Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Lettre de Ludwig Tieck à Friedrich von Raumer (Dresde, 15 novembre 1838)

 

 

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    275

    Tieck an Raumer

    Geliebter Freund,

    Wenn ich Ihre Briefe wieder einmal durch=
    sehe, so fühle ich mich beschämt, denn auch die
    kleinen enthalten so viel Sinn und Verstand,
    manchmal Tiefsinn und Philosophie, daß meine
    abgequälten Improvisationen dagegen einen
    recht traurigen Abstich bilden. Darum kann ich
    Ihnen auch nicht auf diese vielfachen und weit=
    greifenden Gedanken irgend etwas antworten:
    man ist selbst im Gespräch nicht immer fähig, dergleichen
    tiefsinnige Abhandlungen fortzusetzen, oder ihnen
    etwas zu entgegnen.. Ich kann also nur danken,
    so oft Sie mich eines solchen Ergusses Ihrer Laune
    oder Ihrer Betrachtung würdigen. Ich lese, ich nasche
    oft an diesen denkwürdigen Fragmenten, und er=
    staune eben so über Ihren Fleiß, wenn ich dabei
    an alle Ihre Arbeiten denke, wie über diese
    Gabe, sich sogleich in die Stimmung zu versetzen,
    oder dieser (was noch grösser ist) entbehren zu
    können. Hätte ich mich doch so erziehen können!
    War es unmöglich, oder fehlte es mir an Kraft,
    und gab ich, schwächlich, meiner Trägheit und meiner
    Lust an Träumerei zu willig nach? Nur freilich,
    aus diesen Träumerien, scheinbarem Müssiggang,
    ist doch wieder mein Ich, Charakter, Arbeit[...], Eigen=
    thümlichkeit, hervor gegangen.

    Liebster Freund: mit unserm Tristram1 bleiben
    Sie im Unrecht. Ich habe das herrliche, naive,
    unschuldige Gedicht nun wieder mit der Gräfinn
    sehr aufmerksam gelesen; immer nur 1000
    kleine Verse etwa: und wir hatten gemeinsam
    Freude an dem Werk, Rührung, Lächeln; manche
    Stellen las ich zweimal: aber nirgend tauchte
    in uns, selbst in scharfer Beobachtung, der leiseste
    moralische Unwille auf. Mark ist ein guter
    Mann, was man so nennt, ohne allen Charakter,
    fast komisch, immer dem Rath, aller Welt sein
    heusl. Unglück mittheilend; bald zornig, bald
    ohne Ursach versöhnt: die kleine Beimischung des
    Komischen ist ihm nothwendig, um eine gelinde
    poetische Schadenfreude über seine Begegnisse
    zu erregen. Sie wissen ja, daß sich bei dem viel
    schlimmren George Dandin meine Moral auch
    nicht in Bewegung sezt, sondern nur meine Lach=
    fertigkeit. In dieser Region mag also unser Gefühl
    von ganz verschiedener Art sein. Sie müssen das
    in mir, wie so Vieles übertragen: ob ich gleich
    die Ueberzeugung nicht aufgeben kann, daß sich
    diese scheinbaren Verletzungen der Moral aus
    dem poetischen Gefühl durchaus rechtfertigen
    lassen.

    Commentaires

    1 Tieck besaß nachweislich (vgl. Asher 1849, Position 488 und 489) zwei Ausgaben der Geschichte von Tristan und Isolde, auf die er sich hier beziehen könnte: eine von Eberhard von Groote (Tristan, Berlin 1821) sowie eine von Friedrich Heinrich von der Hagen herausgegebene (Tristan und Isolde, Breslau 1823). Beide Editionen kombinieren die Fragmente nach Gottfried von Straßburg und Ulrich von Türheim.

    276

    Ich habe seitdem wieder eine kleine leichte
    Novelle, „Abendunterhaltung“ geschrieben, die Agnes
    u Dorothea mißfallen, der Gräfinn u andern ge=
    fallen hat. Das ganz Leichte muß nicht von der
    Unterhaltung ausgeschlossen werden. Eine „Glocke
    v. Arragon“
    habe angefangen: gewissermassen Fort=
    setzung des Wassermenschen. Mein Schutzgeist
    hat Ihnen damals nicht sonderlich gefallen, darum
    wollte ich auch die Vorlesung nicht wiederholen.

    Tausend Dank für die ächten, wahren, ge=
    würzhaften Tel. Rübchen. Ich vermuthe, daß der Dank
    für die Mühe hauptsächl. Ihrer treflichen Frau ge=
    bührt. Aber Sie haben es doch besorgt. Sie
    weisen der Gräfinn wohl an, wie viel sie [diesmal]
    an die Solger zu zahlen hat. –

    ([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)

    Ein junger Virtuos auf der Guitarre, Herr
    Pique überbringt Ihnen dies Blatt. Er verrichtet
    Wunder auf dem beschränkten Instrument. Viel=
    leicht können Sie ihm zu einigen Bekanntschaften
    verhelfen. Er ist ein hübscher, bescheidner junger Man̄,
    u geht nach Petersburg. – Wie geht es mit Solger?
    Ich fürchte sehr, ja ich bin überzeugt, er ist un=
    heilbar. – Wir sind Alle leidlich wohl, grüssen
    Alle herzlich u sprechen täglich von Ihnen.

    Auf Wiedersehn! recht bald! Wenden Sie wieder
    eine halbe Stunde an

    Ihren L. Tieck.

    An den Herrn
    Regierungs Rath und Professor
    Fried. von Raumer
    Hochwohlgebohren
      Berlin
    Kochstrasse.
    d. G.

    Geliebter Freund,

    Wenn ich Ihre Briefe wieder einmal durchsehe, so fühle ich mich beschämt, denn auch die kleinen enthalten so viel Sinn und Verstand, manchmal Tiefsinn und Philosophie, daß meine abgequälten Improvisationen dagegen einen recht traurigen Abstich bilden. Darum kann ich Ihnen auch nicht auf diese vielfachen und weitgreifenden Gedanken irgend etwas antworten: man ist selbst im Gespräch nicht immer fähig, dergleichen tiefsinnige Abhandlungen fortzusetzen, oder ihnen etwas zu entgegnen.. Ich kann also nur danken, so oft Sie mich eines solchen Ergusses Ihrer Laune oder Ihrer Betrachtung würdigen. Ich lese, ich nasche oft an diesen denkwürdigen Fragmenten, und erstaune eben so über Ihren Fleiß, wenn ich dabei an alle Ihre Arbeiten denke, wie über diese Gabe, sich sogleich in die Stimmung zu versetzen, oder dieser (was noch grösser ist) entbehren zu können. Hätte ich mich doch so erziehen können! War es unmöglich, oder fehlte es mir an Kraft, und gab ich, schwächlich, meiner Trägheit und meiner Lust an Träumerei zu willig nach? Nur freilich, aus diesen Träumerien, scheinbarem Müssiggang, ist doch wieder mein Ich, Charakter, Arbeit, Eigenthümlichkeit, hervor gegangen.

    Liebster Freund: mit unserm Tristram1 bleiben Sie im Unrecht. Ich habe das herrliche, naive, unschuldige Gedicht nun wieder mit der Gräfinn sehr aufmerksam gelesen; immer nur 1000 kleine Verse etwa: und wir hatten gemeinsam Freude an dem Werk, Rührung, Lächeln; manche Stellen las ich zweimal: aber nirgend tauchte in uns, selbst in scharfer Beobachtung, der leiseste moralische Unwille auf. Mark ist ein guter Mann, was man so nennt, ohne allen Charakter, fast komisch, immer dem Rath, aller Welt sein heusliches Unglück mittheilend; bald zornig, bald ohne Ursach versöhnt: die kleine Beimischung des Komischen ist ihm nothwendig, um eine gelinde poetische Schadenfreude über seine Begegnisse zu erregen. Sie wissen ja, daß sich bei dem viel schlimmren George Dandin meine Moral auch nicht in Bewegung sezt, sondern nur meine Lachfertigkeit. In dieser Region mag also unser Gefühl von ganz verschiedener Art sein. Sie müssen das in mir, wie so Vieles übertragen: ob ich gleich die Ueberzeugung nicht aufgeben kann, daß sich diese scheinbaren Verletzungen der Moral aus dem poetischen Gefühl durchaus rechtfertigen lassen.

    Commentaires

    1 Tieck besaß nachweislich (vgl. Asher 1849, Position 488 und 489) zwei Ausgaben der Geschichte von Tristan und Isolde, auf die er sich hier beziehen könnte: eine von Eberhard von Groote (Tristan, Berlin 1821) sowie eine von Friedrich Heinrich von der Hagen herausgegebene (Tristan und Isolde, Breslau 1823). Beide Editionen kombinieren die Fragmente nach Gottfried von Straßburg und Ulrich von Türheim.

    Ich habe seitdem wieder eine kleine leichte Novelle, „Abendunterhaltung“ geschrieben, die Agnes und Dorothea mißfallen, der Gräfinn und andern gefallen hat. Das ganz Leichte muß nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen werden. Eine „Glocke von Arragon“ habe angefangen: gewissermassen Fortsetzung des Wassermenschen. Mein Schutzgeist hat Ihnen damals nicht sonderlich gefallen, darum wollte ich auch die Vorlesung nicht wiederholen.

    Tausend Dank für die ächten, wahren, gewürzhaften Teltower Rübchen. Ich vermuthe, daß der Dank für die Mühe hauptsächlich Ihrer treflichen Frau gebührt. Aber Sie haben es doch besorgt. Sie weisen der Gräfinn wohl an, wie viel sie [diesmal] an die Solger zu zahlen hat. –

    Ein junger Virtuos auf der Guitarre, Herr Pique überbringt Ihnen dies Blatt. Er verrichtet Wunder auf dem beschränkten Instrument. Vielleicht können Sie ihm zu einigen Bekanntschaften verhelfen. Er ist ein hübscher, bescheidner junger Mann, und geht nach Petersburg. – Wie geht es mit Solger? Ich fürchte sehr, ja ich bin überzeugt, er ist unheilbar. – Wir sind Alle leidlich wohl, grüssen Alle herzlich und sprechen täglich von Ihnen.

    Auf Wiedersehn! recht bald! Wenden Sie wieder eine halbe Stunde an Ihren Ludwig Tieck.

    An den Herrn
    Regierungs Rath und Professor
    Friedrich von Raumer
    Hochwohlgebohren
      Berlin
    Kochstrasse.
    durch Gesandten