Lettres et textes:
Le Berlin intellectuel
des années 1800

Lettre de Ludwig Tieck à Friedrich von Raumer (Dresde, 9 novembre 1839)

 

 

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    Tieck an Raumer

    Geliebter Freund,

    Wie könnte Ich einem Sterblichen zürnen,
    der mir nicht schreibt? – und gar Ihnen, von
    dem ich so viele herrliche Briefe besitze, unter
    denen sich wahre Meisterstücke der Laune und
    des Tiefsinns befinden? – Auch war ich Ihret=
    wegen nicht besorgt, da mir Agnes schon erzählt
    hatte, daß Sie sich mit den Ihrigen wohl befinden.

    Dies erhalten Sie durch den jungen Reichard,
    der sehr wünscht, Ihres näheren Umgangs ge=
    würdiget zu werden. Nicht leicht ist mir ein
    junger Mann vorgekommen, der sich in
    wenigen Jahren so vortheilhaft ausgebildet
    hat. Er scheint vielfach unterrichtet und kennt
    Welt und Menschen, ohne sich vorzudrängen
    oder abzusprechen: wenn er erzählt, hat
    Alles Inhalt. Vielleicht interessirt es Sie auch,
    durch ihn Manches von Amerika zu erfahren:
    in jedem Fall bitte ich Sie, sich seiner recht
    freundschaftlich anzunehmen.

    ([Achteckiges Zeichen mit Krone und Buchstabenfolge])

    Hugo hat mir diesmal ein klein, klein
    wenig besser, als sonst gefallen. Ich kann
    aber mit ihm durchaus nichts anfangen; er
    mit sich selber wohl auch nicht. Es ist gewiß
    ein verlohrner Mensch. Ich kann nicht anders,
    als der Mutter böse sein, die ihn mit der Gröben1
    und der Schwester Hülfe zusammen recht ge=
    flissentlich verdorben haben.

    ([Stempel:] Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz)

    Mir ist es gleich, womit unser neues Haus
    eröffnet wird;2 es ist nur deshalb nicht gut, mit
    einer Oper anzufangen, um den Hochmuth der
    Operisten nicht zu vermehren: auch wird die
    Devrient niemals die Armida singen (sie ist
    schon jezt nicht zur Ifigenie zu bringen)3 und so
    brächten wir denn einen kläglichen modernen
    Mischmasch zum Vorschein: vielleicht eine bedeut=
    same Einweihung: ein Prolog zu aller Dum̄heit.

    Max hat nun wieder 2 Bdchen meiner No-
    vellen
    heraus gegeben, in denen sich 3 neue
    Kleinigkeiten befinden, 1) der Schutgeist, – den

    Commentaires

    1 Mit „der Gröben“ ist wahrscheinlich die Großmutter von Hugo Solger und Mutter von Henriette Solger, Henriette Emilie von der Groeben gemeint. Vermutlich unterstützte sie Henriette Solger bei der Erziehung Hugos und seiner drei Schwestern, seit deren Vater (und Tiecks Freund) Karl Wilhelm Ferdinand Solger 1819 verstorben war.

    2 Das 1839 im Bau begriffene Königliche Hoftheater in Dresden wurde am 13. April 1841 mit Goethes Torquato Tasso eröffnet.

    3 Wilhelmine Schröder-Devrient sang in den folgenden Jahren sowohl die Armida als auch die Iphigenie in Glucks gleichnamigen Opern. Auf welche der beiden Iphigenie-Opern sich Tieck bezieht, ist unklar. Die Hauptrolle von Iphigenie in Tauris hatte Schröder-Devrient jedoch bereits mehrmals gesungen, als der Brief verfasst wurde.

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    Sie schon kennen, 2) Abendgespräche, und
    3) die Glocke von Arragon. Ich bin immer
    von neuem beschämt, daß Sie nicht von mir
    unmittelbar alle meine Schriften erhalten,
    da Sie mir Alles schenken, – ich habe aber im̄er
    so viele Exempl. von alten Zeiten so kon=
    stitüirt zu versenden, daß ich die Verleger
    nicht gut um mehrere ansprechen kann.

    Ich freue mich, die Scholastiker im Histo=
    rischen Taschenbuch
    zu finden, um mich noch ge=
    nauer über diesen Gegenstand zu unterrichten.

    Ich rechnen nun schon wieder sehr darauf, daß
    Sie uns Ostern besuchen, und endlich doch einmal
    etwas länger verweilen. Ich hoffe, Ihnen
    dann auch recht viel mittheilen zu können,
    denn die Gesundheit, oder das Talent des
    Fleisses hat mich überfallen; ein wahres
    Talent ist der Fleiß doch auch, man kann sich
    nicht zu allen Zeiten dazu zwingen, vollends in
    meiner Beschäftigung. Lesen, [Lamur], immer!

    ([Achteckiges Zeichen mit Krone und Buchstabenfolge])

    Wie die From̄en bei Ueberschauung ihres Lebens
    im̄erdar die nächste, persönlichste Einwirkung
    Gottes ausspüren und im Kleinsten bewundern,
    – so verwundre ich mich oft über Glück, Zufall,
    Stimmung, Krankheit u Gesundheit, indem ich
    mein Leben überdenke, wie es [fast] nie gestört
    ein Einziges, ein harmonisch Ganzes ist; wie
    ich nie eine Ueberzeugung, ein Erlebtes habe
    aufgeben dürfen, sondern sich das Frühere stets
    mit dem Spätern die Hand geboten hat, –
    und in diesem Sinne kann ich, ohne Anmassung
    u Prahlerei, meine Denkwürdigkeiten aus=
    arbeiten. War es [nur] meine Constitution,
    mein Gestirn, meine Phantasie, mein fester,
    oft eigensinniger Wille, – aus welchem dieser
    spiritus rector hervor ging? Ich kann ernst=
    haft darüber lachen, daß ich mich von frühster Jugend
    eigentlich nicht verändert habe, – aber so muß
    es mit Ihnen auch sein, so war es mit Solger, so viel
    ich ihn kannte. – Ich umarme Sie, alle grüssen.


    L. Tieck

    Geliebter Freund,

    Wie könnte Ich einem Sterblichen zürnen, der mir nicht schreibt? – und gar Ihnen, von dem ich so viele herrliche Briefe besitze, unter denen sich wahre Meisterstücke der Laune und des Tiefsinns befinden? – Auch war ich Ihretwegen nicht besorgt, da mir Agnes schon erzählt hatte, daß Sie sich mit den Ihrigen wohl befinden.

    Dies erhalten Sie durch den jungen Reichard, der sehr wünscht, Ihres näheren Umgangs gewürdiget zu werden. Nicht leicht ist mir ein junger Mann vorgekommen, der sich in wenigen Jahren so vortheilhaft ausgebildet hat. Er scheint vielfach unterrichtet und kennt Welt und Menschen, ohne sich vorzudrängen oder abzusprechen: wenn er erzählt, hat Alles Inhalt. Vielleicht interessirt es Sie auch, durch ihn Manches von Amerika zu erfahren: in jedem Fall bitte ich Sie, sich seiner recht freundschaftlich anzunehmen.

    Hugo hat mir diesmal ein klein, klein wenig besser, als sonst gefallen. Ich kann aber mit ihm durchaus nichts anfangen; er mit sich selber wohl auch nicht. Es ist gewiß ein verlohrner Mensch. Ich kann nicht anders, als der Mutter böse sein, die ihn mit der Gröben1 und der Schwester Hülfe zusammen recht geflissentlich verdorben haben.

    Mir ist es gleich, womit unser neues Haus eröffnet wird;2 es ist nur deshalb nicht gut, mit einer Oper anzufangen, um den Hochmuth der Operisten nicht zu vermehren: auch wird die Devrient niemals die Armida singen (sie ist schon jezt nicht zur Ifigenie zu bringen)3 und so brächten wir denn einen kläglichen modernen Mischmasch zum Vorschein: vielleicht eine bedeutsame Einweihung: ein Prolog zu aller Dummheit.

    Max hat nun wieder 2 Bändchen meiner Novellen heraus gegeben, in denen sich 3 neue Kleinigkeiten befinden, 1) der Schutgeist, – den

    Commentaires

    1 Mit „der Gröben“ ist wahrscheinlich die Großmutter von Hugo Solger und Mutter von Henriette Solger, Henriette Emilie von der Groeben gemeint. Vermutlich unterstützte sie Henriette Solger bei der Erziehung Hugos und seiner drei Schwestern, seit deren Vater (und Tiecks Freund) Karl Wilhelm Ferdinand Solger 1819 verstorben war.

    2 Das 1839 im Bau begriffene Königliche Hoftheater in Dresden wurde am 13. April 1841 mit Goethes Torquato Tasso eröffnet.

    3 Wilhelmine Schröder-Devrient sang in den folgenden Jahren sowohl die Armida als auch die Iphigenie in Glucks gleichnamigen Opern. Auf welche der beiden Iphigenie-Opern sich Tieck bezieht, ist unklar. Die Hauptrolle von Iphigenie in Tauris hatte Schröder-Devrient jedoch bereits mehrmals gesungen, als der Brief verfasst wurde.

    Sie schon kennen, 2) Abendgespräche, und 3) die Glocke von Arragon. Ich bin immer von neuem beschämt, daß Sie nicht von mir unmittelbar alle meine Schriften erhalten, da Sie mir Alles schenken, – ich habe aber immer so viele Exemplare von alten Zeiten so konstitüirt zu versenden, daß ich die Verleger nicht gut um mehrere ansprechen kann.

    Ich freue mich, die Scholastiker im Historischen Taschenbuch zu finden, um mich noch genauer über diesen Gegenstand zu unterrichten.

    Ich rechnen nun schon wieder sehr darauf, daß Sie uns Ostern besuchen, und endlich doch einmal etwas länger verweilen. Ich hoffe, Ihnen dann auch recht viel mittheilen zu können, denn die Gesundheit, oder das Talent des Fleisses hat mich überfallen; ein wahres Talent ist der Fleiß doch auch, man kann sich nicht zu allen Zeiten dazu zwingen, vollends in meiner Beschäftigung. Lesen, [Lamur], immer!

    Wie die Frommen bei Ueberschauung ihres Lebens immerdar die nächste, persönlichste Einwirkung Gottes ausspüren und im Kleinsten bewundern, – so verwundre ich mich oft über Glück, Zufall, Stimmung, Krankheit und Gesundheit, indem ich mein Leben überdenke, wie es [fast] nie gestört ein Einziges, ein harmonisch Ganzes ist; wie ich nie eine Ueberzeugung, ein Erlebtes habe aufgeben dürfen, sondern sich das Frühere stets mit dem Spätern die Hand geboten hat, – und in diesem Sinne kann ich, ohne Anmassung und Prahlerei, meine Denkwürdigkeiten ausarbeiten. War es [nur] meine Constitution, mein Gestirn, meine Phantasie, mein fester, oft eigensinniger Wille, – aus welchem dieser spiritus rector hervor ging? Ich kann ernsthaft darüber lachen, daß ich mich von frühster Jugend eigentlich nicht verändert habe, – aber so muß es mit Ihnen auch sein, so war es mit Solger, so viel ich ihn kannte. – Ich umarme Sie, alle grüssen.

    L. Tieck