, ist in Gott, gehört zu seinem Wesen; dieses involvirt aber unmittelbar auch das Daseyn. (Propositio 25. 20. XI.) und so weiter. Um darauf das Corollar zu bauen: daß Gott nicht bloß Ursache sey, daß die Dinge zu existiren anfangen, sondern auch daß sie fortdauern, schien Er jenes Satzes auch nicht zu bedürfen, denn diese Wahrheit ist wohl schon in Propositio 18 enthalten (Gott ist nicht bloß vorübergehende, sondern immanente Ursache der Dinge.). Mögen Andere diese Schwierigkeit lösen, und nicht also, daß sie auf die Absicht einer Erschleichung rathen, als ob Spinosa dadurch die Art seiner Verknüpfung der endlichen Dinge mit dem Absoluten dem ersten Blicke hätte entziehen, und annehmlicher machen wollen.

137. XIII. Gott ist nicht nur Ursache der Existenz, sondern auch des Wesens der Dinge. Was ist, ist durch Gottes gesetzliche Natur, (XI) darum auch das Wesen, die innere [Be]schaffenheit der Dinge. (Propositio 25.)

Corollar. Die einzelnen Dinge sind nichts anderes als Modifikationen göttlicher Attribute, durch welche die letztern auf eine bestimmte Weise ausgedrückt werden. (Zum Beispiel das allgemeine, unendliche Attribut, Denken, wird auf eine bestimmte Weise in einem besondern einzelnen Gedanken ausgedrückt; der Sinn ist also klar.) Der Beweis soll aus Propositio 15 und Definitio 5. erfolgen. Letztere lautet: Unter

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a Modus verstehe ich die Affektionen der Substanz, oder das, was in einem andern ist, wodurch es auch begriffen wird. – Nun ist zwar dadurch erklärt, was die einzelnen Dinge, wenn sie einmal angenommen werden, nach dem Spinosischen Systeme bedeuten müssen; aber man hätte doch, bevor man von ihnen spricht, eine Ableitung derselben, eine Nachweisung ihrer Möglichkeit und Nothwendigkeit erwarten sollen; wenn man aber dieses im gegenwärtigen Corollar suchen sollte, so würde man vergebens suchen. Die einzelnen Dinge werden faktisch angenommen, und nun aus den bisherigen Praemissen gedeutet, was sie seyn können. Mehr ist hier nicht geleistet.

138. Aus dem vorhergehenden Satze folgt nun: Ein Ding, das bestimmt ist, etwas zu wirken, ist von Gott so bestimmt; durch sich selbst kann es sich weder zum Wirken bestimmen, noch diese ihm von Gott gegebene Bestimmung aufheben. (Propositio 26 und 27.) Diese Sätze sind bloß eine bestimmte Anwendung des vorhergehenden (25) Satzes, und bedürfen drum keines besondern Beweises.

139. Wir kommen nun zu einem allentscheidenden Satze, auf dem nicht weniger als die Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit des ganzen Systems beruht. Wir haben nehmlich schon früher die Aufmerksamkeit darauf zu lenken nicht ermangelt, auf welche Art Spinosa die endlichen Dinge, oder, was dem Wesen nach einerley ist, das Werden, den Wandel und Wechsel mit der ewigen, unwandelbaren, in keinem ihrer Theile sich verändernden göttlichen Substanz vereinigen werde. Bisher fand sich darüber kein Aufschluß: Doch jetzt sind wir an der Stelle, wo er sich ergeben muß.

140. XIV. Jedes Einzelne, oder jede Sache, die endlich ist, und ein bestimmtes D[aseyn] hat (quae finita est, et determinatam habet existentiam) kann weder existiren, noch zum Wirken bestimmt werden, sie werde denn von einer andern Ursache zum Seyn und Wirken bestimmt, welche auch endlich ist, und ein bestimmtes Daseyn hat, und wiederum, diese vermag auch unter keiner andern Bedingung zu existiren, als wenn sie von einer andern, gleichfalls endlichen Ursache zum Seyn und Wirken bestimmt ist, und so fort ins Unendliche.

Beweis. Was zum Seyn und Wirken bestimmt ist, ist von Gott also bestimmt (Propositio 26 und Corollarium ad Propositio 24.) Aber was endlich ist, und ein bestimmtes Daseyn hat, kann nicht durch das absolute Wesen eines göttlichen Attributs hervorgebracht werden; denn daraus folgt nur Unendliches und Ewiges (Propositio 21) Es mußte also aus Gott, oder einem Attribute desselben folgen, inwiefern dieses im Zustande einer gewissen Modification betrachtet wird: denn außer der Substanz und deren Modifikationen giebt es nichts, und diese sind nichts anderes, als die Affektionen der göttlichen Attribute. Aus Gott oder einer Eigenschaft desselben, inwiefern diese durch eine ewige und unendliche Modifikation bestimmt ist, konnte es auch nicht folgen (nach Propositio 22.) Debuit (ich führe hier bei diesem entscheidenden

a 52

a Wendepunkte der ganzen Argumentation die eigenen Worte des Schriftstellers an) debuit ergo sequi, vel ad existendum et operandum determinari a Deo, vel aliquo eius attributo, quatenus modificatum est modificatione, quae finita est, et determinatam habet existentiam. Was Das Erste Wäre.

Ferner muß diese Ursache oder dieser modus (aus eben dem Grunde, aus welchem der erste Theil dieses Satzes bewiesen istx)) wieder von einer andern endlichen und ein bestimmtes Daseyn habenden Ursache oder modus bestimmt seyn, und diese abermals von einer gleichfalls endlichen; und so geht die Reihe der aus einander entspringenden Endlichkeiten nothwendig ins Unendliche fort. Wir nehmen gleich den folgenden (29) Satz hinzu, um so diesen Abschnitt kürzer zu endigen:

Es giebt überall nichts Zufälliges, sondern Alles ist durch die Nothwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt auf eine gewisse Art da zu seyn, und zu wirken. Den Beweis kann Jeder aus dem Bisherigen sich leicht selber führen; wir bemerken nur, daß weder hier, noch irgendwo im Vorhergehenden ein Wirken eines Dinges abgeleitet, oder nur überhaupt nachgewiesen worden ist, wie ein solches möglich sey. Es ist wieder nur eine aus der Erfahrung entnommene Eigenschaft gewisser endlicher Dinge, die hier als ein ganz allgemeines und umfassendes aufgestellt worden ist.

 

141. So wäre denn das Geheimniß von dem Verhältnisse der endlichen Dinge zum Absoluten mit einem Male durch jenen einzigen Lehrsatz an das Licht gezogen, und so die Aufgabe aller Philosophie glücklich gelöst. Die Endlichkeit, das Werden, ist nicht irgendwie entsprungen, hervorgegangen aus der unwandelbaren Natur Gottes, sondern ist gleich ursprünglich neben derselben da, auch nicht als ein zweites, dem Absoluten heterogenes Princip, sondern als eine von dessen ursprünglichen durch sein gesetzliches Wesen schlechthin geforderten Seynsformen.

Die Verknüpfung jener beiden Urformen des göttlichen Seyns ist aber eine solche: Ein endliches Ding ist nothwendig eine bestimmte Modifikation der göttlichen Natur; denn Alles, was ist, und so weiter (Propositio 15.). Es kann, als endliches, aber weder aus einem unendlichen Attribute Gottes noch aus einer unendlichen Modifikation desselben folgen; (Propositio 21 und 22.) Drum kann es nur hervorgehen aus einer gleichfalls endlichen Modifikation; bei dieser findet dasselbe Statt, und so weist ins Unendliche hin jedes Einzelne auf ein Vorhergehendes zurück;  

a 53

x) Denn gingen sie hervor aus einem unendlichen Attribute, oder einer unendlichen Modifikation eines solchen, so müßten auch sie unendlich und ewig seyn; drum können sie nur durch eine gleichfalls endliche Ursache hervorgebracht seyn, und so weiter

a die Reihe der Endlichkeiten hat nie angefangen, denn sie kann nie anfangen. Die göttlichen Attribute sind gleich ursprünglich auch durch endliche Modifikationen bestimmt.

142. So hat Spinosa auf das glücklichste den Widerspruch gemieden, in welchen alle früheren Philosophien ohne Ausnahme verfallen sind, um den Ursprung des Wandels aus dem schlechthin Wandellosen nachzuweisen nachzuweisen, oder auch nur auf eine haltbare Weise zu erklären. Nach ihm giebt es keinen solchen Ursprung; das Wandellose ist nicht das erste, und alleinige, aus dem sich gleichsam zufällig der Wandel als ein zweites entwickelte, sondern das Wandellose ist selbst ursprünglich zugleich auch das Wandelnde; Werden und Bestehen ist in Einem vereinigt durch dies gesetzliche Wesen desselben: Gott ist selbst das sich verändernde innerhalb unwandelbarer Schranken; und den Inbegriff aller dieser Veränderungen in ihrer ganzen unendlichen Intension und Extension macht aus Ein organisches Ganze, Ein All, in jedem seinem Theile vorausbestimmt und herbeigeführt durch die nothwendige Natur des göttlichen Seyns: es ist dies gleichsam der unendliche Lebenslauf Gottes.

143. Sind wir nun mit Spinosa soweit vorgedrungen, und hat er das bisher bewiesene in der That über uns gewonnen, so ist er im Übrigen unangreifbar: der Grundstein seines Systems ist gelegt, die Formen, die alles Vorhandene umfassen sollen, sind gegeben, und er hat nun nur hineinzusehen in die Erfahrung, und aufzunehmen, was sich dort findet, um sein todtes Gerüst lebendig auszuschmüken. Hier zeigt sich nun die bekannte Spaltung in die räumliche Welt, und in die des Bewußtseyns: alles faktische gehört in die eine, oder die andere dieser beiden Klassen, eine dritte giebt es nicht; und so sind denn diese die beiden Hauptaccidenzen, oder, nach Spinosas Sprache, die ursprünglichen Attribute der göttlichen Substanz – unendliche Ausdehnung (extensio infinita) und unendliches Denkenx) (cogitatio infinita)

 

a 54

x) In der Wahl obigen Ausdrucks zur Bezeichnung der zweiten Sphäre ist Spinosa, unsers Erachtens, nicht glücklich gewesen: er will damit offenbar die allgemeine umfassende ideelle Thätigkeit bezeichnen, die allen Modifikationen des Bewußtseyns zu Grunde liegt, und die, nach Abzug alles Besondern, als das allen Gemeinschaftliche zurückbleibt, wie die allgemeine Ausdehnung für die andere Sphäre, nach Abstraktion von allem Körperlichen übrig bleibt. Doch von jenem unendlichen Denken kann man sich durchaus keinen bestimmten Begriff machen; es trägt gar keinen fixirten Charakter an sich; es ist dadurch gar

a

144. Aber dies sind nur die allgemeinsten Abstraktionen, bei denen nicht stehen geblieben werden kann; er geht drum weiter in der Beobachtung, und findet für jene beiden Hälften wieder Unterabtheilungen (modi), für die des Denkens, die ungleichartigen ideellen Thätigkeiten, Willen und Verstand (voluntas et intellectus). Unter dem letztern befaßt er alles Objectiviren, sey es durch Wahrnehmung, oder in freier Einbildungskraft, welches wieder Abtheilungen geben würde, die er indessen nicht ins Einzelne verfolgt hat. Das erste, der Wille, umfaßt ihm dagegen das ganze Gebiet der Gemüthsaffektionen (Liebe, Begierde, Haß, und so weiter. Siehe Ethic I. Propositio 31.) Für die Sphäre der Ausdehnung sind Ruhe und Bewegung die Unterabtheilungen.

145. Doch dies sind immer nur leere Begriffe, durch Abstraktion gefunden, dies ist noch nicht das Wirkliche, Thatsächliche. Die göttlichen Attribute sind aber nicht nur durch ewige Modifikationen bestimmt, sondern auch durch solche, die ihr Wesen auf eine bestimmte und endliche Art ausdrücken (Corollarium ad Propositio 25.) So giebt es auf der einen Seite bestimmte Ideen, die zugleich zu einer von den beiden angegebenen (144) Klassen des Denkens gehören müssen, zum Willen, oder zum Verstande: (denn dies sind die unmittelbaren Bestimmungen des göttlichen Attributs, die zu seinem Seyn nicht fehlen dürfen (Propositio 21. Ethica I.) und auf der andern Seite, als bestimmte modi der allgemeinen Ausdehnung, begränzte Körper (Ethica II. Definitio 1.) die wieder unter eine von den beiden hieher gehörenden Unterabtheilungen fallen müssen. Diese endlichen Bestimmungen entwickeln sich aber immer aus schon vorhergegangenen ähnlichen Endlichkeiten, und so geht diese Reihe des Wandels und Wechsels neben dem Gleichbleibenden ohne Anfang und Ende ihren gesetzlichen Gang. Jene Attribute und ewigen Modifikationen – als das Wandellose – sind gleichsam die Urformen, in die der werdende Gott sich hineingestattet, die ursrünglichen Kategorien, innerhalb deren er lebt, und sich bewegt: und so hat Spinosa auf das glücklichste den Wandel mit den Unwandelbaren zu vereinigen und zu verschmelzen gewußt, indem jedes nur in der Vereinigung da zu seyn vermag, indem beide Principien nur zusammen ein Lebendiges ausmachen.

146. Man hat gefragt, ob nach Spinosas Meinung jenen unendlichen Attributen und Modifikationen außer und vor den einzelnen Dingen noch ein besonderes Daseyn zukomme, indem er doch zuerst nur von Ausdehnung und   x)

a 55

x) nicht eine bestimmte Grundeigenschaft herausgehoben, die wie die Ausdehnung dem Körperlichen, also eben dem Geistigen gemein wäre. Diese allumfassende Eigenschaft für die Sphäre des Bewußtseyns ist das Sichsehen, das Eine, allenähere Bestimmungen des Wissens in sich vereinigende Ich, nach obiger Vergleichung, wahrhaft der allgemeine Raum alles Geistigen zu nennen! Vergleiche 44.

a Denken im Allgemeinen spreche, sie abgesondert hinstelle, sodann aber erst die einzelnen Dinge hinzu treten lasse. Dies wäre ein großes Misverständniß seiner Lehre. Ausdehnung, Wille, Verstand, und so weiter für sich allein genommen, sind durchaus nur leere Begriffe, die, als das Umfassende und Gemeingültige im philosophischen Denken freilich eher seyn mögen, als die einzelnen in ihr Gebiet gehörenden Endlichkeiten: in der Wirklichkeit ist beides ursprünglich vereinigt und unzertrennlich; Ruhe und Bewegung giebt es nur an den bestimmten Körpern: Denken nur, inwiefern es sich in bestimmten Ideen ausspricht; für sich allein ist es nichts als eine leere Abstraktion. Siehe Jacobis Briefe über Spinosa. Seite 174-79 und 188.

147. Und um nun alles zusammenzufassen: – Alle Begebenheiten – in der Geister- wie in der Körper-Welt, von dem geringfügigsten Faktum bis zur entscheidensten That gehören gleichmäßig und auf dieselbe Weise zur werdenden Natur Gottes, und erfolgen mit Nothwendigkeit und aus seinem gesetzlichen Wesen. Nichts derselben ist zufällig, so oder anders seyn könnend, sondern Alles ist gesetzlich vorausbestimmt; und, wenn Eines vergeht, und einem andern Entstehenden Platz macht, so geschieht dies nach demselben Gesetze, und konnte nicht unterbleiben: es liegt eben im nothwendigen Werden der göttlichen Natur. So endet dieses System in dem vollendetsten Fatalismus; es ist eine vorausbestimmte Harmonie im strengsten Sinne, nach der Alles einhergeht, eine unendliche Reihe von Zuständen, wo der eine mit absoluter Nothwendigkeit sich stets aus dem andern entwickelt. Spinosa stimmt demnach im Wesentlichen mit Leibnitz überein, wodurch des letzteren berühmter Ausspruch: Wären keine Monaden, so hätte Spinosa Recht6 in sein wahres Licht gestellt wird.

Deswegen treffen aber alle Einwendungen, die gegen den Fatalismus gemacht werden können, auch das System des Spinosa. Indessen kann er mit Recht auf seine Principien zurückweisen, und behaupten, daß aus ihnen sich kein anderes Resultat ergebe, noch ergeben könne; daß sonach jene Einwendungen, wenn sie nicht die Praemissen treffen, an den Folgerungen daraus kraftlos abprallen müssen. Drum würde man hier freilich zurückgewiesen, und müßte seine Einwürfe, wenn man deren hat, unmittelbar auf die Principien, die im Anfange aufgestellten Sätze, richten.

148. Bis so weit die Charakteristik des Spinosischen Systems, und der philosophischen Ansicht überhaupt, welche jede Zweiheit, jede Entgegensetzung des Absoluten und Endlichen entschieden verwirft. Die merkwürdigen und zum Theil überraschenden Folgerungen, die Spinosa noch ferner aus dem obigen herleitet, übergehen wir, als herausfallend aus dem Umkreise unsers gegenwärtigen Bedürfnisses.

 

a 56.

Kommentare

6 Leibniz, Gottfried Wilhelm: »Aus den Briefen von Leibniz an Bourguet. Leibniz an Bourguet. Dezember 1714.« In: Ders.: Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Bd. 2, Hamburg 1996, S. 639-648; hier: S. 642.

a

149. Zuförderst ist uns durch obige Auseinandersetzung recht klar geworden das eigentliche philosophische Verfahren des Spinosa. Er stellt auf und beweist gewisse allgemeine Sätze, die, an sich ganz leer, erst durch ihre Anwendung einen bestimmten Sinn und Inhalt bekommen. Das Übrige besteht lediglich im Beobachten des in der Faktizität vorhandenen, und im Anwenden desselben und Unterordnen unter die vorausgeschickten Sätze. Gottes ursprüngliche Attribute sind Ausdehnung und Denken, denn die unmittelbare Beobachtung zeigt ja diese Doppelheit. Woher weiß ferner Spinosa, daß es ein Werden giebt? Nicht aus irgend einer Deduktion, sondern es ist dies Thatsache, aus welcher er den Rückschluß macht, daß auch dies ewige Form der göttlichen Substanz sey. Nach dem, was wir im vorigen fanden, besteht aber die Aufgabe der Philosophie darin, die Thatsachen zu erkennen, das heißt aus den höchsten Principien heraus sie in ihrem Grunde, nach ihrem Warum zu begreifen. Und nur das zeigte sich als Philosophie, dem diese Aufgabe durchgreifend und vollständig zu lösen gelingen würde. – Hier geschieht nun von dem allen Nichts; ja es verräth sich nicht einmal die Absicht, diese Obliegenheit der Philosophie zu berücksichtigen. Warum grade diese ursprünglichen Attribute, und nicht andere, oder mehrere der absoluten Substanz zukommen, bleibt durchaus unerklärt; daß das Werden nirgends abgeleitet worden, haben wir schon erinnert, und so geht es herab bis auf die [eingelosten] Bestimmungen, die alle lediglich aus der Erfahrung durch Abstraktion gefunden werden. Spinosas ganzes Philosophiren , um es mit Einem Worte auszusprechen, ist nichts, als ein nach bestimten Grundsätzen einhergehendes, einen gewissen Grundgedanken durchführendes Beobachten. Das einzige, was er leistet, ist, daß er den Grundsatz, – daß nur Eines sey, und alles Andere in diesem – mit der größten Konsequenz durch-, und alle Phänomene als solche darauf zurückführt. Nirgends aber geht er aus dem Standpunkte der Beobachtung heraus, und versucht abzuleiten.

150. Auf diesen Umstand könnten wir nun allerdings die Behauptung gründen, daß jenem Systeme, möge es auch das konsequenteste seyn, der Name einer Philosophie nicht zukommen könne, weil wir aus dem Wesen des Erkennens bewiesen zu haben glauben, daß Philosophie überhaupt nur auf dem Standpunkte des Begründens, Ableitens möglich sey. So könnten wir, genau zu reden, dasselbe nur ein Denksystem nennen, keinesweges aber Philosophie! Doch was würde uns sonst diese engherzige Unterscheidung helfen? An sich kann jener Umstand gar nicht zur Widerlegung jenes Systems gereichen, indem es ja behaupten könnte, daß eine andere Philosophie unmöglich bleibe, und daß es unvernünftig sey, höhere Ansprüche an das Erkennen machen zu wollen; und erst dann könnten wir diese Entschuldigung verwerfen, wenn wir eine andere Philosophie wirklich auf zu weisen vermöchten, die, bei gleicher

a 57.

a Gründlichkeit im Übrigen, auch dieses Verlangen befriedigte, und so durch die That die Behauptung von der Unmöglichkeit jener Befriedigung widerlegte. Wenn wir daher nicht aus andern Gründen die Unzulänglichkeit des Spinosischen Systems nachgewiesen hätten, wäre indessen gar keine Ursach vorhanden, uns um eine andere Philosophie Mühe zu geben, denn diese befriedigte völlig die Vernunft: ja, um die Sache völlig auszugleichen, wir konnten Gründe kennen, nach welchen der Standpunkt der Beobachtung, den Spinosa eingenommen hat, aus seinem einmal gefaßten Plane heraus als durchaus konsequent erscheinen müßte.

Drum bleibt ein vorläufiges Urtheil über den Werth dieses Systems freilich unmöglich; es könnte darüber nur entschieden werden aus einer tiefern und genauern Betrachtung seiner auszeichnenden Grundzüge, zu welcher wir uns jetzt anschicken.

151. Wir beginnen damit, daß wir den Beweis des 28sten Satzes, durch den die endlichen Dinge in die Reihe eingeführt und mit dem Absoluten verknüpft werden sollten, recht zu verstehen suchen. Es ist wohl keinem aufmerksamen Leser bei diesem Punkte der Spinosischen Argumentation ein gewisser Sprung entgangen, und dennoch können wir demjenigen, der unsere Darstellung derselben mit dem Originale zu vergleichen nicht Lust oder Gelegenheit hätte, versichern, daß kein wichtiges Glied der Folgerung übergangen ist. Dies könnte einigen Verdacht erregen; und da es zugleich die wichtigste, und eigentlich entscheidende Stelle seines Systemes betrifft, so ladet dieser Umstand um so mehr zu einer nähern Untersuchung des Verhältnisses und Zusammenhanges jenes Satzes mit dem vorhergehenden ein.

152. Wir rekapituliren in dieser Absicht den Inhalt vom 20sten Satze an. 1.) Daseyn und Wesen Gottes sind schlechthin übereinstimmend: Alles, was im Umfange seines Wesens liegt, existirt auch in Einem Schlage: Nichts, das da zurückbliebe im Nichtseyn, oder das erst nachher hinzukäme. – Dies folgt unmittelbar aus dem Wesen der Absolutheit, und bedarf eigentlich keines weitern Beweises.

2.) Eben deswegen aber ist Er durchaus unveränderlich in seinem Seyn; und Alles, was da irgend Theil hat an diesem Seyn, ist eben darum, weil es Theil hat, gleichfalls ewig und unveränderlich, das heißt weder der Existenz noch dem innern Wesen nach, einem Wandel unterworfen.

3.) Es kann in keinem Sinne im ganzen Bereiche des göttlichen Seyns Etwas entstehen sich innerlich verändern, oder vergehen.

153. Dies vorausgeschickte Allgemeine laßt uns nun anwenden!

Gott ist die Eine Substanz, außer welcher Nichts. Dieselbe führt unmittelbar bei sich die ursprünglichen Attribute, welche, so gewis sie nichts anderes sind,

a 58.

a als das Wesen der göttlichen Substanz selbst (Vergleiche 109. I.) am Charkater der Nichtgenesis und der Unveränderlichkeit Theil haben müssen.

154. Aus dem Wesen der Attribute folgen aber schlechthin, sind also unzertrennlich mit ihnen verbunden gewisse Modi, nähere Bestimmungen derselben. – Zwar wird der synthetische Zusammenhang zwischen beiden nicht bewiesen, sondern nur behauptet; das thut indessen hier nichts zur Sache. – Drum auch diese modi haben aus demselben Grunde Theil an der unwandelbaren und unveränderlichen Natur Gottes, sind frei von aller Genesis, wie Er.

155. Dasselbe ist zu behaupten von dem, was etwa wiederum aus der nothwendigen Natur jener ursprünglichen Modificationen erfolgen sollte; denn auch dies steht ja im synthetischen Zusammenhange mit einem durch Gottes Wesen Gesetzten, von Gottes Seyn Unzertrennlichen. (Vergleiche Propositio 20. 21. und 22.)

156. Und – um nun Alles zusammenzufassen: durch das gesetzliche Wesen Gottes sind gewisse Attribute gesetzt; (A-B) aus diesen erfolgen wiederum Unterbestimmungen (ab-cd;), diese mögen abermals andere nothwendige Eigenschaften an sich tragen (αβγ-δεζ), und so ist klar, daß alle diese Bestimmungen von A bis Z, weil sie insgesamt unmittelbar und mittelbar durch Gottes Seyn gesetzt sind, schlechthin nothwendig, – ewig, unveränderlich seyn müssen: ein Wandel irgendeiner Art, und in irgendeinem Sinne ist schlechthin unmöglich innerhalb dieses ganzen Umkreises.

157. Wir gewinnen sonach für das Spinosische System den allgemeinen Satz: Alles aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur unmittelbar oder mittelbar folgende schließt jedes Werden aus.

So weit hiermit im Reinen, müssen wir weiter sehen, wie es dem Spinosa gelingen könne, hier ein Werden einzuschieben, welches, wie wir soeben gesehen, dieser ganzen Sphäre schlechthin widerspricht.

158. Ueber die Räthselhaftigkeit des 24sten Satzes haben wir uns schon geäussert. Sie tritt hier um somehr heraus, da aus dem von Spinosa unmittelbar vorher Bewiesenen einleuchtet, daß alles aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur Erfolgende (und etwas anderes kann, wie gezeigt worden, der Ausdruck: von Gott erschaffen in jenem Satze nicht bedeuten,) sey, daß also im Spinosischen Systeme wenigstens jener Satz keine Anwendung finden könne. Vergleiche 136. XII.

 

a 59.

Also unter dieser Figur vorzustellen: A-B / ab-cd / αβγ-δεζ7. Die göttliche Substanz wäre nun nicht noch etwas besonderes, außer und neben dieser Mannigfaltigkeit, sondern eben nur der Inbegriff, das organische und geschlossene Ganze, welches diese Theile ausmachen!

Kommentare

7 Die Buchstaben A-B / ab-cd / αβγ-δεζ stehen im Manuskript untereinander.

a

159. Zunächst wird in der Reihenfolge der Sätze noch darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn eines der durch die göttliche Natur gesetzten Dinge zum beispiel ein Wirkendes sey, es durch Gott dazu bestimmt sey, daß drum diese Eigenschaft weder durch das Ding selbst, noch durch ein anderes vernichtet werden könne. Eine Einschiebung, die hier gerade an der Stelle ist, weil Spinosa aus jenem Wirken das Band binden will, welches die endlichen Dinge an einander reiht, und sie überhaupt möglich macht.

160. Seine ferneren Schlüsse, um die Endlichkeit auf eine haltbare Weise dem Bisherigen anzufügen, gehen also einher: – wobei wir bitten, seinen oben (140. XIV.) wörtlich von uns angeführten Beweis zu vergleichen. Endliche Dinge mit Wandel und Wechsel existiren; das lehrt die Erfahrung. Es bleibt daher nur die Frage, wie sie sich ausgleichen und vereinigen lassen mit dem Charakter der Ewigkeit und Unveränderlichkeit alles aus der göttlichen Natur Erfolgenden (156.), der von Ihm im Vorhergehenden so nachdrücklich behauptet worden ist.

161. Der einfache Schluß, wie er aus jenen Praemissen von selbst sich zu ergeben scheint, wäre freilich folgender. Alles was ist, ist in Gott: was in Gott ist, oder das durch die Nothwendigkeit seiner Natur Gesetzte ist ewig, und unveränderlich: drum, wenn endliche Dinge sind, so sind sie in Gott, sind also ewig und unveränderlich, sonach nicht endlich. So widerspräche das Faktum der Theorie; diese wäre drum falsch!

Diesem verderblichen Schlusse muß nun durch einen Nebenweg ausgewichen ausgewichen werden, oder Alles fällt dahin! Ob dieser gefunden, und ob er glücklich gewählt sey, wird sich sogleich zeigen.

162. So viel ist indessen klar, daß jene endlichen Dinge aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs nicht erfolgen (nicht unzertrennliche Bestandtheile desselben (154) seyn) können, denn, was daraus folgt, ist ewig und unveränderlich. Eben so wenig können sie aber erfolgen aus einer nothwendigen Modifikation eines Attributs; denn auch dieses führt nur Ewiges und Unveränderliches bei sich. (155.), und wenn Du die Reihe von Bestimmungen nochsoweit verlängerst, wenn Du auch Modifikationen der Modifikationen von den Modifikationen annähmest, so würde die letzte Potenz derselben eben so ewig und unveränderlich seyn müssen, als es die erste war.

163. Wenn drum weder aus einem ewigen Attribute, noch aus irgend einer ewigen Modifikation je ein Endliches hervorzugehen vermag; so bleibt nichts übrig, als daß das Endliche eben erfolge aus einer (gleichfalls) endlichen Modifikation eines ewigen Attributs; und, da diese endliche Modifikation eben auch nichts anderes ist als das vorher endliches Ding genannte, (Vergleiche Corollarium ad Propositio 25), hier drum dasselbe stattfindet, so muß diese

a 60

a wieder erfolgen aus einer andern endlichen Modifikation; und so bewirkt denn eine Endlichkeit die andere in einer unendlichen, weder einen Anfang habenden (denn ein Entstehen aus dem Unwandelbaren bleibt immer gleich unmöglich) noch je enden könnenden Reihe (denn immer wird noch eine bewirkende Endlichkeit übrig bleiben, die ein Neues hervorbringt.)

163. Was hat Spinosa indessen durch jenes überraschende Argument eigentlich für sein System gewonnen?

Wir erwarteten nicht, daß er die Endlichkeit ableiten würde aus dem innern Wesen des Absoluten: theils paßt dies nicht in seine einmal gewählte Methode, nur zu beobachten, theils aber ist es unmöglich, weil alles aus dem Wesen des Absoluten Deducirte eben deswegen zugleich auch als ewig, also dem Charakter der Endlichkeit widersprechend zu setzen ist. Dagegen durften wir voraussetzen, daß, wenn auch von der Zweiheit als einer gegebenen ausgegangen wird, doch wenigstens der Zusamenhang, die Verbindung jener beiden entgegengesetzten Seynsformen in Gott nachgewiesen werden würde. – Es ist Eine Substanz behauptet, der da zukommen sollen zwei entgegengesetzte, sich gegenseitig aufhebende Formen: trotz dieser Entgegengesetztheit in sich selbst soll sie dennoch Eine bleiben. So entsteht natürlich die Frage, wie diese Einheit zu bewahren sey, wie die Zerrissenheit die aus jenem in ihr behaupteten Gegensatze hervorzugehen scheint, vermieden werde. Dies ist also der Punkt, über den Spinosa eine Antwort schuldig ist.

164. Jedoch wie lautet dieselbe? – Endliches – beweist er uns – kann nicht aus Ewigem erfolgen; denn was daraus hervorgeht, ist nothwendig selbst ewig. Endliches kann drum nur aus gleichfalls Endlichem erfolgen: es muß Bewirktes seyn einer andern Endlichkeit. So scheint es freilich; allein wie paßt denn diese Antwort auf die an ihn gestellte Frage? Er soll uns erklären, wie das Endliche mit dem ewigen Wesen Gottes zusammenhange, und damit verträglich sey: statt dessen leitet er es her aus einer andern Endlichkeit. Dadurch ist noch nichts gewonnen; wir wiederhohlen immer dieselbe Frage: woher wieder dieses Endliche? Die gleiche Antwort: aus einem andern Endlichen, und so [ins] Unbedingte fort. So haben wir zwar eine unendliche Reihe auseinanderfolgender Endlichkeiten, aber eine Vereinigung mit dem Ewigen und Unwandelbaren selbst ist noch nicht endeckt: es wird uns sogar im Gegentheile immer schwerer einzusehen, wie eine solche Vereinigung je zu Stande kommen solle. Das Werdende kann sich nur aus einem andern Werdenden entwickeln; aus dem Ewigen nimmer;

a 61

a es ist also eine zweite, von jenem streng ausgeschiedene, ihren eigenen Gang gehende Welt. Die Spaltung ist daher durch jenen Beweis erst recht herausgehoben – ja bewiesen und begründet. Beide Sphären trennt eine ungeheure, nie zu verbindende Kluft! Denkt man zudem noch zurück an den früher aufgestellten Satz (157), daß alles aus der göttlichen Natur Erfolgende ewig und unveränderlich sey, so fällt das Werdende vollends heraus aus der Sphäre des Absoluten, ist eo ipso als außer Gott zu denken; und eine Vereinigung beider Formen unter Eine Substanz erscheint als durchaus widersprechend.

165 So steht es indessen nach Spinosas Meinung keinesweges! Er hat allerdings gesucht jene Kluft auszufüllen: doch soll dies geschehen, es sollen alle Schwierigkeiten, die wir soeben herauszuheben uns bemühten, beseitigt werden eigentlich – nur durch ein Wort! Statt nämlich zu sagen ein endliches Ding kann nur aus einem andern endlichen Dinge erfolgen, bedient er sich folgender Wendung: das endliche Ding – da es weder aus einem ewigen Attribute, noch aus einer ewigen Modifikation desselben hervorgehen kann – muß aus einer endlichen Modifikation eines ewigen Attributs erfolgen, diese wiederum aus einer andern endlichen Mannigfaltigkeit, und so ins Unendliche. So verwandeln sich die einzelnen Dinge in endliche Modifikationen, was um so unverdächtiger erscheinen kann, da Spinosa suchen mußte, Alles auf seine Termnologie zurückzuführen, und er in dieser eben nichts kennt, als Attribute und Modi (Affektionen, Vergleiche Definitio 5) der Substanz.

166. Bisher hörten wir freilich, daß, was aus der Natur eines Attributs erfolge, schlechthin ewig et cetera sey, woraus hervorzugehen schien, daß alle nur möglichen modi, so gewiß sie nicht zufällig sind, sondern im innern Wesen ihrer Attribute gegründet, ewig et cetera seyn müßten; und Spinosa hat im Vorhergehenden wahrlich nichts gethan, um diese Meinung uns zu benehmen. Jetzt erfahren wir es anders, – freilich nicht durch einen, dies Neue besonders aufstellenden und beweisenden Lehrsatz, sondern ganz beiläufig, und fast unvermerkt – : die ewigen Attribute führen zwei Klassen von Modifikationen bei sich, ewige, die da unveränderlich dieselben begleiten, endliche, die da nur auf eine bestimmte und begränzte Weise das Wesen der Attribute ausdrücken, und werdend und vergänglich sind.

167. Falls nun Spinosa, seine früheren Sätze ergänzend, wirklich bewiese, oder falls es sonst beweisbar wäre, daß auch endliche Modifikationen aus der Natur ewiger Attribute erfolgen, hätte sein System dadurch an Festigkeit gewonnen, wäre die Einheit, die uns zu fehlen schien (164) in der That hergestellt? – Allerdings. Nun wäre wirklich bewiesen, was vorher nur behauptet

a 62

a war: die Endlichkeit erschiene nun wirklich als die nothwendige Form, in welche nach bestimmten Gesetzen die ewigen Attribute Gottes sich hineingestalten müssen, als die unzertrennliche Begleiterin der unwandelbaren Natur Gottes: Endlichkeit und Ewigkeit wären in der That auf das innigste verschmolzen: diese nothwendig begleitet von endlichen, ihr Wesen auf eine bestimmte Art ausdrückenden modis, die da entstehen und vergehen nach einem ewigen, alle diese Veränderungen vorausbestimmenden Gesetze; (eben die harmonia praestabilita, mit der wir es schon früher verglichen.) – jene nicht überschreitend die Schranken, die ihr durch das unwandelbare Wesen Gottes gesetzt sind, sondern immer nur innerhalb derselben, als in ihren Urformen sich bewegend, so daß auch von dieser Seite keine Lücke in der verheißenen Vereinigung bleibt.

So wäre also in diesem Falle die Hauptaufgabe aller Philosophie, das Verhältniß des Endlichen zum Absoluten zu bestimmen, gründlich und für alle Zeiten gelöst.

168. Man sieht demnach, daß das Fundament, auf dem hier alles beruht, mit dem das ganze System steht oder fällt, in der Zulässigkeit endlicher Modifikationen liegt, und wir haben uns zu allernächst nach dem Beweise für dieselbe zu erkundigen.

169. Diesen ist er bisher uns noch schuldig geblieben, und auch im Folgenden finden wir nirgend eine Spur von ihm: – und anders kann es auch nicht seyn, denn es ist schlechthin unbeweisbar, wie wir bald sehen werden.

(Der Ordnung der Sätze nach hätte Spinosa jenen Beweis schon einfügen müssen nach Propositio 22, wo er erweist, daß das aus einer ewigen und unendlichen Modifikation Erfolgende gleichfalls ewig, et cetera sey; da hätte er sofort aufstellen sollen den Satz: dasjenige dagegen, was aus einer endlichen Modifikation eines ewigen Attributs folgt, muß gleichfalls endlich seyn. Geschah dies vielleicht darum nicht, weil er sah, daß aus ewigen Attributen eigentlich nur ewige Modi erfolgen können, und daß endliche daher unmöglich seyen? Doch konnte er die letztern nicht entbehren, weil außerdem seine Theorie unvollständig bleibt. Drum hat er auch dazugethan, daß wenigstens durch die Stellung der Worte in diesen Sätzen Raum übrig bleibe für die Einschiebung endlicher modi; denn in Propositio 22. drückt er sich also aus: Was aus einem Attribute folgt, inwiefern dieses auf eine gewisse Weise nothwendig und unendlich modificirt ist, das muß gleichfalls nothwendig und unendlich seyn, – offenbar, um durch dieses Inwiefern einem andern Inwiefern Platz zu lassen (Inwiefern dagegen ein Attribut endlich modificirt ist, und so weiter)

170. Doch – konnte er denken – was bedarf es dafür noch eines mühsamen apriorischen Beweises, was unmittelbare Erfahrung uns darbietet. Es giebt ja faktisch endliche modi: drum sind wir zu dem Rückschlusse ermächtigt, daß auch dergleichen

a 63

a modi (nicht bloß ewige) nothwendig erfolgen müssen aus dem innern Wesen Gottes und seiner Attribute. Sie sind, drum müssen sie seyn, da Alles was da ist, mit Nothwendigkeit aus der ewigen Natur Gottes folgt; und nach ihrer Möglichkeit noch zu fragen, wäre völlig überflüssig ja unstatthaft!. So konnte Spinosa noch immer auch ohne apriorischen Beweis durch den Rückschluß vom Faktum aus seine Lehre genugsam gesichert glauben; und es fehlt uns daher auch hier noch ein triftiger, und entscheidender Einwand gegen jenes System.

171. Doch wie, wenn wir unsers Theils zu erweisen vermöchten, daß endliche modi nach den bisherigen Praemissen durchaus unmöglich seyen, und daß ihre Annahme den früher von Spinosa selbst aufgestellten Sätzen widerspreche? Wir haben schon gezeigt, wie auf jenen die Gültigkeit der ganzen Lehre beruhe. Fallen sie drum hinweg, so möchte auch wohl für das System selbst der Hauptstützpunkt weggezogen seyn; denn die verheißene Vereinigung des Endlichen und Ewigen in der Einen Substanz, auf die alles ankommt, könnte sich nicht bewähren.

172. Versuchen wir sofort, die eben von uns aufgestellte Behauptung zu erweisen!

Es wird zweckmäßig seyn, in dieser Absicht an einen schon aus dem Vorigen bekannten Satz anzuknüpfen, den wir hier nur etwas verändert aufstellen: (Vergleiche 152, 3 und 157.)

Alles durch die göttliche Natur unmittelbar oder mittelbar gesetzte ist schlechthin nothwendig, kann nicht nicht seyn.

Und Spinosa ist es wenigstens nicht, der diesen Satz leugnete. Wir können daher, seines Einverständnisses versichert, von demselben ausgehen.

173. Wie möchten nun endliche modi mit jenem Satze sich ausgleichen lassen?

Modus überhaupt ist Fortbestimmung des allgemeinen Wesens eines Attributes, aber eine nothwendige, vom Attribute unabtrennliche, in seinem Wesen gegründete. (Es giebt – um es an einem Beispiele zu zeigen – kein Denken überhaupt, sondern nur ein Denken als Wille oder als Verstand, in einer von diesen beiden Bestimmungen.) Jene endlichen modi sonach müßten auf dieselbe Weise erfolgen aus dem nothwendigen Wesen der Attribute, wären also mittelbar durch die göttliche Natur gesetzt. (Daß dies so sey, daß nach Spinosa sich also die Nothwendigkeit der innern Natur Gottes auch auf die einzelnen Endlichkeiten erstrecke, und daß daher die Einwürfe, die wir darauf bauen, sein System treffen, darüber verweisen wir der Kürze wegen auf 178 im Folgenden.)

174. Nehmet nun an einen solchen endlichen modus = a, der

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a demnach entstanden ist, und unter gewissen Bedingungen auch wieder vergeht. Jetzt wird er schlechthin gefordert durch das Wesen desjenigen Attributes, welches er auf eine bestimmte Art ausdrückt; (vergleiche Corollarium ad Propositio 25.) vor seiner Entstehung dagegen nicht, und nach seinem Vergehen gleichfalls nicht; da ist vielmehr sein Nichtseyn nothwendig, um dem Daseyn eines andern modus = b Platz zu lassen, bis auch diesem seine Zeit abgelaufen ist.

Wenn aber durch das Wesen eines Attributes mit gleicher Nothwendigkeit einmal Etwas gefordert wird, und ein anderes Mal nicht, so ist dieses Attribut offenbar selbst im Zustande einer Veränderung, eines Werdens.

Nehmen wir also endliche modi an, so ist davon unzertrennlich die Konsequenz, daß auch die Attribute, der jedesmaligen Beschaffenheit der endlichen Modifikationen gemäß, sich in sich selbst verändern müssen; und jenes, die endlichen modi vorausbestimmende Gesetz (167) wäre eben nichts anderes, als die successive Veränderlichkeit der innern Beschaffenheit der Attribute selbst. So wäre das innerste und unmittelbarste Wesen Gottes selber als dem Wandel unterworfen anzusehen.

175. Doch dies widerspricht allen vorhergegangenen Sätzen, und ist an sich schon ungereimt.

Wenn wir dagegen, wie wir müssen, bei der festen Behauptung der Unwandelbarkeit Gottes stehen bleiben, so folgt daraus von selbst und entschieden die Unmöglichkeit eines jeden Werdens und Wandels auch in dem, was Spinosa Modifikationen nennt. Folgt der modus a jetzt mit Nothwendigkeit aus dem innern

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a Wesen eines Attributs, so fand dies auch vorher Statt, und in der Folge wird es nicht anders seyn: das Attribut ist ein ewiges und unveränderliches; die Synthesis mit a also ebenfalls, weil a aus dem innern Wesen des Attributes hervorgeht.

176. Wir haben daher hier die Wahl zwischen zwei entgegengesetzten Ansichten: – eine dritte, bei den die Mitte haltende, giebt es nicht! – Entweder wir schließen von dem Faktum der endlichen Dinge zurück auf endliche modi göttlicher Attribute, was uns nicht verwehrt werden kann: so ist, der Konsequenz nach alle Unveränderlichkeit im Wesen Gottes ausgetilgt, Er selbst zieht durchweg endliche Natur an: – Oder wir steigen (wie der Philosoph eigentlich soll) unbekümmert um die Fakticität aus den von Spinosa aufgestellten Prämissen folgernd herab, so bleibt uns nichts übrig, als entschieden jedes Werden und die ganze Endlichkeit hinwegzuläugnen (Alles, was ist, folgt aus der ewigen Natur Gottes: es folgt also seit Ewigkeit daraus, ein Entstehen und Sichverändern ist unmöglich, und so weiter)

Beides ist gleich ungereimt, und im Schließen dennoch gleich konsequent.

177. Es bleibt daher auch nach den Sätzen, die Spinosa seinem Systeme zu Grunde legt, bei einer Zweiheit, einer Spaltung in entgegengesetzte Hälften; und wenn wir vorher die künstliche und glückliche Verschmelzung derselben, wie sie noch keinem Philosophen gelungen sey, rühmten und bewunderten,

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a so scheint sich dies nach den jetzt erlangten Ansichten modificiren zu müssen. Er hat eigentlich gar nicht geleistet, was er versprochen: die Spaltung, die er austilgen wollte, ist geblieben, ja sie tritt hier erst recht scharf hervor, und zeigt sich in ihrer ganzen Kraft.

(178. Wer da etwa, bei Ueberlegung unserer Einwürfe, meinen sollte, wir hätten den wahren Sinn Spinosa‘s nur nicht richtig erfaßt, und behauptete, daß wir Ihm namentlich mit der Annahme einer, alle Veränderungen der Endlichkeit vorausbestimmenden Nothwendigkeit in Gott (denn darauf stützen sich unsere Einwürfe vorzüglich; vergleiche 173 und folgende) Unrecht gethan haben, der erinnere sich an Propositio 29. und 33 cum Scholium 1. des ersten Buches, wo noch ausdrücklich herausgehoben und besonders bewiesen wird, daß alles Existirende (sonach auch jedes einzelne Endliche) aus der Nothwendigkeit der göttlichen Natur erfolge, und daß es nicht anders und in einer andern Ordnung hervorgebracht seyn könne, – kurz, daß alle Zufälligkeit (vide Scholium citatus) durchaus verbannt sey. Noch mehr, – er erinnere sich an die Theorie von dem Zusammenhange des Geistes mit dem Körper, von der Entstehung der Vorstellungen und so weiter, die Spinosa im Folgenden vorträgt, und er wird finden, wie sehr derselbe auf jene, – wie wir es nannten, – vorausbestimmte Harmonie gerechnet habe, ja daß darauf gerade nicht weniger denn Alles beruhe.)

179. Doch wenn wir unsere Einwendungen als nur irgend gegründet ansehen, so muß doch zu allernächst die Frage entstehen, , woher es komme, daß Spinosa selbst sie nicht auch anerkannt, und ihnen entgegen sey, zumal, da sie so einfach und in die Augen fallend scheinen? Wenn wir dies Phänomen nicht zu erklären vermögen, so kann unser Mistrauen gegen unsere Einwendungen nicht groß genug seyn, und wir sollten dann

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a eher unsere geprüfteste Ueberzeugung in Zweifel ziehen, als dadurch irgendetwas gegen einen Spinosa ausgerichtet zu haben glauben.

Eigentlich liegt die Antwort auf jene Frage schon in den obigen Expositionen, – wenigstens angedeutet: doch sey es uns – gewisser Maaßen zu unserer eigenen Rechtfertigung – erlaubt, sie hier weitläuftiger auseinander zu setzen.

180. Er war der erste, der ein jedes Entstehen des [End]lichen aus dem Absoluten, jeden Uebergang von Einheit in Zweiheit (mochte man es nun als Schöpfung oder als Emanation, oder unter sonst einem Namen oder Bilde sich vorstellen) entschieden als unphilosophisch verwarf; und dies ist der große Fortschritt, den für alle Zeiten die Philosophie diesem unsterblichen Geiste verdankt.

Indem Ihm nun nichts übrig zu bleiben schien, als vollkommene Einheit zu behaupten, und weil Er gerade dadurch die Philosophie ihrem so oft verfehlten Ziele zuzuführen meinte, so mochte jede andere Rücksicht sich Ihm leicht verdunkeln. Es ging auch Ihm wohl, wie es so oft geht: – der Glanz der neuen Idee, die siegende Evidenz Seiner Entdeckung im Gegensatze mit den andern Philosophien, verbarg, Ihn blendend, Ihm die Schwierigkeiten, die auch mit der neuen Theorie verbunden waren, oder verursachte wenigstens, daß Er dieselben nicht mit ganzer Kraft aufsuchte.

181. Alles, was ist, ist in Gott, und nichts Zweites neben Ihm – dies die neue und die Haupt-Einsicht, die

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a Ihn gleichsam überwältigte, der Er alles unterordnen mußte. – Doch was in Gott und durch sein Wesen ist, ist ewig und unwandelbar. – Auch diese Folgerung blieb Ihm nicht unbekannt. – Wie konnte sich denn aber die zunächst liegende Konsequenz Ihm verbergen: daß, wenn sich dieses so verhalte, Alles vom Größten bis zum Geringsten, ewig perge perge seyn müsse, daß ein Werden nach diesen Prämissen daher gar nicht Statt finden könne? – Er blieb, wie wir wissen, durchaus nur beim Beobachten stehen, und war überall nur bemüht, die Phänomene seinen Grundsätzen unterzuordnen: so mußte er auch vor allen Dingen das Werden richtig zu verstehen, und mit seinen Voraussetzungen auszugleichen suchen. Alles, was ist, ist in Gott; – daher ewig und unveränderlich: nun ist faktisch ein Werden; drum gehört dieses [gleichfalls] zum Wesen Gottes, ist eine seiner Existentialformen: es ist sonach auch ewig, ohne Anfang, ohne Ende; und so behauptete Er völlig konsequent eine unendliche Reihe von aus einander erfolgenden Endlichkeiten. Die Unveränderlichkeit, die in der Thesis gleichfalls noch behauptet worden war, mußte freilich weichen; doch dies konnte sie auch, denn sie wurde ja von dem, aus dem Faktum entnommenen Werden von selbst aufgehoben.

Anmerkung. Jene Schlußweise, durch die Spinosa Alles leistete (es ist faktisch ein Werden, drum ist es in Gott und ewig perge perge) hat in ihrer ganzen Kraft erst Jacobi heraus=

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a gehoben in seiner meisterhaften Darstellung der Spinosischen Lehre. (Siehe dessen Briefe über die Lehre des Spinoza Seite 168. § I. II. III. IV.) Ueberhaupt hat Er zuerst den Nebel zertheilt, der auf jener großen Gestalt ruhte. Ihm verdankt das Zeitalter die erneuerte Aufmerksamkeit auf den verrufenen und halb verschollenen Weisen: und so ist der neue Aufschwung, den die Philosophie dem Studium dieses Philosophen verdankt, eigentlich Jacobis Werk, so wenig Er auch sonst dazu Veranlassung geben wollte. –

182. Um nun Alles in einen einzigen Gegensatz zusammenzudrängen:

Er schließt – zu frühzeitig sich der Beobachtung überlassend: Alles, was ist, ist in Gott: es sind endliche Dinge; drum sind auch endliche modi, als die ursprüng[lichen] und ewigen Begleiter des unwandelbaren [Wesens] Gottes.

Wir – rein a priori die Prämissen verfolgend – : Alles in Gott seyende ist ewig perge perge: ist daher ein Werden, und Vergehen von Etwas (Endlichkeit überhaupt) möglich? Antwort: Nein, es wäre dies ein Widerspruch, und würde den so eben behaupteten Satz aufheben.

Er, das Faktum als solches aufnehmend: Wir, vor allen Dingen nach seiner Möglichkeit fragend, und so die Unmöglichkeit desselben, nach Spinosa’s Voraussetzungen, beweisend

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a

So lag in Seiner Methode überall nur zu beobachten, die nothwendige Folge, daß Ihm die schwache Seite Seiner Lehre verborgen bleiben mußte.

183. Und in der That, überspringt man mit Ihm jene vorläufige Frage nach der Möglichkeit des Werdens, stellt man sich überhaupt mit Ihm auf den Standpunkt der bloßen Beobachtung; so kann nicht konsequenter fortgeschlossen werden, als von Ihm geschehen ist: greift Sein Gegner nicht diesen Posten an, so wird er am Übrigen sein Heil wohl vergebens versuchen! Seine Widerlegung liegt – so zu sagen – gar nicht innerhalb Seines Systems und Seiner Schlußreihe – denn Seiner philosophischen Kunst wird wohl Niemand Bewunderung versagen – sondern außerhalb derselben in einem von Jenem gar nicht berücksichten Umstande. Und daher kommt es auch, daß man, einmal in Seinen Gesichtspunkt gestellt, so in ihm sich festsetzen und [...]en kann, daß jede Einwendung ver[schwin]det, und man dem Zaubernetze kaum zu entrinnen vermag. So mußte die hohe Ueberzeugung von der Wahrheit Seiner Lehre, die Er so oft und so kräftig an den Tag legt, Ihm selber allerdings beiwohnen. Und – alles jenes abgerechnet – welch’ ein Werk ist seine Ethik außerdem! Welche dialektische Kunst, welch’ ein Ineinandergreifen aller Theile, wie in einem [lebe]ndigen Organismus, wie viel originale, Alles umgestaltende Ansichten! Als philosophisches Kunstwerk zum wenigsten wird es allen Zeiten zum Muster und Vorbilde dienen können.

184. Bleibt es nun freilich dabei, daß Spinosa, um völlig

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a konsequent zu seyn, eigentlich ein jedes Werden hätte abläugnen sollen, – so wie er kühnlich die Freiheit des Willens hinwegläugnete, weil sie mit seinen Ansichten unverträglich war, – so wäre Er mit Einem Worte ungefähr auf die Behauptungen der Eleaten zurückgekommen, die eine jede Veränderung als unmöglich, und die Sinne, die dergleichen doch darbieten, als täuschend verwerfen, und allein der Vernunfteinsicht Realität beimaßen: und diese wären, so seltsam es auch klingen mag, ungleich konsequenter gewesen als Spinosa! Doch dadurch hätte der Widerstreit zwischen Spekulation und Erfahrung vollends seinen Gipfel erreicht; hier könnte drum die Philosophie am allerwenigsten sich beruhigenx); sie müßte, mit Verzichtleistung auf jede Lösung, sich der vollendeten Skepsis hingeben, oder einen andern, noch unbetretenen Weg, der allein noch übrig seyn [müß]te, einschlagen.

 

(Mit Fortsetzung.)

 

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x) Und daher auch das Bedürfniß der Eleaten nach einem, dem unmittelbar Thatsächlichen besser entsprechenden Systeme neben jener Vernunfteinsicht: so wird schon dem Xenophanes eine empirische Lehre zugeschrieben, worin Erde und Wasser eine große Rolle gespielt haben sollen. Vom Parmenides ist diese Zwiefachheit indessen gewiß: die eine Ansicht hatte das Seyn, die andere den Schein zum Gegenstande; daher das [seine] Lehre enthaltende Gedicht zwei Theile enthielt: τὰ [...] νοήτ[...] und τὰ πρὸς δόξαν. (Siehe Fülleborns Beiträge paginae 6tes ? 7tes Stück, wo die Fragmente dieses Werkes, und das andere zur Kenntniß jenes höchst merkwürdigen Philosophen Nöthige gesammelt ist.)